Fabel

Eine Fabel soll eine Moral oder eine allgemein anerkannte Wahrheit veranschaulichen. Die Figuren der Fabel sind Tiere. Sie haben menschliche Eigenschaften, können insbesondere sprechen und denken.

Was ist eine Fabel? (Definition)

Die Fabel ist eine Beispielgeschichte. Sie soll eine moralische Lehre oder eine praktische Lebensweisheit verdeutlichen. Es handelt sich zumeist um eine Tierdichtung, die in Vers oder Prosa erzählt wird. Der Begriff dieser kurzen literarischen Gattung leitet sich ab von von lat. fabula = Erzählung.

Die Tiere sind mit menschlichen Verhaltensweisen, Lebensverhältnissen und Fähigkeiten ausgestattet. Dabei verkörpert jedes Tier allgemein anerkannte Charaktereigenschaften: Der Fuchs ist zum Beispiel schlau und listig, der Löwe stark und majestätisch, der Bär schwerfällig und gutmütig.

Typische Merkmale der Fabel

  • Figuren der Fabel sind Tiere mit menschlichen Zügen.
  • Klarer Aufbau, der einem festen Schema folgt (Dreigliederung).
  • Erzählt wird kurz und knapp (Äsopische Fabel).
  • Vergangenheitsform.
  • Wichtiges Gestaltungsmittel ist der Dialog (sprechende Tiere).
  • Weder an Ort noch an Zeit gebunden.
  • Ziel ist es, eine Moral, Lehre oder Erkenntnis zu vermitteln.

Beschreibung der Textform Fabel

Aufbau einer Fabel

Von der Antike bis in die Neuzeit folgt der Aufbau der Fabel dem Prinzip der Dreigliederung:

1. Ausgangssituation

  • Der Leser erhält notwendige Informationen für das Verständnis der Fabel.
  • Die handelnden Personen werden kurz eingeführt.
  • Gegebenheiten werden geschildert, die zum Konflikt führen werden.

2. Konfliktsituation

  • Zwei gegensätzliche Verhaltensweisen werden gegenübergestellt.
  • Eine der beiden wird als die »bessere« oder moralisch überlegene dargestellt.
  • Der Konflikt wird in Dialogform dargestellt, also Rede und Gegenrede; möglich sind auch Handlung und Gegenhandlung.
  • Zuspitzung auf einen überraschenden und/oder geistreichen Höhepunkt hin, eine Pointe.

3. Lösung

  • Am Ende der Fabel wird der Konflikt aufgelöst.
  • Die Moral oder Lehre der Erzählung wird in der Regel nicht erklärt; sie ist offensichtlich.

(4. Lehrsatz)

  • Der Lehrsatz ist nicht Teil des strengen, klassischen Aufbaus.
  • Die Erkenntnis aus der Fabel wird normalerweise nicht explizit erwähnt.
  • Ein Anamythion ist ein vorangestellter Lehrsatz (äußerst selten).
  • Ein nachgestellter Lehrsatz ist ein Epimythion. Ein Beispiel findet sich in Martin Luthers Fabel »Von der Stadtmaus und der Feldmaus«: Wer reich ist, hat viel Sorge.

Inhalt einer Fabel

  • Erzählt wird eine kurze Geschichte, die eine Moral, eine Lehre oder eine allgemein anerkannte Weisheit enthält. Die Erkenntnis ergibt sich unmittelbar aus dem Geschehen.
  • Das Personal der Fabel besteht zumeist aus Tieren, seltener aus Pflanzen oder unbelebter Natur wie Steinen. Die Tiere werden vermenschlicht dargestellt, das heißt, sie denken, reden und handeln wie Menschen.
  • In einer Fabel treten nur wenige Tiere, oft nur zwei auf. Fabeltiere haben bestimmte, festgelegte Eigenschaften. Eins der wichtigen inhaltlichen Merkmale von Fabeln ist, dass keine charakterliche Veränderung stattfindet.
  • Viele Tiere treten in Fabeln oder Märchen unter einem Synonym auf. So ist zum Beispiel der Fabelname des Bären »Meister Petz« oder »Braun«, der ruhige und nachdenkliche Dachs heißt »Grimbart« und der hochmütige Storch »Adebar«.
  • In einer Fabel werden häufig gesellschaftliche Konflikte zwischen Mächtigen und Schwachen thematisiert. Eine Fabel kann Sozialkritik üben oder menschliche Schwächen karikieren.

