Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Buch 3, Kapitel 4–5

Zusammenfassung

Am Abend vor dem französischen Nationalfeiertag (14. Juli) hat Felix frei und diniert auf der Dachterrasse des »Grand-Hôtel des Ambassadeurs«. An einem der Nebentische sitzt der Marquis de Venosta, der Felix überrascht entdeckt. Zunächst weiß er nicht recht, was er von der Begegnung halten und mit welchem Namen er Felix, den er nur als Armand kennt, ansprechen soll. Dieser aber nimmt ihm alle Befangenheit und stellt sich als »Felix Kroull« vor.

Venosta setzt sich zu Felix an den Tisch. Im Gespräch stellt er eigene Überlegungen zu der unerwarteten Begegnung an. Er geht davon aus, dass Felix, der an diesem Abend ebenso gut gekleidet ist wie er selbst, aus guter Familie stamme. Weiter vermutet er, dass er eine große Hotellaufbahn anvisiere, für die es nötig sei, bestimmte Tätigkeiten »von der Pike auf« zu lernen. Felix lässt ihn in diesem Glauben und äußert sich nicht dazu.

Im Laufe des Abends offenbart Venosta mehr und mehr von sich. Felix erfährt, dass Venostas Freundin Zaza Sängerin ist und seine Familie die Beziehung nicht billigt. Seine Eltern wollen ihn zu einer einjährigen Weltreise zwingen, um ihn von Zaza zu trennen. Venosta ist darüber sehr beunruhigt, denn für ihn gibt es nur Paris und seine Geliebte. An Reisen und neuen Erlebnissen ist er nicht im Geringsten interessiert. Er redet sich gegenüber Felix in eine geradezu verzweifelte Rage angesichts seiner Lage hinein.

Nach und nach entwickelt sich im Gespräch zwischen den beiden die Idee eines Rollentausches. Felix soll einfach anstelle des Marquis reisen und dessen Eltern von Zeit zu Zeit brieflich von seinen Erlebnissen Bericht erstatten. Felix zeigt sich dafür empfänglich, stellt aber im Unterschied zum Marquis viele praktische Überlegungen an und denkt schon im Vorfeld über mögliche Fallstricke und Schwierigkeiten einer solch gewagten Aktion nach. Dabei denkt er nicht nur an seine Situation, sondern auch daran, wie Venosta umgekehrt in seiner Rolle zurechtkommen werde.

Bereits an diesem Abend übt Felix unter den Augen des Marquis dessen Unterschrift. Venosta ist beeindruckt von der Leichtigkeit, mit der ihm die Nachahmung gelingt. Als klar ist, dass Felix sich auf den Plan einlassen und ihm so ermöglichen wird, in Paris bei Zaza zu bleiben, wird er euphorisch. Überschwänglich bezahlt er für beide und gibt dem Oberkellner ein üppiges Trinkgeld, ehe er Felix in seiner Droschke nach Hause bringt.

Das fünfte Kapitel beginnt mit der Beschreibung von Felix‘ Gefühlslage. Er ist wie der Marquis außerordentlich glücklich über den geplanten Rollentausch und freut sich auf seine bevorstehenden Abenteuer. Dabei verrichtet er wie bisher seine Arbeit als Kellner und lässt sich gegenüber den Kollegen und Gästen keine Veränderung anmerken. Im Inneren erlebt er sich aber bereits als Marquis. Bei seiner Kündigung gibt er gegenüber Monsieur Machatschek familiäre Gründe an. Machatschek ist entrüstet und will ihn halten, was Felix jedoch nur dazu veranlasst, nicht einmal mehr den offiziellen Kündigungstermin einzuhalten. Er möchte noch vieles erledigen, bevor er Mitte August auf die »Cap Arkona« geht, die ihn von Lissabon nach Argentinien bringen soll.

