Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Zitate und Textstellen

  • »Ich kann aber nach wiederholtem eindringlichem Nachdenken nicht umhin, mein träges und widerwilliges Verhalten bei meiner Geburt, diese offenbare Unlust, das Dunkel des Mutterschoßes mit dem hellen Tage zu vertauschen, in Zusammenhang zu bringen mit der außerordentlichen Neigung und Begabung zum Schlafe, die mir von klein auf eigentümlich war.«
    – Felix über sich, S. 14

    Die große Neigung, die Felix zu einem Leben im Müßiggang hegt, wird symbolisch bereits mit der Beschreibung seiner Geburt vorweggenommen. Sie geht langsam und »nicht ohne künstliche Nachhilfe« (S. 14) vonstatten. Der kleine Felix hat offenbar keine Lust, die Welt zu erobern, er besitzt wenig Kraft und Tatendrang. Auch als Kind schläft er gerne ausgiebig, was zu seinem träumerischen, verspielten Wesen passt. Was andere Menschen nur durch Energie und Zielstrebigkeit erreichen, gelingt Felix später mit Leichtigkeit allein aufgrund seines Auftretens und seiner Anmut. Der gesellschaftliche Aufstieg fällt ihm ohne großes Zutun zu, getreu dem Motto aus Psalm 127: »Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf«. Dass er zu dieser Gruppe Auserwählter gehört, zeigt u. a. auch sein Name Felix (lat. »der Glückliche«).

  • »Jedenfalls konnte mir nicht verborgen bleiben, daß ich aus edlerem Stoffe gebildet oder wie man zu sagen pflegt, aus feinerem Holz geschnitzt war als meinesgleichen, und ich fürchte dabei durchaus nicht den Vorwurf der Selbstgefälligkeit.«
    – Felix über sich, S. 18

    Mit charakteristischer Ironie präsentiert Thomas Mann in dieser Selbsteinschätzung seines Protagonisten dessen unerhörte Eitelkeit. Bereits der erste Teil des Satzes zeugt von lächerlicher Überheblichkeit; dass er aber in der zweiten Hälfte ergänzt, er fürchte angesichts solcher Aussagen nicht den Vorwurf der Eitelkeit, macht eben diesen Vorwurf nur umso begründeter. An dieser Stelle zeigt sich die fehlende Fähigkeit zur Selbstreflexion des Ich-Erzählers. So wird der klassische Bildungsroman parodiert, der sich durch Einsicht in vergangene Fehler, Zweifel und Selbsterkenntnis der Hauptfigur auszeichnet.

  • »Die erwachsenen und im üblichen Maße lebenskundigen Leute aber, die sich so willig, ja gierig von ihm betören ließen, mußten sie nicht wissen, daß sie betrogen wurden?«
    – Felix über das Publikum des Sängers Müller-Rosé, S. 38

    Felix beschreibt an dieser Stelle einen beeindruckenden Theaterabend. Der vom Publikum angehimmelte Operettenstar Müller-Rosé begeistert wieder einmal seine Zuhörer. Als der junge Felix und sein Vater den Sänger anschließend in seiner Garderobe besuchen, wird Felix desillusioniert: Müller-Rosé sieht verschwitzt, erschöpft und aufgrund des halb abgeschminkten Gesichts und der Pickel auf seinem Rücken abstoßend aus. Felix empfindet Ekel gegenüber dem Mann, der vor Kurzem noch auf der Bühne glanzvoll und charismatisch gewirkt hatte. So kommt er zu der Erkenntnis, dass die Illusion nur durch das Wechselspiel von Betrüger und Betrogenem funktionieren kann. Müller-Rosé ist dank »betörender Selbstgefälligkeit« (S. 41) der perfekte Illusionist und schafft es, die »Menge das Ideal ihres Herzens in seiner Person erblicken zu lassen und sie dadurch unendlich zu erbauen und zu beleben!« (ebd.) Dass Müller-Rosé damit laut Felix ein »allgemeines, von Gott selbst der Menschennatur eingepflanztes Bedürfnis« (S. 40) befriedigt, verführt und betrogen zu werden, rechtfertigt somit auch Felix’ eigene hochstaplerische Existenz, die er wenige Jahre später aufbaut.

