Die rhetorische Frage gehört zu den ältesten und meist genutzten Stilmitteln der Rhetorik. Zu finden sind rhetorische Fragen in der Politik, der Literatur, in der Werbung und im ganz alltäglichen Miteinander.


Aufgabe und Ziele der rhetorischen Frage

Nach außen hin ist die rhetorische Frage mit einer ganz herkömmlichen Frage – einem fragenden Satz mit Fragezeichen – vergleichbar. Inhaltlich ist sie aber eher ein Wolf im Schafspelz, weil sie nicht den Zweck einer Frage erfüllt (»unechte Frage«). Die Motive einer rhetorischen Frage sind völlig anderer Natur.

Ziel der rhetorischen Fragestellung ist nicht die Erlangung von Informationen, sondern eine beabsichtigte Zustimmung zu gemachten Aussagen (»Wollen wir uns das gefallen lassen?«) oder eine Beeinflussung des Gegenübers (»Glaubt Ihr das wirklich?«). Mit einer fundierten Antwort rechnet der Fragesteller nicht. Während eine herkömmliche Frage dem Erlangen von Informationen dient, kann die rhetorische Frage die entsprechenden Informationen bereits enthalten (direkt oder indirekt).

Rhetorische Fragen dienen auch der Provokation, zur Erhöhung der Aufmerksamkeit und zur Erlangung bestimmter Schlussfolgerungen. Ferner sind rhetorische Fragen ein gerne genutztes Hilfsmittel, um Zuhörer zu manipulieren, bestimmte Sachverhalte zu suggerieren, Gemeinsamkeiten zu untermauern oder um den Gesprächsverlauf zu steuern. Deswegen sind vor allem die Politik und die Werbung stark von rhetorischen Fragen geprägt. Inhaltlich machen solche Fragen also eher eine Aussage und nur das Fragezeichen am Satzende machen sie zu einer Frage.


Aufbau und Typisierung rhetorischer Fragen

Grundsätzlich werden mehrere Arten der rhetorischen Fragen unterschieden. Der Rostocker Sprachwissenschaftler Schmidt-Radefeldt beispielsweise untergliederte die rhetorische Frage nach ihrem Antwortgehalt.

Auto-Responsive Rhetorical Question

Die Frage: »Wer würde schon eine Wohnung aufbrechen, wenn nicht ein Einbrecher?« enthält bereits die beabsichtigte Antwort. Hier handelt es sich daher um eine sogenannte ARQ-Frage (Auto-Responsive Rhetorical Question).

Implicative Rhetorical Question

Bei der IRQ-Frage (Implicative Rhetorical Question) ist die Frage mit der gewünschten oder möglichen Antwort verknüpft. So ließe sich »Wer würde schon eine Wohnung aufbrechen?« mit »Einbrecher« beantworten.


Die rhetorische Frage in stolzer Tradition

Die Verwendung von rhetorischen Fragen zieht sich durch die gesamte Literaturgeschichte. Bereits der römische Redner und Schriftsteller Marcus Tullius Cicero nutzte die Wirkung der besonderen Fragestellung und verfasste mehrere rhetorische Schriften. So beginnen seine vier »Reden gegen Catilina« (63 v. Chr.) beispielsweise mit den Worten »Wie lange willst du, Catilina, unsere Geduld noch missbrauchen?«. Diese Fragestellung zielt auf Bestätigung und Zustimmung ab.

Auch der Theologe Martin Luther wusste um die Bedeutung der rhetorischen Frage. In seinen »Gesampten teutschen Schrifften« ist zu lesen: »Es wurden Christo und seinen Aposteln ihre Wort verkehret, sollten sie denn nicht auch mir meine Wort verkehren?«

Friedrich Schiller nutzt die rhetorische Frage beispielsweise in seiner Ballade »Die Kraniche des Ibykus«. Dort ist zu lesen: »Wer zählt die Völker, nennt die Namen, die gastlich hier zusammenkamen?« Hier dient die Frage dazu, die Bedeutung vieler beteiligter Völker hervorzuheben.

In einem Brief des Schriftstellers Georg Büchner beklagt er die negativen Eigenschaften der Menschheit mit den Worten: »Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?« Diese rhetorische Frage erwartet keine Antwort. Vielmehr geht daraus die Ausweglosigkeit von Änderungsversuchen hervor.


Die rhetorische Frage in der Gegenwart

Ebenso wie andere Stilmittel, so hat sich auch die rhetorische Frage im Laufe der Jahrhunderte behauptet und wurde immer wieder auch gezielt eingesetzt, um den oder die Zuhörer zu beeinflussen, zu manipulieren oder zu überzeugen. Das macht die rhetorische Frage zum perfekten Instrument für die Politik und für das Marketing.

Politiker (und ihre Redenschreiber) haben das hilfreiche Stilmittel zu einem Kunsthandwerk entwickelt. Gerade politische Debatten oder auch Wahlkampfreden sind durchsetzt von rhetorischen Fragen. So kann »Wie lange will Deutschland sich das noch bieten lassen?« den Zuhörern Abneigung und Missbilligung suggerieren. Auch »Ist das denn noch normal?« bewirkt im Kontext mit politischen Gegnern eine Schmälerung ihrer politischen Erfolge oder Strategien.

Eine weitere Paradedisziplin für die rhetorische Frage ist die Werbebranche. In Kampagnen, Clips, Werbespots und Dauerwerbesendungen werden regelmäßig rhetorische Fragen gestellt, um die Verbraucher zu überzeugen. Das funktioniert so gut, dass viele Zuschauer – obwohl sie um den zweifelhaften Wahrheitsgehalt der Werbesprache wissen – die angepriesenen Produkte kaufen.

Werbestrategen bedienen sich dabei unterschiedlichen Fragestellungen. Das ganz selbstverständliche Verlangen nach gutem Aussehen wird beispielsweise mit »Haben sie das nicht auch satt?« oder »Warum machen sie nicht Schluss damit?« noch forciert. Auch das unbewusste Hervorheben angeblicher Nachteile lässt sich mit einer rhetorischen Frage erreichen. Dafür steht beispielsweise »Erledigen Sie Ihre Bankgeschäfte etwa nicht zu Hause?«. Und letztlich lässt sich das Stilmittel auch verwenden, um die Verbraucher in Zugzwang zu bringen. Fragen wie »Können Sie es sich wirklich leisten, das zu verpassen?« implizieren die vermeintliche Bedeutung des Produkts und suggerieren eine nicht vorhandene Dringlichkeit.

Rhetorische Fragen aus dem Marketing können es wegen ihrer Originalität sogar in den Alltag schaffen und sich dort über viele Jahre hinweg halten. Vor einigen Jahren schaffte das beispielsweise Boris Becker mit dem Satz »Bin ich schon drin?« Aus der jüngsten Vergangenheit kann hier »Wohnst Du noch oder lebst Du schon?« genannt werden.

Ein kurzer Blick in Zeitungen, Prospekte, ins Netz oder in Werbesendungen fördert schnell weitere zahlreiche Beispiele für die rhetorische Frage zutage.