Auerhaus

Zitate und Textstellen

  • »Nicht achtzehn zu werden, war scheiße. Wenn man nicht achtzehn wurde, war alles umsonst.«
    – Höppner (S. 28)

    In dieser Aussage wird deutlich, welchen Stellenwert Höppner der Volljährigkeit beimisst. Mit 18 Jahren fängt für ihn das wahre Leben erst an, denn gesetzlich ist er endlich sein eigener Herr. So ist es sein erklärtes Ziel, mindestens 18 Jahre alt zu werden, um in den Genuss zu kommen, nicht mehr von den Erwachsenen, zum Beispiel von seinem Stiefvater, bevormundet zu werden.
    Das Erwachsenwerden wird als eine Befreiung aufgefasst, um endlich selbstbestimmt Entscheidungen über das eigene Leben treffen zu können. Der Weg ist frei für die individuelle Selbstentfaltung.
    Jedoch wird Höppner bald klar, dass die gesellschaftspolitischen Zwänge diesem Freiheitsgedanken konträr gegenüberstehen. Denn er ist verpflichtet, seinen Wehrdienst abzuleisten und kann dem nur entkommen, wenn er nach West-Berlin zieht. Doch trotz dieser Widerstände betont er explizit, erwachsen werden zu wollen, um das Abenteuer Leben anzugehen.

  • »Wahrscheinlich war es das Beste, wenn ich die Ladung zur Musterung erst mal einfach ignorierte. Rumzuballern und durch den Dreck zu kriechen und dauernd nach der Pfeife von irgendwelchen Spezial-Schwachmaten zu tanzen, das war nicht mein Fall.«
    – Höppner (S. 32)

    Höppner quält die Vorstellung, bald seinen Wehrdienst antreten zu müssen, und er weiß, dass die Einladung zur Musterung, bei der es darum geht, seine Tauglichkeit festzustellen, täglich im Briefkasten liegen könnte. Er ist sich noch nicht im Klaren darüber, wie er darauf reagieren soll. Zum einen will er den Bundeswehrdienst nicht verweigern und zum Zivildienst, da er dann eine Gewissensprüfung machen müsste. Zum anderen möchte er aber auch nicht zur Bundeswehr eingezogen werden. Die einzige Möglichkeit wäre, nach West-Berlin zu ziehen, um diesem Prozedere zu entgehen.

    Dieser Teil der Stadt hatte in den 80er-Jahren noch den entmilitarisierten Status – er stand unter der Verwaltung der vier Siegermächte –, was bedeutete, dass man mit einem dortigen Wohnsitz nicht zum Bundeswehrdienst eingezogen werden konnte.

    Für Höppner stellt diese gesellschaftliche Verpflichtung eine starke psychische Belastung dar, er empfindet sie als eine Art Zwangsjacke, aus der er sich nicht befreien kann. Er beschließt für sich, diese Problematik erst einmal zu verdrängen, indem er die Einladungen zur Musterung ignoriert.

  • »Suizid, das klang nach einer Krankheit, dachte ich. Oder nach einer Medizin. Früher hatten wir es Selbstmord genannt. Oder Selbstmordversuch. Frieder sprach jetzt immer von Freitod. Ich hatte nicht das Gefühl, dass Frieder besonders frei gewesen war, als er Tabletten geschluckt hatte. Wenn alles auf die eine Entscheidung rauslief, wo war da die Freiheit?«
    – Höppner (S. 46)

    Höppner teilt hier seine Gedanken zur Thematik des Selbstmordversuchs seines Freundes mit und versucht zu verstehen, warum Frieder von Freitod spricht. Dieser Begriff beinhaltet zwar das Wort Freiheit, aber durch die Endgültigkeit, die mit dem Tod zwangsläufig hergestellt wird, wird der Freiheitsgedanke ad absurdum geführt. Denn ist der Selbstmordversuch einmal gelungen, gibt es keine Entscheidung mehr zurück. Ein unwiderruflicher Zustand ist eingetreten. Die endgültige und absolute Festlegung, das eigene Dasein auszulöschen, beinhaltet für Höppner kein freiheitliches Denken, denn hier hat der Mensch keine Wahl mehr, zwischen mehreren Optionen zu entscheiden.

    In Frieders Gedankenwelt scheint der Freiheitsbegriff auf einer höheren Ebene angesiedelt zu sein. Philosophisch betrachtet ist es die höchste und einzige Form menschlicher Freiheit, und sie besteht für ihn darin, selbstbestimmt dem Leben ein Ende zu setzen. Er allein ist es, der die absolute Entscheidungsgewalt über seinen Tod hat. Niemand kann ihn davon abhalten, jederzeit aus seinem Leben austreten zu können, wenn er es möchte. Dieser Gedanke verkörpert für Frieder eine Form von Freiheit, denn es verleiht ihm eine Art Machtgefühl über sein eigenes Leben. Er macht seinem Freund Höppner immer wieder deutlich, dass er diesbezüglich keinerlei Einmischung duldet.

