Unter der Drachenwand

Abschnitt 1 (Kapitel 1-6)

Zusammenfassung

Kapitel 1: Im Himmel, ganz oben
»Im Himmel, ganz oben, konnte ich einige ziehende Wolken sehen, und da begriff ich, ich hatte überlebt.« [Veit Kolbe]

Der österreichische Soldat Veit Kolbe befindet sich 1943 im Kampf an der russischen Ostfront. Er wird schwer verwundet und in ein Lazarett im Saarland transportiert. Hier lernt er andere Verwundete kennen, die ihm von fürchterlichen Kriegserlebnissen berichten, darunter Erschießungen von Zivilisten auf offener Straße. Kolbe wird operiert und einige Wochen später auf Genesungsurlaub entlassen. Er fährt zu seinen Eltern nach Wien.

Kapitel 2: Seit meinem letzten Aufenthalt
»Seit meinem letzten Aufenthalt in Wien waren fünfzehn Monate vergangen.« [Veit Kolbe]

Veit Kolbe ist seit über einem Jahr zum ersten Mal wieder in seinem Elternhaus. Er fühlt sich fremd und hat häufig Streit mit seinem Vater, einem überzeugten Anhänger Hitlers. Der Vater hat keine Vorstellung von Veits schlimmen Kriegserlebnissen. Veit erinnert sich an seine vor dem Krieg an schwerer Krankheit verstorbene Schwester Hilde. Er macht Besuche bei Verwandten, die wie der Vater Phrasen über den Krieg dreschen. Zu Weihnachten wird die Entfremdung besonders deutlich. Veit fragt telefonisch seinen Onkel Johann, Ortsvorsteher in Mondsee bei Salzburg, nach einem Quartier vor Ort. Sein Onkel sagt es ihm zu.

Kapitel 3: Eine halbe Fahrstunde von Salzburg
»Eine halbe Fahrstunde von Salzburg entfernt, aber zu Oberdonau gehörend, liegt an den Ufern des Mondsees der mit dem See namensgleiche Ort.« [Veit Kolbe]

Veit reist nach Mondsee und erhält ein schlechtes Zimmer bei der unfreundlichen Trude Dohm. Im Zimmer neben ihm ist die junge Darmstädterin Margot mit ihrem Baby untergebracht. Ihr Mann ist als Soldat an der Front.
Veit besucht seinen Onkel auf der Gendarmerie und macht Rundgänge durch den Ort. Dabei begegnet er einer Gruppe zwölf- bis dreizehnjähriger Mädchen aus Wien, die auf »Kinderlandverschickung« am Mondsee sind.

Regelmäßig nimmt Veit kleine Verbesserungen an seinem Zimmer vor. Einmal überfällt ihn dabei eine posttraumatische Panikattacke. Veit ringt seiner Quartierfrau einen neuen Ofen ab, was seine Situation etwas erträglicher macht.

Kapitel 4: Während der neue Ofen
»Während der neue Ofen gesetzt wurde, erledigte ich meine Post.« [Veit Kolbe]

Bei einem Spaziergang lernt Veit die junge Lehrerin Margarete »Grete« Bildstein kennen. Sie betreut die Mädchen, die er im Ort gesehen hat. Ihr Lager ist im Gasthaus Schwarzindien am See. Veit begleitet Grete dorthin. Sie interessiert ihn und er versucht, sie näher kennenzulernen. Grete reagiert abweisend. Zurück in seiner Unterkunft, unterhält er sich mit der Darmstädterin. Er erfährt, dass ihre Tochter Lilo fast acht Wochen alt ist.

Kapitel 5: Nach einem zweitägigen kurzen Antäuschen
»Nach einem zweitägigen kurzen Antäuschen von warmem Wetter folgten Tage von frostklirrender Durchsichtigkeit.« [Veit Kolbe]

Veit hört, dass Trude Dohm im Ort verrufen ist. Auch zu ihrem Bruder Robert Raimund Perttes, der unweit ihres Hauses Orchideen züchtet, hat sie kaum Kontakt. Perttes hat viele Jahre in Brasilien gelebt und wird nur »der Brasilianer« genannt. Eines Nachts lernt Veit ihn in seinem Gewächshaus näher kennen. Bei einem weiteren Besuch in Schwarzindien scheitern Veits Versuche, sich Margarete zu nähern, endgültig. Unter Margaretes Schützlingen fällt ihm ein Mädchen mit besonderer Ausstrahlung auf: Annemarie »Nanni« Schaller, die mit ihrem Cousin Kurt die Drachenwand besteigen möchte.

