Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Buch 2, Kapitel 4–6

Zusammenfassung

Olympia geht nach Köln zu einer Theatertruppe, während Felix seine Mutter nach Frankfurt am Main begleitet. Hier eröffnet diese eine kleine Pension in einem schäbigen Hinterhaus und nennt sie »Loreley«. Felix ist der Abstieg bewusst, und er schämt sich, in einer so glanzvollen Metropole wie Frankfurt eine so geringe Rolle zu spielen. Dennoch belebt ihn zugleich der Reiz der neuen Lebensumstände. Die ersten Pensionsgäste sind ein mürrischer Ingenieur sowie ein Bassist und eine Chorsängerin, die ein Paar sind. Nach und nach kommen immer mehr Gäste und die Pension beginnt zu florieren.

Felix meint nun, dass seine Mithilfe nicht mehr nötig sei und vertreibt sich die Zeit mit Spaziergängen durch die Stadt. Besonders beeindruckt ist er von deren Nobelvierteln mit ihren prachtvollen Schaufensterauslagen. Gern beobachtet er auch die Bewohner dieser teuren Luxusquartiere; vor allem ein junger Mann und eine junge Frau aus Südamerika, die er für Geschwister hält, erregen seine Aufmerksamkeit.

Vor Theatereingängen verdient er sich etwas Geld, indem er nach beendeter Vorstellung Droschken für die Wartenden herbeiruft. Seine Schönheit und natürliche Eleganz fallen dabei Frauen wie Männern auf.

Felix weiß, dass er seiner Musterung nicht entgehen kann und beschließt, wie einst beim Schwänzen des Schulunterrichts, auch diesmal Krankheit vorzutäuschen, um der rauen Wirklichkeit zu entkommen. Mithilfe eines medizinischen Lehrbuchs eignet er sich Fachkenntnisse an und bereitet sich ausgiebig auf die Situation vor.

Einer ersten flüchtigen Musterung in Wiesbaden, bei der lediglich einige Körpermaße genommen werden und an die er sich kaum erinnert, folgt zwei Monate später eine weitere, die umso gründlicher ist. Felix schildert sie in allen Details, angefangen bei der baufälligen, kahlen Kaserne, in der sie stattfindet, über die Männer, mit denen er gemeinsam auf den Aufruf wartet, bis hin zur ärztlichen Untersuchung.

Die Musterung gerät zu einem beeindruckenden Beweis seiner schauspielerischen Fähigkeiten und seiner Begabung, andere zu täuschen. Auf dem Höhepunkt seiner »Performance« simuliert er einen epileptischen Anfall, den die erfahrenen Ärzte ihm abnehmen. Die vermeintliche Krankheit, verbunden mit beunruhigenden Andeutungen über seine Herkunft, führen schließlich zu seiner Ausmusterung.

Seine verbleibende Zeit in Frankfurt nutzt Felix, um weitere Annäherungsversuche an die Welt der Reichen und Schönen zu machen. Erneut erlebt er, dass sich Frauen und Männer von ihm angezogen fühlen, was er seinem androgynen Äußeren zuschreibt.

Gleichzeitig erkundet er Sphären der Halbwelt, die ihn nicht weniger faszinieren, und lernt die Viertel kennen, in denen sich die Frankfurter Prostituierten bewegen. Er studiert genau, wie sie sich ihren Freiern nähern, zu denen er selbst allerdings nicht gehört. Stattdessen gelingt es ihm schnell, sich ihnen gegenüber in die Position eines Vertrauten zu bringen und freundschaftlich mit ihnen umzugehen. Als er die ungarische Prostituierte Rozsa kennenlernt, zieht er für ein halbes Jahr zu ihr und lässt sich von ihr in alle sexuellen Spielarten einweihen. Sie schlägt ihm vor, er solle sich ebenfalls prostituieren, doch stattdessen wird er ihr Zuhälter.

Analyse

In Kapitel 4 zeigt sich Felix erneut als Flaneur und Augenmensch. So wie er einst die Waren im örtlichen Feinkostgeschäft mit den Augen verschlungen hat, genießt er jetzt die teuren Auslagen der Luxusläden. Wieder spricht er seitenlang über die unterschiedlichen Waren, über ihre Farben, Texturen und Gerüche. Seine feine Sinnlichkeit ist die natürliche Voraussetzung für seine spätere Laufbahn als Hochstapler. Mit Leichtigkeit eignet er sich Wissen über Materialien und Qualitäten, über Stoffe, Möbel, Kunstwerke und Antiquitäten an.

