Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Buch 3, Kapitel 6–8

Zusammenfassung

Nach dem langen Gespräch mit Professor Kuckuck schläft Felix in seinem Schlafabteil nur schwer ein und hat unruhige, wirre Träume. Darin erscheinen Elemente von Kuckucks Ausführungen, von der Milchstraße über das Skelett eines Tapirs bis zu Wortfetzen in portugiesischer Sprache. Gegen Morgen fällt er endlich in traumlosen Schlaf und wacht erst kurz vor der Ankunft in Lissabon wieder auf. Professor Kuckuck sieht er vorerst nicht wieder, weder beim Aussteigen noch am Bahnsteig.

Felix nimmt sich eine Kutsche, die ihn ins Hotel »Savoy Palace« bringt. Er genießt die besondere Behandlung, die er hier in der Rolle des Marquis de Venosta erfährt, und die opulente Ausstattung seines Appartements im ersten Stock. Von hier aus hat er einen großartigen Ausblick auf die Prachtstraße, die »Avenida«. Er geht in den Speisesaal hinunter und überlegt dort, sich mit Professor Kuckuck in Verbindung zu setzen; zum einen, um sich von ihm das Naturhistorische Museum zeigen zu lassen, zum anderen, um seine Tochter Zouzou kennenzulernen. Um nicht übereifrig zu erscheinen, verschiebt er das Vorhaben aber auf den kommenden Tag und erkundet zunächst die Umgebung des Hotels.

Zum ersten Mal verschickt er eine Depesche an Venostas Eltern. Anschließend gibt er seine Karte am Empfang der luxemburgischen Botschaft ab und lässt das Botschafterpaar Monsieur und Madame Hüon grüßen. Er durchstreift die Straßen Lissabons und gibt sich den zahlreichen neuen Eindrücken hin. Ab und zu fragt er Passanten nach dem Namen eines Platzes, den er bereits kennt, nur um die freundlich antwortenden Menschen genauer betrachten und die Klangfarben ihrer Stimmen studieren zu können.

In einem Café erregt eine dreiköpfige Gruppe am Nachbartisch sein Interesse: eine ältere und eine junge Frau sowie ein Mann in mittleren Jahren. Im hübschen Gesicht der jungen Frau erkennt er Züge Zazas wieder, allerdings in einer edleren Form. Die ältere Frau ist eine Schönheit von südländischem Aussehen. Um Kontakt zu der Gruppe aufzunehmen, fragt er den Mann nach Professor Kuckucks Adresse, was große Heiterkeit auslöst. Zu seiner Überraschung erfährt er, dass es sich bei dem Trio um Madame Kuckuck, ihre Tochter Zouzou und Kuckucks wissenschaftlichen Mitarbeiter Miguel Hurtado handelt. Anschließend entspinnt sich ein fröhliches Gespräch zwischen den Vieren, in dem Zouzou dem frechen Charme von Felix mit sachlicher Direktheit Paroli bietet. Schließlich verabredet Felix sich für den kommenden Tag mit Hurtado im Naturkundemuseum. Auch der Professor selbst wird laut Hurtado anwesend sein.

Am folgenden Vormittag wartet Hurtado in der Vorhalle des Museums auf ihn und führt ihn in Kuckucks Büro. Der Professor begrüßt ihn erfreut und schlägt einen Rundgang durch das Museum vor. Zuerst betrachten sie ein Diorama mit Meerestieren. Von dort aus gehen sie weiter zu einem gigantischen Sauriermodell sowie zu Modellen eines Flugsauriers und eines Mammuts. Im Anschluss an die Betrachtung unzähliger Reptilien, Vögel und Säugetiere begeben sie sich ins Tiefgeschoss des Hauses, wo die Anfänge der Menschheit anhand einer Gruppe von Neandertalern und einer frühgeschichtlichen Form des Homo sapiens illustriert werden. Wie bereits im Gespräch mit Kuckuck im Zug, nimmt Felix begierig alle Eindrücke auf und ist geradezu fieberhaft erregt.

Nach dem Rundgang ist er zum Mittagessen bei Familie Kuckuck zu Gast. Die Hausherrin fasziniert ihn erneut mit ihrem würdevollen Auftreten und ihrer strengen Schönheit. Stärker noch fühlt er sich aber zu Zouzou hingezogen, die gerade vom Tennisspiel zurückgekehrt ist. Die Tischgespräche drehen sich um den Museumsbesuch, Felix‘ weitere Reisepläne und die Familie Estanciero, die er in Argentinien aufsuchen wird. Dank Venostas guter Vorbereitung kann Felix sich gewandt über alle Themen äußern.

