Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Buch 1, Kapitel 6–9

Zusammenfassung

Noch lange wirken die Eindrücke des Theaterbesuches in Felix nach, während ihm parallel dazu der Schulalltag immer unerträglicher wird. Er übt sich darin, die Unterschrift seines Vaters nachzuahmen, um Entschuldigungen wegen angeblicher Krankheit zu fälschen.

Doch damit nicht genug: Felix kann sich auch so sehr in die Rolle des Kranken hineinsteigern, dass es ihm gelingt, seine Mutter und den Hausarzt, Sanitätsrat Düsing, zu täuschen. Anfangs glaubt Düsing ihm nicht, aber je intensiver das Spiel von Felix wird, desto mehr zweifelt der Arzt an seinen eigenen diagnostischen Fähigkeiten, bis er Felix schließlich eine Grippe attestiert, ohne zu wissen, welche Krankheit er tatsächlich hat.

Felix beschreibt ausführlich den örtlichen Delikatessenladen, der voller exotischer Köstlichkeiten, Süßwaren, Desserts und Getränke ist. Hier hält er sich gern auf und wird nach und nach immer geschickter darin, kleine Diebstähle zu begehen. Ein schlechtes Gewissen hat er dabei nicht, sondern genießt es, in seinem Zimmer die gestohlenen Sachen auszubreiten und zu betrachten.

Im achten Kapitel geht Felix auf seine Beziehungen zum weiblichen Geschlecht und seinen Umgang mit Erotik und sexuellen Erfahrungen ein. In Andeutungen spricht er darüber, dass er schon sehr früh masturbiert habe, ohne seine körperlichen Erlebnisse einordnen zu können. Er dachte, dass nur er sie empfinde und nannte sie für sich selbst »die große Freude« (S. 60).

Die erste Frau, mit der er schläft, ist Genovefa, das Zimmermädchen der Krulls. Dies geschieht bezeichnenderweise, nachdem er Schimmelpreester Modell gesessen hat und anschließend tief deprimiert ist, wieder in sein »normales« Leben zurückkehren zu müssen. Die Lust, die er mit Genovefa erlebt, erscheint ihm wie eine Fortsetzung des vorausgegangenen Rollenspiels, ein Erlebnis, durch das das Wiedereintauchen in die Langeweile des Alltags hinausgezögert wird.

Leutnant Übel, ein junger unvermögender Mann ohne Lebenserfahrung, verliebt sich in Olympia und hält um ihre Hand an. Olympia nimmt den Antrag an, und Engelbert Krull willigt erstaunlicherweise ein. Die bevorstehende Heirat seiner Schwester interessiert Felix fast ausschließlich wegen des damit verbundenen Namenswechsels.

Doch es kommt nicht zur Hochzeit, denn zeitgleich geht es mit Krulls Champagnerwerken immer mehr bergab. Seine betrügerischen Methoden sind zum Teil aufgeflogen, und er steht vor der Pleite. Als die Firma bankrott geht und sein Privatbesitz unter den Hammer kommt, erschießt sich Engelbert Krull.

Analyse

Bei seiner Vortäuschung von Krankheitssymptomen geht es Felix nicht allein darum, eine Entschuldigung für die Abwesenheit vom Unterricht zu bekommen. Vielmehr setzt er seinen ganzen Ehrgeiz darein, Krankheiten so echt wie irgend möglich zu simulieren. Er will nicht nur tricksen, sondern überzeugen – so sehr, dass er irgendwann selbst an seine Gabe glaubt, eine neue Realität zu schaffen. Die Ironie dabei ist, dass Hausarzt Düsing am Schluss überzeugt ist, Felix habe eine Krankheit, die er nicht kenne. Er wagt es jedoch nicht, dies zuzugeben. Indem er ihm eine Grippe attestiert, wird auch er zum Betrüger.

Der Feinkostladen und seine Waren ziehen Felix naturgemäß an. Die teuren Delikatessen stehen für die Lebenswelten, zu denen er sich später Zugang verschafft. Dass er seitenlang im Detail beschreibt, welche Produkte ausgestellt und wie sie arrangiert sind, zeigt seinen besonderen Blick für Dinge dieser Art. Charakteristisch ist auch, dass er keine Schuldgefühle hegt, sondern im Gegenteil seine Taten mit einem gewissen Sinn für Abenteuer rechtfertigt: »[…] die lebendige, ursprüngliche, ewig junge, ewig von Neuheit, Erstmaligkeit und Unvergleichlichkeit glänzende Tat.« (S. 56)

Den Abschnitt über seine Sexualität leitet Felix umständlich und mit geschwollenen Worten ein, wie um zu zeigen, dass er sich auch bei diesem Thema nicht in triebhafte Niederungen begibt, sondern erotische Abenteuer als hohe Kunstform zelebriert. Er zeigt sich in dieser Hinsicht eher als Casanova denn als Don Juan und behauptet, dass erst die Lust der Frau seine eigene Lust wirklich entzünden könne. Erotik und Leidenschaft sollen ihm dabei ermöglichen, in eine schönere Welt einzutreten, die nichts mit den für ihn so ermüdenden Welten von Arbeit, Alltag, Familie und bürgerlicher Ordnung zu tun hat. Natürlich wäre er nicht Felix, wenn er sich nicht auch in erotischer Hinsicht ganz außerordentliche Fähigkeiten und Qualitäten zuschreiben würde. Für ihn ist die »derbe Handlung, die zuletzt doch nur eine beschränkte und trügerische Abspeisung des Verlangens bedeutet« (S. 63), weit unbedeutender als die delikaten und raffinierten Wege dorthin.

Dass Engelbert bereit ist, einem einfachen Soldaten seine Tochter Olympia zur Frau zu geben, deutet schon auf ernste geschäftliche Schwierigkeiten hin. Mit einem Angehörigen des militärischen Standes als Schwiegersohn hofft er, sich einen Anstrich von bürgerlicher Wohlanständigkeit zu geben. Doch sein Ruf ist längst komplett ruiniert, und als er nach dem Firmenbankrott versucht, eine Anstellung zu finden, erntet er nur Hohn.

Keineswegs hat sich durch diese Erfahrungen seine Lebenseinstellung als solche verändert. Felix sagt über ihn, dass er »ohne Zweifel sogleich seine Feuerwerke und Schmäuse wieder eröffnet hätte« (S. 69), wenn er wieder einen Lebensunterhalt gefunden hätte. Er bringt sich um, als klar ist, dass er sich finanziell nicht mehr erholen wird. Damit beweist er selbst in dieser letzten Verzweiflungstat noch sein fehlendes Verantwortungsbewusstsein. Statt gemeinsam mit Frau und Kindern eine Lösung zu suchen, überlässt er seine Familie ihrem ungewissen Schicksal.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 6. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 6. Januar 2023.