Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Historischer Hintergrund und Epoche

Das sogenannte »Fin de Siècle«, also das ausgehende 19. und frühe 20. Jahrhundert, ist die Ära, in der der Roman angesiedelt ist. Die Erlebnisse des Ich-Erzählers spielen sich etwa zwischen dem Beginn der 1870er-Jahre und 1910 ab.

Mit dem Sieg über Frankreich im Krieg von 1870/71 und der Reichsgründung von 1871 begann für Deutschland eine Zeit des ungeheuren wirtschaftlichen Wachstums und einer enormen Ausweitung seiner politischen Bedeutung. Der hochproduktive Industriestandort Elsaß-Lothringen fiel aufgrund des gewonnenen Krieges an das Deutsche Reich. Darüber hinaus musste Frankreich enorm hohe Reparationsleistungen zahlen. Mit der dadurch erstarkenden deutschen Wirtschaftskraft ging spätestens seit 1890 eine Blütezeit in Forschung, Wissenschaft, Technik und Kunst einher. Das Deutsche Reich befand sich in einer Art Siegestaumel und konnte Frankreich den Rang als bedeutendste Staatsmacht in Europa ablaufen.

Vom Beginn der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. im Jahr 1888 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 rückten zunehmend die Schattenseiten dieser Machtfülle in den Vordergrund. Der Kaiser war militär- und vor allem marinebegeistert. Seinen positiven, fortschrittlichen Ausdruck fand dies z. B. im Ausbau bedeutender Marinehäfen wie Wilhelmshaven, seine grotesken bis gefährlichen Tendenzen aber in der Prunk- und Ordens Sucht des Kaisers mit militaristischen Paraden und Feiern wie dem »Sedanstag« als Nationalfeiertag (in Erinnerung an die siegreiche Schlacht gegen Frankreich vom 2. September 1870).

Wirtschaftlicher Erfolg und technischer Fortschritt prägten das Deutsche Reich in diesen Jahren daher ebenso wie Ressentiments gegenüber Frankreich, nationale Überheblichkeit und Militarismus. So standen große Zukunftserwartungen und avantgardistische Strömungen in der Kunst Seite an Seite mit Chauvinismus und rückwärtsgewandten Ideen. 

In der Herkunftsfamilie des Hochstaplers Felix zeichnet Thomas Mann das satirische Bild einer Familie, die in diesen Jahren zu Geld kommt. Charakteristisch ist das Interieur ihrer Villa: überladen, protzig und dekadent. Ähnliche Lebenswelten gibt es auch in Romanen Theodor Fontanes (»Frau Jenny Treibel«, 1892), der wie Thomas Mann mit scharfem Blick Prahlerei und Großmannssucht im Bürgertum und unter reichen Industriellen entlarvte. Wer Geld hatte, schmückte sich gern mit geistigen Insignien der Aristokratie, etwa der häufigen Verwendung französischer Ausdrücke im Gespräch. Die oberflächliche Konversation war von Angeberei und Halbbildung geprägt. 

Die Gespräche und der Takt der Professorenfamilie Kuckuck in Lissabon hingegen werden von Thomas Mann als wahrhaft gebildete Lebensart dargestellt. So kommt es nicht von ungefähr, dass Felix im Hause Kuckuck vor allem auffällt, wie bescheiden es eingerichtet ist, und er anmaßenden Stolz angesichts seiner im Vergleich dazu prachtvollen Hotelsuite empfindet. Felix ist somit ein typisches Kind seiner Zeit, die es Hochstaplern wie ihm leicht macht, die Gesellschaft zu blenden.

Zugleich ist seine Fähigkeit, die Identität ohne Bedauern zu wechseln und sich geschickt in den unterschiedlichsten Situationen »durchzumogeln«, auch Ausdruck des großen Traditionsverlustes und der unbestimmten Zukunftsangst vieler Menschen in dieser Zeit. Dass Teile der Gesellschaft sich dennoch an traditionalistische Elemente wie konventionelle Kleidung, Ordensgepränge und starre Umgangsformen klammern, steht dazu nicht im Widerspruch. Vielmehr zeigt sich darin der Versuch, in einer Zeit des Umbruchs Halt in Äußerlichkeiten zu finden. Unter diesen Formen verbirgt sich eine große Leere – bei Felix ebenso wie im wilhelminischen Kaiserreich, in dem viele Historiker die Vorzeichen der Katastrophen des 20. Jahrhunderts sehen.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 6. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 6. Januar 2023.