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Das Urteil

Figuren

Figurenkonstellation

Das Urteil – Figurenkonstellation
  • Georg

    Georg Bendemann ist ein junger, aufstrebender Kaufmann. Vor drei Jahren starb seine Mutter; seitdem hat er eine tragende Rolle im Familiengeschäft übernommen. Dieses hat sich stetig vergrößert, sowohl was die Umsätze als auch was die Zahl der Beschäftigten angeht. Auch die Zukunftsaussichten sind gut (45 f.). Georg hat sich außerdem verlobt (47).

    Gleichwohl scheint Georg diese privaten Gewinne auf Kosten der Loyalität zu anderen Personen zu machen. Seinem Freund in Petersburg, der dort keinen geschäftlichen Erfolg hat, hilft er nicht nur nicht, er zieht sich auch zunehmend von ihm zurück. Mitteilungen persönlicher Natur schickt er ihm nicht, teilt nur »bedeutungslose Vorfälle« (47) mit.

    Besonders auffällig ist, mit was für einem Aufwand sich Georg selbst zu überzeugen sucht, dem Freund nicht helfen zu können. Dabei ergibt sich, dass Georg von Anfang an davon überzeugt ist, dem Freund nicht helfen zu können. Die Argumentation, aus welchen Gründen dies nicht möglich sei, ergibt sich vor diesem Hintergrund also vornehmlich als Rationalisierungsstrategie. Georg möchte sein Gewissen beruhigen.

    Die Verlobung teilt er dem Freund auch nur deshalb mit, weil er von seiner Verlobten Frieda Brandenfeld dazu gedrängt wird (47 f.). Merkwürdig ist, dass Georg in dem Brief, den er dem Freund auf Friedas Drängen hin schreibt, sehr bemüht darum scheint, den Freund hinsichtlich Friedas zu beruhigen. Außerdem scheint der Ausdruck von einer Distanz zwischen der Verlobten zu künden: »Ich habe mich mit einem Fräulein Frieda Brandenfeld verlobt, einem Mädchen aus einer wohlhabenden Familie, die sich hier erst lange nach Deiner Abreise angesiedelt hat, die Du also kaum kennen dürftest« (48).

    Bezeichnend ist daran auch, dass nicht ganz klar wird, auf wen sich die Relativpronomen »die« in den beiden Relativsätzen beziehen: Auf Frieda oder ihre Familie? Das könnte durchaus ein Signal dafür sein, dass es Georg weniger um Frieda als um ihre »wohlhabend[e] Familie geht« (48). Im Übrigen spart Georg sich die Mühe, dem Freund »Näheres über [s]eine Braut mitzuteilen« (48). Und er fährt fort: »[H]eute genüge Dir, daß ich recht glücklich bin und daß sich in unserem gegenseitigen Verhältnis nur insofern etwas geändert hat, als Du jetzt in mir statt eines ganz gewöhnlichen Freundes einen glücklichen Freund haben wirst« (48 f.).

    Und auch gegenüber seinem Vater scheint sich Georg einer gewissen Teilnahmslosigkeit schuldig gemacht zu haben. Der alte Mann sitzt vereinsamt in einem dunklen Zimmer (vgl. 50). Zwar macht sich Georg »[b]eim Anblick der nicht besonders reinen Wäsche [des Vaters] Vorwürfe« (54); dennoch wirkt sein Versprechen, er würde sich in Zukunft besser um den Vater kümmern, unglaubwürdig. Schließlich bringt er den alten Mann nicht wie angekündigt in sein eigenes, im ersten Stock gelegenes Zimmer, sondern trägt ihn nur die »paar Schritte« (55) weiter in dessen Bett. Substanzielle Änderungen tritt Georg also nicht los, vielmehr hat es den Anschein, als wolle er den Vater wirklich nur »zudecken« (56).

