Der Untertan

Kapitel 1

Zusammenfassung

Diederich Heßling wächst als kränkliches, ängstliches Kind in Netzig unter dem strengen Regime seines herrischen Vaters auf, der eine Papierfabrik betreibt. Obwohl der Vater öfters Gebrauch von seinem Rohrstock macht, liebt und verehrt ihn Diederich. Seine Mutter hingegen verachtet er, obwohl sie ihn mit Liebe überschüttet, da sie ihn vom Wesen her zu ähnlich ist und er sich selbst verachtet.

Bereits in seinen jungen Jahren tritt er nach unten, indem er den Arbeitern in der Papierfabrik droht und seine Mutter bei seinem Vater verpetzt. Er ergötzt sich hierbei an der Angst, die den Schwächeren von ihm zugefügt wird, während er auf der anderen Seite ebenso die Unterwerfung vor der Macht seines Vaters genießt.

Bereits früh lernt er, wer Respektspersonen sind, denen er sich unterwerfen musste – Lehrern, Polizisten, Institutionen wie der Kirche und dem Irrenhaus, Direktoren. Er lokalisiert aber auch Schwächere, wie seine beiden jüngeren Schwestern Emmi und Magda, die er im Rahmen eines Schulsettings drangsaliert.

Er lernt in der Schule auch den Rausch der Masse kennen, die ihm Beifall spendet. Er lässt den einzigen Juden in der Klasse vor einem selbstgebastelten Kreuz niederknien und erhält dafür die Anerkennung seiner Mitschüler und sogar Lehrer. Für die Lehrer darf er seine Mitschüler bespitzeln und damit seinem Verlangen nach Macht nachgehen, aber auch der Lust an Unterwerfung gegenüber den Lehrern.

Nach seinem Gymnasialabschluss geht Diederich auf Wunsch seines Vaters nach Berlin, um Chemie zu studieren. Anfangs ist er einsam und hat Heimweh, doch nach einem Zusammentreffen mit Herrn Göppel, einem Lieferanten des Vaters, wird er in dessen Familie als regelmäßiger Besucher integriert. Dort lernt er dessen Tochter Agnes kennen und umwirbt sie. Einerseits gefällt sie ihm, andererseits ärgert ihn, dass sie so »weich« ist – eine Eigenschaft, die er an sich selbst verachtet.

Er wird von einem Untermieter Göppels drangsaliert – dem Mecklenburger Mahlmann. Dieser nimmt Diederich sein Geld ab, bedroht und ohrfeigt ihn und erhebt Anspruch auf Agnes bis zum Ende des Semesters. Danach könne Diederich sie haben. Diederich geht daraufhin ängstlich auf Abstand zu Agnes, die dies nicht versteht. Er fürchtet sich so sehr vor Mahlmann, dass er sogar die Universität wechseln und Berlin verlassen will, doch sein Vater durchkreuzt seine Pläne. So verbleibt Diederich in Berlin.

In einer Löwenapotheke trifft er auf seinen ehemaligen Schulkameraden Gottlieb Hornung, der ihn in die angesehene Studentenverbindung »Die Neuteutonen« einführt. Diederich wird zum Konkneipanten gekürt und zum ersten Mal fühlt er sich als Teil eines großen Ganzen, akzeptiert und geachtet. Er erfährt Stärke durch Gemeinschaft, denn in der Gemeinschaft kann ihm keiner etwas anhaben. Er lernt zu fechten und trägt die ihm zugefügten Narben mit Stolz. Der Jurist Wiebel wird zu Diederichs großem Vorbild – von seiner Kleidung über seine Manieren bis hin zur Aussprache von bestimmten Lauten – Diederich bewundert ihn und eifert ihm nach. Als er Wiebels persönlicher Leibfuchs wird, ist er überglücklich, seinem Vorbild dienen zu dürfen. Doch das heitere Verbindungsleben bekommt nicht jedem und so verstirbt Diederichs lebenslustiger Verbindungsbruder Delitzsch plötzlich an einem Herzinfarkt, was ihn sehr betrübt.

