Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Prüfungsfragen

  • Beschreiben Sie das Elternhaus und die Kindheit von Felix Krull. Inwieweit werden hier Aspekte seiner späteren Laufbahn als Hochstapler vorweggenommen?

    Felix‘ Vater Engelbert Krull ist Champagnerhersteller. Mit diesem Produkt ist eine Verbindung zu den glamourösen Lebenswelten gegeben, zu denen Felix sich später durch Hochstapelei Zugang verschafft. Zugleich betrügt Engelbert seine Kunden, indem er schlechte Ware in teuer wirkender Aufmachung verkauft. Auf die Verpackung der Flaschen wird weit mehr Wert gelegt als auf ihren Inhalt – eine Analogie zu der rein äußerlichen Anpassung des Hochstaplers an die vornehmen Welten, in denen er reüssieren möchte. Darüber hinaus übt Felix sich schon als Kind im Täuschen und Verstellen. So stellt er sich hin und wieder krank, um die Schule zu schwänzen, und begeht kleine Diebstähle im örtlichen Feinkostgeschäft.

  • Welche Rolle spielt der griechische Gott Hermes in der Biografie von Felix Krull und im Zusammenhang mit dem Thema Hochstapelei?

    Schon als der achtjährige Felix seinen ersten Auftritt als angebliches musikalisches Wunderkind im Kurort Langenschwalbach hat, kommt Hermes indirekt ins Spiel: Eine russische Fürstin schenkt ihm aus Begeisterung eine wertvolle Brosche in Gestalt einer Leier. Neben Heroldsstab und Flügelschuhen ist die Leier eines der Attribute des Gottes Hermes (römisch Merkur). Er ist der Gott der Kommunikation, Vermittlung und Verbindung, gibt Nachrichten weiter und ist darum auch besonders sprachbegabt. Handel und Geldverkehr gehören ebenfalls in diesen Wirkungskreis. Daneben werden Hermes aber auch negative Eigenschaften wie Trickserei und Lügen zugeschrieben. Er gilt als Gott der Diebe und Betrüger. Alle genannten Eigenschaften und Attribute sind für das »Metier« der Hochstapelei wichtig. So besitzt Felix beispielsweise nur ein paar Grundkenntnisse verschiedener Sprachen. Dank seiner mimetischen Fähigkeiten beherrscht er jedoch perfekt die jeweilige Aussprache und erweckt darum den Eindruck, Fremdsprachenkenntnisse auf höchstem Niveau zu haben.

  • Warum ist der Roman eine Parodie des klassischen Bildungsromanes?

    Der Protagonist Felix Krull ist im Roman der Mann, um den sich alles dreht: sowohl in seiner inneren Wahrnehmung der eigenen Person als auch in der formalen Gestaltung seiner Autobiografie, die seine Selbstbezogenheit spiegelt. Neben den langen und ausführlichen Reflexionen über sich selbst und seine Einstellung zum Leben, die den Roman durchziehen, fallen die Beschreibungen anderer Figuren und ihrer Sichtweisen relativ kurz aus. Während große literarische Lebensrückblicke sich durch distanzierte Selbstreflexion und zumindest teilweises Infragestellen der eigenen Handlungen auszeichnen, findet man bei Felix Krull nur eitle Selbstbespiegelung. Er macht im Unterschied zu den Helden des klassischen Bildungsromans wie Wielands Agathon oder Goethes Wilhelm Meister keinerlei innere Entwicklung durch, sondern ist im Alter ebenso selbstzufrieden und eitel, wie er es bereits in seiner frühen Jugend gewesen ist.

  • In welchen Zusammenhängen taucht der Name »Loreley« im Roman auf und was bedeutet er?

    Felix wächst im Rheingau auf. »Loreley« ist der Name eines Schieferfelsens am rechten Rheinufer, aber auch einer nixenhaften Märchengestalt, die auf diesem Felsen wohnen soll. Clemens Brentano hat in seinem Märchen »Lore Lay« den Mythos dieser Figur erst im Jahre 1801 erschaffen; sie war aber sehr schnell im allgemeinen Bewusstsein als (vermeintliche) Sagengestalt präsent. Berühmt ist Heinrich Heines »Lied von der Loreley« (1824), das auf Brentanos Erfindung basiert. Loreley ist bei Brentano wie Heine eine Zauberin, die auf dem Felsen lebt, oben ihr blondes Haar kämmt und mit sirenenhaftem Gesang Schiffer in den Untergang treibt. Als Name des billigen Champagners von Engelbert Krull ist »Lorley« damit schon ein Hinweis auf den späteren Zusammenbruch der Firma und die Katastrophe, Engelberts Selbstmord. Dennoch nennt Felix‘ Mutter ihre kleine Herberge in Frankfurt als Reminiszenz an ihr altes Leben ebenfalls »Pension Loreley« und hat damit erstaunlicherweise bescheidenen Erfolg.

