Was ist eine Kurzgeschichte?

Die Kurzgeschichte ist ein junges literarisches Genre aus dem 20. Jahrhundert. Sie bildet eine Untergattung der Epik; wegen ihres geringen Umfangs gehört sie zu den kleinen epischen Formen. Der Begriff ist eine Lehnübersetzung aus dem Englischen. Ihren Ursprung hat die Kurzgeschichte in der amerikanischen Short Story.

Merkmale einer Kurzgeschichte

Die wichtigsten Merkmale
  • Direkter Einstieg in eine Alltagssituation
  • Schilderung eines Konflikts, der nicht aufgelöst wird
  • Offenes Ende, von dem aus der Leser weiterdenken kann
  • Nur ein Handlungsstrang
  • Beschleunigtes Erzähltempo
  • Präzise, knappe Sprache, häufig Umgangssprache

Umfang

Angesiedelt zwischen Kurzroman, Novelle und Anekdote zeichnet sich die Kurzgeschichte durch geringen Textumfang aus. Mitunter umfasst sie nur ein bis zwei Buchseiten, sie kann aber auch wesentlich länger sein. Allein aufgrund ihrer Länge lässt sie sich nicht immer von einer Erzählung abgrenzen.

Inhalt

Das Personal (die auftretenden Figuren) einer Kurzgeschichte ist auf eine oder wenige Hauptperson(en) beschränkt. Diese sind gewöhnliche Menschen und werden oft typisiert dargestellt. Sie befinden sich in einer Entscheidungssituation, die in einen Konflikt mündet. Dieser führt mitunter zu einer überraschenden Wendung.

Das Geschehen erfasst einen kurzen Zeitabschnitt im Leben der Protagonisten; mitunter tauchen Rückblenden oder Vorausschauen auf. Das alltägliche Geschehen wird auf einen Moment konzentriert und verweist auf allgemeingültige Wahrheiten. Oft ist der Inhalt einer Kurzgeschichte fantastischer oder gruseliger Natur.

Aufbau

Kennzeichnend für eine Kurzgeschichte ist die unvermittelte Eröffnung: der Leser wird in einem Satz mitten in ein bereits begonnenes Geschehen gesetzt. Der Handlungsverlauf der Kurzgeschichte ist geradlinig. Das Erzähltempo ist beschleunigt, die erzählte Zeit erfährt eine Verdichtung. Das Ende ist häufig überraschend, doch der Ausgang der Geschichte bleibt immer offen.

Beispiele für den direkten Einstieg
  • »Die Frau lehnte am Fenster und sah hinüber.«
    Ilse Aichinger: »Das Fenster-Theater«. Aus: I. A., Der Gefesselte, Fischer, 1953
  • »Wir wohnten im dritten Stock mitten in der Stadt und haben uns nie etwas zuschulden kommen lassen, auch mit Dörfelts von gegenüber verband uns eine jahrelange Freundschaft, bis die Frau sich kurz vor dem Fest unsre Bratpfanne auslieh und nicht zurückbrachte.«
    Gerhard Zwerenz: »Nicht alles gefallen lassen…« Aus: G. Z., Gesänge auf dem Markt. Phantastische Geschichten und Liebeslieder, Kiepenheuer & Witsch, 1962

Sprache

Die Sprache der Kurzgeschichte unterstreicht ihre Wirklichkeitsnähe. Sie ist schlicht und ungekünstelt und auf das Wesentliche konzentriert. Der Satzbau ist präzise und knapp. Der Ton ist oft umgangssprachlich, vor allem in wörtlicher Rede.

Bezug zum Leser

Die Kurzgeschichte richtet sich mit der Veröffentlichung in Zeitschriften und Magazinen an eine breite Leserschaft. Sie greift aktuelle Themen auf, die häufig der Alltags- oder Erfahrungswelt des Lesers entstammen. Damit bietet sie ihm die Möglichkeit zur Identifikation. Das Ausleuchten eines einzelnen Alltagsmoments entspricht der Bindungslosigkeit der modernen Zeit. Die offene Form schreibt nichts vor, sondern lässt dem Leser Raum für eigene Gedanken. Die Kurzgeschichte fordert den Leser zur Interpretation auf. Im Erzählten kann er die Essenz des Lebens finden.

Entwicklung der Kurzgeschichte

Vorkriegszeit

Als Wegbereiter der deutschen Kurzgeschichte gilt zum Beispiel Johann Peter Hebel mit seinen Kalendergeschichten (»Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes«, 1811). Ansätze finden sich auch bei Heinrich von Kleist (»Das Bettelweib von Locarno«, 1810), E. T. A. Hoffmann und Hebbel.

