Der Untertan

Historischer Hintergrund

1904 schrieb Heinrich Mann an seinen Freund Ludwig Ewers: „Nun hat sich mein Plan gewendet. Ich habe kein Mittel gefunden, den Roman um den Kaiser herum zu formen. Ich will meinen Gegenstand im Milieu eines kleinen Hofes anfassen.“ Dies gilt als die früheste Andeutung für „Der Untertan“, der Teil seiner „Kaiserreich-Trilogie“ werden sollte.

Heinrich Mann begann im Jahr 1906 mit den ersten Aufzeichnungen zu „Der Untertan“ und beendete das Werk 1914 – zwei Monate vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges. 1911 erschien ein Auszug des noch unvollendeten Romans in der satirischen Wochenzeitschrift Simplicissimus unter dem Titel „Lebensfrühling“ sowie ein weiterer Auszug 1912 unter dem Titel „Die Neuteutonen“. Von Januar 1914 bis kurz nach Kriegsbeginn erschien der Roman als Vorabdruck in der Illustrierten „Zeit im Bild“, wurde jedoch nach Kriegsbeginn von der Redaktion nicht fortgeführt. 1916 erschien eine Privatausgabe von „Der Untertan“ in einer Auflage von vermutlich zehn Exemplaren. Heinrich Mann fügte handschriftliche Korrekturen hinzu, als Vorbereitung für die Buchausgabe 1918.

Nachdem der Roman wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges in Deutschland nicht veröffentlicht werden durfte, erschien er 1915 kurioserweise in Russland in der Monatsschrift „Sowremennyj Mir“ und erst 1918 schließlich als Buchausgabe bei dem Verlag Kurt Wolff in Deutschland. Im selben Jahr wurde der Roman vom Verlag in die Reihe „Der Neue Roman“ aufgenommen. In seinem Erinnerungsessay „Ein Zeitalter wird besichtigt“ beschrieb Heinrich Mann seine Inspiration für den autoritätsgläubigen, kaisertreuen Diederich Heßling wie folgt: „1906 in einem Café Unter den Linden betrachtete ich die gedrängte Menge bürgerlichen Publikums. Ich fand sie laut und ohne Würde, ihre herausfordernden Manieren verrieten mir ihre geheime Feigheit. Sie stürzten massig an die breiten Fensterscheiben, als draußen der Kaiser ritt.“ Im selben Jahr sah er in einem Freiluftsanatorium im Harz einen Mann, in dem er „die Figur, die er sofort den ‚Untertan‘ nannte, nackt in einem Luftbad“ erkannte und damit war die Grundidee der bürgerlichen Kaiser-Karikatur Diederich Heßling geboren. 1907 schrieb er an Rene Schickele: „Der Roman der Deutschen müsste geschrieben werden, die Zeit ist überreif für ihn“. Viel deutlichere Worte findet er in der Beschreibung des Untertanen in seinem Notizbuch als „widerwärtig interessanten Typus des imperialistischen Untertanen, des Chauvinisten ohne Mitverantwortung, des in der Masse verschwindenden Machtanbeters, des Autoritätsgläubigen wider besseren Wissen.“

Statt „Heßling“ wollte Heinrich Mann seine Figur gar „Hänfling“ oder „Demmling“ nennen. Für sein Kaiserbild orientierte er sich an dem echten Kaiser Wilhelm II. inklusive des Personenkults um ihn und verwendete teilweise Originalzitate. Bereits 1904 bat er seinen Freund Ludwig Ewers um „Anekdoten über W. II.“ und zwar „besonders solche, die die Zeitungen nicht bringen und die du privat erfährst!“ Der junge Kaiser Wilhelm II. war beim Volk sehr beliebt, obwohl er auch Gegenstand von Satire und Spott war. Er prägte den Begriff der „Wilhelminischen Epoche“ (1888/1890 – 1914/1918). Fotos und Ansichtskarten des Kaisers waren sehr beliebt, genauso wie Neuigkeiten aus dem Kaiserhaus. Viele Deutsche kopierten seinen Habitus und Äußeres, was in der Figur Diederich Heßling satirisch dargestellt wird. 

Für die korrekte Fachsprache besuchte er eine Papierfabrik für die technischen Details der Papierherstellung, wie er seinem Freund Ludwig Ewers schrieb: „In München habe ich eine große Papierfabrik und auch die Bruckmannsche Kunstanstalt eingehend besichtigt. Alles für meinen neuen Romanhelden. Er ist ziemlich gut fundiert und heute habe ich meine ersten Sätze niedergeschrieben“. Auch besuchte er die Oper „Lohengrin“ in Augsburg, wie er 1913 an Marie Kanová schrieb: „Soeben Lohengrin: es war phantastisch schön. Diederich und Guste schwammen in Entzücken.“

Veröffentlicht am 18. August 2022. Zuletzt aktualisiert am 21. September 2022.