Erzählungen als eigene Textgattung

Die Erzählung gehört wohl zu den ältesten Textgattungen in der Literatur. Dennoch ist die Definition einer Erzählung nicht ganz einfach. Anhand bestimmter Merkmale und Eigenschaften lässt sich diese Textform aber recht genau umreißen. Zusammen mit einigen Beispielen ergibt sich so ein recht genaues Bild über das Wesen einer Erzählung.


Die Erzählung – Versuch einer Definition

Der Begriff wird in der Erzähltheorie (Narratologie) im Wesentlichen mit der Schilderung von Geschehnissen umschrieben. Es kann sich dabei um nacherzählte Ereignisse oder auch um erfundenes Geschehen handeln. Das Erzählte folgt dabei einer bestimmten chronologischen Abfolge. Die Handlung kann mündlich oder in Schriftform dargestellt werden. Die Form einer Erzählung kennt vier verschiedenen Perspektiven. Bei der auktorialen Erzählung kennt der Erzähler bereits alle Geschehnisse, bei einer neutralen Erzählung hat der Erzähler keinerlei Bezug zu den geschilderten Ereignissen. Der Ich-Erzähler berichtet über selbst Erlebtes und die personale Erzählung schildert das Erzählte aus der Beobachterperspektive. Auch die Methode der Erzählung ist ein wesentliches Merkmal der Geschichten. Hier wird nach einer zusammengefassten, einer rückblickenden und der betont erweiterten (zeitditalierenden) Erzählmethode unterschieden.

Weil diese Merkmale aber auch auf andere Textgattungen der Epik zutreffen, wird die eigentliche Erzählung durch einige zusätzliche Kriterien von der Anekdote, der Novelle oder der Kurzgeschichte abgegrenzt.


Bestandteile von Erzählungen

In der Narratologie folgt eine Erzählung oftmals einer festen und chronologischen Struktur (Einleitung, Hauptteil, Schluss).

Einleitung

Die Einleitung dient dem Festlegen der jeweiligen Erzählform und der Perspektive. Außerdem ergibt sich in der Einleitung bereits die zeitliche Sichtweise (Prätorium oder Präsens) auf das Erzählte. Weiterhin werden in der Einleitung einige Umstände und Fragen geklärt, die für das Verständnis der Erzählung wichtig sind. Leser bzw. Zuhörer werden informiert über den Ort und Zeitpunkt der folgenden Ereignisse, über die beteiligten Personen und über mögliche Vorgeschichten.

Als Stilmittel werden dabei gerne Superlativen (kräftige Adjektive und Verben), aber keine Übertreibungen, verwendet, um das Interesse von Lesern und Zuhörern zu wecken. Die Einleitung einer Erzählung dient also der Information und ist gleichzeitig die Basis für den sogenannten Spannungsbogen, der noch folgen soll.

Hauptteil

Der Hauptteil hat im Wesentlichen zwei Aufgaben. Er enthält die eigentlichen Ereignisse, die es zu berichten gilt. Dabei werden weitere Fragen beantwortet, die für das Verständnis der folgenden Geschehnisse wichtig sind. Der Hauptteil treibt die eigentliche Handlung voran und berichtet über aktuelle Situationen. Ferner werden die Aktivitäten der beteiligten Personen erläutert, ihr Verhalten wird verdeutlicht und die Folgen des Handels werden beschrieben. Sogar die Schilderung emotionaler Zustände und Denkweisen können sich im Hauptteil einer Erzählung wiederfinden. Eventuell für das Verständnis notwendige Rückblenden werden oftmals in Form von Träumen, Erinnerungen oder Briefen dargestellt. Und letztlich informiert der Hauptteil auch über die Folgen, die sich für alle Beteiligten aus den geschilderten Ereignissen ergeben.

Die zweite Aufgabe des Hauptteils ist der weitere Aufbau des Spannungsbogens. Dazu werden die grundlegenden Ereignisse aus der Einleitung aufgegriffen und fortgeführt. Das Interesse an der Erzählung wird weiter gesteigert, wodurch sich die Neugier bei Lesern und Zuhörern (im Idealfall) massiv erhöht. Am Ende des Hauptteils hat die Spannung der Erzählung ihren Höhepunkt erreicht.

Schluss

Der Schluss einer Erzählung kann zwei Möglichkeiten beinhalten. In den meisten Erzählungen wwird die zuvor aufgebaute Spannung oder der geschilderte Konflikt aufgelöst. In dem Fall wwird auch über mögliche Folgen des Erzählten für die Beteiligten berichtet. Auch ein unerwartetes Ende der Geschichte kann eine Erzählung abschließen.

Alternativ kennt die Erzähltheorie auch Schilderungen mit einem offenen Abschluss. Hier ist der Leser bzw. der Zuhörer zu seiner eigenen Interpretation der Geschehnisse und ihrer Folgen aufgefordert.


Abgrenzungen zu anderen Textsorten

Um eine Erzählung innerhalb der Epik sicher einzuordnen, können einige Merkmale als Hilfestellung dienen. So beinhalten Erzählungen zwar komplexe Handlungen, einen festen Zeitrahmen und definierte Charaktere, aber im Vergleich mit einem Roman sind Erzählungen weniger umfangreich und nicht so ausführlich. Hinsichtlich des Umfangs steht die Erzählung also zwischen dem Roman und einer Kurzgeschichte. Ferner schildert eine Erzählung oft eine durchgehende Handlung, während eine Novelle vorwiegend von Überraschungen oder Neuigkeiten lebt. Die Verknüpfung von Personen und dem Hauptereignis hat bei der Novelle Vorrang, während die Erzählung eine möglichst nachvollziehbare Schilderung bietet. Außerdem konzentriert sich die Novelle häufig nur auf wesentliche Fakten, während die Erzählung auch Emotionen, das Umfeld und Schlussfolgerungen der Handlung mit einbezieht.


Beispiele aus den Jahrhunderten

Zu den ersten überlieferten Erzählungen gehören die Fabeln von Äsop. Mit Geschichten wie »Die Sonne und der Wind« oder »Der Fuchs und die Trauben« prägte der Dichter bereits um 600 v. Chr. das Genre der Erzählung. Im Mittelalter standen vor allem religiöse Themen im Fokus. Das »Gesta Romanorum« ist eine Sammlung von Sagen und Märchen aus dem 13. Jahrhundert mit christlicher Prägung. Auch Friedrich Schiller hat neben Dramen, Gedichten und Balladen zahlreiche Erzählungen verfasst. Zu seinen bekanntesten Werken dieser Textsorte zählen: »Eine großmütige Handlung« (1782), »Der Geisterseher« (1788) oder auch (im weiteren Sinne) die Diderot-Übersetzung »Merkwürdiges Beispiel einer weiblichen Rache«.

Aus der jüngeren Vergangenheit wäre beispielsweise »Herr und Hund« von Thomas Mann aus dem Jahre 1918 zu nennen. Bedeutende Vertreter des 20. Jahrhunderts sind ferner Dieter Wellershoff, Botho Strauß und Patrick Süskind.

Ferner kann heute auch zwischen verschiedenen länderspezifischen und regionalen Erzählungen unterschieden werden.