Wie die Short Story in Amerika entstand die Kurzgeschichte in Deutschland in Zusammenhang mit den Erfordernissen von Zeitschriften und Magazinen: Wurde zuvor das gesellige Lesen von Novellen gepflegt, brauchte man in einer beschleunigten Zeit ab etwa 1920 eine kurze Lektüre für den eiligen Einzelleser.

Autoren deutscher Kurzgeschichten in der Vorkriegszeit
  • Alfred Döblin (1878-1957)
  • Leonhard Frank (1882-1961)
  • Heinrich Mann (1871-1950)
  • Robert Musil (1880-1942)
  • Walter Serner (1889-1942)

Nachkriegszeit

In der Nachkriegszeit wurde die Kurzgeschichte nach amerikanischem Vorbild in Deutschland sehr beliebt. Die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges führte zu einem Bruch mit alten Erzähltraditionen. Man war misstrauisch gegenüber literarischen Großformen wie dem Roman. Der Leser wollte sich die Welt nicht mehr von einem vermeintlich allwissenden Erzähler erklären lassen. Kleine Ausschnitte der Realität und subjektive Erfahrungen in Kurzgeschichten dagegen erschienen glaubwürdig.

Umgekehrt war die lakonische, knappe Sprache für die Inhalte der Nachkriegsliteratur besonders geeignet. Sie schien der Darstellung von Erfahrungen wie Verfolgung und Gefangenschaft angemessen. Zwischen 1945 und 1965 waren Kurzgeschichten zunächst Stilübungen einer neuen, ideologiefreien deutschen Literatur, dann Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, der existenziellen Not der Gegenwart oder dem Wirtschaftswunder.

Später wurden die politischen Verhältnisse in der Bundesrepublik thematisiert, zwischenmenschliche Beziehungen, Entfremdung und Kommunikationsstörungen. Doch bereits zu Beginn der 1970er Jahre hatte die Kurzgeschichte in Deutschland ihren Höhepunkt überschritten. Romane, Erzählungen oder Mischformen der Kurzepik traten in den Vordergrund.

Bekannte deutsche Kurzgeschichten aus der Nachkriegszeit
  • »Felix« von Hans Bender (1919-2015)
  • »San Salvador«, 1964, von Peter Bichsel (geb. 1935)
  • »Wanderer, kommst du nach Spa…« , 1950, von Heinrich Böll (1917-1985)
  • »Das Brot«, 1946, von Wolfgang Borchert (1921-1947)
  • »Der große Wildenberg«, von Siegfried Lenz (1926-2014)
  • »Das dicke Kind«, 1952, von Marie Luise Kaschnitz (1901-1974)
  • »Jenö war mein Freund«, 1958, von Wolfdietrich Schnurre (1920-1989)

Short Story und Kurzgeschichte

Die englisch-amerikanische Short Story entstand um 1820. Das Aufblühen von Zeitschriften und Magazinen bedurfte einer kurzen epischen Form. Viele der Verfasser waren zugleich Journalisten und Schriftsteller. Die Short Story wurde den Ansprüchen des modernen Menschen gerecht. Im Alltagsgetriebe fehlte zunehmend die Zeit für längere Lektüre.

Zu den ersten Short Stories von Weltrang zählten »Tales of the Grotesque and Arabesques« von Edgar Allan Poe (1840). Poe war es auch, der von einer »brief tale« verlangt, dass sie präzise zu sein hat. Sie dürfe nichts enthalten, was nicht der Erzählabsicht dient. Vor allem müsse sie in einem Zug gelesen werden können, um ihre künstlerische Wirkung zu entfalten.[1]

Short Story

Begründer der amerikanischen Short Story zu Beginn des 19. Jahrhunderts:

  • Washington Irving (1783-1859)
  • Nathaniel Hawthorne (1804-1864)
  • Edgar Allan Poe (1809-1849)

Autoren von Short Stories ab der Mitte des 19. Jahrhunderts (Auswahl):

  • Mark Twain (1835-1910)
  • Jack London (1876-1916)
  • Ambrose Bierce (1842-1914)

Bekannte Autoren von Short Stories im 20. Jahrhundert:

  • William Faulkner (1897-1962)
  • Ernest Hemingway (1899-1961)

Mehr als eine Fingerübung

Die Short Story oder auch Kurzgeschichte gilt vielen angehenden Autoren als Fingerübung oder Vorstufe zu einem größeren literarischen Werk. Dass es sich um ein bedeutendes eigenes Genre handelt, wird dabei leicht vergessen.

Als »Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte« wurde die kanadische Schriftstellerin Alice Munro im Jahre 2013 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Neben ihrer persönlichen Freude empfand sie den Preis auch als Würdigung der Kurzgeschichte als solcher. Das Werk der 1931 geborenen Autorin umfasst mehr als 150 Short Stories.[2]


[1] Quelle: http://www.eldritchpress.org/nh/nhpoe1.html ^
[2] Quelle: http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/2013/munro-telephone.html ^