Nachdem Wiebel die Verbindung verlässt, um sein Referendariat zu beginnen, übernimmt Diederich seine Stellung und darf seine Macht an jungen Füchsen ausleben, was er sehr genießt. Er lernt die Wirkung einer Uniform kennen, die ihm auch äußerlich Macht verleiht – auch außerhalb der Studentenverbindung.

Am Ende des Semesters stehen Diederich und Hornung verschuldet da und aus Verzweiflung sucht Diederich Mahlmann auf, um alte Schulden einzufordern. Mahlmann lacht ihn aus und wirft ihn aus seinem Büro. Zu Hause erreicht ihn die Nachricht vom bevorstehenden Tod seines Vaters und so macht er sich auf den Weg nach Netzig, um in den letzten Augenblicken bei ihm zu sein. Trotz der Strenge des Vaters während seiner Kindheit trifft sein Tod Diederich sehr. Während der Kondolenzbesuche sieht er sich als einen Vertreter der »Neuteutonia« und tritt entsprechend formsicher auf, was ihm Bewunderung einbringt. Der alte Buck rät ihm, im Sinne des Gemeinwohls zu handeln und Achtung vor den Rechten seiner Mitmenschen zu haben. Diederich stimmt ihm eingeschüchtert zu.

Durch das Testament des Vaters werden Diederich und der Buchhalter Sötbier zum Vormund seiner beiden Schwestern bestimmt. Zudem ist er darüber entrüstet, wie wenig die Papierfabrik des Vaters jährlich einbringt. Er will sich später darum kümmern, denn zunächst muss er seinen Militärdienst ableisten. Nachdem er sich gebührend von den Neuteutonen verabschiedet hat, tritt er vor den Stabsarzt, der ihn für diensttauglich befindet.

Obwohl er nach außen hin froh darüber zu sein scheint, angenommen worden zu sein, schreibt er seinem alten Hausarzt Dr. Heuteuffel und bittet ihn um eine Bescheinigung, die ihn als dienstuntauglich einstuft. Der Arzt lehnt dies ab und so tritt Diederich seinen Dienst an.

Die sportlichen Betätigungen belasten ihn so sehr, dass er ein Hinken simuliert, um einem Fußmarsch zu entgehen. Er wendet sich schließlich an einen Alten Herrn der Neuteutonen, der Arzt in der Musterungskommission ist. Dieser erstellt ihm ein Gutachten, das ihn vom Militärdienst wegen seines Fußleidens befreit. Nach außen hin schweren Herzens, innerlich jedoch erleichtert lässt sich Diederich ausmustern.

Er kehrt zu den Neuteutonen zurück und bedauert lautstark, dass er zu gern dabeigeblieben wäre, wäre da nicht sein Fußleiden. Im Verlauf erhält Diederich eine private Vorlesung, ein sog. Privatissimum von Herrn von Barnim. Dieser klärt Diederich darüber auf, dass er eine ständische Volksvertretung wie im Mittelalter wünsche, die Juden ausgenommen. Diederich stimmt ihm zu, doch vor Wiebel wechselt er seine Meinung hin zur Durchsetzung von Macht notfalls mit Gewalt.

Im Februar 1892 wird Diederich Zeuge einer Arbeitslosendemonstration vor dem Schloss und trifft zum ersten Mal den Kaiser Wilhelm II., der sich auf seinem Pferd den Demonstrierenden entgegenstellt. Er ist überwältigt vor dem Anblick des Kaisers und fällt beim Jubeln in eine Pfütze. Dies amüsiert den Kaiser sehr und er reitet davon, Diederich in der Pfütze zurücklassend.

Analyse

Sozialisierung – Macht und Machtlosigkeit

Das erste Kapitel behandelt die Sozialisation Diederichs zu dem Untertanen, der er sein Leben lang sein wird.

