Jede Sprache lebt durch die Menschen, die sie sprechen. Sprache ist ein natürliches Gebilde, das ständig in Bewegung ist und sich an veränderte Gegebenheiten anpasst. Neue Wörter, sogenannte Neologismen, werden zum Beispiel von Jugendlichen »erfunden« oder umgeprägt; auch Wissenschaft, Politik und Gesellschaft kreieren Begriffe für neue Sachverhalte. Unterdessen sind Schriftsteller, Dichter und Werbefachleute auf der Suche nach dem perfekten, dem unverwechselbaren Ausdruck. Gibt es ihn noch nicht, so greifen sie zu dem beliebten Stilmittel des Neologismus.

Inhaltsverzeichnis

  1. Was ist ein Neologismus?
  2. Wo entstehen Neologismen?
  3. Wie werden Neologismen gebildet?
  4. Der Neologismus in der Literatur
  5. Der Neologismus in der Werbung
  6. Abgrenzung von anderen Stilmitteln

Was ist ein Neologismus?

Als Neologismus bezeichnet man eine Wortneuschöpfung, Wortneubildung oder Neubedeutung. Neologismen sind Bestandteil jeder lebendigen Sprache. Zugleich zählt der Neologismus zu den grundlegenden Stilmitteln in der Literatur: Er kann insbesondere die Originalität eines Textes unterstreichen. Auch die Werbung nutzt Wortneubildungen, um den Verbraucher gezielt und unverwechselbar anzusprechen.

  • Ostalgie = Sehnsucht nach dem Leben in der DDR, gebildet aus Ost(deutschland) und Nostalgie
  • Neusprech = die zu politischen Zwecken umgestaltete Sprache in George Orwells dystopischem Roman »1984«
  • Aprilfrische = laut Eigenwerbung bereits seit den 1960er Jahren der Duft des Weichspülmittels »Lenor«
Begriffsherkunft

Der Begriff Neologismus lässt sich ableiten aus dem griechischen néos = neu und lógos = Wort. Die Definition ist also Neuwort oder neues Wort.

Wo entstehen Neologismen?

Im Allgemeinen füllen Neologismen sprachliche Lücken: Sie entstehen in einer Sprachgemeinschaft überall dort, wo sich ein Ding, ein Umstand, ein Gefühl o. Ä. mithilfe bekannter Begriffe nicht oder nur unzureichend benennen lässt. Neologismen können auch Dinge vereinfacht ausdrücken, oder Wörter, die es bereits gibt, auf neue Sachverhalte übertragen (bekanntes Beispiel für eine sprachliche Neuprägung ist »surfen«).

1. Jugendsprache

Die Jugendsprache ist eine der wichtigsten Quellen für Neuwörter oder Neubedeutungen. Seit 2008 ermittelt der Langenscheidt-Verlag mithilfe einer (umstrittenen) Umfrage jeweils das Jugendwort des Jahres.

  • hartzen = eigentlich: von Hartz IV leben; inzwischen wird das Verb auch als Synonym für untätig sein oder faulenzen verwendet; Jugendwort des Jahres 2009
  • chillen = entspannen, sich abregen
  • Smombie = jemand, der seine ganze Aufmerksamkeit nur auf sein Smartphone richtet und ähnlich einem Zombie nichts mehr von seiner Umgebung wahrnimmt; Jugendwort des Jahres 2015

2. Fremdsprachen

Die deutsche Sprache enthält zahlreiche Wörter, die ihren Ursprung im Englischen haben. Camping ist ein solches Wort – es stand 1941 zum ersten Mal im Duden. 50 Jahre später, also 1991, fand der Laptop Eingang in die deutschen Wörterbücher. In manchen jüngeren Neuwörtern ist der (eingedeutschte) Anglizismus noch deutlicher wahrnehmbar.

