Unter der Drachenwand

Prüfungsaufgaben

  • Welche Einstellung hat der Soldat Veit Kolbe zum Nationalsozialismus und zum Krieg? Beschreiben Sie seine innere und äußere Haltung.

    Als Soldat, der an der Ostfront schwer verwundet wurde, kennt Veit Kolbe die schlimmsten Seiten des Krieges und ist völlig illusionslos. Die Kriegsbegeisterung der daheimgebliebenen Wiener teilt er in keiner Weise. Dennoch behält er seine Einstellung lange für sich und ist vorsichtig mit kritischen Äußerungen. Erst mit seinem Entschluss, den Onkel zu erschießen, um den regimefeindlichen Brasilianer zu retten, positioniert er sich eindeutig und ist bereit, sich für diese Haltung auch selbst zu gefährden.
  • Welche Rolle spielt das Gewächshaus des Brasilianers als Gegenwelt zum Kriegsalltag?

    Das Obst und Gemüse, das »der Brasilianer« Perttes anbaut, dient zunächst der täglichen Versorgung der Dorfbewohner und rechtfertigt somit offiziell den Erhalt seines Betriebes. Auch während seiner Inhaftierung ist es Veit und Margot darum erlaubt, die Gärtnerei aufrechtzuerhalten und gegen Plünderungen zu verteidigen. Die Orchideen hingegen, die Perttes in seinem Gewächshaus züchtet, sind Ausdruck zweckfreier Schönheit und Lebensfreude. Die farbenfrohe Vielfalt der exotischen Pflanzen, die keinem alltagspraktischen Nutzen dienen, steht als Sinnbild für eine bessere Welt. Dass Perttes sie hegt und pflegt ist somit auch Zeichen seines Aufbegehrens gegen einen tristen und rein zweckorientierten Kriegsalltag. Darüber hinaus ist das Gewächshaus auch der Ort nächtlicher Treffen und Gespräche von Perttes und Veit. Hier philosophieren sie über das Leben und hören Musik des brasilianischen Komponisten Villa-Lobos. Das Gewächshaus ermöglicht somit kleine Fluchten vor der faschistisch geprägten Alltagswirklichkeit im Dorf (wie sie z. B. durch die Polizeistation des Onkels repräsentiert wird). In ihm zeigt sich zum einen Perttes‘ Sehnsucht nach Brasilien, zum anderen aber auch seine generelle Liebe zur Natur und sein fürsorglicher Umgang mit ihr, der ihn mit Veit und Margot verbindet.
  • Charakterisieren Sie die Quartierfrau und ihre Einstellung zum Krieg.

    Die Quartierfrau Trude Dohm ist mehr als nur eine Mitläuferin, die auf ihre persönliche Sicherheit bedacht ist. Die Ehefrau des SS-Mannes Max Dohm ist eine kriegsbegeisterte, überzeugte Anhängerin des Nationalsozialismus. Ihre Schäbigkeit äußert sich abseits von Parteiideologie auch in ihrer Tratschsucht und ihrer fehlenden Hilfsbereitschaft im Alltag. Sie glaubt fest an den »Endsieg« und macht mehrfach abfällige Bemerkungen über Veit, den sie »Drückeberger« nennt.
  • Erläutern Sie, wie die Haupthandlung um Veit Kolbe mit der Parallelhandlung um Nanni Schaller und Kurt Ritler verbunden ist.

    Nanni gehört zu den Mädchen, die sich auf »Kinderlandverschickung« am Mondsee aufhalten. Als Veit während eines Spazierganges eine Panikattacke erleidet, hilft ihm die 13-Jährige, in der er ein willensstarkes Mädchen von beeindruckendem Charakter erkennt. Ihre Bitte, er möge »als Soldat« einen Brief an ihre Mutter schreiben und darin um Verständnis für ihre Liebe zu ihrem Cousin Kurt werben, lehnt er jedoch ab. Nach ihrem Tod empfindet er deshalb Schuldgefühle und überbringt Kurt Ritler als eine Art Wiedergutmachungsgeste die Briefe, die Nanni von diesem erhalten hatte.
  • Beschreiben Sie die Figur Hilde Kolbe und erläutern Sie, welche Bedeutung die Erinnerung an sie für Veits persönliche Entwicklung hat.

    Hilde Kolbe ist eine der drei Schwestern von Veit Kolbe. Sie verstarb bereits vor dem Krieg an einer schweren Lungenerkrankung. Im Laufe seiner Aufzeichnungen kommt Veit immer wieder auf sie zu sprechen, vor allem, wenn er die Besuche in seinem Wiener Elternhaus schildert. Die Erinnerung an sie macht ihm die Entfremdung von seinen Eltern besonders deutlich, denn obwohl er auch zu Hilde kein gänzlich unverkrampftes Verhältnis hatte, stand sie ihm doch weit näher als Mutter und Vater. Hilde hat die NS-Zeit und den »Anschluss« Österreichs an das Deutsche Reich nicht mehr erlebt. Die Erinnerung an sie ist also in dieser Hinsicht unbelastet. Dennoch empfindet Veit auch Schuldgefühle, wenn er an Hilde denkt. Bei seinem letzten Besuch an ihrem Sterbebett hatte er es nicht geschafft, auf eine zärtliche Geste von ihr angemessen zu reagieren. Das Wort »Stelldichein«, das sie für seinen Besuch verwendet hatte, berührte ihn merkwürdig, weil es für ihn mit einer romantischen Liebesbeziehung in Verbindung steht. Schuldig fühlt er sich aber auch, weil Hilde so lebenslustig war und die Fähigkeit besaß, einfache Dinge von Herzen zu genießen. Dennoch musste sie sterben, während er, der mit dem Leben oft wenig anzufangen weiß, weiterleben darf. Die Erinnerung daran führt ihm vor Augen, wie wertvoll das Leben auch in seinen simpelsten Erscheinungsformen ist. Dies befähigt ihn schließlich, seine eigene Zukunft allen traumatischen Erfahrungen zum Trotz in die Hand zu nehmen, eine liebevolle Beziehung mit Margot aufzubauen und Pläne für die Zeit nach dem Krieg zu machen.
  • Erläutern Sie die Rolle von Veits Onkel Johann und nennen Sie die Gründe für Veits Entschluss, ihn zu töten.