  • »Wie sehr ermüdend und langweilig ist es nicht, unter Briefen und Papieren ein Leben lang immer dieselbe Namensunterschrift ziehen zu müssen!«
    – Felix, S. 65

    Als Leutnant Übel Olympia Krull um ihre Hand bittet, beschäftigt Felix vor allem der Namenswechsel, der für seine Schwester mit einer Eheschließung verbunden sein würde. Bereits hier kommt seine Sehnsucht nach einem Wechsel der Identität zur Sprache, die sich später beim Rollentausch mit Venosta erfüllen wird. Immer wieder betont er, dass nicht der Wunsch nach Reichtum und gesellschaftlichem Aufstieg als solchem der Hauptgrund für seine hochstaplerische Existenz sei. Vielmehr geht es ihm dabei vor allem um die Freude an der Verwandlung, die Möglichkeit zu einem kompletten Neuanfang in einer neuen Existenz.

  • »Denn Lob oder Tadel gebührt nach der Meinung unserer bürgerlichen Welt nur dem Moralischen, nicht dem Natürlichen; dieses zu loben, würde ihr als ungerecht und leichtfertig erscheinen.«
    – Felix, S. 81

    Felix beschreibt hier die bürgerliche Moral, die nur innere Werte wie Aufrichtigkeit und tugendhafte Eigenschaften wie Fleiß lobt. Sie weigert sich, jemandem allein aufgrund zufälliger physischer Merkmale Anerkennung auszusprechen. Gleichzeitig lässt die bürgerliche Gesellschaft sich aber von Reichtum, Eleganz und Schönheit korrumpieren und fragt nicht nach den Gründen, aus denen jemand zu Wohlstand gelangt ist. Der Erfolg, den Felix als Hochstapler hat, steht also im Widerspruch zu dieser Aussage, und die bürgerliche Moral erweist sich als Doppelmoral.

  • »Hier herrscht das Wort, – dies matte und kühle Mittel, dies erste Erzeugnis zahmer, mäßiger Gesittung, so wesensfremd der heißen und stummen Sphäre der Natur, daß man sagen könnte, jedes Wort sei an und für sich und als solches bereits eine Phrase.«
    – Felix, S. 101/102

    Felix rechtfertigt mit dieser Aussage die Phrasenhaftigkeit seiner eigenen Sätze und ihren oberflächlichen Charakter. Zugleich spricht er der Sprache die Fähigkeit ab, echte Verständigung und Nähe zwischen Menschen herzustellen. Allein der körperliche Austausch besitzt für ihn diese Kraft. Dort, wo alles nur leere Konversation und seichtes Geplänkel ist, ist es damit auch legitim, zu täuschen und zu lügen. Die Grenze zwischen gesellschaftlicher Heuchelei und kriminellem Betrugsversuch ist fließend, wenn ohnehin »jedes Wort […] an und für sich und als solches bereits eine Phrase« ist.

  • »Gelehrsamkeit, aufdringliche zumal, ist nicht Sache des Gentleman, das hat er vom Edelmann. Es ist eine gute Überlieferung aus Zeiten, wo der Mann von Adel nur anständig zu Pferde zu sitzen brauchte und sonst überhaupt nichts lernte, schon gleich nicht Lesen und Schreiben. Die Bücher überließ er den Pfaffen.«
    – Marquis de Venosta, S. 272

    Felix Krulls Talente sind vor allem mimetischer Art. So kann er sich beispielsweise in viele Sprachen leicht einfinden und eine einfache Konversation auf Englisch, Französisch oder Italienisch führen; tieferer Kenntnisse, gar wissenschaftlicher Fähigkeiten, bedarf es dazu nicht. Insofern passt auf ihn, was Venosta über den Gentleman sagt. Zwar fehlen ihm zum wahren Gentleman Eigenschaften wie Selbstironie und Herzensbildung, doch selbst diese kann er täuschend echt vorgeben, etwa wenn er Eleanor Twentyman oder Lord Kilmarnock ihre Verliebtheit mit sanften Worten auszureden versucht.

