Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Buch 2, Kapitel 1–3

Zusammenfassung

Felix eröffnet das zweite Buch mit dem Eingeständnis, dass er ein Jahr lang nicht mehr an seinen Bekenntnissen gearbeitet habe. Er fragt sich, ob die »traumähnliche« (S. 73) Geschichte seines Lebens, die »der Knalleffekte und aufregenden Verwicklungen gänzlich entbehrt« (ebd.) eine Leserschaft interessieren könne, die an die aufregende Spannung von Kriminalromanen und Detektivgeschichten gewöhnt sei. Doch er zerstreut diese Bedenken und beschließt weiterzuschreiben.

Der Faden der Bekenntnisse wird mit dem Tod des Vaters wieder aufgenommen. Während seine Mutter und seine Schwester zunächst verzweifelt und vollkommen aufgelöst sind, bewahrt Felix Ruhe und Pragmatismus. Es gelingt ihm, durch ein Gespräch mit dem zuständigen Stadtpfarrer ein katholisches Begräbnis für seinen Vater zu erwirken, welches diesem als Selbstmörder normalerweise verwehrt geblieben wäre. Dem Sarg folgen nur Felix, Schimmelpreester und Leutnant Übel.

Wenige Tage nach dem Begräbnis versammelt sich die Familie mit Schimmelpreester in der mittlerweile leeren Villa, die sie nur noch für kurze Zeit bewohnen darf. Der Pate schlägt der Mutter vor, mit dem restlichen noch verbliebenen Bankguthaben in einer beliebigen Großstadt eine Pension zu eröffnen. Olympia, die schon lange von einer Karriere als Operettensängerin träumt, will er mit Hilfe eines alten Freundes bei einer Schauspieltruppe unterbringen.

Felix soll nach Paris gehen und, ebenfalls dank Schimmelpreesters Beziehungen, eine Anstellung im Hotel »Saint James and Albany« finden. Felix ist begeistert von der Aussicht, nach Paris zu ziehen. Doch ihm ist bewusst, dass er nur ins Ausland gehen kann, wenn es ihm vorher gelingt, vom Militärdienst befreit zu werden. Darum schreibt er an den Hoteldirektor, bittet ihn noch um etwas Geduld und zieht zunächst mit der Mutter nach Frankfurt.

Analyse

Beim leisesten Anflug von Selbstzweifel beschwichtigt sich Felix in charakteristischer Weise sofort selbst und erhöht sich dabei sogar noch. Diese Argumentationskette von Zweifel – Beschwichtigung – Selbstüberhöhung findet sich an mehreren Stellen des Romans und kennzeichnet seinen Narzissmus.

Das Kapitel endet mit dem großartigen Vorsatz, sich »was Reinlichkeit des Stiles und Schicklichkeit des Ausdrucks betrifft, womöglich eine noch größere Sorgfalt aufzuerlegen als bisher, um auch in den besten Häusern mit meinen Darbietungen bestehen zu können.« (S. 74) Die »edle Wahrhaftigkeit« (ebd.) strebt er also nicht um ihrer selbst willen an, sondern um damit seinen sozialen Aufstieg zu untermauern. An dieser Stelle wird so der Bildungsroman der Klassik parodiert und mit ihm seine Ideale von Wahrheit, charakterlicher Größe und ästhetischer Vollkommenheit.

Felix‘ mangelnde Emotionalität und übertriebene Sinnlichkeit zeigen sich einmal mehr nach dem Tod seines Vaters. Anders als seine Mutter und seine Schwester ist er gefasst und kann mit Kühle und Geistesgegenwart den zuständigen Pfarrer davon überzeugen, dass sich der Schuss aus der Pistole des Vaters versehentlich gelöst habe.

Während er mit dem Geistlichen Rat Chateau spricht, geht es ihm nicht um die Erinnerung an seinen Vater und die Bewältigung der Trauer. Vielmehr gefallen ihm die Opulenz und der ritualisierte Ablauf eines katholischen Begräbnisses, die seinem Sinn für Inszenierung entsprechen. Auch von der Eleganz des Geistlichen Rates ist er beeindruckt, mehr aber noch von seinem Lob, dass Felix eine schöne Stimme habe. Von der gesamten Unterredung mit dem Geistlichen Rat ist es dieser Satz, der Felix am schärfsten in Erinnerung bleibt.

Auch wenn der soziale Abstieg der Familie Krull kaum schlimmer sein könnte, gelingt es Schimmelpreester, die Situation mit wohlklingenden Worten schönzureden – dies nicht zuletzt, weil er selbst schon einmal den totalen Zusammenbruch seiner äußeren Lebenssituation erleben musste. Die Familie zeigt sich dementsprechend dankbar. Felix eröffnet sich durch die Krise sogar unverhofft die Aussicht, sich schon bald ein völlig neues Leben mit veränderter Identität aufbauen zu können.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 6. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 6. Januar 2023.