    Der Postenkommandant Johann Kolbe ist der Typus des ewigen Mitläufers, der vor allem auf seine eigene Ruhe und Sicherheit bedacht ist und dafür auch bereitwillig andere Menschen ans Messer liefert. Sein fehlender Einsatz bei der Suche nach Nanni und seine indifferente Haltung gegenüber ihrer Mutter offenbaren seine Empathielosigkeit und Passivität. Während Veit seinen Onkel anfangs nur leise verachtet, kommt er durch das Verschwinden des Brasilianers in eine Lage, in der er selbst eine eindeutige Haltung einnehmen muss. Seine klare Erkenntnis des opportunistischen Charakters seines Onkels macht ihn fähig, diesen zu erschießen.
  • Beschreiben Sie die Situation in Darmstadt ab 1944 anhand der Briefe von Margots Mutter. Gehen Sie dabei auch auf den persönlichen Alltag der Schreiberin ein.

    Bei einem Großangriff der britischen Luftwaffe auf die hessische Stadt Darmstadt in der Nacht vom 11. auf den 12. September 1944 kamen mehr als 11.000 Menschen ums Leben und ein Großteil der Altstadt wurde komplett zerstört. Lore Neff beschreibt die Verzweiflung von Menschen, die in den Trümmern nach ihren Angehörigen suchen und berichtet auch vom Tod naher Verwandter. Die Versorgungslage ist katastrophal, es gibt weder Strom noch Wasser. Erstaunlicherweise hält Lore jedoch selbst unter solchen Bedingungen eine Art Alltag aufrecht. Sie versucht weiterhin, Lebensmittel und Hygieneartikel für ihre Familie zu besorgen, zu kochen und zu putzen und ermahnt ihre Töchter in Briefen.
  • Stellen Sie die Beziehungen, die Veit Kolbe zu Margarete Bildstein und Margot Neff hat, einander gegenüber. Was unterscheidet sie?

    Am Anfang hat Veit großes Interesse an Margarete und versucht, ihr näherzukommen und sie besser kennenzulernen. Als sie immer wieder schroff und abweisend reagiert, werden seine Begegnungen mit ihr zunehmend verkrampft und unangenehm, bis er schließlich Gleichgültigkeit empfindet. Die Beziehung zu Margot entwickelt sich gegenläufig: Zunächst hat Veit nur freundschaftliches Interesse an ihr, und Margot ist diejenige, die aktiv auf ihn zugeht. So können sich Veits Gefühle fast unmerklich und für ihn selbst überraschend entfalten. Das lockere, freundschaftliche Element bleibt auch in ihrer Liebesbeziehung erhalten und bildet ein tragfähiges Fundament für eine gemeinsame Zukunft.
  • Welchen Zeitraum umfasst die Haupthandlung um Veit Kolbe? In welchem zeitlichen Verhältnis stehen dazu die Nebenhandlungen?

    Die Haupthandlung, also die Erlebnisse des Soldaten Veit Kolbe, umfasst die Zeit vom Dezember 1943 bis zum Dezember 1944 und enthält dabei auch Rückblicke in die Vorkriegszeit, zum Beispiel Erinnerungen an Veits verstorbene Schwester Hilde. Die Nebenhandlung um Nanni Schaller und Kurt Ritler ist in den Zeitrahmen der Haupthandlung eingeschlossen. Sie beginnt mit der ersten Begegnung zwischen Veit und Nanni im April 1944 und endet mit Veits Übergabe der Briefe an Kurt im Dezember 1944. Die Nebenhandlung um Oskar Meyer hingegen überschreitet den Zeitraum der Haupthandlung. Sie beginnt bereits mit der Schilderung erster Repressalien gegen Juden in Wien 1939 und endet mit Oskars Ermordung im März 1945.
  • Arno Geiger hat über sein eigenes Werk gesagt: »Der Roman ist ein erfundenes Haus mit echten Türen und Fenstern.« Erläutern Sie diese Aussage.

    Als Türen und Fenster sind die historischen Eckdaten zu verstehen, die den Roman zeitgeschichtlich einordenbar machen. Sie sind real, zum Beispiel die schwere Bombardierung Darmstadts 1944 oder der Einmarsch der Deutschen in Ungarn im selben Jahr. Die fiktiven Schicksale einzelner Menschen, deren Leben durch diese Ereignisse berührt wird, bilden dagegen das »erfundene Haus«. Ihre Verbindung mit historischen Fakten macht auch sie zu exemplarischen Biografien, die so oder so ähnlich stattgefunden haben könnten.
Veröffentlicht am 28. Juli 2022. Zuletzt aktualisiert am 27. September 2022.