Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Buch 1, Kapitel 1–2

Zusammenfassung

Felix Krull eröffnet seine Bekenntnisse als personaler Ich-Erzähler, der bekundet, seine Erinnerungen niederschreiben zu wollen. Diese Erzählperspektive des erlebenden Ichs wird bis zum Ende des Romans durchgehalten. Felix fragt sich, ob er die nötigen Bildungsvoraussetzungen für ein solches Unterfangen habe, zerstreut seine Bedenken im Anschluss aber gleich wieder selbst.

Dann schildert er in wenigen Absätzen seine Familie: Sein leichtlebiger Vater Engelbert Krull ist Champagnerfabrikant und verkauft Ware von minderer Qualität, was er mit einer aufwendigen Produktverpackung zu verschleiern versucht. Durch dieses halbseidene Geschäftsmodell ist er zu einigem Besitz gekommen und wohnt mit seiner Frau, seinem Sohn Felix und dessen Schwester Olympia in einer großen und neureich ausgestatteten Villa im Rheingau. Zur Familie gehört außerdem Felix‘ Patenonkel Schimmelpreester, ein mittelmäßiger Kunstmaler, der sich mit »Herr Professor« anreden lässt.

Im zweiten Kapitel erfährt man, dass Felix Krull zum Zeitpunkt der Niederschrift seiner Bekenntnisse 40 Jahre alt ist. Er geht nun ausführlich auf seine Geburt, sein Säuglings-, Kleinkind- und Knabenalter ein.

Seine Entbindung verläuft sehr langsam, weil er »nicht den mindesten Eifer zeigt[e]« (S. 14), auf die Welt zu kommen. Als Baby ist er ruhig, schläft bis zu 14 Stunden am Tag und schreit fast gar nicht.

Schon früh wird er von seiner Familie als Glückskind, als Sonntagskind betrachtet, was sein Name Felix (lat.»der Glückliche«) unterstreicht. Äußerlich ist er zart und hübsch, beinahe mädchenhaft, mit blondem Haar, graublauen Augen und goldbrauner Haut. Seine Stimme und seine ganze Erscheinung wirken angenehm auf seine Mitmenschen.

Er schauspielert gern und schlüpft in verschiedene Rollen, für die er sich auch verkleidet. Außerdem trainiert er sich besondere körperliche Fähigkeiten an, zum Beispiel die eigenen Pupillen nach Belieben zu verengen oder zu vergrößern. Er besitzt sehr viel Fantasie, träumt häufig und gibt sich in Gedanken gern Spekulationen über die Welt, die Menschheitsgeschichte und das Leben hin.

Analyse

Die Hauptthemen des Romans, Täuschung und Illusion, Hochstapelei und Schein versus Sein werden unmittelbar und ohne Verzögerung eingeführt. Bereits mit seinen ersten Sätzen zeigt Felix Krull eitle und narzisstische Züge, indem er die eigenen Bedenken, er könne seinem Stoff nicht gewachsen sein, mit anmaßenden Begründungen sofort wieder selbst zerstreut. Schließlich geben, was »Takt und Anstand des Ausdrucks« betrifft, »regelmäßige und wohlbeendete Studien nach meiner Meinung weit weniger den Ausschlag, als natürliche Begabung und eine gute Kinderstube.« (S. 9). Diese gute Kinderstube glaubt er zu besitzen, obwohl er mit seinem Elternhaus ebenfalls eine Welt der Selbstüberschätzung und Großmannssucht schildert.

Das gesamte Lebensmodell der Familie ist auf Betrug gegründet, denn der in der Firma des Vaters produzierte Champagner mit dem klingenden Namen »Lorley extra cuvée« ist von weit minderer Qualität, als Aufmachung und Verpackung glauben machen: »[…] daß die Firma Engelbert Krull auf das Äußere ihrer Flaschen, jene letzte Ausstattung, die man fachmännisch die Coiffure nennt, ein ungemeines Gewicht legte.« (S. 11/12) Diese »letzte Ausstattung«, die eigentlich die gelungene Abrundung, sozusagen der i-Punkt eines qualitätvollen Produktes sein sollte, wird hier zum Dreh- und Angelpunkt der Ware, zum einzigen Aspekt, der wirklich hochwertig ist. Der Inhalt als solcher wird von Schimmelpreester offenbar mit Recht als »Petroleum oder Fusel« (S. 12) bezeichnet.

Zum betrügerischen Geschäftsmodell des Vaters passt die Ausstattung des elterlichen Hauses, das protzig und überladen wirkt mit »Nippes, Muscheln, Spiegelkästchen und Riechflakons […], Etageren und Plüschtischchen« (S. 12).

Schon in seiner frühen Kindheit zeigt Felix äußerliche Qualitäten und innere Eigenschaften, die ihm bei seiner späteren »Karriere« als Hochstapler von Nutzen sein werden: Er sieht auf eine elegante Art gut aus, sodass man ihm ohne Weiteres seine Zugehörigkeit zur upper class abnimmt. Dabei wird er von jedermann als angenehme Person empfunden, denn er ist weder laut noch energisch oder gar aufmüpfig. Eine gewisse Trägheit und Lethargie kommen ihm hier mehr entgegen, als dass sie ihm schadeten. Darüber hinaus kann er mit Leichtigkeit unterschiedliche Rollen annehmen und hat Spaß an der Nachahmung, die er zu großer Kunst entwickelt.

Seine philosophischen Gedankenspiele hingegen sind lediglich oberflächliche Spekulationen (darin den pseudowissenschaftlichen Überlegungen nicht unähnlich, denen sich Hans Castorp in Thomas Manns Roman »Der Zauberberg« hingibt). Zu keiner Zeit interessiert er sich ernsthaft für Geschichte oder für die großen Philosophen. Auch tauscht er sich nicht mit anderen über seine Gedanken aus. These und Antithese entstehen beide allein in seinem Inneren, ein Sinnbild für seine eitle Selbstbespiegelung, sogar noch in der Welt der Abstraktion.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 6. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 6. Januar 2023.