Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Buch 2, Kapitel 9

Zusammenfassung

Am zweiten Tag seines Einsatzes als Liftboy – er macht sich bereits recht gut in dieser Rolle – begegnet Felix erneut der Dame, die er bestohlen hat. Von seinem Kollegen Eustache erfährt er, dass sie Madame Houpflé heißt, aus Straßburg stammt und außerordentlich reich ist.

Als sie am dritten Tag seiner Anstellung wieder in den Fahrstuhl steigt, plaudern sie ein wenig in französischer Sprache und machen sich dabei gegenseitig angenehme Komplimente. Felix freut besonders ihre Bemerkung über seine schönen Stimme. Er fühlt sich dabei an den Geistlichen Rat Chateau erinnert. Er trägt ihre Pakete und begleitet sie auf ihr Zimmer. Für ihn eher überraschend, macht sie ihm hier sofort erotische Angebote. Felix kann nicht bleiben, weil er fürchtet, dann seine Anstellung zu verlieren. Er verspricht aber, um elf Uhr abends wiederzukommen.

Tatsächlich erwartet sie ihn zur angegebenen Stunde bereits in aufreizender Aufmachung auf ihrem Bett. Die beiden verbringen eine intensive Liebesnacht miteinander. Madame Houpflé ist fordernd und herrisch und weiß genau, was sie will. Zugleich öffnet sie sich gegenüber Felix, indem sie ihm ihre Schwäche für Jünglinge gesteht. Unter dem Namen Diane Philibert ist sie als erfolgreiche Schriftstellerin bekannt. Houpflé ist der Name ihres Mannes, der sie, wie sie Felix ebenfalls offen bekennt, sexuell nicht befriedigen kann.

Durch eine Bemerkung von ihr über Hermes, den griechischen Gott der Diebe, wird Felix wieder an seinen eigenen Diebstahl erinnert, sagt aber zunächst nichts. Madame Houpflé, die Felix ein dichterisches Liebesbekenntnis in Alexandrinern vorträgt, wechselt nun von Dominanz zu Unterwerfung und bittet ihn, sie zu schlagen. Er kann diesen Wunsch nicht erfüllen. Als eine Art Ersatz für die körperliche Erniedrigung gesteht er ihr aber, dass er ihren Schmuck gestohlen habe, was sie tatsächlich aufs Äußerste erregt. Sie schlägt ihm vor, ihr noch mehr Dinge zu stehlen. Daraufhin nimmt er Perlen und anderen Schmuck von ihr an sich, ehe er ihr Zimmer verlässt.

Analyse

Die Liebesszenen und Dialoge von Felix alias Armand und Madame Houpflé alias Diane Philibert sind sehr amüsant gestaltet und voller Ironie. Sie zeigen in erster Linie, wie begehrenswert Felix auf Fremde wirkt, und spielen mit typischen Klischees der älteren Frau und ihres jüngeren Liebhabers. Die Gespräche zwischen der gefeierten Schriftstellerin und dem vermeintlich unterprivilegierten Liftboy zeigen die Ambivalenz der Situation und der mit ihr verbundenen Gefühle. Diane Philibert ist erfolgreich und prominent, hadert aber mit ihrem Alter und der Vergänglichkeit aller glücklichen Momente. Sie schwärmt von den »Hermesbeinen« (S. 205) junger Männer und fragt Felix, ob er wisse, dass Hermes der Gott der Diebe sei. Felix wiederum fühlt sich der klugen Frau unterlegen und ist befangen, als er ihr den Schmuck wegnehmen soll. Für ihn bleibt diese Erfahrung vor allem als Meilenstein seiner Hochstapler-Karriere von Bedeutung.

Bei aller Ironie und deren Zusammenhang mit dem Grundmotiv des Romans machen die dargestellten Szenen aus moderner Sicht auch auf ein ernstes Thema aufmerksam. Bis auf den heutigen Tag werden Dienstboten und Hotelangestellte sexuell ausgebeutet. Ihre wirtschaftliche Lage macht es ihnen oft unmöglich, ihre Stimme zu erheben. Was noch immer in ärmeren Ländern Afrikas und Asiens möglich ist, nämlich die sexuelle Misshandlung unterprivilegierter Menschen durch Angehörige der sogenannten Oberschicht (darunter Touristen aus Europa und den USA), war im 19. und frühen 20. Jahrhundert auch in Mitteleuropa allgegenwärtig: Hotelgäste durften unverblümt sexuelle Dienstleistungen von Zimmermädchen oder Liftboys verlangen. Die Betroffenen konnten sich nicht wehren, da sie fürchten mussten, die Anstellung zu verlieren, auf die sie für ihr Überleben angewiesen waren.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 6. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 6. Januar 2023.