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Das Urteil

2. Abschnitt – Reflexionen über den Freund (44–49)

Zusammenfassung

Georg denkt über den Freund nach und darüber, wie ihm zu helfen wäre. So erwägt er, den Freund dazu zu überreden, wieder in die Heimat zu kommen. Gleichwohl erschiene das dem Freund aber womöglich als Bevormundung oder Beleidigung. Und selbst wenn der Freund sich überreden ließe, so könne es ja passieren, dass er in der Heimat auch keinen besseren Stand erlangen würde. Diese Gedanken Georgs lassen ihn glauben, es wäre besser, wenn der Freund einfach in Russland bliebe.

Diese Überlegungen führt Georg auch als Grund dafür an, dass er dem Freund keine relevanten Informationen in den Briefen mitteilt. Der Freund sei seit über drei Jahren nicht mehr aus Russland zu Besuch gekommen. In diesen drei Jahren hätte sich aber einiges in Gregors Leben verändert. Der Freund wurde zwar davon unterrichtet, dass Georgs Mutter vor zwei Jahren gestorben sei, seine Reaktion sei aber verhalten gewesen.

Neben dieser Tragödie hat sich Georg allerdings vieles zum Guten gewendet. Er hat die Position des Vaters im Geschäft eingenommen. Seit dem Tod seiner Frau hat sich Georgs Vater immer mehr aus dem Geschäft zurückgezogen. Seitdem hat sich der Umsatz verfünffacht, die Belegschaft musste verdoppelt werden. Die Aussichten sind auch weiterhin gut.

Nach dem Tod der Mutter hatte der Freund Georg zum Auswandern überreden wollen. Zuhause entwickelten sich Georgs geschäftliche Erfolge aber deutlich besser, als er es in Russland hätte erwarten dürfen. Gleichzeitig wollte Georg den Freund nicht von seinen geschäftlichen Erfolgen unterrichten und hat es auch nun nicht vor – er teilt ihm vielmehr lediglich irrelevante Dinge mit.

Und das, obwohl es neben dem geschäftlichen Erfolg auch im privaten Bereich Georgs relevante Neuigkeiten gibt. Georg hat sich vor einem Monat verlobt. Seine Verlobte Frieda Brandenfeld indes stört sich daran, dass der Freund nichts von der Verlobung weiß. Ohnehin ist der Freund häufiges Gesprächsthema zwischen den Verlobten. Frieda beklagt sich über die angebliche Rücksichtnahme Georgs. Georg lässt sich dann auch von Frieda überzeugen und entschließt sich, dem Freund die Verlobung mitzuteilen. Was er an genau diesem Sonntag in dem Brief, den er zu Beginn verschließt, auch tut.

An dieser Stelle wird aus dem Ende des Briefes wörtlich zitiert. Georg stellt dem Freund darin anheim, dass dieser sich eingeladen fühlen solle, letztlich aber so handeln solle, wie er es für richtig halte. In dem Brief kündigt Georg auch an, dass Frieda dem Freund in naher Zukunft schreiben werde.

Analyse

Hier findet sich bereits eine für Kafka typische Erzählweise, die einen Bruch mit dem Beginn des Textes markiert. War der Beginn noch ganz im »Stil einer realistischen Erzählung des 19. Jahrhunderts« gehalten (Scheffel, 2002: 61), also mit einer starken Erzählerfigur, bricht diese Perspektive nun, indem intern fokalisiert die Gedanken Georgs referiert werden (vgl. ebd.: 65).

In erlebter Gedankenrede wird dargestellt, wie Georg sich selbst dazu zu überreden versucht, dem Freund in seiner Notlage nicht zu helfen. Bezeichnend ist, dass der einleitende Satz »Was sollte man einem solchen Manne schreiben, der sich offenbar verrannt hatte, den man bedauern, dem man aber nicht helfen konnte« (44) eben nicht mit einem Fragezeichen, sondern mit einem Punkt endet. Dadurch wird deutlich, dass es sich um eine rhetorische Frage handelt, bei der die Antwort, man könne eben nichts schreiben, schon vorweggenommen ist.

