Der Untertan

Aufbau des Werkes

Das Werk ist chronologisch aufgebaut und umfasst in sechs Kapiteln den Zeitraum 1848 (das Jahr der Märzrevolution, an der der alte Buck teilgenommen hat) bis zur Enthüllung des Kaiserdenkmals 1897. Er beschreibt die Etappen von Diederich Heßlings Leben – seine Kindheit, Schule, Studium, die Zeit bei den Neuteutonen und dem Militär sowie seinen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Aufstieg in Netzig. Der Roman wird zwar von einem auktorialen Erzähler erzählt, wird jedoch hauptsächlich aus Diederich Heßlings Perspektive beleuchtet. Dadurch handelt es sich um einen Figurenroman, denn der Roman ist auf die Hauptfigur Diederich Heßling zentriert. 

Vom Aufbau ähnelt das Werk dem klassischen Bildungsroman, der Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland entstand. Dieser ist dreigeteilt in Jugendjahre, Wanderjahre und Meisterjahre, in denen der anfangs naive Protagonist mit der realen Welt konfrontiert und von ihr herausgefordert wird. Im Verlauf entwickelt sich der Held zu einer reifen, mit sich und der Umwelt in Einklang stehenden Persönlichkeit.  Auch in „Der Untertan“ erlebt der anfangs naive und „weiche“ Diederich Heßling durch die harte Schule des Lebens eine Wandlung und Heranreifung zu einem in diesem Fall satirisch gezeichneten Untertanen. Immer wieder mit der realen Welt konfrontiert bringt Diederich bis zum Schluss sein Inneres nicht mit seiner Außenwelt in Einklang und lebt in einem ewigen Widerspruch zwischen äußerer Härte und innerer Weichheit. 

Der Bildungsroman entstand in der Epoche der Aufklärung und folgt somit dem Werdegang eines positiven, aufgeklärten Individuums. In Diederichs Fall wird dieser Typus satirisch umgekehrt, indem anstatt der individuellen Entwicklung Diederichs Freude, Teil einer Gruppe, eines großen Ganzen zu sein, aufgezeigt wird. In „Der Untertan“ entwickelt sich das Individuum somit nicht zu einer reifen Persönlichkeit, sondern lässt alle individuellen Aspekte verkümmern, um mit der Masse zu verschmelzen. 

In den sechs Kapitelschlüssen wird jeweils die Kaiser-Untertan-Beziehung thematisiert. Im Roman werden häufig bestimmte Personenkonstellationen und Situationen wiederholt oder gespiegelt (das Gespräch zwischen Diederich und Göpel z. B. spiegelt das Gespräch zwischen Diederich und von Brietzen wider), so auch die Begegnungen mit dem Kaiser bzw. dem Verschmelzen Diederichs mit ihm. Während Diederich am Ende des ersten Kapitels zum ersten Mal eine reale Begegnung mit dem Kaiser erlebt und von diesem als Untertan erkannt wird, nähert er sich ihm am Ende des zweiten Kapitels optisch an. Am Ende des dritten Kapitels bestätigt ihm Nothgroschen eine Ähnlichkeit mit dem Kaiser sowohl im Habitus als auch in der Wortwahl, denn das Telegramm, das Diederich als das des Kaisers ausgab, wird von höchster Stelle nicht nur nicht dementiert, sondern bestätigt. Am Ende des vierten Kapitels erfindet er in seiner Rede an den Kriegerverein ein Kaiserzitat, welches ebenfalls nicht dementiert wird. Am Ende des fünften Kapitels findet der Kaiser Eintritt in die privatesten Gemächer Diederichs und seiner Frau Guste, indem er vor dem ehelichen Beischlaf dem Kaiser gedenkt und sich entsprechend vor Guste aufbaut, die ihn unter seiner Kaiser-Persona nicht wiedererkennt. Am Ende des sechsten Kapitels schließlich hält Diederich seine Rede vor der steinernen Figur des Kaisers bei der Denkmalsfeier.

Veröffentlicht am 19. August 2022. Zuletzt aktualisiert am 21. September 2022.