Der Untertan

Interpretation

Diederich und der Kaiser

Der Kaiser steht im Werk an der Spitze eines Obrigkeitsstaates und symbolisiert die absolute Macht, der sich alle zu unterwerfen haben. Auch verwendet Diederich Elemente aus der kaiserlichen Rhetorik, die in der kleinen Papierfabrik lächerlich und fehl am Platz wirkt. Satirische Elemente des Romans finden sich in der immer weiter voranschreitenden Anpassung von Diederich an den Kaiser - sowohl optisch als auch im Auftreten. 

In der Person des Kaisers manifestiert sich Diederichs abstraktes Sehnen nach Macht und Autorität, als er ihn zum ersten Mal sieht. Heinrich Mann stößt Diederich hierbei satirisch in eine Pfütze und lässt den Kaiser lachen, doch Diederich hat sich auf diese Weise maximal unterworfen und kann die Macht noch mehr verehren, die – wie früher sein Vater – nur Gott über sich hat. 

Mit dieser personifizierten Macht als Vorbild nähert sich Diederich seinem Kaiser optisch und im Habitus immer mehr an, sodass er andere Personen (Guste, Nothgroschen) sogar an den Kaiser erinnert. Dadurch jedoch, dass der Kaiser in die Person des Untertanen hineingezogen wird, wird er im Roman der Lächerlichkeit preisgegeben. Da Diederich jegliche Individualität und Haltung fehlt, übernimmt er die Reden des Kaisers, die im Roman in Form von Montagetechnik aus echten Reden Wilhelm II. zusammengesetzt wurden. Auf diese Weise findet eine pompöse Kaiserrede ihren Platz unangemessen in einer kleinen Papierfabrik in der Kleinstadt Netzig und die Antrittsrede von Diederich vor dem Kriegerverein wird von ihm gar mit erfundenen Kaiserzitaten garniert. Die Diskrepanz zwischen trivialen Situationen und kaiserlichen Reden mit viel Pathos ist eines der satirischen Elemente im Roman. 

Der Höhepunkt von Diederichs Verehrung findet schließlich in der Errichtung eines Denkmals für den Kaiser statt, dem ein Säuglingsheim weichen musste. Während der Denkmalsenthüllung bricht ein Gewitter aus und als Diederich sich unter seinem Redepult vor den Wassermassen versteckt, bleibt das Denkmal stumm und gleichgültig – wie der Kaiser gegenüber seinen Untertanen. 

 

Der alte Buck

In der Person des alten Buck vereinigt sich der Liberalismus in Netzig, der jedoch mit seinem Tod am Ende des Buches ebenfalls stirbt. Zunächst ist der alte Buck hoch angesehen und Mitglied des Magistrats. Er steht dem opportunistischen, intrigierenden Diederich als anständiger Mensch gegenüber, der nicht durch Machtmittel oder Verfügungsgewalt angesehen ist, sondern allein durch seinen Charakter, der konträr zu Diederichs steht. Er versucht Diederich auf den rechten Weg zu bringen und ihm Achtung vor den Rechten seiner Mitmenschen beizubringen, doch Diederichs Sozialisierung ist bereits abgeschlossen und sein Untertanen-sein nicht mehr aufzuhalten. Zwar beteuert er dem alten Buck gegenüber, dass er ein durchaus liberaler Mann sei, doch sein Weg ist durch seine Erziehung in der Kindheit und Schule bereits vorgezeichnet und nicht änderbar.
 

Das weiche Kind

Diederich war ein „weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt“ (1) und dieses Kind verbleibt bis zum Ende des Romans unter der immer härter werdenden Schale. So sagt er noch als Erwachsener: „Werd‘ ich denn ewig so weich bleiben?“ (108) und: „Ich passe nicht in diese harte Zeit“ (167). Und während er seinen harten Vater verehrt, verachtet er seine Mutter, die ihm zu ähnlich ist in ihrer Weichheit. Bereits früh lernt er, sich der Macht unterzuordnen, um Strafen und negative Konsequenzen zu vermeiden. In der Schule lernt er, diese Macht für seine eigenen Zwecke zu nutzen, indem er seine Mitschüler bei den Lehrern denunziert und schwächere Schüler drangsaliert. 

Diese Dualität aus Unterwerfung und Unterdrückung behält er bis zum Ende des Romans bei. Da er sich selbst nicht achtet, geht er in einem unpersönlichen großen Ganzen auf, ob in der Schule, später bei den Neuteutonen oder während des Prozesses in einer ihm zujubelnden Menge – die Bestätigung der Masse gibt ihm Orientierung in die Richtung, in die er dann geht. Einen eigenen inneren Kompass hat er nicht, er folgt stets der Macht. 