  • »Der Planet Merkur etwa, der Sonne am nächsten, vollende seinen Rundlauf in achtundachtzig unserer Tage und drehe sich eben dabei auch einmal um sich selbst, so daß für ihn Jahr und Tag dasselbe seien.«
    – Felix in Wiedergabe Professor Kuckucks, S. 314/315

    Merkur ist die römische Version des griechischen Gottes Hermes, der mit dem Protagonisten und seiner Karriere in vielfältiger Verbindung steht. Hier werden Eigenschaften hervorgehoben, die in Analogie zu Krulls eitler Selbstbespiegelung, aber auch zu seiner Wendigkeit stehen. Der Umstand, dass Merkur der Sonne als Zentrum des Universums am nächsten ist, kennzeichnet seine hervorgehobene Rolle. Ein Abglanz des wichtigsten Himmelskörpers fällt so auch auf ihn, ganz wie bei Felix, der seine Bedeutung aus dem Umgang mit hochrangigen Personen zieht. Der Ausdruck, er »drehe sich eben dabei auch einmal um sich selbst« spricht für sich und kann ebenso wörtlich für den kleinen Planeten als auch sinnbildlich für den kleinen Menschen stehen, der sich selbst ungeheuer wichtig nimmt. Ein positives Merkmal ist dabei seine große Geschwindigkeit: Mit nur 88 Tagen, die er zur Umkreisung der Sonne braucht, ist er der schnellste Planet des Sonnensystems. Felix besitzt analog dazu eine große Schnelligkeit in Form rascher Auffassungsgabe und zügiger Anpassung an veränderte Umstände. Dass dabei »Jahr und Tag dasselbe seien«, könnte allerdings ein Hinweis darauf sein, dass er sich trotz seines Tempos und seiner wendigen Fähigkeit zu äußerer Verwandlung in Wahrheit nicht verändert und keine innere Entwicklung durchlebt.

  • »Fern davon nämlich, daß Vergänglichkeit entwerte, sei gerade sie es, die allem Dasein Wert, Würde und Liebenswürdigkeit verleihe. Nur das Episodische, nur was einen Anfang habe und ein Ende, sei interessant und errege Sympathie, beseelt wie es sei von Vergänglichkeit.«
    – Felix in Wiedergabe Professor Kuckucks, S. 318

    Professor Kuckuck gibt mit dieser Aussage der pessimistischen Weltsicht Arthur Schopenhauers, der er in weiten Teilen folgt, eine positive Wendung, die fast schon eine Vorwegnahme existenzialistischer Positionen ist. Zwar sind alle Erscheinungen dieser Welt vergänglich, aber gerade diese Vergänglichkeit macht sie wertvoll. Damit rechtfertigt er zugleich das episodenhafte Leben von Felix, der von einem Abenteuer zum nächsten springt und niemals traurig darüber ist, eine alte Existenzform hinter sich zu lassen.

  • »Es war in der Tat die eleganteste Art der Schlachtung.«
    – Felix, S. 435

    Felix besucht zusammen mit Professor Kuckuck, dessen Frau und Zouzou einen Stierkampf. Am Anfang fürchtet er, dass er dem blutigen Spektakel nicht gewachsen sein könnte, aber diese Befürchtung erweist sich schnell als unberechtigt. Stattdessen ist er fasziniert von der theatralischen Inszenierung des Todeskampfes und von den eleganten Bewegungen der Stierkämpfer und Picadores. Einer von ihnen, ein junger Mann namens Ribeiro, fällt ihm besonders durch seine Schönheit auf und wird ausführlich von ihm beschrieben. Ohne Mitleid mit dem getöteten Stier bringt er den Vorgang des Schlachtens mit dem Adjektiv »elegant« in Verbindung und zeigt so die kalte Sinnlichkeit, mit der er die Welt wahrnimmt und ihr begegnet.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 6. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 6. Januar 2023.