Unter der Drachenwand

Abschnitt 3 (Kapitel 11-16)

Zusammenfassung

Kapitel 11: Der März war ungewöhnlich
»Der März war ungewöhnlich kalt gewesen.« [Veit Kolbe]

Im Frühling 1944 ist Veit körperlich fast genesen. Als seine Wunde ein letztes Mal verbunden wird, schildert er dem behandelnden Arzt seine Angstattacken. Der Arzt verschreibt ihm ein Medikament (Pervitin), geht aber sonst nicht darauf ein. Am Gründonnerstag wird Annemarie Schaller als vermisst gemeldet. Sie ist von ihrer Wanderung nicht ins Lager zurückgekehrt. Ihre Mutter erscheint in Mondsee, um nach ihr zu suchen. Veit protokolliert die Aussage, die sie gegenüber seinem Onkel auf der Gendarmerie macht. Der Onkel erweist sich einmal mehr als Mitläufer, der vor allem auf seine Ruhe bedacht ist. Nannis Mutter reist ab, ohne neue Anhaltspunkte zu haben.

Kapitel 12: Der Elternbesuchstag
»Der Elternbesuchstag erstreckte sich über zwei Tage.« [Veit Kolbe]

Die Mütter der Mädchen aus Schwarzindien kommen zu Besuch nach Mondsee. Sie sind sehr beunruhigt wegen Nannis Verschwinden. Bei einer erneuten Begegnung mit Margarete fühlt Veit keinen Schmerz mehr und kann nüchtern mit ihr sprechen. In seiner Unterkunft wird er gelegentlich von Margot zum Abendessen eingeladen. Im Dorfgasthaus macht der Brasilianer lautstark sarkastische Bemerkungen über Joseph Goebbels.

Kapitel 13: Der Brasilianer wurde nicht über Nacht
»Der Brasilianer wurde nicht über Nacht verhaftet oder im Morgengrauen, wie die Leute es sich von derlei Vorgängen erzählten, sondern zur Mittagszeit.« [Veit Kolbe]

Wenige Tage nach seinem Ausbruch im Gasthaus wird der Brasilianer von der Gestapo abgeholt. Die Dorfbewohner finden, er sei zu unvorsichtig gewesen und trage quasi selbst die Verantwortung. Veit kümmert sich nun zusammen mit Margot um das Gewächshaus. Sein Onkel deutet an, dass man ihn nicht mehr gern im Ort sehe. Dennoch lässt man ihn in Ruhe, weil das Gemüse aus der Gärtnerei der Versorgung dient. Er erhält sogar Geld, um Schäden zu reparieren, die Plünderer am Gewächshaus angerichtet haben.

Kapitel 14: In den Dschungeln Schwarzindiens
»In den Dschungeln Schwarzindiens ging alles seinen gewohnten Gang.« [Veit Kolbe]

Veit und Margot ergänzen sich gut in der Gärtnerei. Margot kümmert sich um die kaufmännischen Belange, Veit übernimmt die harte körperliche Arbeit. Während es häufiger Fliegeralarm gibt und die Verzweiflung im Ort wächst, kommen Veit und Margot sich von Tag zu Tag näher. Margot vertraut Veit an, dass sie vor allem geheiratet habe, um ihr Elternhaus verlassen zu können. Die Schwangerschaft habe sie an einen Mann gebunden, mit dem sie nicht wirklich glücklich sei. Bei einem Ausflug küssen sich die beiden und betrachten sich von nun an als Paar.

Kapitel 15: Da ich keine Beziehungserfahrung
»Da ich keine Beziehungserfahrung hatte, war ich davon ausgegangen, dass ich zunächst einen Berg von Unkenntnis werde abtragen müssen.«
[Veit Kolbe]

Veit und Margot genießen ihre Verbindung. Veits anfängliche Unsicherheit erweist sich als überflüssig. Margot ist unkompliziert, direkt und offen, auch in ihrer Sexualität. Sie respektiert Veit und versucht nicht, ihn zu ändern – für ihn eine neue Erfahrung. Für kurze Zeit können die beiden die Schrecken des Krieges ausblenden. Doch Veit beunruhigt der bevorstehende Arzttermin, der über seinen Fronteinsatz entscheidet. Als Lilo vom Tisch fällt, hat er eine neuerliche Panikattacke. Lilo passiert nichts Ernstes.