    Aufgrund der Erzählweise, die zwischen nullfokalisiertem und intern fokalisiertem Erzähler hin und her wechselt, lassen sich die Gedankengänge Georgs gut nachvollziehen. In der Interaktion mit seinem Vater wird er zunehmend unruhig und fahrig. Es hat den Anschein, als würde die öffentliche Figur Georg, die durch Erfolg gekennzeichnet war, in der unmittelbaren Interaktion mit dem Vater zugunsten eines infantileren Georgs zurückgedrängt. So vergisst Georg, was er sagen will, ist in seinen Entgegnungen sehr langsam oder unpassend und handelt schlussendlich nur als Höriger. Georg zeigt angesichts des aufbrausenden Vaters das Verhalten und Denken eines Menschen unter Stress. Er verfällt in Panik.

  • Vater

    Georgs Vater ist eine rätselhafte, dabei aber sehr anschaulich herausgearbeitete Person. Zunächst macht er den Anschein eines eher zurückgezogenen alten Mannes. Doch dieser Eindruck verdankt sich vor allem der Art und Weise des Erzählens, der internen Fokalisierung auf Georg. Eingeführt wird der Vater nämlich folgendermaßen: »Vielleicht hatte ihn der Vater bei Lebzeiten der Mutter dadurch, daß er im Geschäft nur seine Ansicht gelten lassen wollte, an einer wirklichen eigenen Tätigkeit gehindert. Vielleicht war der Vater seit dem Tode der Mutter, trotzdem er noch immer im Geschäft arbeitete, zurückhaltender geworden« (46).

    Diese Gedanken Georgs fungieren in der Erzählung als prägender Reiz für Leserinnen und Leser. Der Vater wird also von Beginn an vornehmlich als trauernder Witwer gesehen. Und dann sitzt der alte Mann auch noch zurückhaltend in seinem dunklen Zimmer, sagt, er habe es lieber so und liest still für sich die Zeitung (vgl. 50). Als der Vater nun auch noch Anzeichen von Verwirrtheit zeigt, sich vor allem nicht an den Freund Georgs erinnern kann, obwohl er doch bereits mit ihm gesprochen hat, erscheint es so, als hätte der Mann nur Mitleid verdient. Er erscheint als verwirrter, trauernder, vernachlässigter Mann, der dringend Hilfe benötige.

    Komplettiert wird dieses Bild, wenn Georg den Vater ins Bett trägt: Der Vater wirkt infantil und beinahe hilflos. Gleichzeitig aber erweist sich der Vater als immer noch kräftig, so hat Georg Probleme, den alten Mann »ins Bett [zu] legen, so fest [hält] er sich an [der] Uhrkette« (55). Die Uhrkette als Symbol arrivierter, männlicher Bürgerlichkeit kann hier auch als Achillesferse Georgs verstanden werden – der Vater hat sie im Griff, von Seiten des Vaters droht dem Erfolg Georgs also immer noch Gefahr.

    So dreht sich das Machtverhältnis direkt im Anschluss an diese Szene auch um. Nun ist es der Vater, der den Ton angibt. Er bezichtigt Georg der Undankbarkeit und Lüge, doch »den Vater muß glücklicherweise niemand lehren, den Sohn zu durchschauen« (56). Plötzlich wirkt der Vater auch nicht mehr gebrechlich. Gleichzeitig wird er vulgär, sexistisch und rachsüchtig. Er beschimpft seine zukünftige Schwiegertochter als »widerliche Gans« (57), behauptet, sie habe sich Georg sexuell dargeboten: »›Weil sie die Röcke gehoben hat‹«, habe Georg den Entschluss gefasst sie zu heiraten, »›damit [er] an ihr ohne Störung [sich] befriedigen‹« könne (ebd.).

    Nicht gar so vulgär aber doch der argumentativen Struktur nach vergleichbar, habe sich Hermann Kafka gegenüber seinem Sohn Franz verhalten, wie letzterer im »Brief an den Vater« nahelegt: »[N]ach Mitteilung meiner letzten Heiratsabsicht […] sagtest [Du] zu mir etwa: ›Sie hat wahrscheinlich irgendeine ausgesuchte Bluse angezogen, wie das die Prager Jüdinnen verstehn, und daraufhin hast Du Dich natürlich entschlossen sie zu heiraten. Und zwar möglichst rasch, in einer Woche, morgen, heute […].‹ Du sprachst ausführlicher und deutlicher, aber ich kann mich an die Einzelheiten nicht mehr erinnern, vielleicht wurde mir auch ein wenig nebelhaft vor den Augen« (Kafka, 2005: 17).