  • traden = Handel treiben; an der Börse (mit Wertpapieren) handeln
  • Insiderhandel = Geschäfte, bei denen Investoren Informationen nutzen, die nicht öffentlich zugänglich sind, um daraus wirtschaftliche Vorteile zu ziehen
  • flashen = begeistern; das Wort kommt ursprünglich aus dem Musikjargon; »geflasht« sein kann man auch von einer ungewöhnlichen Begegnung oder einem tollen Geschenk
  • fluffig = leicht, luftig, locker (engl. fluffy); kann sich sowohl auf einen Kuchen beziehen als zum Beispiel auch auf eine Frisur

Aus dem sogenannten Kiezdeutsch von Jugendlichen mit Migrationshintergrund finden auch Arabismen Eingang in die deutsche Sprache.

  • yalla = schnell
  • Cho = Bruder

3. Digitalisierung

Die Digitalisierung brachte eigene Begriffe mit – zumeist aus dem Englischen: Wörter wie »downloaden«, »swipen« oder »liken« sind heute fest im Alltag verankert. Besonders interessant ist die Entstehung von selbständigen Verben im Gefolge von Internetdiensten.

  • googeln = recherchieren im Internet mit einer Suchmaschine, zumeist Google®, gegründet 1998
  • twittern = (engl. zwitschern) Veröffentlichung von kurzen Nachrichten (Tweets) über die Plattform Twitter®, gegründet 2006
  • tindern = Leute kennenlernen, indem man die Dating-App fürs Smartphone Tinder®, gegründet 2012, nutzt

4. Gesellschaft, Politik und Wissenschaft

Die sich ständig verändernde Welt braucht und erfindet in allen Bereichen neue Wörter. Entwicklungen in der Technik, in Medizin und Psychologie oder in Wirtschaft und Politik gehen mit einem Sprachwandel einher.

  • Entschleunigung oder entschleunigen = eine immer schneller werdende Entwicklung, Tätigkeit o. Ä. bewusst verlangsamen (seinen Alltag, das Familienleben, die Finanzmärkte)
  • Eventgastronomie = ein Restaurant oder anderer gastronomischer Betrieb, der neben dem eigentlichen Essen künstlerische Vorführungen anbietet
  • Kundenkarte = eine für einen längeren Zeitraum gültige Karte, die das Unternehmen einem Kunden ausstellt, und die ihm verschieden Vorteile beim Einkauf gewährt
  • Grexit, Brexit = Kofferwörter aus den Anfangsbuchstaben eines EU-Landes, im Beispiel Griechenland (Greece) oder Großbritannien (Britain) und dem englischen Wort für Ausstieg exit, die das Verlassen der EU meinen

5. Werbung

Mitunter lösen sich Begriffe, die von kreativen Werbetextern eigens dazu erfunden wurden, die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Produkt zu lenken, aus ihrem engen Kontext. Sie werden dann als Neologismus auch im »normalen Leben« verwendet.

Bekannte Beispiele:
  • porentief
    aus der Werbung von »Clearasil« (besonders gründlich)
  • aprilfrisch
    aus der Werbung von »Lenor« (frühlingshafte Leichtigkeit und Frische)
  • unkaputtbar
    aus der Werbung (für Verpackungen, die unzerstörbar sind)
  • den Tiger im Tank haben
    aus der Esso-Werbung (meint ein Auto oder einen Menschen, das oder der besonders stark, schnell oder leistungsfähig ist)
Neologismen-Wörterbuch

Im Jahre 2004 erschien Band 11 der Schriften des Instituts für Deutsche Sprache. Es handelt sich um ein großes Wörterbuch mit Neologismen. Die Autoren haben darin etwa 700 Wortneubildungen gesammelt, die in den 1990er Jahren Eingang in die deutsche Allgemeinsprache gefunden haben.

Ein kleiner Band aus dem Duden-Verlag stellt unter dem Titel: »Unsere Wörter des Jahrzehnts« (ursprüngliche) Neologismen vor, die zwischen 2000 und 2010 neu in den Wortschatz des Duden aufgenommen wurden. Dazu gehörten zum Beispiel »Chai Latte«, »Alcopop«, »E-Learning« oder »talentfrei«.