  • Warum ist der Protagonist Felix Krull bürgerlicher, als er es selbst wahrhaben möchte?

    Felix sieht sich selbst als Künstler im Metier der Hochstapelei, muss aber für seine Kunst niemals materielle Interessen hintanstellen. Es liegt ja gerade im Wesen dieses »Fachs«, ökonomischen Interessen zu dienen. In Wahrheit ist Felix bodenständig, gewinnorientiert und damit der bürgerlichen Welt weit näher, als er vorgibt. Ausgiebig ergeht er sich in Schilderungen verschiedener Interieurs und Garderoben. Mit Farben, Materialien und Texturen kennt er sich bestens aus. Auch detaillierte Beschreibungen von Buffets, Speisefolgen und Getränken gehören zu seinen Lieblingsthemen. Als er durch den Verkauf des gestohlenen Schmucks plötzlich zu Geld kommt, gibt er keineswegs die Anstellung im Hotel auf, sondern führt lieber eine »Doppelexistenz«. Er weiß sehr genau, dass der Wohlstand andernfalls von kurzer Dauer sein könnte. Das erworbene Geld spart er zum Teil, zum Teil »reinvestiert« er es in sein Geschäft der Hochstapelei, indem er es für teure Kleidung ausgibt. Vor seiner Leserschaft prahlt er sogar mit dieser Sparsamkeit und Umsicht.

  • Erörtern Sie die Bedeutung des Fahrstuhls und Felix Krulls Stellung als Liftboy.

    Der Fahrstuhl ist das räumliche Sinnbild für den Aufstieg Felix Krulls. Er will »nach oben«, wie Hans Falladas Protagonist Karl Siebrecht im Roman »Ein Mann will nach oben« (1953), dessen Handlung 1909 beginnt und der ebenfalls die jugendlichen Aufstiegsfantasien eines Menschen im Kaiserreich beschreibt. Anders als Karl erreicht Felix jedoch alles allein durch Täuschung, und so ist der Fahrstuhl auch ein Symbol für die Schnelligkeit, mit der sein sozialer Aufstieg gelingt. »Ruckzuck« ist er in einem höheren Stockwerk, ohne, um im Bild zu bleiben, einzelne Stufen einer Treppe selbst gehen zu müssen. Als Liftboy gehört Felix im Fahrstuhl noch zur Unterschicht, begegnet hier aber bereits Angehörigen der Klasse, zu der er sich Zugang verschaffen will. Der Fahrstuhl ist damit auch ein seltener Knotenpunkt, an dem Menschen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten ohne räumliche Distanz nebeneinanderstehen.

  • Warum rechtfertigt Professor Kuckucks Abriss der Erdgeschichte implizit Felix Krulls Lebensweise?

    Im Zug nach Lissabon spricht Professor Kuckuck über sein Fach, die Paläontologie, und gelangt von dort aus zu universellen Betrachtungen über das Sein und das Nichts. Er erklärt, dass nichts im Universum unveränderlich, sondern alles einem ständigen Wandel unterworfen sei. Ein Erdzeitalter löst das andere ab, und damit verändern sich die Erscheinungsformen der Natur. Auch innerhalb der Menschheits- und Kulturgeschichte bleibt nichts auf Dauer, wie es gewesen ist. Schließlich bezeichnet er das Leben als solches als »eine Episode, und zwar, im Maßstabe der Äonen, eine sehr flüchtige.« (S. 308) Gerade diese Vergänglichkeit sei es aber, die dem Leben seinen Wert verleihe. Der Professor behauptet, »[n]ur das Episodische, nur was einen Anfang habe und ein Ende, sei interessant und errege Sympathie« (ebd.). Die Worte, die sich auf die Erdgeschichte beziehen, klingen wie eine Rechtfertigung für Felix‘ Lebensweise und begründen seine Motivation. Wenn die Erde selbst von Episodenhaftigkeit und Vergänglichkeit gekennzeichnet ist, warum sollte dann das Leben eines einzelnen Menschen unveränderbar und von Kontinuität geprägt sein? Auf einer dritten Ebene wird hier außerdem eine Aussage über die Struktur des Schelmenromans gemacht: Sein Episodencharakter ist es, der die Leser unterhält und Sympathie für die Hauptfigur weckt.

  • Warum heißt Felix Krulls Schwester Olympia? Gehen Sie auf die Figur und ihr Vorbild in der Literaturgeschichte ein.

