Das Urteil
Prüfungsfragen
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In welcher Hinsicht kann »Das Urteil« als Durchbruch des Schriftstellers Franz Kafka verstanden werden?
Die Entstehung von »Das Urteil« wurde von Kafka als ideal verstanden. Die Geschichte verdankt sich einem Schreibakt, der ein psychisches und physisches Erlebnis gleichermaßen war. »Mehrmals in dieser Nacht trug ich mein Gewicht auf dem Rücken. Wie alles gewagt werden kann, wie für alle, für die fremdesten Einfälle ein großes Feuer bereitet ist« (Kafka, 2002: 460). Und er schließt: »Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele« (ebd.: 461). »Das Urteil« ist also auch ein Durchbruch zu psychisch Verdrängtem.
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Inwiefern lässt sich »Das Urteil« einer spezifischen Literaturepoche zuordnen?
»Das Urteil« kann der literarischen Moderne zugeordnet werden. Ein wenig kleinteiliger könnte auch von der Prager Moderne gesprochen werden, wo Kafka dann gemeinsam mit Künstlern wie Franz Werfel oder auch Rainer Maria Rilke genannt werden könnte. »Das Urteil« kann also einer Epoche zugeordnet werden, die sich in erster Linie auf einen Zeitraum oder einen Ort bezieht. Schwieriger wird es, wenn man »Das Urteil« einer Epoche zuordnen möchte, die sich nicht nur durch Ort und Zeit, sondern auch durch ästhetische Paradigmen auszeichnet. Eine solche Epoche wäre der Expressionismus oder auch der Surrealismus. Tatsächlich zeigt »Das Urteil« auch Züge dieser beiden Epochen, so richtig aufgehen tut der Text also nicht in ihnen. »Das Urteil« zeichnet – wie die meisten Texte Kafkas – aus, dass eine eindeutige Zuordnung nicht möglich ist. Kafkas Texte sind unverwechselbar – das macht ihre Stärke aus.
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Welche autobiographischen Bezüge weist »Das Urteil« auf?
Vor allem die problematische Beziehung zum Vater wird in der Erzählung behandelt. Aus genau diesem Grund werden hier auch immer wieder Textstellen aus dem »Brief an den Vater« zitiert. Verlobt ist Kafka zur Zeit der Entstehung noch nicht, kurze Zeit später aber wird er sich mit Felice Bauer verloben. Da stellt sich allerdings die Frage, ob das eine mit dem anderen zusammenhängt. Ansonsten sind die autobiographischen Bezüge eher dünn: Kafka ist weder Halbwaise noch Einzelkind. Auch ist er kein erfolgreicher Kaufmann, sondern eher ein frustrierter Büroangestellter (vgl. Kafka, 2002: 785 f.).
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Warum genügt es nicht, die autobiographischen Bezüge herauszuarbeiten?
Eine rein autobiographische Interpretation nimmt die hohe Kunstfertigkeit, die »Das Urteil« auszeichnet, nicht ernst genug. Damit sind im Übrigen auch die Produktionsumstände gemeint. Nur weil der Text – angeblich – innerhalb einer Nacht geschrieben wurde, heißt dies nicht, dass er nur ein flüchtiges Nebenprodukt wäre. »Das Urteil« muss als Kunstwerk ernst genommen werden. Und das bedeutet auch, dass es weit mehr zum Ausdruck bringt als das, was Kafka bewusst hineingelegt hat. Es steckt mehr darin als die Lebensumstände seines Produzenten.
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Inwiefern ist »Das Urteil« ein typisch kafkaesker Text?
Typisch kafkaesk ist vor allem die Logik der Handlung und dargestellten Verhaltensweisen. Diese ist nicht wirklich rational, also nicht so, dass eine bestimmte Ursache eine bestimmte, erwartbare Folge hervorrufen würde. Bezeichnenderweise lässt sich aber auch nur näherungsweise bestimmen, was es eigentlich genau ist, das einen Text kafkaesk macht. Das Personal handelt merkwürdig, gleichzeitig aber handelt und denkt es so, als wären diese überzogenen Verhaltensweisen völlig normal. Wenn also Georgs Vater einmal als riesig bezeichnet wird und im nächsten Moment von Georg ins Bett getragen werden kann, dann ist das kein Fehler in der Logik des Geschehens, sondern vielmehr eine spezifisch kafkaeske Logik, in der es ständige Paradoxien gibt, die zwar auflösbar erscheinen, bei denen aber trotzdem ein nicht aufgelöster Rest bleibt. Oder anders formuliert: Die Texte Kafkas entziehen sich einer letztgültigen Interpretation, provozieren allerdings ständig zur Interpretation.
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Warum kann »Das Urteil« als Novelle bezeichnet werden?
»Das Urteil« weist klassische Merkmale einer Novelle auf. Die relative Kürze, die von Goethe ins Spiel gebrachte unerhörte Begebenheit, vor allem aber ist die Novelle in der Nachfolge Theodor Storms die narrative Variante der Tragödie. Das bedeutet, eine Novelle hat einen Aufbau, der analog zum Aufbau einer Tragödie ist. Und das trifft auf »Das Urteil« zu. Es gibt eine – pseudo-idyllische – Exposition, eine steigende Handlung mit erregendem Moment, einen Wendepunkt, eine Anagnorisis, ein retardierendes Moment und eine Katastrophe. Die Frage allerdings bleibt, ob »Das Urteil« auch zur Katharsis beitragen kann.
