Unter der Drachenwand

Figuren

  • Veit Kolbe

    Veit Kolbe ist ein 23-jähriger Soldat aus Wien, der nach dem Schulabschluss und kurzer militärischer Grundausbildung zum Kriegseinsatz eingezogen wurde. Seit 1939 ist er als Kraftfahrer an der Ostfront. Er hat also als Erwachsener bisher nichts anderes als das Militär kennengelernt. Eine schwere Verwundung bringt ihn zurück in die Heimat und auf Genesungsurlaub ins Salzburger Land, wo er versucht, Abstand von seinen traumatischen Erfahrungen zu finden. Seine furchtbaren Erlebnisse an der Front lassen ihn jedoch nicht los: Immer wieder erleidet er plötzliche Panikattacken, die er mit dem Medikament Pervitin zu bekämpfen versucht – ein Teufelskreis, denn im Laufe der Handlung wird er zunehmend davon abhängig. Seine Wunde heilt nur langsam, was ihm nicht unrecht ist, denn er erreicht damit zweimal eine Rückstellung, ehe er kurz vor Kriegsende doch noch einmal eingezogen wird.

    Seine Eltern leben in Wien. Eine seiner drei Schwestern, Hilde, ist vor dem Krieg an einer schweren Lungenerkrankung verstorben; die beiden anderen sind erwachsen und von zu Hause ausgezogen. Veit kann es bei seinen Eltern in Wien nur schwer aushalten, da sie an Hitlers Kriegspropaganda glauben und keine Vorstellung von der fürchterlichen Realität der Kampfeinsätze haben. Immer wieder hat Veit darum Auseinandersetzungen mit seinem Vater, obwohl er insgesamt versucht, sich mit seiner Kritik zurückzuhalten. Seine Haltung dem NS-Regime gegenüber ist tatsächlich am Anfang ambivalent: Trotz seiner brutalen Erfahrungen kann er sich von einer gewissen Bewunderung für Adolf Hitler noch immer nicht ganz frei machen. Erst die Erlebnisse in Mondsee, vor allem die Begegnung mit dem starken Charakter des Brasilianers und die Verachtung seines opportunistischen Onkels, geben ihm den entscheidenden Anstoß für eine klare innere Positionierung. Diese offenbart sich deutlich, als Veit in einer Extremsituation seinen Onkel erschießt, um den regimefeindlichen Brasilianer zu retten.

    Neben seinen Panikattacken belastet Veit das Bewusstsein, wesentliche Jahre seines Lebens im Krieg verloren zu haben. Immer wieder denkt er darüber nach, wie weit er jetzt wäre, wenn er regulär mit dem Studium hätte beginnen können, und was er alles versäumt hat. Eine wichtige Möglichkeit, diese Versäumnisse zu artikulieren und dadurch vielleicht in Teilen auch zu kompensieren, ist für ihn das Schreiben. Seinem Tagebuch vertraut er nicht nur seine äußeren Erlebnisse, sondern auch seine Gefühle und Gedanken an. Er analysiert seine Situation und die der Menschen, die er kennenlernt. Da er bisher kaum Liebeserfahrungen sammeln konnte, ist er zunächst unsicher, als er mit der sexuell erfahreneren Margot zusammenkommt. Doch Margot nimmt ihm die Bedenken mit ihrer direkten und natürlichen Art. Sie kennenzulernen ist die schönste Erfahrung, die Veit in Mondsee macht. Im Bewusstsein, dass er jederzeit wieder eingezogen werden kann und dass er nicht weiß, ob er den Krieg überlebt und ob er danach mit Margot zusammenbleiben kann, kostet er die Zeit mit ihr aus und taucht, so weit es möglich ist, mit ihr ins Private ab.

    Nach und nach lässt sich dabei eine innere Entwicklung ablesen: vom jungen Kriegsteilnehmer, der mit seinem Elternhaus und seinem bisherigen Leben hadert und sich (zwar zu Recht und ohne Selbstmitleid) als Opfer der Umstände sieht, hin zu einem gereifteren Mann, der trotz oder gerade wegen der Katastrophe des Krieges das Leben schätzt und für eine Zukunft mit Margot in Friedenszeiten Pläne macht, ja, sogar über Kinder mit ihr spricht.

