Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Buch 3, Kapitel 9–11

Zusammenfassung

Das neunte Kapitel beginnt mit einem Brief, den Felix in seiner Rolle als Marquis an dessen Eltern schreibt. Der Brief wird im Wortlaut wiedergegeben. Felix erklärt seinen »Eltern« zunächst, warum er sich noch immer in Lissabon und nicht wie geplant bereits auf dem Schiff Richtung Argentinien befinde. Dabei betont er das Bildungsinteresse, dass er an der portugiesischen Hauptstadt gefasst habe und besonders die interessante und lehrreiche Begegnung mit Professor Kuckuck. Zugleich gibt er vor, an den Damen des Hauses Kuckuck kein Interesse zu haben.

Außerdem schildert er einen Empfang in der luxemburgischen Gesandtschaft zu Ehren des rumänischen Prinzen Joan Ferdinand, ein Anlass, bei dem er ganz offensichtlich eine glänzende Figur gemacht hat. Der Prinz habe sich mit großem Interesse dem Gespräch mit ihm zugewendet. Felix alias Louis de Venosta behauptet, den Prinzen mit Geschichten aus seiner Jugend unterhalten zu haben und erwähnt in seinem Brief alle Bruchstücke, die ihm Venosta darüber vorab mitgeteilt hat.

Als weiteren Grund für die Verzögerung seiner Abreise nach Argentinien nennt Felix schließlich eine mehrtägige Audienz beim König von Portugal, die ihm vom luxemburgischen Gesandten Hüon vorgeschlagen worden sei. Anschließend schildert er den Verlauf dieser Audienz in ebenso prachtvollen Farben wie den Botschaftsempfang. Er habe sich mit dem König über die Schönheiten Lissabons und sein Kunststudium unterhalten, außerdem seine royale Gesinnung betont und Kritik an republikanischen Einstellungen geübt. Der König sei von ihm derart angetan gewesen, dass er die Audienz ausgedehnt habe, um sich länger mit ihm unterhalten zu können. Zum Schluss habe er noch eine Anekdote über die Hunde der Marquise de Venosta erzählt, die den König besonders amüsiert habe. Zwei Tage später sei ihm der portugiesische Orden vom Roten Löwen zweiter Klasse zugesandt worden, den der König ihm verliehen habe. Hier endet Felix seinen Brief mit vielen Schmeicheleien und devoten Komplimenten gegenüber Venostas Eltern.

Kurz darauf steht die Tennispartie mit Zouzou auf dem Plan. Felix weiß, dass er diesmal an seine Grenzen gegangen ist und sich auf ein gefährliches Spiel eingelassen hat. Zouzou erscheint in Begleitung eines jungen Mannes und einer jungen Frau. Beim gemischten Doppel überspielt Felix sein Unvermögen mit Faxen und übermütigen Aktionen, die ablenken sollen. Zouzou ahnt jedoch, dass er keinerlei Erfahrung im Tennisspiel hat.

Sobald die beiden wieder allein sind, fordert Zouzou erneut die Herausgabe der Zeichnungen. Außerdem wirft sie Felix vor, ihr auf sehr fantasielose Art den Hof zu machen. Felix deutet dies als Eifersucht auf ihre Mutter und freut sich insgeheim darüber. Zugleich wünscht er sich, auch die Mutter möge eifersüchtig auf die Tochter sein.

Wenige Tage darauf erhält er einen Brief von der Marquise de Venosta. Diese zeigt sich darin äußerst erfreut über die gesellschaftlichen Erfolge ihres Sohnes, wenngleich sie ihn ein wenig dafür rügt, mit den Familienanekdoten sehr private Dinge preisgegeben zu haben. Doch ihr mütterlicher Stolz auf den Sohn, der den König so gut unterhalten zu haben scheint, überwiegt alles andere.

Bis zu seiner geplanten Abreise nach Argentinien erhält Felix in den folgenden Wochen noch mehrere Einladungen der Familie Kuckuck. Dabei versucht er weiterhin, sich Zouzou zu nähern, schafft es aber nicht, sie einmal unter vier Augen zu treffen. Ihre Eltern achten darauf, dass die beiden stets in Begleitung sind. Zouzou beklagt erneut Felix‘ Fantasielosigkeit und bittet ihn schließlich um ein heimliches Treffen im Garten, bei dem er ihr die Zeichnungen übergeben soll, die er von ihr angefertigt hat.

Einen Höhepunkt des Aufenthaltes in Lissabon bildet der gemeinsame Besuch eines Stierkampfes, den Felix mit Professor Kuckuck und dessen Anhang erlebt. Er schreckt zunächst vor der Blutrünstigkeit des Spektakels zurück, ist dann aber fasziniert von der opulenten Inszenierung und Theatralik des Ereignisses. Die Corrida erscheint wie eine Spiegelung seiner einstigen Zirkuserlebnisse. Kuckuck spricht unterdessen wieder einmal vortragsartig auf ihn ein und erläutert ihm die kultischen und historischen Hintergründe des Stierkampfes.

Später trifft Felix Zouzou zur verabredeten Zeit im Garten. Er übergibt ihr Aktzeichnungen von Zaza, deren Frisur er auf den Bildern verändert und an Zouzous Haartracht angepasst hat. Wütend zerreißt sie die Skizzen und wirft sich im nächsten Moment an Felix‘ Brust. Die beiden umarmen und küssen sich stürmisch. Felix ist an sein Ziel gelangt.