  • »Ich würde nie wieder abends ausgehen können, weil ich immer befürchten müsste, zuhause eine Leiche zu finden. Ich würde nie wieder über Nacht bei Vera bleiben können.«
    – Höppner (S. 52)

    Durch die Idee, mit seinem suizidgefährdeten Freund Frieder zusammenzuziehen, werden bei Höppner Ängste ausgelöst, die er gedanklich durchspielt. Einerseits spürt er ein großes Verantwortungsgefühl, Frieder helfen zu müssen, damit er sich wieder im Leben zurechtfindet. Andererseits hat er große Angst davor, dieser Aufgabe nicht gewachsen zu sein.

    Höppner steckt selbst in einem persönlichen Entwicklungsprozess und ist sich unsicher darüber, was bei dem Projekt einer Wohngemeinschaft auf ihn zukommen könnte. Er kann nicht abschätzen, inwieweit die Angst um Frieder sein eigenes Leben beeinträchtigen wird und womöglich auch verändert. Dennoch möchte Höppner ihn nicht im Stich lassen und entscheidet sich, das Wagnis mit dem Freund einzugehen.

  • »Ich konnte nicht mehr atmen. Wenn ich atmete, verschwand die Luft aus dem Auto, das Auto wurde noch enger und zog sich zusammen, ich hatte das Armaturenbrett auf den Lippen, ich erstickte. Ich war lebendig begraben.«
    – Höppner (S. 124 f.)

    Im Verlauf des Zusammenlebens der Jugendlichen häufen sich die Situationen, in denen Höppner immer mehr in seine Angstzustände rutscht und sich daraus Panikattacken entwickeln. An Silvester löst bei ihm das Lied »It’s the final countdown!« plötzlich ein Gedankenkarussell aus, das er nicht mehr stoppen kann. Er verfällt in düstere Visionen, die das Ende des »Auerhauses« und auch den Tod des Freundes beinhalten.

    Unbewusst scheint Höppner hier schon eine Ahnung davon zu haben, dass dies wohl das letzte Silvester gewesen sein könnte, was er mit seinen Freundinnen und Freunden zusammen feiert. Um sich wieder zu beruhigen, setzt er sich in das Auto seines Bekannten, das dieser durch eine Zentralverriegelung verschließt. Seine Ängste schlagen in eine Panik um. Die Sorge um den Freund Frieder hat sich schon so weit in sein Inneres gegraben, dass er sich mittlerweile überfordert fühlt, was sich in dieser Panikattacke widerspiegelt.

  • »Das kann doch nicht sein, dass quasi alles bloß noch von irgend so einem Chemiedreck abhängt! Ist er zu müde, hat er zu wenig. Ist er zu hibbelig, hat er zu viel. Und dass es ihm gut geht, erkennt man daran, dass er quasi gar nicht auffällt.«
    – Höppner (S. 127)

    Auf der Silvesterparty gibt sich Frieder sehr gesellig und kommunikativ. Er tanzt, spricht mit den unterschiedlichsten Menschen und verhält sich für Höppner anders, als er es von ihm gewohnt ist. Denn normalerweise hält Frieder sich auf Partys eher im Hintergrund, ist wortkarg und fungiert als Beobachter des Geschehens. Hier legt er eine ungewöhnliche Verhaltensweise an den Tag, was auf die Einnahme von Medikamenten gegen seine Depressionen zurückzuführen ist.

    Höppner äußert hier seinen Unmut darüber, dass menschliches Verhalten durch Psychopharmaka reguliert wird. Denn dies führt dazu, dass sich sein Freund nun wie alle anderen verhält und er gar nicht mehr einschätzen kann, wie es ihm tatsächlich geht.

  • »Wir beschlossen, nicht darüber zu reden. Mit niemandem. Niemand sollte erfahren, was für Idioten wir waren. Und was für eine Scheißangst wir gehabt hatten.«
    – Höppner (S.183)

    Mit diesem Beschluss, über die nächtliche Verfolgungsjagd und Schießerei, die durch Frieder ausgelöst wurde, nicht mehr zu reden, verändert sich schlagartig das Leben im »Auerhaus« und die Gemeinschaft fällt auseinander. Die Kommunikation, die bisher eine tragende Funktion im Zusammenleben der Jugendlichen hatte, wird eingestellt.

    Diese Reaktion des Schweigens drückt eine gewisse Hilflosigkeit gegenüber der Situation aus, in die sich die Jugendlichen selbst hineinmanövriert haben. Sie fühlen sich nicht mehr dazu in der Lage, sich gemeinsam mit der Problematik auseinanderzusetzen, um einen adäquaten Umgang damit zu finden. Zum einen steht eine gewisse Scham dahinter, sich dermaßen naiv verhalten zu haben. Zum anderen möchten sie es vermeiden, sich den eigenen Ängsten zu stellen, denn in dieser Nacht hätten sie schließlich alle tot sein können.

    Das Schweigen darüber kann auch als eine Art Kapitulation vor der Realität verstanden werden, denn wer sich aus Spaß in eine solch gefährliche Situation begibt, ist noch weit von der Einsicht entfernt, dass das Leben einmalig ist und geschätzt werden sollte.