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In welcher Zeit spielt »Das Urteil« – und ist das wichtig?
Neuhaus behauptet, »Das Urteil« biete »keine Hinweise« zur Zeitgeschichte (Neuhaus, 2002: 86). Das stimmt allerdings nicht. So findet sich ein Hinweis auf »die russische Revolution« (54). Da »Das Urteil« 1912 geschrieben wurde, kann es sich dabei nur um die Revolution von 1905 handeln und nicht um die Oktoberrevolution von 1917. Das ist aber nicht der einzige Hinweis. Es ist nämlich außerdem die Rede von einem »Autoomnibus« (61); in Prag wurde der Busverkehr 1908 eingeführt. »Das Urteil« spielt also zwischen 1908 und 1912. Aber hat das Bedeutung? Neuhaus weist auch darauf hin, dass »Das Urteil« »als typisch für die Krise des Subjekts in der Moderne« (Neuhaus, 2002: 86) gelten könne. Vor diesem Hintergrund erscheint es also als wichtig, dass es sich weder um einen historischen noch um einen zeitlosen Text handelt. Es ist ein Text des frühen 20. Jahrhunderts.
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Handeln die Figuren in »Das Urteil« realistisch? Und wenn nicht, was ist merkwürdig an ihrem Verhalten?
Die Figuren handeln zumindest nicht naturalistisch, also nicht so, wie Menschen objektiv handeln würden. Gleichwohl ist ihr Verhalten nicht völlig fremd. Es ist nur so, als ob sie normale Verhaltensweisen auf eine übertriebene und stellenweise wahnhafte Art und Weise zeigen würden. In diesem Sinne könnte vielleicht sogar davon gesprochen werden, dass sie realistisch oder wenigstens para-realistisch handeln. Die Verhaltensweisen von Georg und dem Vater sind zwar dramatisch, ein wenig verrückt und pathetisch. Gleichzeitig sind sie lebensnaher als das Verhalten archetypischer Heldenfiguren. Dennoch ginge es wohl zu weit, ihr Verhalten als restlos realistisch zu bezeichnen. Sie erinnern an Menschen im Rausch oder in psychotischen Zuständen. Sie sind sprunghaft und in dieser Hinsicht durchaus auch übertrieben. Para-realistisch, also durchaus realistisch, gleichzeitig aber in einer leicht abweichenden Realität beheimatet, könnte die Differenz deutlich herausstreichen.
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Welcher Konflikt wird in »Das Urteil« vornehmlich dargestellt?
Der Konflikt zwischen Vater und Sohn, wobei zu beachten ist, dass dieser Konflikt in der Geschichte gleich auf drei Arten und Weisen von Bedeutung ist. Einerseits als psychoanalytische, ödipale Kategorie. Vor diesem Hintergrund handelt es sich um einen generellen, menschlichen Konflikt, der zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft von Relevanz ist. Dabei handelt es sich weniger um einen Konflikt zwischen Individuen als um einen Konflikt zwischen psychischen Strukturen. Dafür spricht, dass Kafka in seinem Tagebuch notiert, bei der Niederschrift habe er »Gedanken an Freud« (Kafka, 2002: 461), also den Begründer der Psychoanalyse, gehabt. Andererseits kann »Das Urteil« als Schilderung des Konfliktes zwischen Generationen verstanden werden. Dies wäre vor allem für eine soziale oder sozialgeschichtliche Deutung heranzuziehen. Der Konflikt zwischen Vätern und Söhnen hinsichtlich der Generationenfolge ist gerade im Expressionismus häufig vorkommendes Thema (vgl. Jahraus, 2023: 39). Drittens schließlich lässt sich der Konflikt auch auf den Konflikt zwischen Franz und Hermann Kafka beziehen. Diese autobiographische Deutung ist vor allem durch intertextuelle Beziehungen zum »Brief an den Vater« sehr plausibel.
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Warum sollte die Rolle Felice Bauers nicht überbewertet werden?
Kafka und Felice hatten sich kurz vor der Niederschrift von »Das Urteil« erst kennengelernt. Von einer Verlobung konnte zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Rede sein. Der erste Brief Kafkas an Felice datiert auf den 20. September 1912 (Kafka, 2015: 7). Das Urteil wurde in der Nacht vom 22. auf den 23. September geschrieben (Kafka, 2002: 460). Nimmt man nun noch in Anschlag, dass der 22. September ein Sonntag war, also ein Tag, an dem keine Post zugestellt wurde, hat Kafka auf diesen ersten Brief noch keine Antwort von Felice erhalten. Mit anderen Worten: Kafka hat Felice zum Zeitpunkt der Niederschrift erst einmal gesehen und ihr einen Brief geschrieben, auf den noch keine Antwort von ihr erfolgt war. Wirksam für »Das Urteil« wird also höchstens die Projektion, die Kafka auf Felice Bauer richtet.