Was ist ein Euphemismus?

Der Euphemismus ist ein Stilmittel, mit dessen Hilfe ein Sachverhalt, ein Gegenstand oder eine Person beschönigend umschrieben wird. In vielen Zusammenhängen kann es sinnvoll sein, unangenehme Wahrheiten positiver klingen zu lassen. Deshalb findet man Euphemismen sowohl in der Literatur als auch im Alltag, in der Werbung, in der Wirtschaft und in der Politik.

Der Begriff Euphemismus stammt aus dem Griechischen und heißt frei übersetzt »Worte von guter Bedeutung«. Die Alltagssprache kennt beispielsweise viele Euphemismen im Zusammenhang mit den Tabuthemen Krankheit und Tod. Dies sind Redewendungen wie »sanft entschlafen«, »für immer eingeschlafen«, »über den Jordan gehen« und noch viele mehr.

Die Bildung von Euphemismen

Euphemismen werden auf unterschiedliche Weise gebildet:

  • Es gibt Umschreibungen wie »gut beieinander« für dick.
  • In manchen Fällen wird nur ein Teil des Ganzen genannt. So bezeichnen viele Menschen die schwere Krankheit Krebs nur als »die Krankheit«.
  • Gern werden auch Wortspiele wie »Sapperment« für Sakrament benutzt.
  • Durch Euphemismen in Form von Abkürzungen soll häufig ein eher peinliches Wort vermieden werden. So kam das heute allgemein gebräuchliche »BH« für Büstenhalter zustande.
  • Besonders verbreitet ist die Verwendung von Fach- und Fremdwörtern. Wird das englische Wort »Event« für eine beliebige Veranstaltung verwendet, soll diese aufgewertet werden.
  • Auch mit einer aus einer Fremdsprache übernommenen Schreibweise ist eine Aufwertung beabsichtigt. Dies kommt häufig in der Werbung und in Produktbezeichnungen vor. Hier finden sich beispielsweise die Schreibweisen »Cosmetic« und »Cigaretten«.

Euphemismen ersetzen die ursprüngliche Bezeichnung

Nach einiger Zeit nehmen viele Euphemismen den als negativ empfundenen Sinngehalt der Bezeichnung an, die sie ersetzen. Oder sie verlieren zumindest die beschönigende Wirkung und werden zu neutralen Begriffen.

So ist heute zum Beispiel der ursprünglich eher scherzhaft verwendete Euphemismus »Raumpflegerin« so gebräuchlich, dass er als normale Berufsbezeichnung empfunden wird. Damit wurde der Begriff »Putzfrau« fast vollständig verdrängt. Für die »Raumpflegerin« sind bereits neue Euphemismen im Umlauf. Heute noch fast ausschließlich scherzhaft gemeint ist der Euphemismus »Parkettkosmetikerin«.

Euphemismen im Alltag

Im täglichen Sprachgebrauch gibt es auffallend viele Euphemismen in Lebensbereichen, über die zahlreiche Menschen nicht gern offen sprechen. Neben Krankheit und Tod sind dies beispielsweise Sexualität, Körperfunktionen und bestimmte Körperteile. So werden etwa für Geschlechtsteile immer wieder neue Bezeichnungen erfunden. Nur wenige Menschen verwenden in privaten Zusammenhängen die medizinisch korrekten Bezeichnungen.

Euphemismen in der Alltagssprache sollen auch häufig bestimmte Dinge, Tätigkeiten und Menschen aufwerten. Dies geschieht etwa, wenn sich ein Friseur als »Coiffeur« bezeichnet.

Euphemismen in der Literatur

Euphemismen charakterisieren vor allem denjenigen, der sie benutzt. Daher findet man sie in der Literatur vorrangig in Dialogen. In Texten mit einem allwissenden/auktorialen Erzähler kommen sie eher selten vor.

Indem eine literarische Figur Euphemismen verwendet, können ihre Tabus deutlich gemacht waren. Ein offener Mensch nennt die Dinge eher beim Namen als eine gehemmte Persönlichkeit.

Auch Rücksichtnahme, spöttische Einstellungen oder die ironische Sichtweise bestimmter Themen lassen sich in Dialogen an den entsprechenden Euphemismen erkennen.

Euphemismen im literarischen Dialog machen auch negative Charaktermerkmale deutlich. Dies können Schmeichelei, Unehrlichkeit oder Versuche, andere Personen zu manipulieren, sein.

Außerhalb von Dialogen charakterisieren Euphemismen Figuren dann, wenn Szenen aus ihrer Sicht geschildert werden (personale Erzählweise). In literarischen Texten mit Ich-Erzählern tragen Euphemismen durchgängig zur Charakterzeichnung des Erzählers oder der Erzählerin bei.

Euphemismen in Politik, Wirtschaft und Werbung

In der Politik werden unangenehme Sachverhalte häufig mithilfe von Euphemismen beschönigend dargestellt. Ein bekanntes Beispiel hierfür der Begriff »Nullwachstum«. Wenn Politiker fordern, dass Bürger »mehr Eigenverantwortung übernehmen«, geht es in der Regel darum, dass diese etwas aus eigener Tasche bezahlen sollen.

Ähnlich verhält es sich in der Wirtschaft. Hier redet man von »freisetzen«, wenn Personal entlassen wird. Und eine Verteuerung von Dienstleistungen wird gern »Entzerrung des Preisgefüges« genannt.

Ähnlich wie im Alltag, spielt in Politik und Wirtschaft die positivere Darstellung eigentlich negativer Sachverhalte eine wichtige Rolle, um sich als Verantwortlicher gut darzustellen. Angstbesetzte Themen und Tabus werden mithilfe von Euphemismen »leichter verdaulich« (ebenfalls ein Euphemismus!) gemacht.

Werbetexte vermeiden naturgemäß angstbesetzte Themen und Tabuthemen und beschreiben die Ware positiv. Deshalb sind hier Euphemismen besonders verbreitet. So ist in Werbung für Deodorant grundsätzlich von »Transpiration« die Rede und nicht davon, dass jemand schwitzt.