Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Interpretation

Mythologische Bezüge: Narziss und Hermes

Moderne Psychologie würde Felix Krull vielleicht als »narzisstisch« einstufen. Pathologischer Narzissmus geht einher mit einem schwachen Selbstwert, der von vordergründigem Charme, manipulativen Fähigkeiten, Verführungskunst und Machtspielen verdeckt wird. Der Narzisst ist unfähig zur Empathie und ahmt stattdessen den Gefühlsausdruck nach, dessen Darstellung er sich durch scharfe Beobachtung empathischer Menschen angeeignet hat. Fehlende Selbstkritik und fehlende Einsicht in eigene Schwächen gehen mit diesem Krankheitsbild einher, weshalb Betroffene auch als besonders »therapieresistent« gelten. Voraussetzung für die Entscheidung zur Therapie ist schließlich die Anerkennung eines Problems – und der Narzisst hält sich für zu großartig, um Probleme zu haben.

Der Begriff des »Narzissmus« basiert auf dem antiken griechischen Mythos des schönen Jünglings Narziss. Ovid schildert in den »Metamorphosen«, wie Narziss von zahlreichen Wesen, darunter der Nymphe Echo, begehrt wird. Doch er erhört keinen der Liebenden. Im Roman zieht der Marquis de Venosta die Parallele zu Narziss, indem er zu Felix sagt: »Dass Sie in Liebesdingen Bescheid wissen, glaube ich ohne Ihre Versicherung. Und doch scheinen Sie mir der Typ, der mehr geliebt wird, als dass er selbst liebte.« (S. 274) Im Mythos ruft einer der unglücklich Verliebten verzweifelt aus, Narziss möge selbst einmal ohne jede Aussicht auf Erwiderung lieben. Die Rachegöttin Nemesis erfüllt diesen Wunsch und lässt Narziss sein eigenes Spiegelbild in einer Quelle erblicken. Er will sich der schönen Gestalt nähern, doch obwohl sie seine Gesten nachahmend erwidert, bleibt sie unerreichbar. Narziss stirbt schließlich aus unerfüllter Sehnsucht.

Diese tragische Dimension freilich geht Felix Krull ab. Heiterer und dadurch enger mit ihm verwandt ist die mythologische Gestalt des Hermes, auf die an vielen Stellen des Romans Bezug genommen wird. Der griechische Götterbote mit den geflügelten Schuhen steht für Kommunikation, Austausch und Sprache. Er ist der große Vermittler zwischen Himmel und Erde, zwischen Göttern und Menschen. Wie Felix ist er schnell, scharfsinnig und zur Nachahmung begabt; wie er darf er sich keine Gefühlstiefe erlauben und ist zur Neutralität verpflichtet. Und letztendlich hat auch Hermes ein ambivalentes Verhältnis zum Besitz: Er ist nicht nur der Gott der Kaufleute und Händler, sondern auch jener der Diebe und Betrüger.

Parodie des Bildungsromans und klassischer Bekenntnisse

Thomas Mann wollte mit den »Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull« eine ironische Reminiszenz an Goethes Autobiografie »Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit« schaffen. Ein erster Hinweis darauf: Felix wächst im Rheingau auf, einem Landstrich, dem Goethe eng verbunden war, und zieht später in Goethes Geburtsstadt Frankfurt am Main.

Im Unterschied zum klassischen Vorbild sind Krulls Erinnerungen jedoch voller Eitelkeit und frei von differenziertem Urteil oder gar Reue in der Rückschau. Im Gegenteil: Felix Krull entwickelt sich nicht im Laufe der Handlung, sondern bleibt in seiner Selbstzufriedenheit und Vorteilssuche stets derselbe. Weder die Erfahrung des Familienbankrotts, noch der Selbstmord des Vaters oder der Aufbruch in die »große Welt« von Paris und Lissabon vermögen ihn im Kern zu verändern. So parodieren seine Bekenntnisse das Genre des Bildungsromans, das von innerer Entwicklung und charakterlicher Veränderung der Hauptfigur gekennzeichnet ist.

»Felix Krull« als Schelmenroman

Eine weniger strenge Betrachtungsweise ordnet das Werk dem Genre des Schelmen- oder Picaroromans zu. In diesem Zusammenhang kann die Hauptfigur mit mehr Nachsicht betrachtet werden: Sie erscheint als listenreiche Person, die der Oberschicht einen Spiegel vorhält und den Angehörigen der »upper class« nur das gibt, was diese verdienen. Felix entlarvt mit Witz und Fantasie die Schwächen seiner Mitmenschen. Sein Aufstieg wird nur durch ihre eigene Eitelkeit und ihre Blindheit gegenüber sozialen und ökonomischen Verwerfungen ermöglicht. Kritisiert wird also die Verlogenheit der Welt, nicht der Gauner, der diese Verlogenheit offenbart. Er ist im Gegenteil ein liebenswerter Schelm, mit dem man als Leser sympathisiert.

Ein Beispiel für Felix‘ »Eulenspiegeleien« ist sein Halbwissen über antike Mythologie. Im Gespräch mit gebildeten Personen macht er einige kurze Bemerkungen über den griechischen Götterboten Hermes. Sogleich geht man davon aus, dass er sich in der griechischen Mythologie auskenne, obwohl er in Wahrheit so gut wie nichts darüber weiß. Die Gesprächspartner haken nicht nach, da sie selbst nicht an einer tiefergehenden Beschäftigung mit dem Thema, sondern lediglich an oberflächlichem Small Talk interessiert sind.

Neben dieser gesellschaftlichen Entlarvung auf inhaltlicher Ebene gibt es auch eine äußere Verwandtschaft zum Picaroroman, nämlich den episodenhaften Aufbau. Im Unterschied zum klassischen Bildungsroman gibt es hier keine Entwicklung von der Jugend über die Lehrjahre hin zur Meisterschaft. Während ein amüsantes oder spannungsreiches Abenteuer auf das nächste folgt, bleibt das innere Erleben der Hauptfigur immer dasselbe.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 6. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 6. Januar 2023.