Felix sucht den Marquis, den er inzwischen »Loulou« nennt, in seiner Pariser Privatwohnung auf. Die beiden besprechen noch einmal alle notwendigen Vorkehrungen. Felix erhält einen Kreditbrief, mit dem er Abhebungen von Venostas Konto vornehmen kann. Außerdem schenkt ihm der Marquis einige kostbare Kleidungsstücke und zeigt ihm seine Bleistift- und Kreideskizzen, deren Technik Felix sofort nachzuahmen versteht. Danach verabschieden sie sich aufgekratzt und herzlich voneinander.

Wenige Wochen später sitzt Felix im Zug nach Lissabon, von wo aus er per Schiff weiter nach Argentinien reisen soll. Er genießt die Fahrt und gibt sich seinen Gedanken über den Wechsel der Identitäten hin, mit dem er auch die Erinnerungen an sein altes Leben aufgeben möchte. Im Gespräch mit dem Schaffner und dem Personal im Speisewagen kostet er seine neue gesellschaftliche Stellung aus.

Im Speisewagen lernt er den Paläontologen und Direktor des Naturhistorischen Museums Lissabon, Professor Kuckuck, kennen. Der Professor verwickelt Felix in ein interessantes Gespräch über die Sehenswürdigkeiten der Stadt. Er spricht auch kurz über sein persönliches Leben in Lissabon und erwähnt seine portugiesische Frau Maria Pia und seine Tochter Suzanna, genannt Zouzou. Die beiden tauschen Visitenkarten aus. Felix muss sich in dieser Situation erstmals mit »Venosta« vorstellen, was durchaus heikel ist, weil Kuckuck sich bestens mit der Genealogie europäischer Adelshäuser auskennt.

Als der Professor auf sein eigentliches Fachgebiet, die Erdgeschichte, zu sprechen kommt, ist Felix ungeheuer fasziniert. Kuckuck hält ihm einen kleinen Vortrag, nur von wenigen Fragen und Zwischenbemerkungen seitens Felix unterbrochen. Dabei beschreibt er, wie sich das Leben auf der Erde von den Einzellern im Kambrium bis hin zum Erscheinen des Menschen entwickelt hat.

Analyse

Felix‘ zufällige Begegnung mit dem Marquis de Venosta im »Grand-Hôtel des Ambassadeurs« ist einer der vielen Textabschnitte, in denen es um gesellschaftliche Hierarchien, Schein und Sein und die Zufälligkeit sozialer Zugehörigkeiten geht. Weil Felix eine gute Figur in seiner teuren Kleidung macht und dazu passende Umgangsformen an den Tag legt, geht Venosta davon aus, dass nicht diese Rolle eine angemaßte ist, sondern dass Felix sich umgekehrt als Kellner maskiert habe, um so unbehelligt berufliche Erfahrungen von »ganz unten« zu sammeln.

Sofort ist der Marquis bereit, sich Felix gegenüber noch entgegenkommender zu zeigen als bisher. Er zeigt sein eigenes Mittelmaß mit den Worten: »Ich wäre unglücklich, Ihnen lästig zu fallen. Am wenigsten möchte ich das tun durch Insistenz, die immer ein Merkmal schlechter Kinderstube ist. Ein erzogener Mensch geht leise über alles hinweg, akzeptiert die Vorkommnisse, ohne zu fragen. Das kennzeichnet den Mann von Welt, wie ich angeblich einer bin.« (S. 269) Thomas Mann spielt hier brillant mit der Entlarvung durch Ironie: Indem er sich erklärt, zeigt der Marquis zum einen genau die Insistenz, die er angeblich vermeiden möchte. Seine Selbsteinschätzung als »Mann von Welt« wirkt darum besonders lächerlich.

Zum anderen aber ist das Prinzip des »Leise-über-alles-Hinweggehens« auch schon an und für sich zum Machtinstrument verkommen. Was – ähnlich wie die »Benimmregeln« des Freiherrn von Knigge – eigentlich Humanität, bürgerliche Freiheit und menschliche Rücksichtnahme befördern sollte, wird umfunktioniert zu einem Ausdruck gesellschaftlicher Herablassung. Ursprünglich sollte diese Maxime jedem erlauben, in einer peinlichen Situation das Gesicht zu wahren. Wer aber generell im Miteinander »leise« über echtes oder vermeintliches Fehlverhalten eines anderen hinweggeht, wer niemals Überraschung zeigt und jede Konfrontation meidet, statt Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, will damit nur umso deutlicher seine Überlegenheit und Verachtung zeigen – die genaue Umkehrung der ursprünglichen Intention.