    Und er ergänzt: »Meine Entscheidung für ein Mädchen bedeutete Dir gar nichts. Du hattest meine Entscheidungskraft (unbewußt) immer niedergehalten und glaubtest jetzt (unbewußt) zu wissen, was sie wert war […], daher konntest Du auch von den Gedankengängen, die mich zu diesem Heiratsversuch geführt hatten, nichts wissen, mußtest sie zu erraten suchen und rietst entsprechend dem Gesamturteil, das Du über mich hattest, auf das Abscheulichstes, Plumpste, Lächerlichste« (ebd.). Und abschließend: »Die Schande, die Du mir damit antatest, war Dir nichts im Vergleich zu der Schande, die ich Deiner Meinung nach Deinem Namen durch die Heirat machen würde« (ebd.). Tatsächlich bringt auch der Vater im »Urteil« den Heiratsentschluss Georgs mit einer Schändung der Familienehre in Zusammenhang: Georg habe »unserer Mutter Andenken geschändet« (57). Dieser Vorwurf der Schande scheint beim Sohn zu verfangen. Vor dem Selbstmord sagt er noch, er habe die Eltern immer geliebt.

  • Der Freund

    Bereits im dritten Absatz der Erzählung zeigt sich, dass Georg gegenüber dem Freund eine auffällige Abwehr aufweist. Er sieht die Not des Freundes, überzeugt sich allerdings mit gehörigem argumentativen Aufwand davon, dass er ihm nicht helfen könne, ja, dass der Versuch, ihm zu helfen, schon problematisch sei und eigentlich nur das Gegenteil des angeblich Erwünschten bewirken könne (vgl. 44 f.).

    Allerdings scheint der Freund auch nicht ganz unschuldig daran zu sein, dass Georg ihn gar nicht in seiner Nähe haben will. Auf die Nachricht vom Tod Georgs Mutter hat er »sein Beileid in einem Brief mit einer Trockenheit ausgedrückt, die ihrem Grund nur darin haben konnte, daß die Trauer über ein solches Ereignis in der Fremde ganz unvorstellbar wird« (45 f.). Der Freund erscheint also auch nicht unbedingt als sensibel und aufmerksam.

    Auch seine geschäftlichen Erfolge verschweigt Georg dem Freund. Tatsächlich tut er das aber nicht, weil er den Neid des Freundes fürchtet, sondern weil er dazu »keine Lust gehabt« habe (46). Gleichzeitig aber scheint ihm der geschäftliche Erfolg sehr wichtig zu sein, schließlich vergegenwärtigt er sich in der Szene ziemlich genau, in welchem Maße von einem Erfolg zu sprechen sei: »Das Personal hatte man verdoppeln müssen, der Umsatz sich verfünfacht, ein weiterer Fortschritt stand zweifellos bevor« (46).

    Wenn Georg also in erlebter Gedankenrede sich selbst von seinen geschäftlichen Erfolgen erzählt, ist es nicht der Mangel an Mitteilungsbedürfnis, der ihn daran hinderte, den Erfolg auch vor dem Freund auszubreiten. Es scheint eine tiefe, nicht mehr zu überbrückende Entfremdung zwischen den beiden zu herrschen.

    Der Freund richtet sich für »ein endgültiges Junggesellentum ein« (44). Der Status als Junggeselle ist für Franz Kafka ein affektiv stark besetzter Status. »Das Thema zieht sich durch beinahe alle Texte Kafkas« (Heinz, 2010: 148). Bezeichnend dabei ist, dass Junggesellen und Künstler ähnliche Rollen besetzen: »Niemand ist weniger Ästhet als der Junggeselle in seiner Mittelmäßigkeit, und doch ist niemand mehr Künstler als er« (Deleuze & Guattari, 1976: 98). Damit ist der Freund als krasser Gegenentwurf zu Georg konzipiert.

