Kafka war zu Lebzeiten kein sehr erfolgreicher Schriftsteller, dennoch erlangte er einige Aufmerksamkeit in interessierten Kreisen. Speirs erwähnt eine frühe Rezension, die in »Das Urteil« die »Schilderung ausbrechenden Wahnsinns« zu erkennen meinte (Speirs, 2006: 93). Zuerst war »Das Urteil« im Mai 1913 in dem von Max Brod herausgegebenen Jahrbuch »Arcadia« erschienen (Ritzer, 2010: 154).
Kurze Zeit später schreibt Kafka seine wohl berühmteste Erzählung »Die Verwandlung«. Zusammen mit dieser Erzählung und mit der Erzählung »Der Heizer«, die die erste Szene des nie vollendeten Romans »Amerika« ist, hat Kafka geplant, eine Anthologie unter dem Titel »Die Söhne« zu publizieren. Daraus wurde allerdings nichts. 1916 erscheint »Das Urteil« stattdessen als selbstständige Publikation im Kurt Wolff Verlag – »1919 folgt eine zweite, leicht revidierte Auflage als Ausgabe letzter Hand« (ebd.).
»Das Urteil« ist Kafka persönlich das liebste unter seinen Werken, wie er bekundet (ebd.). Dass der Text in zwei Auflagen erschien und rezensiert wurde, spricht für eine gewisse Verbreitung, wenngleich »Das Urteil« gegenüber »Die Verwandlung« hinsichtlich der Bekanntheit deutlich ins Hintertreffen geriet. Kafkas »Drucke zu Lebzeiten«, aus denen hier zitiert wurde, umfassen weniger als 450 Seiten – wobei zu sagen ist, dass die kritische Ausgabe aus dem Fischer Verlag eher großzügig mit den Seiten umgeht, also verhältnismäßig wenig Wörter pro Seite aufweist. Gemessen an anderen Taschenbüchern wären es eher 350 Seiten. Das umfasst etwa 10 Prozent des Kafka’schen Werks, das heute zur Verfügung steht (vgl. Pelster, 2008: 102). Wohlgemerkt ohne die Briefe und Amtlichen Schriften, die ebenfalls kritisch editiert vorliegen.
Kafka war zu Lebzeiten also eher einem Fachpublikum bekannt. Das habe womöglich daran gelegen, dass er keinen Roman publiziert hatte – obwohl »Der Proceß« durchaus als abgeschlossen betrachtet werden kann. Nach seinem Tod verfasste die Freundin und zeitweilige Lebenspartnerin Milena Jesenká einen Nachruf auf Kafka, in dem sie »Die Verwandlung« als »das stärkste Buch der modernen deutschen Literatur bezeichnet« (Jahraus, 2023: 8). »Das Urteil« wird ebenfalls lobend erwähnt.
Max Brod fungierte als erster Herausgeber aus dem Nachlass. Allerdings wurde der Rezeption im deutschsprachigen Raum durch die Nationalsozialisten ein Riegel vorgeschoben. In den 1950er-Jahren erschienen dann die ersten Ausgaben im Fischer-Verlag. Diese begründeten die Erfolgsgeschichte Kafkas im deutschsprachigen Raum. In den USA und Frankreich war Kafka zu jenem Zeitpunkt schon bekannt und beliebt.
Nagel schreibt Anfang der 1980er-Jahre: »[Es gibt] fast keinen modernen Schriftsteller, der nicht – zumindest spurenhaft – den Einfluß Kafkas erfahren hätte und daher anders schreibt als die Erzähler der vergangenen Jahrhunderte« (Nagel, 1983: S. 349). Zu den Schriftstellern, die direkt beeinflusst wurden, zählen etwa Samuel Beckett, Jorge Luis Borges, Ilse Aichinger, Elfriede Jelinek oder Clemens J. Setz. Deutlich zu erkennen und auch von ihnen zugegeben, ist der Einfluss auch auf Elias Canetti und Friedrich Dürrenmatt.