 

Der Majestätsbeleidigungsprozess

Der Prozess um die Kaiserbeleidigung durch den Fabrikbesitzer Lauer ist das Ergebnis des Zusammentreffens des liberalen Lagers auf das nationale Lager. Vor dem Prozess wird Diederich sozial und wirtschaftlich ausgegrenzt und geächtet, was dazu führt, dass er sich von seiner ursprünglichen Aussage gegen Lauer distanziert – auch noch zu Beginn des Prozesses – um die Gunst der Öffentlichkeit wieder zu gewinnen. Im Verlauf jedoch dreht sich der Wind zu seinen Gunsten und dem folgend spricht sich Diederich im Prozess wieder gegen Lauer aus, um weiterhin die Gunst der Menge auf seiner Seite zu wissen. 

In seinem Plädoyer konzentriert sich Wolfgang Buck deshalb nicht nur auf die Verteidigung Lauers, sondern insbesondere auf den Kern des Untertanen, der sich exemplarisch in Diederich während des Prozesses gezeigt hat. 

So sagt Wolfgang Buck: „Ich werde also nicht vom Fürsten sprechen, sondern vom Untertanen, den er sich formt; nicht von Wilhelm II., sondern vom Zeugen Heßling. Sie haben ihn gesehen! Ein Durchschnittsmensch mit gewöhnlichem Verstand, abhängig von Umgebung und Gelegenheit, mutlos, solange hier die Dinge schlecht für ihn standen, und von großem Selbstbewusstsein, sobald sie sich gewendet hatten.“ 

Mit dieser präzisen Analyse von Diederichs wankelmütigem Verhalten im Prozess – stets abhängig von der Stimmung der Öffentlichkeit – beschreibt Wolfgang Buck den Charakter des Untertanen, der sich immer dem Stärkeren und somit der Macht unterwirft, treffend. 

Auch wird die Netziger Gesellschaft – stellvertretend für das Bürgertum des Wilhelminischen Zeitalters – präzise beleuchtet. Die Doppelmoral der Bürger und deren leicht zu manipulierenden Stimmungswandlungen werden entlarvt und entblößt. 

Am Ende geht das nationale Lager mit der Verurteilung Lauers siegreich aus dem Prozess hervor und der Liberalismus in Netzig sieht mit der Verurteilung von Lauer, dem nachfolgenden Desinteresse und Weggang von Wolfgang Buck und dem Tod des alten Buck seinem Niedergang entgegen. Der Prozess zeigt exemplarisch – auf einen einzigen (Prozess-) Tag konzentriert – wie die Untertanen-Mentalität die Stimmung der Öffentlichkeit zu ihren Gunsten beeinflussen kann und vice versa. Auf über dreißig Seiten dehnt Heinrich Mann die Zeit im Roman aus und richtet eine Lupe auf das haltungslose Verhalten des zu dem Zeitpunkt vollständig sozialisierten Untertanen Diederich Heßling und der ihn unterstützenden Gesellschaft.

 

Die Wandlung von Diederich als Macht-Erleidenden zum Macht-Ausübenden

Diederich Heßling wird im Roman bereits auf der ersten Seite als „weich“ bezeichnet, was für eine Formbarkeit spricht, die er auch als Erwachsener beibehält und zu verstecken versucht. Unter der ersten Machtausübung leidet er bereits als Kind durch seinen Vater, der als schrankenlose Machtinstitution Strafen und Lob verteilt – ähnlich einem Gott. Aus den Strafen des Vaters bezieht er seinen Selbstwert, denn er partizipiert – wenn auch leidend – an der Macht und ist ihrer würdig. Die Verehrung des gottgleichen Vaters inkludiert somit auch die Schläge, die er erhält, und er schätzt diese genauso wie Lob. 

Diese Lust an der Unterwerfung behält Diederich bis zum Schluss des Romans bei, genauso wie die Lust an der Machtausübung, die er stets zu seinem eigenen Vorteil nutzt. Seine Mutter, die ihm ähnlich ist – gefühlsselig und sentimental – verachtet er hingegen aus Selbsthass und lernt, Macht gegen sie auszuüben, indem er sie verpetzt. Dieses Element des Denunziantentums ist damit nur der erste der vielen Mechanismen der Manipulation und Unterdrückung, mit denen Diederich zum Schluss sozial, politisch und wirtschaftlich Erfolg hat. 