Wie werden Neologismen gebildet?

Neologismen kommen auf unterschiedliche Weise zustande. Die Sprachtheorie, ein Bereich der Literaturwissenschaft, hat dies untersucht. Gewöhnlich entstehen Neologismen

  • durch Komposition (= Zusammensetzung) selbständiger Wörter, zum Beispiel »Dosenpfand« oder »Genmais«;
  • durch Derivation (= Ableitung) neuer Wörter aus einem Ursprungswort mithilfe eines Affixes, zum Beispiel »Cyberkriminalität« oder »Cybersex«;
  • durch Abkürzung, zum Beispiel »SMS«, »Zivi« oder »FAQs«;
  • durch Zusammenziehung vorhandener bekannter Elemente, zum Beispiel »Telearbeitsplatz«;
  • durch Eindeutschung von Fremdwörtern, zum Beispiel »Eskapismus« (engl. escapism), »downloaden«, »updaten« oder »liken«;
  • durch Bedeutungsverlagerung: Ein »Zweck« war ursprünglich ein Nagel, heute bezeichnet er laut Duden »Beweggrund und Ziel einer Handlung».
Kritik am Sprachwandel im Alltag

Der Sprachwandel wird von mehreren Institutionen kritisch begleitet. Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) ist ein Verein, der von der Kultusministerkonferenz finanziert wird. Er hat sich der Pflege der deutschen Sprache verschrieben. Zudem erforscht er den Wandel der Sprache und spricht Empfehlungen für den Sprachgebrauch aus. Seit 1971 wählt die GfdS ein »Wort des Jahres«. 2016 war es der Neologismus »postfaktisch« (= nach den Fakten, der Begriff beschreibt eine Zeit, in der Gefühle oder »gefühlte Wahrheiten« zunehmend wichtiger werden als Fakten oder die Wahrheit an sich).

Der Verein »Deutsche Sprache« beklagt wesentlich entschiedener den Verfall der deutschen Sprache und wehrt sich zum Beispiel vehement gegen den Einzug von Anglizismen. Da aber die Sprache ein Spiegelbild gesellschaftlicher Veränderungen ist, lässt sich ein Sprachwandel durch nichts aufhalten.

Der Neologismus in der Literatur

Der Neologismus ist eines der grundlegenden stilistisch-rhetorischen Mittel in der Literatur. Schriftsteller setzen ihn ein, um

  • die literarische Sprache von der Alltagssprache abzuheben;
  • den eigenen und unverwechselbaren Stil zu unterstreichen;
  • die Bedeutung einer Aussage oder eines Texts zu nuancieren;
  • in Science-Fiction- oder Fantasy-Literatur eine dem fantastischen Inhalt gemäße Sprache zu haben.
Beispiele aus der Lyrik:

»O taumelbunte Welt«
aus Hermann Hesses Gedicht »Vergänglichkeit« (1919)

»Wenn […] Du am Erdenhimmel uns erscheinst,
Unsrer schönern Zukunft Morgenrot!«
aus Hermann Hesses Gedicht »Friede« (1914)

»Ich bin so knallvergnügt erwacht«
aus dem Gedicht »Morgenwonne« von Joachim Ringelnatz

»Die Flur bestäubt mit Aschensaat
aus Gottfried Kellers Gedicht »Land im Herbste« (1879)

Beispiele aus der Prosa:

»Halbundhalbgott«
aus Hermann Hesses Roman »Steppenwolf« (1927)

»Ich ›spiele‹ Schach im wahrsten Sinne des Wortes, während die anderen, die wirklichen Schachspieler, Schach ›ernsten‹, um ein verwegenes neues Wort in die deutsche Sprache einzuführen.«
aus Stefan Zweigs »Schachnovelle« (1942)
Das Ungewöhnliche an diesem Beispiel ist, dass Stefan Zweig den Leser auf den Neologismus extra hinweist.

