Der Untertan

Rezeptionsgeschichte

Das Werk war 1918 ein Riesenerfolg, in den ersten sechs Wochen wurden 100.000 Exemplare verkauft. Es polarisierte jedoch stark – von Lobeshymnen bis hin zu Morddrohungen durch Kaisertreue war alles vertreten. Auch sein Bruder Thomas Mann gehörte zu den Kritikern und bezeichneten den Roman als „nur Satire“ und „nur Karikatur“. 

Kurt Tucholsky hingegen beschreibt den Roman als ein „Herbarium des deutschen Mannes“ und als einen „Anatomie-Atlas des Reiches“ und entgegnet den Kritikern: „Das gibt es nicht – das kann es nicht geben! Karikatur! Parodie! Satire! Pamphlet! Und ich sage: bescheidene Fotografie. Es ist in Wahrheit schlimmer, es ist viel schlimmer.“ Insbesondere das konservative Bürgertum nahm Heinrich Mann den Rundumschlag gegen die kaiserliche Zeit übel. 

Die Zeit im Bild hatte den Vorabdruck 1914 zu Beginn des Ersten Weltkrieges eingestellt mit einem Brief an Heinrich Mann: „Im gegenwärtigen Augenblick kann ein großes öffentliches Organ nicht in satirischer Form an deutschen Verhältnissen Kritik üben. Die durch die künstlerische Behandlungsweise des Stoffes geschaffene Distanz vom Leben dürfte in so erregten Zeiten wohl nur von den Allerwenigsten beachtet und anerkannt werden. Man würde das Inhaltliche des Romans ‚Der Untertan‘ als reale Tatsache halten. So betrachtet würden einzelne Stellen des Untertans bei der jetzigen kritischen Situation leicht im breiteren Publikum Anstoß erregen. Ganz abgesehen davon dürften wir bei der geringsten direkten Anspielung politischer Natur, etwa auf die Person des Kaisers, die ärgsten Zensurschwierigkeiten bekommen.“ Sein Verleger Kurt Wolff war begeistert und schreibt an den Verlagsdirektor „Hier ist der Anfang dessen, was ich immer suchte: der deutsche Roman der Nachgründerzeit“ und „Das Deutschland der ersten Regierungsjahre Wilhelms II., gesehen als ein Zustand, der den Krieg von 1914 heraufbeschwören musste.“

In der Weimarer Republik ist der Schriftsteller Heinrich Mann zu einer öffentlich-politischen Figur geworden, dies spiegeln auch die Rezensionen seines Romans wieder.

So schrieb Adolf Bartels 1921: „Mir ist Heinrich Mann immer zu wüst gewesen, als daß ich ihn hätte ernst nehmen können; seit seinen letzten Romanen, zumal dem „Untertan“, betrachte ich ihn einfach als nationalen Schädling. Gewiß sind Satire und auch Groteske berechtigt, aber sie dürfen nicht von reiner Böswilligkeit getragen sein.“

Kurt Tucholsky schrieb 1927 hingegen: „Es spricht für den genialen Weitblick des Künstlers, der den „Untertan“ geschrieben hat, daß nichts, aber auch nichts, was in diesem Buche steht, so übertrieben ist, wie seine Feinde es gern wahr haben möchten.“

Im nationalsozialistischen Deutschland wurden Heinrich Manns Werke auf die Schwarze Liste gesetzt und 1933 verboten. Die Zensoren begründeten ihre Entscheidung wie folgt: „Ressentiment-erfüllter Schriftsteller, der seine große Begabung dazu benutzt, das nationale Deutschland lächerlich zu machen; z.T. auch zersetzend.“ So wurden seine Werke auch bei der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 mit dem Ausruf: „Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat!“ auf den Scheiterhaufen geworfen. 

Von Arthur Schnitzler erhielt Heinrich Mann nach dem Erscheinen des Buches folgenden Brief: „Zwischen Weihnachten und Neujahr habe ich Ihren „Untertan“ gelesen, der mir, selbst an Ihren Werken gemessen, eine außerordentliche Leistung vorzustellen scheint; kühn im Entwurf, unerbittlich in der Durchführung, von wildestem Humor, und mit unvergleichlicher Kunst erzählt.“

Ein offener Brief von Hermann Nagel hingegen bot das andere Ende des Spektrums: „Untertanen von Ihrem Schlage befinden sich nur in Ihrem beschränkten Gesichtskreise, in Berlin WW und im Café „Größenwahn“, darin setze ich keinen Zweifel. Und insofern, als sie nur Ihren eigenen Gesellschaftskreis, Ihr trautes Heim und Ihre Freunde schildern, möchte ich dem keinen ernstlichen Widerspruch entgegensetzen.“

Als die Literaturzeitschrift „Akzente“ im Jahr 1969 eine Umfrage unter 26 deutschen Schriftstellern nach der Wirkung Heinrich Manns auf das eigene literarische Wirken veranstaltete, hat die Mehrheit bekannt, kaum etwas von Heinrich Mann gelesen zu haben. Heinrich Böll hingegen hielt Heinrich Mann 1969 immer noch für relevant: „fünfzig Jahre nach seinem Erscheinen erkenne ich immer noch das Zwangsmodell einer untertänigen Gesellschaft.“ 

Insgesamt scheint das Thema des Romans hinter die Person und das Gesamtwirken des Autors Heinrich Mann zurückzutreten, auch haben die kaiserlichen Anspielungen und das Panorama der wilhelminischen Gesellschaft nicht dieselbe unmittelbare Wirkung, wie nach dem Erscheinen des Romans 1918. So schreibt Peter Sprengel 1992: „Als ebenso epochengebunden erweist sich die zentrale Rolle, die das Motiv der Majestätsbeleidigung in der Handlung des Romans besitzt. Wäre dergleichen vorstellbar in einer Zeit, in der nicht der Ausarbeitung eines solchen Werks selbst die Qualität einer Majestätsbeleidigung zukam?“ Für Helmut Koopmann jedoch geht es im Roman um den Verfall einer Gesellschaft: „dieser Roman ist eine Verfallsgeschichte, auch wenn diejenigen, die überleben, sehr mächtig geworden sind. Die Untertanenmentalität bildet sich aus, als die Ideale der Französischen Revolution nicht mehr lebensfähig waren.“

Veröffentlicht am 19. August 2022. Zuletzt aktualisiert am 21. September 2022.