Geschichtliche Entwicklung

Die Fabeln des Äsop: Vergnügliche Satire

Der griechische Sklave Äsop (620 – 560 v. Chr.) gilt als Begründer der Tierfabel als selbständiger Gattung. Ob er tatsächlich gelebt hat, ist nicht sicher. Angeblich zeichnete er früher entstandene indische und griechische Fabeln auf. In Äsops Fabeln stehen sich häufig zwei Tiere gegenüber. Beliebte Fabeltiere sind der Löwe, der Fuchs, der Rabe, der Esel, der Wolf und der Hase. Sie wurden eingesetzt, um Kritik an Politik und Gesellschaft zu üben. Mitunter zielten sie auch nur auf allgemeine menschliche Schwächen. So oder so: Das Volk liebte die leicht verständlichen und vergnüglichen Geschichten.

Zur Zeitenwende: Umdichtung der Fabeln zu moralischen Lehrstücken

Um 50 n. Chr. dichteten Babrius (griechisch) sowie der Römer Phaedrus (lateinisch) die Äsopischen Fabeln um. Von nun an sollten Fabeln weniger unterhalten als belehren. Diese neue Form machte sie über Jahrhunderte hinweg zur beliebten Schullektüre in Europa.

Im Mittelalter: Figuren und Motive bleiben gleich

Im Mittelalter wurden die Fabeln im deutschsprachigen Raum von dem Stricker (um 1230) sowie von Ulrich Bohner (um 1350) aufgenommen. In Frankreich und Spanien erschien eine Fabelsammlung von Marie de France (um 1180) unter dem Titel »Ysopet« (Kleiner Äsop). Allen gemeinsam war, dass sie die Figuren und die Motive von Äsop weitgehend übernahmen; sie schufen lediglich neue Regeln für die Komposition der Fabel.

Blütezeit der Fabel während Reformation und Humanismus

Zur Zeit der Reformation und des Humanismus im 15. und 16. Jahrhundert erlebte die Fabel eine Blütezeit. Sie wurde individueller und realistischer ausgestaltet und für Kirchenfragen sowie religiöse Erneuerung eingesetzt. Bekannte Fabeldichter jener Zeit waren zum Beispiel Heinrich Steinhöwel (Der Ulmer Aesop, 1476), Sebastian Brant, Martin Luther (Etliche Fabeln aus dem Esopo verdeutscht, 1540) oder Erasmus Albertus (Das Buch von der Tugend und Weisheit, 1550). Dem Schuhmachermeister und Dichter Hans Sachs aus Nürnberg gelang es, mit Fabeln (und anderen literarischen Formen) die Ideen der Reformation dem einfachen Volk verständlich zu machen.

Die Fabeln von La Fontaine

Der französische Schriftsteller Jean de La Fontaine (1621 – 1695) gilt in Frankreich als Klassiker. Seine Berühmtheit verdankt er seinen witzig-ironischen und charmanten Tierfabeln. Diese verbinden einen heiteren Plauderton mit Lehrhaftigkeit und bürgerlicher Lebensklugheit. Zu den bis heute beliebten Fabeln gehören »Der Rabe und der Fuchs« oder »Der Löwe und die Maus«. La Fontaines Stil wurde gern von anderen Dichtern übernommen, in England zum Beispiel von John Gay (1685 – 1732).

Zeit der Aufklärung: Die Fabel hat ihre Hochblüte

Vertreter der Aufklärung in Deutschland wie Gellert, Hagedorn, Gleim, Herder und andere hinterließen ein reiches Werk an Fabeln. Sie alle orientierten sich am galanten und volkstümlichen Stil von La Fontaine. Gotthold Ephraim Lessing dagegen lehnte die weitschweifige Form der Versfabel ab. Er war in Theorie und Praxis ein Verfechter der knappen Prosaform: geistreich und zugespitzt im Sinne der antiken Rhetorik. Mit Lessing (1729 – 1781) und dem Russen Iwan A. Krylov (1769 – 1844) geht die Hochblüte der Fabel zu Ende.

