Der Untertan

Kapitel 2

Zusammenfassung

Nach seiner Begegnung mit dem Kaiser trifft Diederich auf Agnes, die er zuletzt vor drei Jahren gesehen hat. Er erzählt ihr von seiner Begegnung mit dem Kaiser, wobei er seinen Fall in die Pfütze verschweigt und von seinem Militärdienst. Da wegen der Demonstration alle Straßen abgesperrt sind und keine Busse fahren, nimmt Diederich Agnes mit in sein Apartment. Dort gesteht Agnes Diederich, dass sie damals schon Gefühle für ihn hatte und sie geben sich einander hin. Agnes lädt ihn zu Sonntag zu den Göppels ein. Beflügelt von der Liebe zu Agnes ist Diederich gegenüber Arbeitslosen und Juden milde gestimmt und erkennt sie nicht als Feinde, sondern als Menschen.

Bei den Göppels tritt er formvollendet auf und macht viel Eindruck auf die Familie. Es entsteht eine feste Liebschaft mit Agnes, die Diederich sehr glücklich macht. Erste Gewitterwolken ziehen jedoch auf, als Agnes zu viel von Diederichs Zeit beansprucht und ihm eine Karriere ausreden will. Er lässt sie absichtlich in seinem Apartment warten, während er an politischen Versammlungen teilnimmt. Als er eines Abends verspätet nach Hause kommt, trifft er vor seiner Tür Wolfgang Buck, den Sohn des alten Buck. Als er ihn mit in sein Apartment nimmt, muss Agnes sich verstecken und warten, bis Wolfgang Buck gegangen ist. Dieser erzählt Diederich, dass er sich nicht entscheiden könne, ob er General oder Arbeiterführer werden wolle, er sei unentschlossen - was Diederich missbilligt. Er überlegt, einen Streit anzuzetteln, verwirft diesen Gedanken jedoch angesichts der Uniform von Wolfgang Buck und der sich versteckenden Agnes. Diederich tut ihn als Schöngeist ab und fühlt sich gedemütigt durch Wolfgang Bucks Manieren, Eloquenz und seiner Freundschaft mit Offizieren. Als Wolfgang Buck schließlich geht, befreit Diederich die aufgelöste Agnes aus der Kammer und versichert ihr seine Liebe – trotz seiner abweisenden Art in letzter Zeit. Zudem weiß er durch den Buchhalter Sötbier, dass es mit Göppels Geschäften bergab geht, und er fühlt sich von Agnes und ihrem Vater zur Heirat gedrängt. Als er seine Doktorarbeit abgibt, ist er wieder guter Dinge und fährt mit Agnes aufs Land. Dort verbringen sie schöne Tage und gestehen sich immer wieder ihre Liebe zueinander. Zurück in Berlin geht Diederich jedoch wieder auf Abstand zu Agnes und fühlt sich von ihr an der Nase herumgeführt. Er verbringt nun seine Zeit bei den Neuteutonen, mit Lernen und kehrt erst spät nach Hause zurück, um Agnes nicht zu begegnen. Nach vierzehn Tagen schreibt sie ihm einen Brief, in dem sie ihm gesteht, wie unglücklich sie ist. Diederich wirft den Brief voller Verachtung in eine Schublade und zieht weiter nach Norden um, um Agnes zu meiden.

Eines Abends wartet Herr Göppel auf ihn, um ihn wegen Agnes zu sprechen, der es nicht gut geht. Er lädt Diederich zu Sonntag zu sich nach Hause ein, doch Diederich schlägt die Einladung aus. Schließlich kommt Herr Göppel auf den Punkt und drängt Diederich zur Heirat mit Agnes, auch aus geschäftlichen Gründen. Das macht Diederich wütend und er fordert Herrn Göppel zum Duell auf, was dieser ausschlägt. Schließlich weist Diederich Herrn Göppel darauf hin, dass Agnes nicht unberührt in die Ehe gehen würde, was gegen seine Ehre wäre. Herr Göppel zieht unverrichteter Dinge von dannen.

Diederich fühlt sich nun durch die Studentenverbindung, den kurzen Militärdienst und seinen Patriotismus gewachsen und »tauglich« und so lässt er sich auch äußerlich den Offizieren und Adeligen angleichen, indem er seinen Schnurrbart in spitzen Winkeln Richtung Augen binden lässt.

Analyse

In diesem Kapitel geht es hauptsächlich um die Liebesbeziehung zu Agnes, die er nach drei Jahren wiedertrifft. Er kann mit ihrer Liebe nicht umgehen, denn eine Beziehung auf Augenhöhe hat er nie kennengelernt. Da er Menschen nur nach dem Prinzip »über mir« oder »unter mir« einteilt, erscheint ihm Agnes nach ihrem Liebesgeständnis an ihn »verkleinert und sehr in ihrem Wert gesunken, seit er den Beweis hatte, dass sie ihn liebte« (59). Auch sein mangelndes Selbstwertgefühl als Individuum kommt zum Vorschein, als Agnes zu ihm sagt: »Ich hab‘ nur dich!« und Diederich antwortet: »Dann hast du nicht viel« (59).

Und während Agnes eine partnerschaftliche Beziehung anstrebt, erlebt Diederich die Beziehung zu Agnes als Machtkampf, bei dem er unbedingt gewinnen will. Zum Schluss fühlt er nur noch »Spott« für sie übrig, denn »eine Geliebte, die ihn an seiner Karriere hindern wollte, könne er überhaupt nicht brauchen« (68).

Als ihr Vater, der alte Göppel, ihn besucht, hat er auch für ihn nur Verachtung übrig. Er präsentiert sich dem Vater gegenüber als moralisch überlegen, indem er die Reinheit von Agnes anspricht: »…mein moralisches Empfinden verbietet es mir, ein Mädchen zu heiraten, das mir ihre Reinheit nicht mit in die Ehe bringt!« (87). Dass dies nur seiner Doppelmoral geschuldet ist, stellt sich später bei seiner Beziehung mit Guste heraus, die er problemlos heiraten konnte. Hier präsentiert sich auch zum ersten Mal der opportunistische Aspekt in Diederichs Charakter, denn ihm ist die Mitgift von Agnes zu wenig, da es mit »Göppels Geschäft bergab ging« (73).

In der Figur des Wolfgang Buck erhält Diederich einen Gegenpart, dem Ränge, Militär und Macht nichts bedeuten, sondern nur Manieren und Charakter. Damit fordert er Diederichs Weltbild einer hierarchischen Weltordnung heraus, denn »auf Niveau kommt es an, nicht auf Auszeichnung, und am allerwenigsten auf große Männer« (70), woraufhin Diederich ihn einerseits als »Alkoholiker« (71) degradiert, andererseits jedoch seine Uniform bewundert. Auf diese Weise wird auf diesen Seiten der Kern für die weitere Rivalität, aber auch Freundschaft der beiden gesät.

Diederich passt sich nun auch optisch der höchsten Macht – dem Kaiser – an, indem er sich seinen Schnurrbart genauso frisieren lässt. Damit ist auch optisch seine Verwandlung in einen kaisertreuen Untertanen vollzogen.

Veröffentlicht am 12. Oktober 2022. Zuletzt aktualisiert am 12. Oktober 2022.