Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Sprache und Stil

Die Sprache ist im gesamten Roman eine gehobene Bildungssprache. Sie zeichnet sich durch einen komplexen Satzbau mit vielen Einschüben, mehreren gleichgeordneten Hauptsätzen oder neben- und untergeordneten Satzteilen aus. Insgesamt sind die Sätze klar strukturiert, auch wenn der Erzähler teilweise assoziativ von einem Thema zum nächsten springt, was den bekennenden Charakter seiner Erinnerungen unterstreichen soll.

Diese gehobene Sprache hat sich der Erzähler der »Bekenntnisse« offenbar mühelos angeeignet, obwohl er ein schlechter Schüler gewesen ist. Eine geregelte Schulbildung hält er aber auch gar nicht für notwendig, um »Anstand des Ausdrucks« zu erlangen (vgl. Analyse Buch 1, Kapitel 1–2); viel wichtiger seien dafür natürliche Begabung und eine gute Kinderstube. Dass der Autor diese Einschätzung des Erzählers nur bedingt teilt, zeigt er, indem er ihm eine überzogen geschraubte und oft nur scheinbar elegante Sprache in den Mund legt.

Zu dieser vermeintlich gehobenen Sprache gehören eine Vielzahl französischer Begriffe und Redewendungen, wie sie tatsächlich von der Oberschicht im Fin de Siècle verwendet wurden. Sie drücken die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse aus und weisen zugleich auf die Lähmung und übertriebene Förmlichkeit dieser Klasse hin. Ihre in gesellschaftlicher Konvention erstarrte Sprache ist ein Spiegel der Überkommenheit bestimmter gesellschaftlicher Umstände. Eine Veränderung, wie sie in den von Felix verachteten republikanischen Gesinnungen zum Ausdruck kommt, ist dringend vonnöten. Doch da Felix ein social climber und kein Kritiker des veralteten Systems ist, ist es nur konsequent, dass er diese Sprache kopiert und spricht.

Ironie ist ein charakteristisches Stilmerkmal im Werk Thomas Manns. Auch in den »Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull« wird sie eingesetzt, unter anderem, um Krulls Selbstüberschätzung und Eitelkeit zu illustrieren. Zu diesem Zweck lässt Mann seinen Protagonisten in gehobener, eleganter Sprache sprechen, dies jedoch nur, um zu zeigen, wie Felix in überheblicher Selbstgefälligkeit seine eigenen Vorzüge preist. Beispiele dafür sind:

»Mit diesen ausgesuchten Worten schmeichle ich mir, meine Gedanken so vollkommen wie möglich zum Ausdruck gebracht zu haben.« (S. 78)

»Ich war mir kostbar und liebte mich – auf jene gesellschaftlich nur ersprießliche Art, welche die Liebe zu sich selbst als Liebenswürdigkeit gegen andere nach außen schlagen läßt.« (S. 292)

Der Literaturwissenschaftler Albrecht Schöne beschreibt dieses Verfahren folgendermaßen: »Auf Kosten des vorgeschobenen Erzählers entwickelt der eigentliche Erzähler so die Komik des Romans. Im missglückten Sprechen des alten Hochstaplers kommt das ironische, parodistische Sprechen des Erzählers zu Wort.« (Albrecht Schöne, Der Hochstapler und der Blechtrommler, S. 10, zitiert nach Kern 2021). Der »vorgeschobene« Erzähler ist die Figur Felix Krull, der nach Schöne »eigentliche« Erzähler der Autor Thomas Mann.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 6. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 6. Januar 2023.