    Felix beschreibt seine Schwester im ersten Buch als »dickes und außerordentlich fleischlich gesinntes Geschöpf« (S. 21), getrieben von »dumpfe[r] Vergnügungssucht« (S. 22). Manche Interpreten sehen darum einen Zusammenhang zwischen ihrem Namen und der griechischen Götterwelt des Olymp, die ebenfalls von großer Sinnlichkeit geprägt ist; eine Deutung, die allerdings eine etwas simple Sicht der antiken Götter verrät und zumindest diskussionswürdig ist. Naheliegender erscheint es, dass sich in dieser Namenswahl zunächst die Geltungssucht der Eltern spiegelt. Ihr Wunsch, gebildet und der bürgerlichen Welt zugehörig zu erscheinen, drückt sich in der auf die Antike verweisende Namenswahl aus.
    Einen weiteren Zusammenhang gibt es zwischen Felix‘ Schwester und der lebenden Puppe Olimpia aus E. T. A. Hoffmanns Erzählung »Der Sandmann« (1816). Olimpia besitzt keine eigene Persönlichkeit und Tiefe, sondern ist bloße Oberfläche, auf die der Protagonist Nathanael seine Liebesvorstellungen projiziert. Bei Hoffmann geht es dabei um eben diese Projektionen als fehlgeleitete Liebe. Dieses Thema wird im »Felix Krull« zwar nicht im Zusammenhang mit Olympia, aber im Zusammenhang mit Felix selbst wieder aufgegriffen, nämlich im Wunsch seiner Bewunderer nach Täuschung. Eine offensichtliche Gemeinsamkeit zwischen Olimpia und Olympia besteht darüber hinaus ganz direkt hinsichtlich ihrer »Puppenhaftigkeit« und Leere.

  • Beschreiben Sie das sogenannte »Fin de Siècle« und erörtern Sie, wie Thomas Mann an dieser Epoche Kritik übt.

    Als »Fin de Siècle« bezeichnet man die Epoche von ca. 1870 bis 1910. In Deutschland herrschte in diesen Jahren ein großer Wirtschaftsaufschwung, ausgelöst durch den deutschen Sieg über Frankreich von 1870/71 und die Deutsche Reichsgründung 1871. Unter den Kaisern Wilhelm I. und Wilhelm II. wurde Deutschland zum mächtigsten Staat in Europa. Neben Fortschritt und Aufschwung in Wissenschaft und Kunst war das Kaiserreich zugleich von Militarismus und Nationalismus geprägt. Gesellschaftliche Erstarrung und Avantgarde existierten zeitgleich nebeneinander, was bei vielen Zeitgenossen große Unsicherheit auslöste. Während einzelne Industrielle immensen Reichtum anhäuften, wuchs auf der anderen Seite das Prekariat. Thomas Mann übt Kritik, indem er das bloße Anhäufen von Geld als hohl und würdelos entlarvt. Er zeigt, wie leicht es in einer Epoche ohne echte Werte für einen Hochstapler ist, die Gesellschaft zu täuschen. Die herrschende Unsicherheit und Zukunftsangst sind gute Voraussetzungen für eine »liquide« Existenz , der ideale Nährboden für Emporkömmlinge wie Felix.

  • Von welchem Philosophen sind Professor Kuckucks Ausführungen im Zug beeinflusst?

    Arthur Schopenhauer ist der große Philosoph des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der Professor Kuckucks Sicht auf die Erd- und Menschheitsgeschichte beeinflusst. In Kuckucks Weltbild gibt es keinen Schöpfer und keine Schöpfung. Das theologische Konzept der Prädestination, nach dem das menschliche Schicksal von göttlicher Vorherbestimmung gelenkt wird, hat in dieser Sichtweise ausgedient. Die Entstehung von Leben, die Tatsache, dass überhaupt irgendetwas existiert, erscheint als bloßer Zufall. Dies entspricht Arthur Schopenhauers Überzeugung, dass der Welt kein rationales Prinzip zugrundeliege. Stattdessen gebe es einen irrationalen Weltwillen, aus dessen Existenz Schopenhauer seinen grundlegenden Pessimismus ableitet. Frank Weiher kommentiert: »Hier hat kein kreativer Geist die Hand im Spiel, kein Plan wird hier verwirklicht.« Weiher macht auch die kluge Beobachtung, dass das Gespräch zwischen Felix und Professor Kuckuck nicht von ungefähr auf dem Weg nach Lissabon stattfindet: » Lissabon – […] Zentrum der Theodizeefrage – das Erdbeben dort war für die Aufklärung der letzte Anlass mit dem Vorurteil einer perfekten, ja auch nur einer guten, von Gott gewollten Schöpfung aufzuräumen.« (Weiher, s. Quellen)

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 6. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 6. Januar 2023.