Kalendergeschichte

Die Kalendergeschichte ist eine volkstümliche epische Kurzform. Ihr Name deutet auf die illustrierten Volkskalender hin, denen sie ursprünglich entstammt. Als Kurzform der Erzählung berichtet sie merkwürdige Begebenheiten aus dem Alltag von Personen niederen Standes. Ihre einfache Sprache rückt sie in die Nähe zum Schwank.

Was ist eine Kalendergeschichte?

Der Begriff »Kalendergeschichte« weist auf die Herkunft dieser kurzen Erzählung hin. Ursprünglich wurde sie in den sogenannten »Volkskalendern« des 15.–18. Jahrhunderts veröffentlicht. Neben der Bibel bildeten Volkskalender den hauptsächlichen Lesestoff ungebildeter Schichten.

Die Inhalte der Kalendergeschichte sind aus dem Alltagsleben dieser Schichten gegriffen. Dabei erzählen sie, oft in humorvoller Weise, von einem herausgehobenen Ereignis mit überraschendem, pointierten Ausgang. Ihr Ziel ist es, auf unterhaltsame Art moralisch zu belehren.

Die Kalendergeschichte ist meist in einfacher Sprache abgefasst, die sich am mündlichen Sprachgebrauch orientiert. Damit und durch die teilweise direkte Anrede des Lesers erreicht sie ihr Publikum.

Typische Merkmale einer Kalendergeschichte

  • Volkstümlicher und realitätsnaher Inhalt
  • Häufig witzig und humoristisch
  • Meist besonderes Ereignis aus dem Alltag einfacher Leute
  • Darstellung soll zugleich unterhalten und belehren
  • Enthält moralische Verhaltensanweisungen
  • Nähe zum Schwank
  • Einfache Sprache, dem Volk »aufs Maul geschaut«
  • Oft direkte Ansprache des Lesers

Gattungsgeschichte

Die Kalendergeschichte entstammt den Volkskalendern, die nach der Erfindung des Buchdrucks neben Bibel und Gesangbuch zum hauptsächlichen Lesestoff der niederen Stände gehörten.

In der Aufklärung war die Kalendergeschichte besonders beliebt, da sie dem pädagogischen Ansatz und den Bildungszielen dieser Epoche entsprach. Gebildete Herausgeber verbreiteten sie gern im einfachen Volk, um Aberglauben und Mystizismus zu bekämpfen.

Johann Peter Hebel (1760–1826) befreite die Kalendergeschichte von der Bindung an den Volkskalender. Er machte aus ihr eine eigenständige literarische Textsorte und verfeinerte ihre Erzählstruktur. Zu seinen berühmtesten Kalendergeschichten gehört »Kannitverstan« aus dem 1811 veröffentlichten »Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes«.

Die von Hebel geschaffene literarische Kalendergeschichte wurde von späteren Autoren aufgegriffen, von Oskar Maria Graf (»Kalender-Geschichten«, 1929) bis zu Bertolt Brecht (»Der Mantel des Ketzers«, 1949).

Seite veröffentlicht am 14.10.2021. Letzte Aktualisierung am 15.10.2021.