Anekdote

Die Anekdote ist eine epische Kurzform, in der ein Ereignis aus dem Leben einer berühmten Persönlichkeit oder eine herausragende historische Begebenheit geschildert wird. Die Handlung der Anekdote offenbart charakteristische Wesenszüge ihrer Hauptfigur. Sprachlich ist die Anekdote kurz, knapp und schmucklos. Sie läuft zielstrebig auf eine Pointe zu. Ihr Inhalt soll belehren und unterhalten.

Was ist eine Anekdote?

Der Begriff »Anekdote« hat seinen Ursprung im griechischen »anékdoton« = nicht herausgegeben, unveröffentlicht. Die Anekdote macht ihren Lesern etwas bekannt, was sie zuvor noch nicht über das Leben der dargestellten Person wussten.

Anhand eines einzelnen Geschehens hebt sie das hervor, was typisch für die Hauptfigur, ihre Geisteshaltung und ihr daraus resultierendes Verhalten ist. Sie erlaubt also anhand eines Besonderen Rückschlüsse auf das Allgemeine. Das Ereignis, von dem die Anekdote berichtet, muss dabei nicht zwingend auf historischen Fakten basieren. Es muss aber ein erhellendes Licht auf die Hauptfigur werfen und kennzeichnend für ihren Charakter sein. Das heißt, die Anekdote sollte auf jeden Fall so passiert sein können.

Sprachlich ist die Anekdote von äußerster Knappheit und Schmucklosigkeit. Sie wird daher gelegentlich als Unterkategorie der Kurzgeschichte behandelt. Mit dieser verbindet sie auch die Darstellung einer herausgehobenen, einzelnen Begebenheit und das geradlinige Zulaufen auf einen pointierten Schluss unter stetiger Steigerung der Spannung.

Typische Merkmale der Anekdote

  • Ereignis aus dem Leben einer berühmten Figur oder historische Begebenheit
  • Dargestelltes Geschehen charakteristisch für Hauptperson
  • Muss nicht zwingend historisch belegt sein, sollte aber so passiert sein können
  • Lässt Schlüsse auf das Allgemeine anhand des Besonderen zu
  • Sprachlich kurz, knapp und schmucklos
  • Spannung wird stetig gesteigert
  • Handlung steuert zielgerichtet auf erhellende Pointe zu
  • Will belehren und unterhalten

Gattungsgeschichte

Im 6. Jahrhundert gab der griechische Geschichtsschreiber Prokop ein Werk mit indiskreten Informationen über den oströmischen Kaiser Justinian I. heraus, die sogenannte »Anekdota«, im deutschen Sprachraum als »Geheimgeschichte« bekannt. Das Werk ist eine Schmähschrift, die den Kaiser bloßstellen und die Opposition ansprechen sollte. Es hat formal wenig mit der epischen Kurzform der Anekdote zu tun, die später nach ihm benannt wurde. Zunächst wurden unter diesem Begriff aber Schriften verstanden, die zum Beispiel aus Gründen der Diskretion oder Staatsräson nicht veröffentlicht wurden. »Anekdota« konnte auch ein rein technischer Ausdruck für ein noch nicht herausgegebenes Manuskript sein.

Erst in Flugschriften aus dem 16. Jahrhundert findet man Texte, die Anekdoten im heutigen Verständnis sind. Der Gattungsbegriff als solcher kristallisierte sich jedoch frühestens im 17. Jahrhundert heraus, als die Memoirenliteratur beliebt wurde. In ihr findet sich eine Vielzahl kleiner Geschichten über bekannte historische Persönlichkeiten oder Ereignisse. Im 18. Jahrhundert bediente sich die Aufklärung der Anekdote, um pointiert Schlaglichter auf individuelle Persönlichkeitsmerkmale historischer oder zeitgeschichtlicher Figuren zu werfen.

Johann Peter Hebel und Heinrich von Kleist machten im 19. Jahrhundert aus der Anekdote ein anerkanntes literarisches Genre. Die knappe und gedrängte Sprache und die Zuspitzung des Geschehens kennzeichnen Kleists Erzählkunst generell. So überrascht es nicht, dass zu seinem schriftstellerischen Werk zahlreiche Anekdoten gehören. Eine der bekanntesten ist die »Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege« (1810).

In der zeitgenössischen Literatur spielt die Anekdote keine herausragende Rolle mehr. Man findet sie fast nur noch als journalistische Form im politischen Kontext, wo sie als kritisches und parodistisches Instrument eingesetzt wird.

Seite veröffentlicht am 14.10.2021. Letzte Aktualisierung am 15.10.2021.