Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Buch 3, Kapitel 1–3

Zusammenfassung

Felix beginnt das dritte Buch seiner Bekenntnisse mit einem Rückblick auf seine Begegnung mit Madame Houpflé. Er hebt das Einzigartige ihres Zusammentreffens hervor und betont, dass er später zwar noch andere Abenteuer mit älteren Frauen erlebt habe, aber keine von ihnen mit Madame Houpflé zu vergleichen gewesen sei.

Immerhin hat ihm ihre Bekanntschaft auch zu unverhofftem Geldsegen verholfen. Neben dem »gestohlenen« Schmuck, den er erneut zum Hehler bringt, hat Felix von seiner Geliebten auch hohe Summen Bargeld erhalten. Er legt unter dem Namen Armand Kroull ein Konto an und spart einen Großteil des Geldes.

Tatsächlich baut er sein kleines Vermögen umsichtig und mit Geschick auf, indem er seine Anstellung im Hotel behält. Logis und Verpflegung sind hier zwar schlecht, aber kostenlos, und häufig erhält er außerdem Trinkgelder. In der Freizeit gönnt er sich allerdings häufiger als früher ein paar Vergnügungen. So besucht er gemeinsam mit Stanko Cafés und Cabarets. Besonders deutlich erinnert er sich an einen Abend im Cirkus Stoudebecker. Er bewundert die Arbeit der Artisten grenzenlos und betet die Trapezkünstlerin Andromache förmlich an.

Während er an seiner hochstaplerischen Existenz weiterarbeitet, entfremdet er sich zunehmend von seinem Kumpel Stanko. Als Stanko vorschlägt, sie könnten gemeinsam auf Diebestour gehen, lehnt Felix dies ab. Er bemerkt ihre wesensmäßigen Unterschiede und gesteht sich auch selber ein, zu einer Freundschaft und Vertraulichkeit, wie Stanko sie wünscht, nicht fähig zu sein.
Felix langweilt sich zunehmend auf seinem Posten als Liftboy und hofft, in der Rangordnung der Hotelangestellten aufsteigen zu können. Eines Tages wird er vom Maître d’hôtel, Monsieur Machatschek, zu einem Gespräch gebeten. Machatschek bietet Felix einen Wechsel in den Restaurantbetrieb an, allerdings zunächst nur als »Abkratzer« von Essensresten auf den abgeräumten Tellern.

Obwohl Felix das als Herabstufung gegenüber seiner Arbeit als Liftboy sieht, denkt er strategisch und weiß, dass dieser Job nur ein vorübergehender sein wird und als Einstieg in eine spätere Stellung als Kellner dient. Schon jetzt bestellt er sich eine elegante Livrée. Er wird dem älteren Oberkellner Hector zugeteilt. Der lebenserfahrene Hector erkennt sofort, wie Felix auf die Gäste wirkt, und prophezeit ihm eine erfolgreiche Karriere. Schließlich darf Felix auch wie erwartet selbst servieren, zunächst nur den Nachmittagstee, später auch das Dinner.

Erneut kommen ihm dabei sein gutes Aussehen und sein Charme zugute. Viele der Gäste himmeln ihn an. Dabei streitet er rückblickend ab, es je genossen zu haben, wenn Menschen sich in ihn verliebten, für die er selbst nichts empfand. Er berichtet von zwei solcher Menschen, der 17- oder 18-jährigen Eleanor Twentyman aus Birmingham und dem etwa 50-jährigen schottischen Lord Nectan Kilmarnock. Während Eleanor sich in eine verzweifelte Schwärmerei hineinsteigert, bietet ihm der Lord zunächst eine Stelle als Kammerdiener an und schlägt später sogar vor, Felix zu adoptieren. Felix kann beiden jedoch auf die ihm eigene, scheinbar zartfühlende Art klarmachen, dass ihre Gefühle trotz des großen Respektes, den er für sie hege, nicht erwidert würden. Eleanor reist schließlich mit ihren Eltern wieder ab, ebenso wie der Lord, der Felix zum Abschied einen kostbaren Ring schenkt.

Im Rahmen seiner Arbeit als Kellner lernt Felix auch den Marquis de Venosta kennen, einen reichen luxemburgischen Adeligen, der ungefähr im selben Alter ist wie er. Venosta studiert Kunst an der Académie des Beaux Arts und gibt sich Felix gegenüber von Anfang an natürlich und freundschaftlich. Der Marquis hat meist einen Tisch für sich allein, nur gelegentlich lässt er für zwei Personen eindecken und speist dann in Begleitung seiner reizenden Freundin Zaza, einer Soubrette. Felix macht es besonderen Spaß, das Pärchen zu bedienen.

