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Das Urteil

6. Abschnitt – Das Urteil (60–61)

Zusammenfassung

Der Vater bedauert, dass Georg so lange gebraucht habe, bis er reif geworden sei. Die Mutter habe erst sterben müssen, der Freund sei krank und auch mit ihm selbst, dem Vater, stünde es nicht zum Besten. Eine Entgegnung Georgs weist der Vater ab, er habe den Moment verpasst. Georg sei ein unschuldiges Kind gewesen, gleichzeitig aber sei er ein schlechter Mensch gewesen. Deswegen verurteile er Georg zum Tod durch Ertrinken.

Und tatsächlich nimmt Georg diesen Urteilsspruch ohne Widerspruch an. Er fühlt sich getrieben, stürzt aus dem Zimmer. Hinter ihm fällt auch der Vater in sich zusammen. Die Hausangestellte erschrickt bei seinem Anblick, Georg aber rennt zu der Brücke, die er am Anfang durch sein Fenster gesehen hat.

Er schwingt sich über das Geländer und wartet einen Bus ab, der seinen Sturz übertönen solle. Mit dem Ausspruch, er habe seine Eltern immer geliebt, lässt er los und stürzt hinab. Über der Brücke ist der Verkehr plötzlich besonders dicht.

Analyse

Nach der Klimax der Tirade des Vaters, nachdem er Georg die veraltete Zeitung zugeworfen hat, verändert sich die Situation wieder. Der Vater klingt fast bedauernd, wenn er sagt, Georg habe so lange gebraucht, um erwachsen zu werden. Mutter, Freund und Vater seien unterdessen zugrunde gegangen. Gregors Reife wird also als Raub an seinem Umfeld dargestellt. Georg entgegnet darauf: »›Du hast mir also aufgelauert!‹« (60). Doch der Vater nimmt dies als Bestätigung seiner Behauptung von der verzögerten Reife Georgs: »Mitleidig sagte der Vater nebenbei: ›Das wolltest du wahrscheinlich früher sagen. Jetzt paßt es ja gar nicht mehr‹« (ebd.).

Der dramatische Redemodus sorgt hier für eine gesteigerte Unmittelbarkeit des Dargestellten. Gerade an solchen Stellen zeigt sich, dass »Das Urteil« stellenweise wie ein narratives Drama – also eine Novelle im Storm’schen Sinne – konzipiert ist. Die Stimme der Erzählinstanz geht an solchen Stellen nicht wesentlich über die Knappheit von Regieanweisungen hinaus, wird auf reine Funktion reduziert: »Und lauter: ›Jetzt weißt du also, was es noch außer dir gab‹« (ebd.).

An diese Stelle wiederum fügt sich eine der wohl prägnantesten Formulierungen aus »Das Urteil«: »›Ein unschuldiges Kind warst du ja eigentlich, aber noch eigentlicher warst du ein teuflischer Mensch!‹« (ebd.). Bezeichnend ist, dass der Satz einerseits den Eindruck eines Paradoxons macht, andererseits aber ohne weiteres aufzulösen ist. Oder zumindest so wirkt, als ließe er sich auflösen. Paradox ist der Satz dann, wenn Kind und Mensch als kategorial übereinstimmend gesetzt werden.

Um präziser zu sein: Alle Kinder sind Menschen, auch wenn nicht alle Menschen Kinder sind. Die beiden Begriffe sind zwar auf anderen Ebenen angesiedelt, der Begriff Mensch ist noch allgemeiner als der recht allgemeine Begriff Kind, dennoch herrscht partielle Übereinstimmung. Das bedeutet aber, dass man nicht gleichzeitig teuflisch und unschuldig sein kann. Zumindest könnte man davon ausgehen. Doch ist das unbedingt der Fall? Es wäre möglich, dass jemand unschuldig teuflisch wird. Kann es eine unschuldige Bosheit geben?

Erschwert wird diese Frage durch die religiösen Komponenten: Das unschuldige Kind, das dennoch teuflisch ist – das erinnert an die Kierkegaard’sche Darstellung der Erbsünde in »Der Begriff Angst« (vgl. Kierkegaard, 2023). Eine religiöse Interpretation könnte außerdem das Todesurteil des Vaters, das auf Ertrinken lautet, mit der Taufe in Verbindung bringen. Tatsächlich findet sich gerade in der frühen Kafka-Rezeption ein Schwergewicht auf religiösen Deutungen; auch von Max Brod angeregt, der nicht nur der erste Herausgeber, sondern auch einer der ersten Interpreten Kafkas ist.

Womöglich ist es auch eine religiöse Interpretation, die es erlaubt, auf irgendeine Weise zu plausibilisieren, warum Georg das Urteil des Vaters überhaupt annimmt. In diesem Sinne könnte der Vater die Rolle eines Verkünders spielen, der Gottes Wille in Form eines Gesetzes an den Sohn wiedergibt. Tatsächlich ließe sich argumentieren, Georg habe gegen das vierte Gebot verstoßen, nach dem Vater und Mutter zu ehren seien. Auch, dass die Bedienerin »Jesus« ausruft, während Georg zur Brücke stürzt, ließe sich ja als religiöser Verweis verstehen (vgl. 60). Gleichzeitig muss das aber auch nicht überstrapaziert werden, schließlich handelt es sich um einen stereotypen Ausruf.

Wenngleich auch eine psychoanalytische Lesart, die das Wort des Vaters mit dem Gesetz in Verbindung bringen würde (vgl. Lacan, 2016). Dazu passt auch eine Passage aus dem »Brief an den Vater«: »Für mich als Kind war […] alles, was Du mir zuriefst, geradezu Himmelsgebot, ich vergaß es nie, es blieb mir das wichtigste Mittel zur Beurteilung der Welt« (Kafka, 2005: 5).

Tatsächlich muss der Vater als starke Autoritätsfigur verstanden werden, um den Selbstmord Georgs plausibel erscheinen zu lassen. Unterstützt wird dies selbstredend dadurch, dass der letzte vor dem Sturz geäußerte Satz von Georg lautet: »›Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt‹« (61). Gestützt wird dies auch dadurch, dass Georg dezidiert eine Tätigkeit, mit der er seine Eltern mit Stolz erfüllt hat, nutzt, um sich über das Brückengeländer zu schwingen: das Turnen.

Rätselhaft oder surreal jedoch bleibt der letzte Satz der Erzählung: »In diesem Augenblick ging über die Brücke ein nahezu unendlicher Verkehr« (ebd.). Nach Brod habe Kafka dabei an einen Samenerguss gedacht (vgl. Anz, 2010: 67). Ob dies der Fall war, mag dahingestellt sein. Als Lösung einer angestauten Spannung jedoch kann die Schlussszene verstanden werden. Außerdem weist das Signalwort »Verkehr« nicht zuletzt auf Geschlechtsverkehr hin. »Das Urteil« ist ein Text, der allein schon aufgrund seiner Produktionsbedingungen – als Produkt einer durchwachten, durchschriebenen Nacht – psychische Tiefenschichten aktivieren könnte. Unplausibel erscheint die Parallelisierung von Georgs Selbstmord mit einer Ejakulation nicht. Die Frage ist allerdings, ob dies, sollte es sich so verhalten, wirklich einen interpretatorischen Mehrwert bietet. Dass Eros und Thanatos miteinander zu tun haben, ist auch ohne »Das Urteil« zu verstehen.

Veröffentlicht am 13. Mai 2024. Zuletzt aktualisiert am 13. Mai 2024.