Die in der Kindheit verfestigten Strukturen aus Macht und Unterwerfung führen dazu, dass Diederich jegliche soziale Interaktion hierarchisch wahrnimmt und entsprechend handelt – entweder unterwirft er sich oder übt Macht aus. Er fügt sich auf diese Weise perfekt in autoritär strukturierte Systeme ein – wie z. B. in die Studentenverbindung „Neuteutonia“ - und geht darin auf. Während ihm in seiner Kindheit das Partizipieren an der Macht ausreichte, benötigt er im Verlauf seines Bildungswegs die Zustimmung der Menge, die ihm den Rücken stärkt und ihn bestätigt. 

Die Begegnung mit dem Kaiser bietet ihm schließlich einen Fixpunkt der absoluten Macht und Ziel seiner vollständigen Unterwerfung. Auf dieses Ziel hin richtet er fortan sein ganzes Denken und Handeln aus, um hierarchisch, optisch und charakterlich möglichst in die Nähe seines Idols zu kommen. 

 

Die Funktion der drei Frauengestalten bei der Entwicklung Diederichs zum untertänigen Machtmenschen

Aus seiner eigenen tiefen Abwertung heraus erlebt Diederich die Beziehungen zu den Frauen in seinem Leben nicht auf Augenhöhe, sondern nur in Form von Unterwerfung oder Unterdrückung. Drei Frauen spielen bei der Sozialisierung von Diederich Heßling zum Untertanen eine Rolle. 

 

Agnes

Agnes ist Diederichs erste große Liebe. Sie ist in seinen Augen vor allem durch Weichheit gekennzeichnet, die Diederich bereits an sich und seiner Mutter und später auch an Agnes verachtet, selbst ihre Haut findet er „widerlich weich“. Die ihr gegenüber aufkommenden Gefühle versucht er durch eben jene Verachtung zu kompensieren und sie als Person sowie ihre Liebe ihm gegenüber abzuwerten. 

Diese Ohnmacht bzw. Machtlosigkeit angesichts seiner als Schwäche empfundenen Gefühle und Triebe gegenüber Agnes begegnet er mit ganzer Härte seiner männlich-autoritären Weltordnung und schließt sie letztlich aus seinem Leben aus, um seine Karriere voranzutreiben. Sein Wesen als Untertan zeigt sich am deutlichsten gegenüber Agnes‘ Vater, der das Gespräch mit Diederich sucht. Indem Diederich auf sein oberflächlich korrektes moralisches Empfinden verweist, verschleiert er seine eigenen sexuellen Triebe sowie seine wirtschaftlichen Interessen, die Agnes‘ Vater nicht erfüllen kann. Der materielle Besitz, eine Karriere und moralisch integre Partie sind führend bei Diederichs Handeln – nicht Gefühle. Nachdem er diese Gefühlsverunsicherung mit Härte bekämpft, hat er diesen letzten Test zum Untertanen bestanden und sich somit vollständig zu einem autoritären Charakter gewandelt.

 

Guste und Käthchen

Beide Frauen sind sich sowohl optisch als auch charakterlich ähnlich – sie sind selbstbewusst, resolut und mutig. Damit sind sie das genaue Gegenteil der weichen, unsicheren Agnes und für Diederich eine in seinen Augen angemessene Partie. Sie nötigen ihm Respekt ab, wodurch er sich unterlegen fühlt und sich Guste zumindest im Schlafzimmer unterwirft, während er sich von Käthchen als „Schaf“ bezeichnen lässt.

Lediglich die gesellschaftliche Stellung von Guste gibt für Diederich den Ausschlag zur Heirat, was dem opportunistischen Untertanen-Charakter entspricht. Und während er mit Guste nach außen hin eine autoritäre Familienstruktur lebt, kehrt sich dies im Schlafzimmer um, in dem er mit ihr seine masochistischen Neigungen auslebt. Diese Ambivalenz in Bezug zur Macht hat Diederich inzwischen fest verinnerlicht. Bei Käthchen kompensiert er wiederum die Unterwerfung unter Gustes Macht. Zudem kommen ihm Käthchens Kontakte in Netzig sehr entgegen, die er für sich zu nutzen weiß. Auf diese Weise hat Diederichs triebunterdrückendes Untertanen-Selbst ein Ventil gefunden, um seine systemgefährlichen Triebe in einer kontrollierten Umgebung loszuwerden und damit weiterhin als treuer Untertan im autoritären System funktionieren zu können. 

In der Beziehung zu diesen drei Frauen zeigt sich die ganze Doppelmoral und Scheinheiligkeit des Untertanen – eine Frau hat lediglich wirtschaftlich und gesellschaftlich einen Wert für ihn.

Veröffentlicht am 19. August 2022. Zuletzt aktualisiert am 21. September 2022.