Die Fabel in der Neuzeit: Keine Weiterentwicklung

Seit dem 19. Jahrhundert hat sich die Gattung nicht mehr weiterentwickelt. Unter den zahlreichen Fabeldichtern des 19. und 20. Jahrhunderts waren Maria von Ebner-Eschenbach, Wilhelm Busch, Bertolt Brecht und Robert Gernhardt. Keinem der Dichter gelang es jedoch, die Gattung noch einmal aufleben zu lassen. Gero von Wilpert hält dies am ehesten in George Orwells »Farm der Tiere« oder im Comic-Strip Mickey Mouse für gegeben. Vielleicht lässt sich auch die Musikfabel »Alfred Jodocus Kwak« des niederländischen Liedermachers Herman van Veen hier einreihen. Überlieferte Fabeln gehören heute zur Kinderliteratur.

Abgrenzung zu anderen Genres

Fabel oder Parabel?

Auch eine Parabel (griech. parabole = Nebeneinanderwerfen, Gleichnis) will eine Lehre erteilen. Ihre Botschaft ist aber oft versteckt; sie gibt dem Leser ein Rätsel auf. Dem steht es dann frei, eine Analogie zu seinem eigenen Leben zu finden.
Auffälliger Unterschied ist, dass nicht Tiere, sondern Menschen handeln.
Eine Parabel verwendet einen Vergleich aus einem anderen Vorstellungsbereich. Die Analogie bezieht sich oft nur auf einen Teil der Erzählung – anders als bei der Fabel. Die Botschaft ist verschlüsselt.

Eine Parabel tritt eher selten als eigenständige Form auf. Oft ist sie als Binnenerzählung in ein Drama oder einen epischen Text eingebunden. Ein bekanntes Beispiel ist die »Ringparabel« aus Lessings Drama »Nathan der Weise«.

Fabel oder Gleichnis?

Wie die Fabel oder die Parabel haben Gleichnisse einen didaktischen Anspruch. Die Lehre ist aber weder offensichtlich, wie bei der Fabel, noch verschlüsselt wie bei der Parabel.
Wie bei der Parabel gibt es einen Bildteil (das Gesagte) und einen Sachteil (das Gemeinte). Der Leser muss die Analogie oder die Lehre aber nicht selbst finden. Sie wird ihm im erklärt: Es ist »so wie…«
Die Figuren im Gleichnis sind Menschen.

Martin Luther: Von der Stadtmaus und der Feldmaus

Eine Stadtmaus ging spazieren und kam zu einer Feldmaus. Die tat sich gütlich an Eicheln, Gersten, Nüssen und woran sie konnte.
Aber die Stadtmaus sprach: »Was willst du hier in Armut leben! Komm mit mir, ich will dir und mir genug schaffen von allerlei köstlicher Speise.«
Die Feldmaus zog mit ihr hin in ein herrlich schönes Haus, darin die Stadtmaus wohnte, und sie gingen in die Kammern, die voll waren von Fleisch, Speck, Würsten, Brot, Käse und allem. Da sprach die Stadtmaus: »Nun iss und sei guter Dinge. Solcher Speise habe ich täglich im Überfluss.«
Da kam der Kellner und rumpelte mit den Schlüsseln an der Tür. Die Mäuse erschraken und liefen davon. Die Stadtmaus fand bald ihr Loch, aber die Feldmaus wußte nirgends hin, lief die Wand auf und ab und gab schon ihr Leben verloren.
Da der Kellner wieder hinaus war, sprach die Stadtmaus: »Es hat nun keine Not, lass uns guter Dinge sein.«
Die Feldmaus antwortete: »Du hast gut reden, du wusstest dein Loch fein zu treffen, derweil bin ich schier vor Angst gestorben. Ich will dir sagen, was meine Meinung ist: Bleib du eine Stadtmaus und friss Würste und Speck, ich will ein armes Feldmäuslein bleiben und meine Eicheln essen. Du bist keinen Augenblick sicher vor dem Kellner, vor den Katzen, vor so vielen Mäusefallen, und das ganze Haus ist dir feind. Von alldem bin ich frei und bin sicher in meinem armen Feldlöchlein.«
Wer reich ist, hat viel Sorge.


Quellen und weiterführende Literatur:
Basiswissen Schule Deutsch Abitur, Duden Schulbuchverlag Berlin, Mannheim, Zürich, 2011.
Gero von Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2013.