Mit seinen ersten Versuchen, durch das Herbeirufen von Kutschen Geld zu verdienen und Kontakte zur »schönen Welt« zu knüpfen, kann Felix seine Wirkung auf Menschen ausprobieren. Er merkt schnell, dass er vielen gefällt und dieses Charisma für sich nutzen kann. Die zwei hübschen Menschen, die er auf einem Balkon stehen sieht und für Geschwister hält, ziehen ihn besonders an, weil sie zu zweit sind und er beide attraktiv findet. Das Motiv der Faszination durch zwei Menschen, die zusammengehören und als Paar, als eine Art Doppelbild, einen besonderen Reiz auf Felix ausüben, wird an späterer Stelle des Romans wieder aufgenommen, als Felix Zouzou Kuckuck und deren Mutter kennenlernt und beide begehrt.

Obwohl Felix mit dem festen Vorsatz zur Musterung geht, sich krank zu stellen und so dem Militärdienst zu entkommen, hat er für die anderen Männer, die er im Warteraum sieht, nur abfällige Bemerkungen übrig: »Bauerntölpel«, »hohläugige Burschen« oder »Muttersöhnchen« (S. 107) sind sie für ihn. Hier zeigt sich erneut sein Einzelgängertum. Sein hochmütiges und völlig ungerechtfertigtes Gefühl einer natürlichen Überlegenheit verbietet es ihm, sich mit anderen Männern, die in derselben Lage sind wie er, zu solidarisieren oder auch nur menschliches Interesse an ihnen zu zeigen.

Bei der Musterung geht Felix äußerst geschickt vor, indem er sich nicht sofort krank stellt, sondern vielmehr so tut, als würde er brennend gern eingezogen werden. Die erfahrenen Ärzte rechnen selbstverständlich damit, dass einige Männer Krankheit simulieren, um dem Militärdienst zu entgehen, doch statt Krankheit gibt Felix Begeisterung für das Soldatenleben vor. Zugleich stellt er sich ein wenig chaotisch und irrsinnig. Als er nach seinen Eltern gefragt wird, kann er wahrheitsgemäß antworten, dass sein Vater Trinker gewesen sei und sich umgebracht habe. Dies stimmt die Ärzte bereits bedenklich. Der täuschend natürlich dargestellte epileptische Anfall, an dessen Echtheit die Ärzte nicht zweifeln, ist dann nur noch der letzte logische Schritt, der zu seiner Ausmusterung führt: Schließlich kann man niemanden im Militärdienst brauchen, der zwar den Soldatenstand liebt, aber keinerlei Befähigung dazu hat. Ein solcher Mensch könnte im Gegenteil in entscheidenden Situationen Unruhe und Verwirrung in die Kompanie bringen.

Hier zeigt sich erneut das Zusammenspiel von Täuschendem und Getäuschtem, das Felix so erfolgreich macht. Nicht seine Schauspielerei allein führt zu seiner Ausmusterung, sondern auch das Ziel der Ärzte, keinesfalls einen Fehler zu begehen. Gerade ihr Wille, sich unter keinen Umständen von dem vermeintlich Militärbegeisterten an der Nase herumführen zu lassen, macht sie blind für Felix‘ Schachzüge und führt schließlich zu dem, was sie unbedingt verhindern möchten, nämlich getäuscht zu werden.

Felix taucht tief ins Rotlichtmilieu ein und wird sogar selbst zum Zuhälter. Dennoch scheint sein elegantes Auftreten davon unberührt, und er beschreibt seine Zeit bei Rozsa mit euphemistischen (= beschönigenden) Worten. Fast wirkt es so, als würde er seiner eigenen Darstellung Glauben schenken, und wahrscheinlich ist dies auch eines seiner Erfolgsgeheimnisse.

Mit psychologischer Einsicht schildert er, wie Zuhälter Frauen gefügig machen, indem sie ihnen Exklusivität in Bezug auf Zärtlichkeit und persönliche Zuwendung vorspielen. Das Wechselspiel aus Gewalt und vermeintlicher Geborgenheit macht diese Frauen, die laut Felix oft eine tiefe Sehnsucht in sich tragen, seelisch abhängig. Sehnsucht wird von ihm als »der Menschennatur tief eingeborene Schwäche« (S. 133) bezeichnet – er selbst ist darüber offensichtlich erhaben. Der kalte und analytische Blick, mit dem er diese psychologisierenden Betrachtungen anstellt, ohne dabei Mitgefühl mit den Frauen zu haben, beweist indirekt, dass Felix wesensmäßige Voraussetzungen für die Zuhälterei mitbringt, auch wenn ihm körperliche Gewaltausübung sicher fernliegt.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 6. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 6. Januar 2023.