    Außerdem erscheint es so, als diene der Freund Georg auch dazu, seine eigenen Erfolge richtig zu spüren. Der Freund ist geschäftlich erfolglos und wird kein Ehemann, bleibt also in jeder bürgerlichen Hinsicht ein unzulänglicher Charakter. Letztlich bleibt der Freund ein Kind, wozu auch das von einem Vollbart nur unzureichend verdeckte, »seit den Kinderjahren wohlbekannte Gesicht« (43) passt.

  • Frieda Brandenfeld

    Frieda Brandenfeld ist nur wenig akzentuiert. Dies wirft allerdings weniger ein bezeichnendes Bild auf sie, als dass es eines auf Georg wirft. Frieda wird, auch wenn sie wörtlich zitiert wird, aus der Sicht Georgs geschildert, es ist seine Erinnerung an sie, die schlaglichtartig bestimmte Züge an ihr herausstreicht. Sie scheint in dieser Perspektive eine recht unauffällige junge Frau zu sein.

    Ganz unrecht scheint der Vater indes nicht zu haben, dass es vor allem Friedas Körperlichkeit ist, die Georg anzieht. Georg ist Frieda gegenüber eher gönnerhaft: »Allein – weißt du, was das ist?« (47), fragt er sie, damit suggerierend, sie sei weniger erfahren als er, könne Konzepte wie Alleinsein gar nicht fassen. Auch interessiert ihn weniger, was sie zu entgegnen hat, »unter seinen Küssen« (48) sucht er ihre Worte zu ersticken. Vor diesem Hintergrund erscheint das vornehmlich physische Interesse, dass der Vater unterstellt, nicht gar so abwegig.

    Außerdem erscheint es so, als würde Georg an Frieda neben ihrem Körper vor allem ihre Herkunft aus einer wohlhabenden Familie schätzen (ebd.). Nicht zu verachten ist auch, dass Frieda als Verlobter eine soziale Funktion zukommt: Sie erhebt Georg über den Status des Freundes, über den Status des Junggesellen. Dem realen Schriftsteller Franz Kafka ist diese bürgerliche Hochachtung der Ehe wichtig. Er schreibt: »Heiraten, eine Familie gründen, alle Kinder, welche kommen, hinnehmen, in dieser unsicheren Welt erhalten und noch ein wenig führen, ist meiner Überzeugung nach das Äußerste, das einem Menschen überhaupt gelingen kann« (Kafka, 2005: 16).

    Und weiter: »Die Heirat ist gewiß die Bürgschaft für die schärfste Selbstbefreiung und Unabhängigkeit« (ebd.: 18). Nur durch die Heirat könne es dem Sohn Kafka gelingen, seinem Vater »ebenbürtig« (ebd.) zu werden. Freilich sei das »zu viel, so viel kann nicht erreicht werden. Es ist so, wie wenn einer gefangen wäre und er hätte nicht nur die Absicht zu fliehen, was vielleicht erreichbar wäre, sondern auch noch und zwar gleichzeitig die Absicht, das Gefängnis in ein Lustschloß für sich umzubauen« (ebd.).

    Einem Monat nach der Niederschrift der Erzählung, teilt Kafka seiner späteren Verlobten Felice Bauer mit, dass er ihr »Das Urteil« widmen wird (vgl. Kafka, 2015: 17). Gleichzeitig betont er aber, »Das Urteil« habe »nicht den geringsten Zusammenhang mit [Felice], außer daß ein darin flüchtig erscheinendes Mädchen Frieda Brandenfeld heißt, also wie ich später merkte, die Anfangsbuchstaben des Namens mit [ihr] gemeinsam hat« (ebd.: 18).

Veröffentlicht am 13. Mai 2024. Zuletzt aktualisiert am 13. Mai 2024.