Das Urteil
5. Abschnitt – Der Stellvertreter des Freundes (56–60)
Zusammenfassung
Plötzlich fährt der Vater auf. Die Zeichen von Gebrechlichkeit sind nicht mehr wahrzunehmen. Er wirft die Decke von sich und wirft Georg vor, dass dieser ihn habe unterdrücken wollen, daher auch die Frage, ob er richtig zugedeckt sei. Der Vater erklärt, er habe immer noch genug Kraft in sich, es mit Georg aufzunehmen. Außerdem erinnere er sich natürlich an den Freund, schließlich sei dieser der Sohn gewesen, den er sich gewünscht hätte.
Für seine zukünftige Schwiegertochter hat Georgs Vater nur Verachtung übrig. Sie habe ihre Röcke gehoben und Georg so angelockt. Die Geste des Röckehebens führt er sogar aus, wobei er eine Narbe am Oberschenkel entblößt. Georg wolle sich an Frieda befriedigen, habe deswegen das Andenken seiner Mutter geschändet, den Freund verraten und versuche nun, den Vater aus dem Verkehr zu ziehen. Doch er, der Vater, wisse das zu verhindern.
Georg ist angesichts des Verhaltens des Vaters überfordert. Er hält sich in einigem Abstand. Gleichzeitig fällt ihm allerdings auch keine adäquate Entgegnung ein. Der Vater verkündet derweil, dass er der Stellvertreter des Freundes gewesen sei. Nun aber platzt doch eine Entgegnung aus Georg heraus, er schimpft den Vater einen Komödianten. Dies aber nimmt der Vater auf und gibt zu, Georg lediglich etwas vorgespielt zu haben. Er habe ja gemerkt, dass Georg sich von ihm abgewandt habe, lediglich Nutznießer seiner, des Vaters, Vorarbeiten gewesen sei.
Georg hat Gewaltfantasien dem Vater gegenüber, spricht sie aber nicht aus. Überhaupt ist Georg zunehmend in desolatem Zustand. Er vergisst, was er sagen will, ist der Rede seines Vaters vollständig ausgeliefert. Dieser erklärt ihm, dass er den Freund in Petersburg schon längst von der Verlobung unterrichtet hätte und genau dies sei auch der Grund, warum der Freund seit drei Jahren nicht mehr zu Besuch gekommen sei. Er wirft Georg die Zeitung zu, die er bei dessen Eintritt gelesen hat. Es ist eine alte Ausgabe.
Analyse
Der Abschnitt beginnt mit dem Wendepunkt der Handlung. Der Vater entpuppt sich plötzlich als deutlich weniger verwirrt, als es bisher den Anschein hatte. Gleichzeitig zeigt sich an dieser Stelle die enorme Bildlichkeit, die Texte Kafkas auszeichnet: »›Nein!‹ rief der Vater, daß die Antwort an die Frage stieß, warf die Decke zurück mit einer Kraft, daß sie einen Augenblick im Fluge sich ganz entfaltete, und stand aufrecht im Bett« (56).
Nicht nur, dass Frage und Antwort sprachlich zu konkreten Gebilden geformt werden, die aneinanderstoßen können, auch die sich entfaltende Decke, die fast wie ein Ablenkungsmanöver wirkt, damit der alte Mann unbemerkt aufstehen kann, bezeugt eine Bildkraft, die schon etwas filmisches hat. Auf Kafkas visuelle oder sogar kinematografische Arbeitstechnik weist vor allem Peter-André Alt hin (vgl. Alt, 2009).
Dementsprechend wird der Vater aus der Perspektive Georgs auch bezeichnend als »Schreckbild« benannt (56). Aus diesem Schreckbild ergibt sich für Georg eine weitere Vision: »Der Petersburger, den der Vater plötzlich so gut kannte, ergriff ihn, wie noch nie. Verloren im weiten Rußland sah er ihn. An der Türe des leeren, ausgeraubten Geschäftes sah er ihn. Zwischen den Trümmern der Regale, den zerfetzten Waren, den fallenden Gasarmen stand er gerade noch. Warum hatte er so weit wegfahren müssen!« (56). Diese Horrorvision des »gerade noch« stehenden, womöglich sterbenden, hat keinerlei Motivation außer den plötzlichen Umschwung des Vaters.
Mit diesem Umschwung sind auch die Machtverhältnisse zwischen Georg und dem Vater grundsätzlich umgekehrt. Der Vater gewinnt an Macht, was Georg an klarem Verstand einbüßt. Georg ist von Visionen geplagt, macht einen geradezu dissoziierten Eindruck: »Georg stand in einem Winkel, möglichst weit vom Vater. Vor einer langen Weile hatte er sich fest entschlossen, alles vollkommen genau zu beobachten, damit er nicht irgendwie auf Umwegen, von hinten her, von oben herab überrascht werden könne« (57). Doch: »Jetzt erinnerte er sich wieder an den längst vergessenen Entschluß und vergaß ihn, wie man einen kurzen Faden durch ein Nadelöhr zieht« (ebd.). Im Gegensatz dazu der Vater, dieser »strahl[t] vor Einsicht« (ebd.).
Gleichzeitig ist der Vater durchaus nicht in der Rolle des auf seine Würde bedachten Patriarchen: »›Weil sie die Röcke gehoben hat‹, fing der Vater zu flöten an, ›weil sie die Röcke so gehoben hat, die widerliche Gans‹, und er hob, um das darzustellen, sein Hemd so hoch, daß man auf seinem Oberschenkel die Narbe aus seinen Kriegsjahren sah, ›weil sie die Röcke so und so und so gehoben hat, hast du dich an sie herangemacht‹« (57). Georg habe das Andenken an die Mutter geschändet, den Vater »ins Bett gesteckt« (ebd.), damit er seine Lust an Frieda befriedigen könne.
Ganz anders hingegen sei der Freund in Petersburg: »Wohl kenne ich deinen Freund. Er wäre ein Sohn nach meinem Herzen. Darum hast du ihn auch betrogen die ganzen Jahre lang« (56). Vater und Freund, so verkündet der Erstere, wären miteinander im Einverständnis gewesen. Heimlich habe der Vater alles dem Freund hinterbracht: »Er weiß doch alles, dummer Junge, er weiß doch alles! Ich schrieb ihm doch, weil du vergessen hast, mir das Schreibzeug wegzunehmen. Darum kommt er schon seit Jahren nicht, er weiß ja alles hundertmal besser als du selbst« (59).
Unterdessen scheint es, als ob Georg ein wenig an Festigkeit gewinnt. Dies geht einher mit Aggressionsfantasien dem Vater gegenüber. Zunächst beschimpft er ihn als Komödianten, träumt kurz darauf davon, der Vater »fiele und zerschmetterte« (58). Doch diese verzögernden Momente sind nur kurz, die Vergesslichkeit nimmt wieder überhand (vgl. 59).