Kapitel 6: In der Früh ertrug ich
»In der Früh ertrug ich fünfzehn Minuten den örtlichen Nachrichtendienst der Quartierfrau, unglücklicherweise war ich ihr vor dem Haus in die Arme gelaufen.« [Veit Kolbe]

Veit besucht den Brasilianer nun häufiger in seiner Gärtnerei. Perttes verachtet das NS-Regime und macht keinen Hehl daraus. Er schwärmt von der Herzlichkeit der brasilianischen Menschen. Veit fasst Vertrauen zu ihm. Seine zufälligen Begegnungen mit Grete hingegen werden immer verkrampfter; er empfindet sogar Mitleid für sie. Die Alliierten bombardieren inzwischen Österreich. Regelmäßig gibt es im Ort Fliegeralarm. Veit verbringt seinen 24. Geburtstag allein in seinem Zimmer. Er denkt an seine verstorbene Schwester.

Analyse

Gleich mit dem ersten Satz des Romans wird die Hauptfigur Veit Kolbe eingeführt. Der junge Soldat erzählt aus der Ich-Perspektive von seiner Verwundung an der Ostfront, seinem Transport in ein saarländisches Lazarett und die Rückkehr zu seiner Familie nach Wien. Das zentrale Thema des Werkes, der Krieg und seine verheerenden Auswirkungen auf das Leben von Soldaten und Zivilbevölkerung, wird somit unmittelbar und ohne Umschweife angesprochen.

»Was kann es Besseres geben, als am Leben zu bleiben?« fragt Veit im Zusammenhang mit der Schilderung seiner Verletzung. Überleben, am Leben bleiben: Der Sinn des Lebens um seiner selbst willen ist eine der Hauptaussagen des Buches. Eine pragmatische Haltung, Liebe und Wertschätzung des Alltäglichen sind mehr wert als faschistisches Pathos und – vermeintliches – Heldentum.

Dies wird deutlich, als Veit die Umstände beschreibt, unter denen er eine militärische Auszeichnung erhält. Nachdem er vier Jahre lang unter schlimmsten Bedingungen an der Front gewesen ist und sein Einsatz von niemandem wahrgenommen worden war (»Vier Jahre Krieg, Mühsal und Plage, ich hatte meinen LKW, einen Citroën, von Wien bis an die Wolga und von der Wolga zurück an den Dnjepr gebracht«, S. 15), bekommt er nun wie zufällig einen Orden »dafür, dass ich mich im falschen Moment am falschen Ort aufgehalten hatte, ein Orden für drei Sekunden Pech und dafür, dass ich nicht abgekratzt war« (ebd.).

Diese Erkenntnisse kann er zuhause in Wien aber nicht mit seiner Familie teilen. Der Kontrast zwischen seinen eigenen Front- und Lazaretterlebnissen und den Ansichten seines Vaters, der vom Nationalsozialismus überzeugt ist, ist unüberbrückbar. Die Zivilbevölkerung ist ständiger Propaganda ausgesetzt, aber weit entfernt von den Geschehnissen an der Front, während es Veit inzwischen unmöglich geworden ist, den NS-Parolen zu glauben. Als Veit sieht, dass seine Eltern überall in der Wohnung Bilder von ihm aufgehängt haben, sagt er: »Die Bilder hatten am Familienleben teilgenommen, ich am Krieg« (S. 24). Um der unerträglichen inneren Spannung zu entkommen, geht er nach Mondsee.

Der idyllische Ort im Salzburger Land bietet indes nur auf den ersten Blick eine Fluchtmöglichkeit vor den Kriegsereignissen. In Wahrheit dringen Diktatur und Krieg in jede Facette des Alltags ein, ja, es ist geradezu ihr Kennzeichen, das niemand sich dauerhaft vor ihnen ins Private flüchten kann. Beispiele dafür sind die Machtposition des opportunistischen Onkels als Ortsvorsteher, die staatlich überwachte »Kinderlandverschickung« und der straff organisierte Tagesablauf der Mädchen im Lager, die kleinen Schikanen der Quartierfrau und, noch viel offensichtlicher, der regelmäßige Fliegeralarm im Ort und die Luftangriffe.

Veröffentlicht am 13. Oktober 2022. Zuletzt aktualisiert am 13. Oktober 2022.