Der Professor verabschiedet sich, und Felix besucht nun mit Miguel Hurtado und den beiden Frauen den Botanischen Garten der Stadt. Erneut flirtet er hier heftig mit Zouzou und umgarnt zugleich ihre Mutter mit Komplimenten. Er gesteht Zouzou, dass er sie gezeichnet habe, und sie fordert ihn wütend auf, ihr die Zeichnungen auszuhändigen. Im weiteren Gespräch mit ihr kündigt er auch an, dem König von Portugal demnächst seine Aufwartung zu machen, was sie aber nicht beeindruckt. Zum Abschied verabredet er sich mit ihr zu einer Partie Tennis, obwohl er noch nie zuvor Tennis gespielt hat.

Analyse

Genau wie schon bei seinen ersten Diebstählen im kleinstädtischen Feinkostladen und bei seinen späteren Spaziergängen durch die Nobelmeilen Frankfurts, ergeht Felix sich auch bei der Beschreibung seines Hotelappartements in ausladenden Schilderungen der Farben, Formen und Dekorationen. Seine besondere Empfänglichkeit für Luxus und ästhetische Schönheit kommt hier zum wiederholten Male zum Ausdruck: »[…] der Luxus des in Blau und Grau gehaltenen Schlafzimmers […], seiner längsgestreiften Tapete von nervenbegütigendem Mattblau, seinem hohen Standspiegel, dem Beleuchtungskörper aus Milchglas, dem Toilettentisch, den weißen und breiten Schranktüren, deren Messingklinken blitzten« (S. 325).

Wie perfekt Felix sich in seine neue Rolle als Marquis einfindet, zeigt seine Bemerkung bei der Aufgabe einer Depesche an Venostas Eltern: »[…] wo ich eine Depesche nach Schloß Monrefuge daheim ausfertigte« (S. 327). Ganz selbstverständlich flicht er das Wort »daheim« ein, nicht etwa »zu Loulous Eltern« oder ähnliches. Zwischen Felix und seiner Maskierung als Marquis gibt es in dieser Hinsicht keine unterscheidende Grenze mehr. Zugleich aber kommen die Eigenschaften des merkurischen Felix dem schwerfälligeren Loulou zugute, wenn Felix sich bereits in der ersten Nachricht an dessen Eltern schmeichelnd und zugänglich zeigt: »Stelle bereits eine gewisse Ablenkung meiner Gedanken fest, welche nicht immer die rechten Wege gingen. Euer dankbarer Loulou.« (ebd.)

Bei der Bekanntschaft mit Madame Kuckuck und Zouzou wird Felix, was selten passiert, als Charmeur vor Herausforderungen gestellt. Madame Kuckuck ist ihm gegenüber distanziert und herablassend. Zouzou flirtet zwar offensiv mit ihm, begegnet ihm dabei aber mit nüchternem Spott. Als sie zum Beispiel eine Bemerkung über seine hübschen Zähne macht und ihre Mutter sie dafür rügt, antwortet sie: »Aber er zeigt sie ja immer. Offenbar will er es hören. Und man soll über so etwas auch gar nicht schweigen. Schweigen ist nicht gesund. Die Feststellung bringt ihm und anderen noch am wenigsten Schaden.« (S. 338)

Die philosophischen Betrachtungen, die der Professor Felix im Zug auseinandergesetzt hat, werden beim Rundgang mit ihm durch das Naturkundemuseum nicht wieder aufgenommen. Stattdessen beschreibt Felix die Exponate ausführlich und relativ sachlich gemäß den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen der Zeit. Dennoch ist er erneut auf seltsame Weise durch die Eindrücke erregt und euphorisiert.

Ganz anders geht es ihm beim Besuch des Botanischen Gartens. Charakteristisch für ihn ist die Bemerkung, »daß die Natur, und sei sie noch so erlesen, gebe sich noch so sehr als Sehenswürdigkeit, uns wenig Aufmerksamkeit abnötigt, wenn uns das Menschliche beschäftigt und unser Sinn von diesem eingenommen ist. Sie bringt es dann trotz aller Ansprüche nicht über die Rolle der Kulisse, des Hintergrunds unserer Empfindung, einer bloßen Dekoration hinaus.« (S. 364) Ein Biologe, aber auch ein Gärtner oder Landschaftsmaler dürfte dies sicher anders sehen, und auch Professor Kuckuck widmet sich der Erforschung der Natur und ihrer Geschichte mit Leidenschaft.

Dass sie für Felix sofort zur Kulisse wird, sobald menschliche Beziehungen ihn beschäftigen, sagt viel mehr über sein eigenes Wesen als über das Verhältnis von Natur und Mensch im Allgemeinen aus. »Das Menschliche« meint bei Felix meist das Erotische, und auch diesmal gelingt es ihm, das Gespräch recht schnell wieder darauf zu bringen. Als Hurtado erwähnt, dass in primitiven Vorstellungen manchen Farngewächsen die Fähigkeit zum »Liebeszauber« angedichtet werde, nimmt Felix das als willkommenen Aufhänger, um erneut mit Zouzou zu flirten.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 6. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 6. Januar 2023.