Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Buch 1, Kapitel 3–5

Zusammenfassung

Felix beschreibt erneut die leichtlebige Atmosphäre seines Elternhauses und geht dabei ausführlicher auf die Auseinandersetzungen zwischen seinen Eltern ein. Sein Vater stellt anderen Frauen nach, und seine Mutter und seine Schwester Olympia »gaben ihm an menschlicher Schwäche durchaus nichts nach« (S. 21).

In Kapitel 3 berichtet er außerdem über die Feste, die regelmäßig von seinen Eltern veranstaltet werden, »buntscheckige Gesellschaften« (S. 22), eher von Halbwelt als von großer Welt besucht. Nicht zuletzt wegen dieser frivolen Feste wird die Familie in ihrem Heimatort von der bürgerlichen Gesellschaft gemieden. Felix bekommt dies auch in der Schule zu spüren, wo er Einzelgänger bleibt.

Seine Einsamkeit bereitet ihm häufig Kummer. Auch darum ist ihm ein besonderes Erlebnis im Gedächtnis geblieben, das er im Detail schildert: Bei einem Aufenthalt im Kurort Langenschwalbach spielt er – mit Einverständnis des Kapellmeisters zu dieser Komödie – dem Publikum des Kurorchesters ein musikalisches Wunderkind vor. Möglich wird dies durch eine präparierte Violine. Die Zuhörer sind begeistert und Felix, der zu diesem Zeitpunkt acht Jahre alt ist, sonnt sich im Applaus.

Im vierten Kapitel des ersten Buches beschreibt Felix ausführlich seinen Patenonkel Schimmelpreester (s. »Figuren«). Er hat ein enges, herzliches Verhältnis zu dem Kunstmaler und sitzt ihm häufig Modell. Dabei liebt er es, verschiedene Trachten und Kostümierungen anzuziehen. Ihm gefällt die Atmosphäre im Atelier mit den vielen Perücken, Verkleidungen und Schminkutensilien.

Ein Theaterabend in Wiesbaden, den er mit seinen Eltern erlebt, ist eine weitere prägende Jugenderinnerung für Felix. Schon die Fahrt dorthin mit der Droschke, der Besuch eines Cafés und die Atmosphäre im Logensaal vor Beginn der Vorstellung faszinieren und erregen ihn.

Aufgeführt wird eine Operette, in deren Hauptrolle der bewunderte Sänger Müller-Rosé zu sehen ist. Auf der Bühne wirkt er charismatisch; Felix ist wie die anderen im Publikum berauscht von seinem Auftritt und seinem Anblick. Später besucht er zusammen mit seinem Vater den Gefeierten in seiner Garderobe und erlebt eine herbe Enttäuschung. Ungeschminkt und aus nächster Nähe ist Müller-Rosé hässlich, ja abstoßend, was Felix zu einigen Überlegungen hinsichtlich Ideal und Wirklichkeit, Illusion und Realität bringt.

Analyse

Die Familie Krull besitzt zwar alles, was das Leben angenehm macht, wird von der bürgerlichen Gesellschaft aber nicht anerkannt. Für Felix, der keine Freunde hat, ist es schmerzvoll, Außenseiter in der Schule zu sein. Umso mehr freut er sich an seinem ersten Erfolg als Hochstapler, den er bei der Aufführung des Kurorchesters erlebt. Obwohl er selbst gar nicht Violine spielen kann, wird er als virtuoses Wunderkind gefeiert. Der Gegensatz zwischen der Einsamkeit im Heimatort und dem begeisterten Zuspruch, den er im Kurort vom Publikum bekommt, könnte nicht größer sein. Schon in früher Kindheit erlebt er also, wie er durch Tricksen und Täuschen die Zuneigung und Anerkennung anderer Menschen gewinnen kann.

Felix genießt es, als Modell seines Patenonkels, des Kunstmalers Schimmelpreester, in die unterschiedlichsten Rollen zu schlüpfen. Er hat dabei Fähigkeiten, die man heute einem professionellen Model zuschreiben könnte: »[…] jedes Mal schien es, und auch der Spiegel versicherte mich dessen, als ob ich gerade für diesen Aufzug recht eigentlich bestimmt und geboren sei« (S. 30). Sein Hang zum Rollenspiel ist jedoch mehr als bloße Eitelkeit. Er beschreibt, wie niedergeschlagen er oft ist, wenn er nach solchen Sitzungen wieder seine Alltagskleidung anziehen muss. Diese Kleidung ist Sinnbild einer alltäglichen, nüchternen Existenz, die den fantasiebegabten Felix niedergeschlagen macht.

Das Theater begeistert Felix vom ersten Moment an und wird von ihm als geradezu heilige Stätte beschrieben: »[…] erschien mir das Theater als eine Kirche des Vergnügens, […] wo erbauungsbedürftige Menschen, im Schatten versammelt gegenüber einer Sphäre der Klarheit und Vollendung, mit offenem Munde zu den Idealen ihres Herzens emporblickten.« (S. 33)

Der Sänger Müller-Rosé ist ein Pendant zu Felix‘ späterer Existenz als Hochstapler. Auch er wirkt vor allem dadurch, dass das Gegenüber, das jeweilige Publikum bereit ist, sich täuschen zu lassen und sich einer berauschenden Illusion hinzugeben, die für einen bestimmten Zeitraum glücklich macht und aus der Alltagswelt entführt. Der Verzauberung folgt unweigerlich irgendwann die Entzauberung; sie sind zwei zusammenhängende Pole des illusionistischen Spiels.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 6. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 6. Januar 2023.