Diederich lernt als »weiches Kind« (1) bereits früh, sich der Macht unterzuordnen. In seiner Kindheit ist die oberste Instanz – neben Gott, dem »schrecklichen lieben Gott« (2) – der allmächtige Vater, der wie Gott alles weiß und alles sieht und wenn er es nicht sieht, dann hilft Diederich nach, indem er ihm seine Schandtaten gesteht. Er verehrt und fürchtet seinen Vater und behält diese Dualität der sich widersprechenden Emotionen bis zum Ende des Buches bei. Der Vater ist für Diederich »fürchterlicher als Gnom oder Kröte« und doch »sollte man ihn lieben« (1). Selbst vor den Arbeitern gibt er damit an, der Prügel seines Vaters wert zu sein und erhebt sich damit zum ersten Mal über jemanden, der hierarchisch noch unter ihm steht.

Seiner Mutter bringt er keine Achtung entgegen, denn »ihre Ähnlichkeit mit ihm selbst verbot es ihm.« (3) Auch dieses mangelnde Selbstwertgefühl als Individuum begleitet Diederich ein Leben lang, sodass er sich nur in einer gleichgesinnten Masse wohlfühlen kann.

Dies bestätigt sich in der Schule, denn nachdem er erst unter der »kalten Macht« (4) leidet, findet er den Trost in der Masse, die ihm zujubelt, als er einen jüdischen Schüler drangsaliert: »Wie wohl man sich fühlte bei geteilter Verantwortlichkeit und einem Schuldbewußtsein, das kollektiv war!« (7). Er genießt zum ersten Mal selbst Macht über einen noch Schwächeren, indem er den wehrlosen Schüler demütigt. Er bewundert die Lehrer als Machtinhaber und die »kalte Macht« (4), an der selbst, »wenn auch nur leidend, teilhatte« (4). In der Schule lernt Diederich auch zum ersten Mal, die Macht über ihm für seine Zwecke zu nutzen, indem er seine Mitschüler denunziert. Auch seine Schwestern drangsaliert Diederich, indem er sie absichtlich Fehler in ihre Diktate einbauen lässt, damit er sie bestrafen kann. Auf diese Weise wird er vom Macht-Erleidenden zum Macht-Ausübenden.

In einem hierarchisch strukturierten Kollektiv aufzugehen ist für ihn seitdem das Höchste, wonach er ständig strebt. So auch während seines Studiums bei den Neuteutonen, denn »alles ward laut kommandiert, und wenn man es richtig befolgte, lebte man mit sich und der Welt im Reinen« (22) und in der Gemeinschaft geht er auf, denn »ihn herausreißen, ihm einzeln etwas anhaben, das konnte keiner!« (23).

Auch sein Verhältnis zu Frauen zieht sich von seiner Kindheit bis in seine Jugendjahre, denn Agnes Göppel, die ihm gefällt, findet er »widerlich weich« (11), eine Eigenschaft, die er seit seiner Kindheit an sich selbst verachtet und somit auch bei anderen. Er findet ihre »Koketterie« (11) und »Sentimentalität« (12) »albern« (12).

Beim Militär wird das Aufgehen im Kollektiv wieder Thema bei Diederich, denn er genießt »Das Aufgehen im großen Ganzen!«, lässt sich aber - als innerlich immer noch »weiches Kind« - wegen eines erfundenen Fußleidens ausmustern.

Den Höhepunkt seines bisherigen Lebens bildet die Begegnung mit dem Kaiser während der Arbeitslosenproteste in Berlin. Er trifft auf sein Idol und »ein Rausch, höher und herrlicher als der, den das Bier vermittelt, hob ihn auf die Fußspitzen, trug ihn durch die Luft« (53). Auch sein Bedürfnis nach Unterwerfung wird deutlich in dem Satz: »Die Macht, die über uns hingeht und deren Hufe wir küssen!« (53). Damit ist die Sozialisierung von Diederich Heßling zum perfekten Untertanen des Königs vollzogen.

Veröffentlicht am 12. Oktober 2022. Zuletzt aktualisiert am 12. Oktober 2022.