Unter der Drachenwand

Aufbau des Werkes

Das Werk setzt sich aus Tagebucheintragungen und Briefen zusammen. Dabei wird das Geschehen aus den Perspektiven vier verschiedener Menschen geschildert: Veit Kolbe, Lore Neff, Oskar Meyer und Kurt Ritler. Jeder von ihnen ist auf individuelle Weise in die Geschehnisse des Krieges verwickelt, sei es als Kritiker, als Mitläufer oder als Opfer des Regimes – manchmal auch, wie im Falle Veits, gleich in mehreren dieser Rollen.

Im Vordergrund stehen die Berichte und Gedanken der Hauptfigur Veit Kolbe. Seine Betrachtungen nehmen den größten Teil des Werkes ein und werden ergänzt durch Briefe anderer Figuren, die in Stil und Inhalt an historische Originaldokumente angelehnt sind. Die Länge der erzählten Zeit variiert dabei: Kolbes Aufzeichnungen stammen aus den letzten beiden Kriegsjahren, während die Briefe Oskar Meyers an seine Cousine Jeanette die Jahre 1939 bis 1945 umfassen.

Ein besonderes Strukturmerkmal besteht darin, dass es keinen auktorialen Erzähler und somit keine übergeordnete und einordnende Sicht auf die Dinge gibt. Die jeweils eingenommenen Perspektiven wechseln sich ab und sind immer an einen bestimmten Ort und eine bestimmte Zeit gebunden. Keine der sich äußernden Personen weiß, wann der Krieg enden und wie ihr persönliches Schicksal aussehen wird.

Der Autor bedient sich mehrerer raffinierter Verfahren, um diese Eingeschränktheit der jeweiligen Blickwinkel darzustellen. So lässt er zum Beispiel Lore Neff bestimmte Berichte mehrfach wiederholen, weil sie nicht weiß, ob Margot ihre früheren Briefe erhalten hat. Auch wenn der Leser also einige Geschehnisse bereits kennt – ein auktorialer Erzähler würde sie nicht wiederholen – , so entsteht durch diese literarische Technik der Eindruck großer Authentizität. Zu diesem Verfahren gehört auch, dass Margots Mutter in ihren Briefen auf Ereignisse eingeht, die inzwischen überholt sind, was der Leser bereits aus Veits Schilderungen weiß. Lore Neff bezieht sich also auf einen weiter in der Vergangenheit liegenden »Informationsstand«.

Dieselbe Technik wird auch in Kurt Ritlers Briefen an Nanni angewendet: Kurt weiß noch nicht, dass seine Freundin verunglückt ist, während der Leser bereits aus Veits Schilderungen und dem Polizeibericht über ihren Tod in Kenntnis ist. Auf diese Weise erscheinen Kurts Fragen an Nanni und seine Sorge um sie besonders ergreifend und erzielen eine starke emotionale Wirkung beim Leser. An anderer Stelle berichtet Kurt seinem Freund Ferdl von einem Soldaten aus Mondsee, der ihm seine Briefe an Nanni übergeben habe. Als Leser erkennt man in diesem Soldaten Veit, während Veit selbst die Begegnung mit Kurt erst viel später und dann wesentlich ausführlicher schildert.

Erst in der Nachbemerkung, die im Verhältnis zum übrigen Roman sehr kurz ist, wird ein auktorialer Erzähler eingeführt. Nun erfährt man aus übergeordneter, »allwissender« Sicht alles über die Biografien der Hauptfiguren und über ihr weiteres Schicksal nach Kriegsende.

Veröffentlicht am 28. Juli 2022. Zuletzt aktualisiert am 28. Juli 2022.