Der banalen Existenz des Marquis als zufälliger Angehöriger der Geldaristokratie entspricht sein mittelmäßiges Zeichentalent. Er besucht die Académie des Beaux Arts lediglich zum Zeitvertreib und in Ermangelung besonderer Begabungen. Felix kann seine Kreideskizzen, die durch eine bestimmte Wischtechnik ungegenständlich wirken, mit Leichtigkeit nachahmen. Der Marquis ist ein wenig beschämt, zugleich aber froh darüber, dass Felix sich auch in dieser Hinsicht in seine neue Rolle fügt: »Louis schien etwas betreten, als ich ihm das Blatt zeigte, doch auch erfreut, und erklärte, daß ich mich unbedenklich damit sehen lassen könne.« (S. 296)

Im Zug nimmt Felix bereits mit großer Selbstverständlichkeit die Rolle des Marquis an. Dabei genießt er nicht so sehr die höhere gesellschaftliche Stellung, die damit verbunden ist, als vielmehr die Veränderung, den Identitätswechsel als solchen. Es fällt ihm leicht, seine bisherige Existenz hinter sich zu lassen: »Nein, die Veränderung und Erneuerung meines abgetragenen Ich überhaupt, daß ich den alten Adam hatte ausziehen und in einen anderen hatte schlüpfen können, dies eigentlich war es, was mich erfüllte und beglückte.« (S. 298) Auch auf seine bisher gemachten Erfahrungen legt er keinerlei Wert mehr: »Meine Erinnerungen! Es war ganz und gar kein Verlust, daß sie nicht mehr die meinen zu sein hatten.« (ebd.)

Das Gespräch mit Professor Kuckuck im Speisewagen ist eine bemerkenswerte Zäsur im Geschehen. Felix kommt hier zum ersten Mal im gesamten Handlungsablauf mit einer Persönlichkeit in Berührung, die ihm deutlich überlegen ist. Als Gelehrter entspricht Kuckuck nicht der Definition des Gentleman, die Marquis de Venosta bereits in Kapitel 4 gegeben hat: »Gelehrsamkeit, aufdringliche zumal, ist nicht Sache des Gentleman, das hat er vom Edelmann. Es ist eine gute Überlieferung aus Zeiten, wo der Mann von Adel nur anständig zu Pferde zu sitzen brauchte und sonst überhaupt nichts lernte, schon gleich nicht Lesen und Schreiben.« (S. 272, vgl. Zitate und Textstellen)

Kuckuck zeigt durchaus »aufdringliche« Gelehrsamkeit im Gespräch mit Felix und verfällt immer wieder ins Dozieren, ganz anders als im Felix sonst so vertrauten small talk. Ein solches Verhalten gilt in den Kreisen, zu denen sich Felix Zugang erhofft, als unangemessen. Dennoch ist er fasziniert von den Ausführungen des Professors: »Seine Bezeichnung der Erde als ‘Stern‘ tat es mir sonderbar an […]. Dazu erregte mir gleich das Wort ‘gegenwärtig‘, das er der ‘Bewohnerschaft‘ beigab, ein Gefühl bedeutsamer Weitläufigkeit.« (S. 301) An anderer Stelle sagt er im Dialog mit Kuckuck: »Sie sehen mich außerordentlich gepackt durch Ihre Angaben, Herr Professor.« (S. 307) Zugleich erkennt er, dass diese Art leidenschaftlichen Interesses für naturgeschichtliche und philosophische Zusammenhänge seinem Wesen eigentlich fremd ist: »[…] daß ich außerordentlich erregt war, und zwar durch eine meine Natur fast überspannende Ausdehnung des Gefühls, die das Erzeugnis der Reden meines Tischgenossen über das Sein, das Leben, den Menschen war.« (S. 317)

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 6. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 6. Januar 2023.