Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Buch 2, Kapitel 7–8

Zusammenfassung

Felix verabschiedet sich gut gelaunt von seiner Mutter, deren Pension inzwischen beständig bescheidene Einnahmen bringt. Er reist in der dritten Klasse mit dem Zug nach Paris. Auf der Fahrt fällt ihm die Hässlichkeit der Mitreisenden auf. Dem Schaffner gegenüber zeigt er sich leutselig und lässt dessen Familie grüßen, was den Mann außerordentlich erstaunt, da ihm solche »Menschlichkeit« anscheinend nur selten begegnet.

Bei der Zollabfertigung an der französischen Grenze brilliert er gegenüber dem Beamten mit französischem Small Talk. Eine Dame mittleren Alters in auffälliger Aufmachung wird neben ihm abgefertigt. Als sie ihren Koffer öffnet, stiehlt er daraus unbemerkt ein Schmuckkästchen.

In Paris angekommen, geht er zu Fuß ins Hotel. Obwohl er nicht abgerissen aussieht, ist er einfach gekleidet und bemerkt, dass niemand ihn ansieht. Nur eine ärmliche alte Frau tätschelt ihm mit segnenden Worten die Wange – eine Geste, die ihn seltsamerweise stark berührt.

Er erreicht das Hotel in der Rue Saint-Honoré und betritt es durch den Haupteingang. Das Ambiente des Empfangsbereiches und die eleganten Gäste beeindrucken ihn. Nach einigen vergeblichen Versuchen, sich als neuen Angestellten vorzustellen, kann er schließlich zu einem Mitarbeiter vordringen. Ein junger Kollege zeigt ihm sein Bett im dürftigen Schlafsaal. Die Schäbigkeit der Mitarbeiterbereiche steht in krassem Kontrast zur Pracht der Zimmer und Suiten für die Gäste.

Im Schlafsaal lernt Felix seinen kroatischen Kollegen Stanko kennen, der ihn beim Betrachten seines Diebesgutes erwischt. Als er das Schmuckkästchen sieht, weiß er sofort, was los ist. Er schlägt Felix vor, den Erlös für die Juwelen zu teilen, was Felix entrüstet ablehnt.

Am anderen Tag kehrt Felix zu alter Form zurück und macht im Gemeinschaftswaschraum fröhlich seine Morgentoilette. Stanko behauptet, krank zu sein und bittet ihn, ihm einen Kaffee zu holen. Felix erledigt es, obwohl er befürchtet, Stanko könne ihm unterdessen den gestohlenen Schmuck wegnehmen. In der Kantine lernt er weitere Kollegen kennen. Die meisten begegnen ihm mit einem Lächeln, und er wird überall freundlich behandelt.

Später stellt er sich bei Hoteldirektor Stürzli vor. Gefragt, welche besonderen Fähigkeiten er habe, präsentiert Felix seine Sprachbegabung und sagt fließend einige Sätze in französischer, englischer und italienischer Sprache. Mit passender Gestik und Mimik unterstreicht er dabei den jeweiligen Eindruck eines Muttersprachlers. Stürzli ist beeindruckt und glaubt, Felix spreche jede dieser Sprachen perfekt. Darum und wegen seines angenehmen Äußeren beschließt er, ihn als Liftboy einzusetzen. Dabei soll er aber nicht als Felix, sondern als Armand auftreten, ein Namenswechsel, der Felix beglückt.

Er erhält seine Dienstkleidung und macht seine ersten Arbeitsschritte als Liftboy. Dabei begegnet er der Dame wieder, der er am Zoll den Schmuck gestohlen hat. Sie erkennt ihn nicht und verabschiedet sich freundlich von seinem Kollegen, der den Dienst quittiert hat und den sie mit dem Namen Armand anspricht. Felix erklärt diesem, dass er sein Nachfolger sei, doch Armand Nummer Eins ist desinteressiert und unfreundlich.

Am Nachmittag macht Felix sich mit dem gestohlenen Schmuck auf den Weg zu einem Hehler, dessen Adresse er von Stanko bekommen hat. Er hat mit Stanko vereinbart, ihm ein Drittel des Erlöses zu geben. Seine Fahrt führt ihn quer durch Paris, und er nimmt alle Eindrücke begierig auf. In der Verhandlung mit dem Händler erweist er sich als äußerst zäh. Obwohl der Mann mit allen Wassern gewaschen ist, gelingt es Felix, der sich auch hier als Armand ausgibt, einen guten Preis auszuhandeln – allerdings liegt dieser mit 4.400 Franken deutlich unter den 10.000 Franken, die er mit Stanko verabredet hat. Der Hehler findet den charmanten Dieb offenbar sympathisch und verabschiedet sich nahezu freundschaftlich von ihm.

