Skip to main content

Das Urteil

3. Abschnitt – Der vernachlässigte Vater (49–52)

Zusammenfassung

Mit dem Brief in der Hand verlässt Georg sein Zimmer und macht sich auf den Weg zu seinem Vater, der in seinem Zimmer auf der anderen Seite des Hauses lebt. Georg war seit Monaten nicht mehr in dem Zimmer. Die beiden sehen sich häufig im Geschäft, auch essen sie täglich Mittag miteinander, abends jedoch ist Georg meistens nicht zuhause. Der Umgang ist nicht allzu eng.

Das Zimmer ist dunkler, als Georg es in Erinnerung hatte. Das Fenster, an dem der Vater sitzt und eine Zeitung liest, geht auf einen kleinen Hof hinaus. Vom Frühstück hat er nicht viel gegessen. Der alte Mann freut sich, Georg zu sehen und geht ihm entgegen. Dabei fällt Georg die imposante Größe des Mannes auf.

Georg weist den Vater auf die Dunkelheit im Zimmer hin, auch darauf, dass das Fenster trotz schönen Wetters geschlossen sei, doch der Vater sagt, er habe es lieber so. Dann erzählt Georg, dass er dem Freund nun von der Verlobung geschrieben habe. Weil der Vater darauf aber unerwartet reagiert, sieht sich Georg genötigt, sein Verhalten noch einmal zu rechtfertigen. Auf kritische Einwände des Vaters reagiert Georg mit neuerlichen Rechtfertigungen.

Endlich erklärt der Vater, dass er nicht glaubt, dass Georg die Wahrheit sage. Der alte Mann gibt zu, dass er den Tod der Mutter schlecht verkraftet habe, dass er seitdem auch an Kraft und Durchblick verloren habe. Nach dieser Erklärung bittet er Georg darum, ehrlich zu sein. Der Vater bezweifelt, dass Georg den Freund in Petersburg habe.

Analyse

Interessant ist hier die Gegenüberstellung der beiden Räume. Georgs Privatzimmer liegt im ersten Stock, sein Blick geht »aus dem Fenster auf den Fluß, die Brücke und die Anhöhen am anderen Ufer mit ihrem schwachen Grün« (43). Im Gegensatz dazu die Aussicht aus dem Zimmer des Vaters: »Georg staunte darüber, wie dunkel das Zimmer des Vaters selbst an diesem sonnigen Vormittag war. Einen solchen Schatten warf also die hohe Mauer, die sich jenseits des schmalen Hofes erhob« (50).

Den beiden Orten korrespondieren also Licht und Schatten. Während Georg das »schönst[e] Frühjahr« (43) anblickt, schaut der Vater auf eine Mauer. Ob Georg sein Fenster geöffnet hat, wird zwar nicht explizit erwähnt, es wird aber suggeriert, wenn Georg dem Vater vorschlägt, doch sein Fenster zu öffnen, schließlich sei es »ja ganz warm draußen« (50).

Das Zimmer, in dem der alte Vater sitzt, ist also noch zusätzlich abgeschlossen. Damit sind indirekte Charakterisierungen verbunden. Georg erscheint als helleres Gemüt, er hat eine freie Übersicht, ist erfolgreich, steht – schließlich befindet sich sein Zimmer im ersten Stock – über den Dingen. Im Gegensatz dazu der Vater, seine Sicht wird durch eine Mauer begrenzt. Räumlich wird er damit als engstirnig, vielleicht sogar beschränkt dargestellt.

Im Gegensatz zu dieser räumlichen Charakterisierung steht der körperliche Eindruck, den Georg von seinem Vater hat: »›Ah, Georg!‹ sagte der Vater und ging ihm gleich entgegen. Sein schwerer Schlafrock öffnete sich im Gehen, die Enden umflatterten ihn – ›mein Vater ist noch immer ein Riese‹, dachte sich Georg« (50).

Daran lässt sich auch eine biographische Referenz anknüpfen. In seinem »Brief an den Vater« von 1919, einem Brief, den Kafka niemals abgeschickt hat, der aber gerade für eine Interpretation von »Das Urteil« zurate gezogen werden kann, schreibt Kafka: »Ich war ja schon niedergedrückt durch Deine bloße Körperlichkeit. […] Ich mager, schwach, schmal, Du stark, groß, breit« (Kafka, 2005: 3 f.). Im Vergleich zum großen Vater sei er sich »jämmerlich vor[gekommen]« (ebd.) und zwar »nicht nur vor Dir, sondern vor der ganzen Welt, denn Du warst für mich das Maß aller Dinge« (ebd.).

Auch eine Seite später gibt es eine bezeichnende Parallele zwischen »Das Urteil« und dem »Brief an den Vater«. Im ersteren heißt es: »›Im Geschäft ist er doch ganz anders‹ dachte [Georg], ›wie er hier breit sitzt und die Arme über der Brust kreuzt.‹« (51). Im »Brief an den Vater« wiederum schreibt Kafka an seinen Vater, Hermann Kafka: »In Deinem Lehnstuhl regiertest Du die Welt« (Kafka, 2004: 4). Ritzer deutet das folgendermaßen: »Unwillkürlich verfällt Georg sofort wieder der Dominanz des Vaters […], der sich der ihm zugedachten Rolle des ›alten Mannes‹ durch seine Massivität widersetzt« (Ritzer, 2010: 159).

Zur Deutung der Räumlichkeit hat Ritzer ebenfalls eine interessante Beobachtung: »[Georgs] ›Erstaunen‹ über die gedrückten Lebensverhältnisse im ›unerträglich dunklen‹ Hinterzimmer spiegelt zeichenhaft das vorgängige Ausblenden des Vaters, das dieser in der Schlusspassage verurteilen wird« (ebd.). Gleichzeitig betont Ritzer »die visuelle Undurchdringlichkeit dieses Privatraums, die dem Vater hingegen durchaus ›lieb‹ ist« (ebd.).

Der Vater hat durch seine Position innerhalb der Dunkelheit des Raumes auch etwas Lauerndes. Metaphorisch gesprochen: Er wartet darauf, dass sein Sohn sich in den Netzen der Argumentation verfängt. Dazu passt auch die Art und Weise, in der er die Frage nach der Existenz des Petersburger Freundes stellt: »Es ist eine Kleinigkeit, es ist nicht des Atems wert, also täusche mich nicht. Hast du wirklich diesen Freund in Petersburg?« (52).

Veröffentlicht am 13. Mai 2024. Zuletzt aktualisiert am 13. Mai 2024.