Dennoch spielt Georg das Spiel der Selbstberuhigung durch. Die rhetorische Frage nimmt er auf, hat aber sogleich ein starkes Gegenargument. Ginge Georg auf die Notlage des Freundes ein, so würde er ihm »je schonender, desto kränkender« (44) zu verstehen geben, »daß seine bisherigen Versuche mißlungen seien, daß er zurückkehren und sich als ein für immer Zurückgekehrter von allen mit großen Augen anstaunen lassen müsse, daß nur seine Freunde etwas verstünden und daß er ein altes Kind sei und den erfolgreichen, zu Hause gebliebenen Freunden einfach zu folgen habe« (ebd.). Das Bezeichnende ist, dass man hier erfährt, was Georg über den Freund denkt. Er hält ihn für genau das, von dem er glaubt, dass der Freund es empfinden würde. Wobei natürlich in keiner Weise klar ist, dass der Freund wirklich so empfände, sollte er zurückkehren.

Augenscheinlich empfindet auch Georg, dass es sich dabei nicht um triftige Gründe handelt, sondern nur um eigene Projektionen. Deswegen reicht ihm die Argumentation auch noch nicht aus und er geht weiter, führt grundsätzlichere Erwägungen an, die es unmöglich machen sollen, den Freund nach Hause zu holen: »Vielleicht gelang es nicht einmal, ihn überhaupt nach Hause zu bringen […], und so bliebe er dann trotz allem in seiner Fremde, verbittert durch die Ratschläge und den Freunden noch ein Stück mehr entfremdet« (44 f.). Allein schon der Versuch wird als falsch verurteilt, bevor er überhaupt gemacht wurde, sei »es da nicht viel besser für ihn, er blieb in der Fremde, so wie er war?« (45)

Nachdem der Freund auf die Nachricht vom Tod von Georgs Mutter nicht so wie erwünscht reagiert hat und seit drei Jahren nicht mehr zu Hause gewesen war, hat Georg auch »keine Lust gehabt, dem Freund von seinen geschäftlichen Erfolgen zu schreiben« (46). Ferner hat er ihm bisher sogar auch seine eigene Verlobung verheimlicht (vgl. 47). Stattdessen »beschränk[t] sich Georg darauf, dem Freund immer nur über bedeutungslose Vorfälle zu schreiben« (46 f.).

Die Beziehung zum Freund erscheint vor diesem Hintergrund als eher bedeutungslos. Allerdings kann dies wiederum nicht stimmen, da der Freund über die ganze Erzählung hin thematisiert wird. Es ist eine eigenartige Bedeutung, die sich vor allem in einer Art Abwesenheit konstituiert. Der Freund könnte so als Projektionsfolie verstanden werden.

Am Ende des Abschnittes wird dann zum einzigen Mal aus dem Brief zitiert, wodurch der Bogen der Exposition geschlossen wird. Dabei ist interessant, dass der Brief mit »diesem Sonntagvormittag« (48) in Verbindung gebracht wird, während eine Seite zuvor von bedeutungslosen Vorfällen, »wie sie sich, wenn man an einem ruhigen Sonntag nachdenkt, in der Erinnerung ungeordnet aufhäufen« (47), die Rede war.

Das Wort »Sonntag« kommt im gesamten Text an drei Stellen vor. Direkt am Anfang (43) – und an den beiden zitierten Stellen. Sonntage sind also Tage des Idylls oder Tage der bedeutungslosen Gedanken. Ganz im Gegensatz dazu aber steht der Brief, der das Unheil heraufbeschwört. Der ganze sich entwickelnde Disput mit dem Vater entzündet sich an diesem Brief. Dass also das Wort »Sonntag« an dieser Stelle auftritt, soll verdeutlichen, dass sich hier ein Unglück aus sprichwörtlich heiterem Himmel ergeben wird. Es wird, bevor die Tragödie sich entfaltet, noch ein retardierendes Moment präsentiert.

Veröffentlicht am 13. Mai 2024. Zuletzt aktualisiert am 13. Mai 2024.