Mithilfe seiner zunehmenden Einnahmen und Erfolge hat Felix sich unweit des Hotels ein Zimmer gemietet, in dem er seine Privatgarderobe aufbewahrt. Mehr und mehr führt er nun ein Doppelleben und geht in seinen freien Stunden elegant aus. Er besucht die Oper oder isst in einem Hotel wie dem Ritz, das noch luxuriöser ist als das »Saint James and Albany«.

Analyse

Felix geht mit dem Geldsegen, den ihm die Begegnung mit Madame Houpflé bringt, sorgsam um. Verschwendung liegt ihm fern; er prahlt sogar damit, wie er jeden Gedanken daran »mit sittlicher Entschiedenheit« (S. 216) verwirft. Hier zeigt sich, dass er einer (spieß-)bürgerlichen Existenz weit näher steht, als das von ihm immer wieder gepflegte »Künstlerimage« vorgibt. Ironie als wesentliches Stilmittel im Roman und generell als eine bevorzugte Stilfigur Thomas Manns kommt hier erneut zum Einsatz, zum Beispiel dort, wo der Erzähler geradezu anbiedernd über seine Sparsamkeit spricht. »Mit Beifall und dem Gefühl der Beruhigung wird der Leser von diesem Verhalten Kenntnis nehmen« (S. 216) – da ist Felix sich sicher.

Nicht anders als seine aus armen Verhältnissen stammenden Kollegen stellt auch Felix ganz pragmatische Überlegungen zur Kantinenverpflegung oder zu Trinkgeldern an: »Auf zwölf bis fünfzehn Franken brachte ich es immer pro Woche, – ein angenehmer Beitrag zu den Unterhaltungskosten der vierzehntägigen halben Frei-Tage« (S. 218).

Dass er sich dabei dennoch seinem zwar derben, aber herzlichen und lustigen Freund Stanko überlegen fühlt, zeigt seine Selbstbezogenheit und menschliche Kälte. Unsägliche Arroganz spricht aus Worten wie diesen: »Er war mir gut, und auch ich konnte ihn leiden […], obwohl seine Begleitung nicht eben eine Zierde war. […] So ist es: der arbeitende Stand sollte sich nicht ‘fein machen‘« (S. 218).
Den Artisten des Cirkus Stoudebecker hingegen fühlt Felix sich auf innere Art verbunden. Besonders fasziniert ihn die androgyne Trapezkünstlerin Andromache mit ihren tollkühnen Aktionen. Aber auch die vollkommene Körperbeherrschung der anderen Artisten begeistert ihn. Sie zeigt sich u. a. darin, dass sie zwei Mal das Scheitern eines waghalsigen Sprunges simulieren, um die Spannung beim Publikum zu steigern, ehe das Kunststück beim dritten Mal gelingt. Es gibt eine innere Beziehung zwischen der Existenz der Zirkuskünstler und Felix‘ eigenem Leben als Drahtseilakt: »Nicht vom circensischen Fach […] konnte ich mich fühlen, aber vom Fache im allgemeineren, vom Fach der Wirkung, der Menschenbeglückung und -bezauberung.« (S. 228)
Als Drahtseilakt erweist sich auch immer wieder sein Umgang mit Menschen, die sich in ihn verlieben. Zwar ist Felix nicht an emotionalen Beziehungen zu anderen Menschen interessiert, zugleich aber viel zu eitel, um durch schroffe Abwehr möglicherweise Bewunderer zu verlieren. Er behauptet, es niemals genossen zu haben, wenn jemand sich unglücklich in ihn verliebt habe. Sein Verhalten straft diese Behauptung Lügen: Statt Lord Kilmarnocks Avancen abzuweisen oder Eleanors Schwärmerei schlichtweg zu ignorieren, gibt er sich als einfühlsamer, ja zärtlicher Gesprächspartner, dem nichts so sehr am Herzen liegt wie die Seelenruhe seines Gegenübers. Er schmeichelt sich sogar noch in dieser Situation: »Konnte ich mehr für sie tun, und war es nicht liebreich geredet?« (S. 245). Natürlich bewirkt er damit nur die Intensivierung der Gefühle: »Sie aber weinte nur« (ebd.).

Schon zu Beginn des vierten Kapitels bezeichnet Felix »eine Aristokratie des Geldes« als eine »vertauschbare Zufallsaristokratie« (S. 259). Die Begegnung mit dem Marquis de Venosta, einem reichen Adeligen, dessen Vater ein Vermögen in der Stahlindustrie gemacht hat, ermöglicht ihm, diese These auf die Probe zu stellen. Venosta scheint ihn zu mögen und spricht mit ihm auf Augenhöhe. Damit werden die Voraussetzungen für den späteren Rollentausch geschaffen.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 6. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 6. Januar 2023.