Auf einmal steht Madame Kuckuck voller Entrüstung vor ihnen. Mit strengen Worten schickt sie Zouzou auf ihr Zimmer und fordert Felix auf, ihr ins Haus zu folgen, weil sie mit ihm zu reden habe. Sie führt ihn in ein intimes Zimmer, das vom Salon abgeht, und spricht ihm hier forsch und streng ins Gewissen. Dabei erwähnt sie auch, dass Zouzou demnächst Hurtado heiraten werde. Dann aber lässt sie sich selbst in Felix‘ Arme fallen und eröffnet das Liebesspiel mit leidenschaftlichen Ausrufen.

Analyse

Im Brief an Venostas Eltern zeigt Felix mit Schmeicheleien und unterwürfigen Worten erneut sein glänzendes Talent zur Verstellung. Den Abend in der luxemburgischen Botschaft nennt er zum Beispiel »einen, natürlich euerer Erziehung zu dankenden, Erfolg« (S. 374). Er beendet sein Schreiben mit den Worten: »Und wenn noch unter obiger Adresse ein Gegengruß von euch mich erreichen und mich eueres Wohlbefindens versichern würde, so wäre das der köstlichste Beitrag zum eigenen Wohlsein eures in Zärtlichkeit treu gehorsamen Sohnes Loulou« (S. 391).

Dass seine Hochstapelei auf die Bereitschaft des Gegenübers, sich täuschen zu lassen, angewiesen ist, beweist einmal mehr die Antwort auf diesen Brief, die er wenige Tage später von Venostas Mutter erhält. Zwar wundert sie sich über das Talent zur Unterhaltung, das ihr Sohn auf einmal an den Tag legt, ist aber nur allzu gern bereit, daran zu glauben. Ihr Stolz auf ihn lässt sie auch darüber hinwegsehen, dass er gegenüber dem König von Portugal Details aus ihrem häuslichen Leben preisgegeben hat, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind.

Schließlich erwähnt sie noch, die Frau des Botschafters habe versichert, »daß Du von allen Seiten als so besonders bildhübsch, ja geradezu als eine Jünglingsschönheit angesehen und bezeichnet wirst, was uns nun ebenfalls wieder bis zu einem gewissen Grade verwunderte.« (S. 401) Auch hier zeigt Thomas Mann mit köstlicher Ironie, wie die Marquise – ihrem eigenen mütterlichen Wissen über das Äußere ihres Sohnes zum Trotz – keinen Verdacht schöpft, weil sie so glücklich über den Inhalt des Briefes und die Kommentare Frau von Hüons ist.

Dass jemand, der noch nie in seinem ganzen Leben Tennis gespielt hat, ein gemischtes Doppel meistert, wenn auch unter vielen Verrenkungen und Hampeleien, wirkt da schon unglaubwürdiger. Felix‘ Begabung zur Hochstapelei und zur Vorspiegelung nicht vorhandener Fähigkeiten zeigt sich aber auch hier. Vieles, was er über sein Spiel erzählt, lässt sich auf sein gesellschaftliches Verhalten und seine Art, Konversation zu machen, übertragen:

»[…] machte auch, in zur Schau getragenem Übermut, indem ich mit dem Spiele mein Spiel trieb und es gar nicht ernst zu nehmen schien, mit den springenden Bällen hundert Flausen und Jonglierstückchen, die, wie meine heillosen Fehlschläge, die Heiterkeit der Zuschauer erregten, – was alles mich nicht hinderte, zwischendurch aus purem Ingenium Dinge zu leisten, die in verwirrendem Widerspruch zu meiner so oft ersichtlichen Ungelerntheit standen und diese im Lichte bloßer Nachlässigkeit und des Verbergens meiner Fähigkeiten erscheinen lassen konnten.« (S. 394)

Ganz ähnlich verhält es sich, wenn Felix z. B. tiefere Sprachkenntnisse oder, wie im Gespräch mit Kuckuck, universelle Bildung vorgibt. Auch hier sind es in Wahrheit nur kleine Kunststückchen – seine Fragen, kurze Einwürfe, oft unverhofft geistreich –, die den Professor glauben lassen, einem ebenbürtigen Gesprächspartner gegenüberzusitzen, während dieser ihn tatsächlich nur zu weiteren eigenen Ausführungen anregt. Die Bemerkung über das »Verbergen[s] [s]einer Fähigkeiten« erinnert auch an Louis Venostas frühere Bereitwilligkeit zu glauben, dass Felix als Kellner lediglich eine Rolle spiele, um das Hotelgewerbe von der Pike auf zu lernen.

Im letzten Teil des unvollendeten Romans geht es noch einmal um Felix‘ Verführungskunst und die manipulativen Spiele, mit denen er sowohl Zouzou als auch ihre Mutter Pia Maria ganz in seinem Sinne lenkt. Obwohl beide als eigenwillige, intelligente Frauen dargestellt werden – die eine in jugendlicher Frechheit und Spröde, die andere in reifer Distanz und Herablassung –, erliegen sie nicht nur der erotischen Versuchung durch einen schönen Mann, sondern vor allem dessen Worten. Während Felix Zouzous mädchenhaften Wunsch nach Romantik nährt und über seine Zeichnungen von ihr sagt: »[ …] es sind träumerische Produkte, unwissentlich, sozusagen, entstanden« (S. 439), nimmt er die Mutter immer wieder mit Komplimenten und Schmeicheleien für sich ein. Auch diese beiden verlieben sich letztlich nicht in den »authentischen« Felix, den sie unter seinen vielfältigen Maskierungen auch gar nicht finden könnten, sondern in sein raffiniertes Spiel mit der Verführung als solcher und in die Bilder, die sie in ihm sehen möchten.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 6. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 6. Januar 2023.