  • »So wie mein Vater will ich nicht werden. Das ist das einzige Ziel, das ich habe. Ob der sich umbringt oder nicht, das ist total egal. Ob der tot ist oder nicht, das merkt der gar nicht. Und die anderen auch nicht.«
    – Harry (S. 184)

    In dieser Aussage wird deutlich, dass Harry dem Leben seines Vaters keinerlei Wertschätzung entgegenbringt. Er schaut auf ihn herab und verachtet ihn regelrecht, denn aus seiner Sicht ist sein Vater schon so abgestumpft, dass er im Leben schon längst gestorben ist. Für Harry sind die Wertvorstellungen und die Stellung seines Vaters in der Gesellschaft und Familie nicht erstrebenswert. Der Vater stellt für ihn auf der Suche nach seiner eigenen Identität kein Vorbild dar. Zwischen den Generationen herrscht ein Mangel an Kommunikation bis hin zur Sprachlosigkeit, die für die Kriegsgeneration, aus der Harrys Vater stammt, bezeichnend ist.

    Mit der Figur Harry nutzt der Autor die Thematik der sexuellen Orientierung, um die Diskrepanz zwischen der Jugend- und Erwachsenenwelt in den 80er-Jahren noch schärfer in den Fokus zu stellen. Das Aufbegehren der Jugend gegenüber der Generation ihrer Eltern, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hatte, gipfelte in der Studentenbewegung der 60er-Jahre, die unter anderem auch die sexuelle Freiheit propagierte. Harry hat sich gegenüber seiner Familie als schwul geoutet, was nicht der damaligen gesellschaftlichen Norm entspricht. Der Vater reagiert mit Gewalt, was dazu führt, dass sein Sohn Harry ihn mit Verachtung straft.

  • »Du hast die Augen zu und treibst auf deiner Luftmatratze, ein sanfter Wind weht, und du denkst, geil. Jetzt lebe ich für den Rest meines Lebens hier in dieser Lagune, in der Südsee. Und dann machst du die Augen auf und merkst, es ist bloß ein Nachmittag am Baggersee, und zack ist der auch schon vorbei.«
    – Frieder (S. 214)

    Frieder spricht hier von der Schönheit des Augenblicks beim Gewahrwerden des inneren Einsseins mit sich und der Welt. Er hat die Augen geschlossen, spürt intensiv den Wind und das Wasser, und der Wunsch entsteht, diesen Moment für die Ewigkeit festhalten zu wollen. Beim Öffnen der Augen wird er wieder mit der Realität konfrontiert, und der schöne Augenblick ist schon verflogen.

    Er beschreibt, dass das Spüren dieses einen Moments von Leichtigkeit und Unbeschwertheit gleichzeitig auch einen schmerzlichen Aspekt beinhaltet, denn im menschlichen Leben hält sich nichts für die Ewigkeit. Jeder schöne Augenblick ist in seinem Entstehen schon wieder der Vergänglichkeit geweiht. Das Gefühl ist wie ein wunderbarer Traum von kurzer Dauer. Beim Erwachen löst es sich auf, und schon befindet sich Frieder wieder auf dem harten Boden der Realität.

  • »Das Auerhaus war vorbei. Frieder war so allein wie vorher. Aber jetzt kannte er den Unterschied.«
    – Höppner (S. 224)

    Das Zusammenleben der sechs Jugendlichen im »Auerhaus« gestaltet sich in der ersten Zeit überwiegend einvernehmlich und gesellig. Es ist von gemeinsamen Essen und Aktivitäten geprägt, und die Kommunikation untereinander ist ein zentraler Bestandteil ihres Alltags.

    Die Gespräche sind ein Mittel, um Frieder von seinen Selbstmordgedanken abzuhalten. Insbesondere Höppner bemüht sich, dem Freund dadurch nahe zu sein, dass er ihn immer wieder zum Sprechen animiert. In dieser Gemeinschaft kristallisiert sich jedoch heraus, dass Frieder sich häufig abgrenzt, mental nicht anwesend ist oder im Alleingang diverse Aktionen startet. Doch auch wenn er seine Eigenwilligkeit lebt und oftmals in seiner Welt versinkt, in der er die anderen nicht mehr wahrnimmt, ist er immer noch von Gemeinschaft umgeben, die ihn hält und trägt, wenn er es zulässt.

    Nachdem die Wohngemeinschaft sich aufgelöst hat, zieht Frieder in ein hessisches Dorf, lebt hier allein in einem kleinen, karg eingerichteten Zimmer und geht nicht mehr unter Menschen. Aber im Unterschied zum vorherigen Leben im »Auerhaus« ist er hier tatsächlich allein. Denn hier gibt es niemanden mehr im Hintergrund, der ihn mit einem Gesprächsangebot aus seiner Lethargie herausholt, sprich, hier ist, nach Höppner, das Gefühl des Alleinseins für Frieder ein anderes als vorher.

Veröffentlicht am 10. Februar 2023. Zuletzt aktualisiert am 10. Februar 2023.