Max Dohm, der Mann der Quartierfrau, kommt auf Urlaub nach Mondsee. Veit findet den selbstsicheren Nazi, der im Generalgouvernement Karriere gemacht hat, nicht gänzlich unsympathisch.

Kapitel 16: In der Früh packte ich
»In der Früh packte ich meine Sachen und verließ Mondsee mit dem Milchauto.« [Veit Kolbe]

Veit reist zur Nachuntersuchung nach Wien. Bei seinen Eltern fühlt er sich unverändert fremd, obwohl die Kriegsbegeisterung seines Vaters inzwischen gedämpft ist. Er besucht das Grab seiner Schwester Hilde und erinnert sich der letzten Tage vor ihrem Tod. Die ärztlichen Untersuchungen führen nach einigem Hin und Her schließlich zu seiner erneuten Zurückstellung. Erschöpft und erleichtert fährt er zurück nach Mondsee.

Analyse

In den Kapiteln 11–16 spitzt sich die Handlung durch mehrere Ereignisse dramatisch zu: Zum einen durch das Verschwinden Nanni Schallers, zum anderen durch die Verhaftung des Brasilianers. Beide Geschehnisse machen vor allem den Charakter von Johann Kolbe deutlicher offensichtlich, für den Veit zunehmend Verachtung empfindet.

Gegenläufig dazu entwickelt sich zwischen Veit und Margot eine Liebesbeziehung, die beiden ermöglicht, sich für eine gewisse Zeit von den Schrecken des Krieges zu distanzieren. Warum gerade diese sich erst langsam aus einer Freundschaft heraus entwickelnde Liebe für die beiden zur inneren Rettung wird, erläutert Arno Geiger so: »Es ist eine sachliche Liebe, eine verlässliche Liebe – im Gegensatz zur Unzuverlässigkeit der Umstände. Der Krieg zerschlägt die Form aus Prinzip. Die unromantische Liebe von Veit und Margot ist Hoffnung aus Prinzip« (Kossack, S. 10).

Veit und Margot verbindet ihre Körperlichkeit, die sich auch in ihrer Fähigkeit zu harter Arbeit in der Natur zeigt. Mit ganzem Einsatz widmen sie sich der Gärtnerei des Brasilianers. Ihr Verhältnis zu Pflanzen und Tieren und ihre Freude im Umgang mit beiden sagen etwas über ihre tiefe Menschlichkeit aus. So pflegen sie nicht nur den Gemüsegarten, sondern auch die Orchideen des Brasilianers weiterhin, obwohl das Treibhaus Plünderungen ausgesetzt ist. Die Orchideen sind in praktischer Hinsicht nutzlos, da sie nicht der Versorgung dienen – allein ihre Schönheit rechtfertigt ihre Pflege. Auch der verletzte Hund des Brasilianers wird von den beiden mit Liebe und Fürsorge behandelt. Sie versuchen, dem alten Tier Erleichterung von seinen Schmerzen zu verschaffen und setzen damit einen Kontrapunkt zum Verhalten der Männer, die den Brasilianer abholen, und zu Max Dohm, der das Tier später erschießt.

Bei der Verhaftung des Brasilianers zeigt sich, wie Opportunismus und Schweigen das Regime und seine Ungerechtigkeit zementieren. Niemand hilft ihm, als er von zwei Männern am hellichten Tag zusammengeschlagen und mitgenommen wird. Auch Veit sieht nur zu. Insofern kann man Iris Radischs Kritik, der Roman sei an keiner Stelle aus der Täterperspektive geschrieben, entgegenhalten, dass es Geiger gerade darum geht, die Grauzonen zwischen Mitläufern und aktiven Tätern zu beschreiben und eben nicht in eindeutiger Schwarz-Weiß-Haltung Täter und Opfer einander gegenüberzustellen.

Dazu passt, dass Veit den brutalen SS-Mann Max Dohm bei der ersten Begegnung mit ihm gleichzeitig als gewinnend beschreiben und ihn dennoch sarkastisch kritisieren kann: »Und doch, ich fand ihn nicht unsympathisch. Er besaß etwas Gewinnendes mit dem lebensfrohen Selbstvertrauen eines Mannes, der sich berufen fühlt, die Welt zu erneuern zu seinen eigenen Gunsten« (S. 208).

Veröffentlicht am 13. Oktober 2022. Zuletzt aktualisiert am 13. Oktober 2022.