Beispiele aus Science Fiction und Fantasy:

»Neusprech«
aus George Orwells dystopischen Roman »1984« (1948)

»Neusprech« ist die amtliche Sprache des fiktiven Staats Ozeanien und der Oberbegriff, unter dem Orwell weitere Neologismen wie zum Beispiel »Engsoz«, »Gedankendelikt« oder »Doppeldenk« einführt.

»Zamonien«
aus Walter Moers‘ Roman »Die dreizehn1/2 Leben des Käpt’n Blaubär«
In seiner Romanreihe aus dem fiktiven Land Zamonien schildert Walter Moers ein ganzes Universum mithilfe von Neologismen. Als Beispiel seien die »Buchlinge« (eine Daseinsform, die Bücher verehrt) genannt, die »Schrecksen« (schreckliche Wesen, die angebliche Eigenschaften von Hexen haben) oder das »Ormen« (ein Ratespiel).

Der Neologismus in der Werbung

Werbung soll die Aufmerksamkeit potentieller Kunden auf ein bestimmtes Produkt lenken. Dabei ist Kreativität im Umgang mit Sprache gefragt. Werbung ist deshalb eine ergiebige Quelle für Sprachneuschöpfungen.

  • Entdecke die neue Pflanzlichkeit (Rama-Margarine)
  • NOVOTEL ist ein Kunstwort aus Novus (latein: neu) und Hotel
  • Best Ager = Zielgruppe, die als besonders anspruchsvoll und konsumfreundlich gilt

In der Werbebranche werden nicht nur ständig neue Begriffe erfunden, um Menschen und Märkte zu beeinflussen. Ebenfalls häufig anzutreffen sind Wortneubildungen. Dabei werden bekannte Wörter neu zusammengesetzt, um beim Konsumenten positive Assoziationen zu erzeugen.

  • Schmusewolle (Waschmittel Perwoll)
  • knusperleicht (Duplo-Schokoriegel)
  • Die Media Märkte laden ein zum Frühshoppen (Einfach mal Schnäppchen zum Frühstück)

Abgrenzung von anderen Stilmitteln

Archaismus als Gegenteil von Neologismus

Jede lebendige Sprache ist einem natürlichen Wandel unterworfen: Neue Begriffe entstehen, während andere aus dem Sprachgebrauch verschwinden. Sprache verändert sich nicht nur durch Neologismen, sondern auch durch ihr Gegenteil, die Archaismen. Ein Archaismus bezeichnet einen sprachlichen Ausdruck, der unmodern geworden ist. Er stammt aus einer anderen Zeit und ist heutzutage ungebräuchlich. Der Duden kennzeichnet solche Begriffe als sprachlich veraltend oder veraltet.

Beispiele für Archaismen:
  • Backfisch:
    (veraltet) für weiblicher Teenager
  • Wickelkind:
    (veraltend) für Kind
  • Oheim:
    (veraltet) für Onkel
  • Zögling:
    (veraltend) für Kind, Schüler

Okkasionalismus als mögliche Vorstufe eines Neologismus

Ein Okkasionalismus ist ein Gelegenheitsbegriff, der sozusagen aus dem Stand und auf die Situation bezogen gebildet wird. Ein Säugling, der immer viel zu hastig trinkt und einen Teil der Milch wieder ausspuckt, wird zum Beispiel von seinen Eltern liebevoll »kleiner Spuckling« genannt.

Würde sich der Begriff auch bei anderen Eltern und später in der Gesellschaft verbreiten, könnte aus dem Okkasionalismus »Spuckling« ein Neologismus werden. Dieser könnte dann sogar in den allgemeinen Sprachgebrauch übergehen.

Sobald er sich jedoch in der Sprache etabliert hätte, dürfte er streng genommen nicht mehr als Neologismus bezeichnet werden. Eine Wortneubildung lässt sich also meistens nur in einem festen zeitlichen Kontext betrachten.