Von seinem Erlös kauft Felix sich sogleich einige edle Kleidungsstücke und trinkt einen Kaffee am Boulevard des Italiens. Er überlegt, ob er Stanko erzählen soll, dass er das Diebesgut nicht zum angestrebten Preis verkauft hat. Falls er es ihm verschwiege, müsste er ihm eine hohe Summe zahlen und sein eigener Erlös wäre nur gering. Bevor er ins Hotel zurückkehrt, unterhält er sich noch mit dem Anblick eines Panoramabildes der Schlacht von Austerlitz und einem Varieté-Besuch. Am Abend behauptet er gegenüber Stanko, 9.000 Franken erzielt zu haben und gibt ihm 3.000 Franken. Stanko durchschaut ihn, erweist sich als Freund und gibt ihm 1.000 davon zurück.

Analyse

Im Grand Hotel erfährt Felix zum ersten Mal im Leben, was es heißt, zu den Unterprivilegierten zu gehören. Trotz seines gesellschaftlichen Abstiegs nach dem Bankrott seines Vaters hatte er in Frankfurt aufgrund seiner Schönheit immer noch eine gewisse Macht über andere Menschen, auch als Rozsas Zuhälter. Innerhalb der Hotelhierarchie steht er jedoch auf einer der untersten Stufen. Diese Position deutet sich bereits mit seiner Ankunft in Paris an, wo sein Äußeres niemandem sonderlich auffällt – eine Situation, die für ihn ungewohnt ist. Im Zug hatte er sich noch kalt und herablassend über die Hässlichkeit der Mitreisenden geäußert; nun macht er selbst die Erfahrung, von niemandem beachtet zu werden. Die warme und mitfühlende Geste der alten Frau und ihre Worte »Dieu vous bénisse, mon enfant« (»Gott segne dich, mein Kind«, S. 149) sind darum von besonderer Bedeutung.

Sein Kollege Stanko, ein lustiger und bodenständiger Kleinkrimineller, betrachtet ihn sofort als Seinesgleichen, indem er ihm »Halbpart« (S. 160) beim Verkauf des gestohlenen Schmucks anbietet. Felix ist im schäbigen Mitarbeiterschlafsaal, im Umfeld seiner Kollegen, ein gewöhnlicher Hotelangestellter wie alle anderen.

Die perfekte Mimesis, die Felix gelingt, als er Direktor Stürzli in unterschiedlichen Sprachen antwortet, deutet schon auf gute Voraussetzungen für den späteren Rollentausch mit Marquis de Venosta hin. Um eine andere Identität vorzutäuschen, ist es nicht erforderlich, alle Eigenschaften des Imitierten zu besitzen – eine besondere Begabung zu vordergründiger Nachahmung reicht aus, insbesondere, wenn das Gegenüber bereit ist, sich von den Fähigkeiten des Imitators blenden zu lassen.

Beim Verhandeln mit dem erfahrenen Hehler erweist sich Felix‘ Talent allerdings noch als ausbaufähig. Vielleicht mangelt es ihm auch an krimineller Energie, wenn es um rein finanzielle Bereicherung geht. Er denkt darüber nach, ob er seinen geringen Erlös vor Stanko zugeben solle oder ob sein Stolz »sich als stärker erweisen würde« (S. 192). Schließlich bekennt er, dass seine Eitelkeit größer sei als seine Habgier, weshalb er darüber schweigt, dass er nur 4.400 Franken erzielt hat. Er verliert lieber Geld, als mangelndes Verhandlungsgeschick einzugestehen.

Der erfahrene Gauner Stanko durchschaut ihn jedoch und zeigt sich als großzügiger Freund, der zugibt, dass er selbst auch nicht mehr als vier- bis fünftausend Franken für den Schmuck gezahlt hätte. Mit dem ursprünglich viel zu hoch angesetzten Betrag hat er Felix also, ohne dass es diesem bewusst gewesen ist, in eine gute Ausgangsposition versetzt. Seine Unkenntnis über den in Wahrheit geringeren Wert des Schmucks hat es ihm überhaupt erst ermöglicht, selbstbewusst mit einem hohen Anfangsbetrag in die Verhandlung einzusteigen. So wird Felix an dieser Stelle auch einmal selbst zum Opfer eines Betruges, allerdings eines gut gemeinten, der ihm am Ende zum eigenen Vorteil gereicht.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 6. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 6. Januar 2023.