  • Lore Neff

    Lore Neff ist die zweite Stimme im Roman, die unmittelbar nach den ersten Tagebucheinträgen von Veit zu Wort kommt. Sie ist die Mutter von Veits Zimmernachbarin und späterer Partnerin Margot und lebt in Darmstadt. Von dort berichtet sie ihrer Tochter in Briefen aus dem Alltag in der schwer bombardierten Stadt. Der Krieg hat die Familie von ihr entfernt. Ihr Mann ist im Kriegseinsatz, Margot mit ihrer Enkelin Lilo in Mondsee und ihre jüngere Tochter Bettine beim Arbeitseinsatz in Berlin. Lore zeigt sich in ihren Briefen als zähe Kämpfernatur, die versucht, mit dem Alleinsein zurechtzukommen und auch unter schlimmsten Bedingungen ihren Alltag aufrechtzuerhalten. Sie ist eine pragmatische Hausfrau und Mutter, die trotz körperlicher Beschwerden durch ihr »offenes Bein« Lebensmittel beschafft, für einen Gemüsegarten, Hasen und Ziegen sorgt, kocht und putzt. Von ihrer Familie fühlt sie sich nicht genügend für ihre Arbeit anerkannt und äußert oft, dass ihr Mann und ihre Töchter vielleicht angesichts des Krieges endlich ihr Zuhause schätzen würden. Ihr Ton gegenüber Margot ist der einer besorgten, mahnenden Mutter, die aber auch Verständnis zeigt, als Margot ihr von ihren Trennungsabsichten erzählt. Während sie Margot als erwachsene Frau behandelt, hat sie anscheinend mehr Angst um die jüngere Tochter Bettine, über die sie in den Briefen an Margot spricht. Sie fürchtet, Bettine könne in Berlin einen zu lockeren Lebenswandel führen. Ihr eher barscher und nüchterner Ton scheint eine Schutzfunktion zu haben. Im Verlauf der Handlung, mit der zunehmend schwereren Bombardierung von Darmstadt und dem Tod etlicher Verwandter und Nachbarn, wird Lore emotionaler und spricht schließlich auch über ihre Ängste.

  • Kurt Ritler

    Kurt Ritler ist ein zu Beginn des Romans 16-jähriger Jugendlicher aus Wien, der in seine Cousine Nanni Schaller verliebt ist und zahlreiche Briefe zunächst an sie, nach ihrem Verschwinden dann an seinen Freund Ferdl schreibt. Mit diesen Briefen ist Kurt die dritte Stimme, die aus der Ich-Perspektive berichtet. In den ersten Briefen, die er Nanni von Wien aus an den Mondsee schickt, erkennt man ihn als optimistischen, fröhlichen Burschen voller Pläne. Er möchte Nanni am Mondsee besuchen und eine Bergtour mit ihr unternehmen. Kurt neckt Nanni mit witzigen Bemerkungen und Sprüchen, offenbart aber auch seine schwärmerische Verliebtheit und hat keine Probleme, über seine Gefühle zu schreiben. Im raschen Wechsel unterschiedlicher Tonarten, die er dabei anschlagen kann, und in den Wortspielen, die er treibt, zeigt sich ein intelligenter Kopf und witziges Sprachtalent. Zwar schildert er auch den bedrückenden Alltag in Wien, die erschwerten Lebensbedingungen im Krieg und die altersgemäßen Schwierigkeiten mit seinen Eltern und seiner Schwester Susi, doch insgesamt scheint er in seiner lebenshungrigen und lustigen, dynamischen Wesensart durch nichts zu erschüttern zu sein. Am Beispiel Kurt Ritlers zeigen sich im Roman besonders dramatisch die verheerenden Auswirkungen des Krieges auf die Psyche des Einzelnen. Empfindet er seinen Horcheinsatz bei der Flak anfangs vor allem als langweilig, so schildert er mit dem Erlebnis amerikanischer Bombenangriffe auch seine Angst. Seine unbekümmerte Leichtigkeit verschwindet angesichts der Opfer und Zerstörungen. Als er in die Kaserne nach Hainburg einberufen wird, ist er bereits von einer gewissen Resignation gezeichnet, die in völligen Fatalismus übergeht, als er von Nannis Tod erfährt. Nun ist er innerlich teilnahmslos und bereit, sein Leben aufs Spiel zu setzen. Als Veit bei ihrem Treffen zu ihm sagt, dass es jetzt nur noch darum gehe, die letzten Kriegswochen zu überleben, gibt Kurt sich zwar patriotisch und sagt, er wolle ohnehin nicht unter einem »fremden Regime« leben. Es ist aber deutlich, dass hinter diesen Worten nicht Kampfbereitschaft, sondern völlige Desillusionierung steht.

  • Oskar Meyer (Sándor Milch, Andor Bakos)

    Oskar Meyer tritt als vierte Stimme, die aus der Ich-Perspektive erzählt, in Kapitel 10 des Romans in Erscheinung. Er schreibt Briefe an seine Cousine Jeanette in Südafrika, an späteren Stellen gibt es auch Tagebucheinträge von ihm. Oskar ist ein Wiener Jude mittleren Alters. Der gelernte Zahntechniker lebt mit seiner Frau Wally und seinem kleinen Sohn Georg (»Georgili«) in Wien. Sein Sohn Bernhard konnte sich schon früh nach Südengland absetzen, während Oskar, Wally und Georg noch eine Zeitlang in Wien ausharren, auch unter verschärften Repressalien. Oskar will anfangs nicht wahrhaben, wie bedroht sie sind und versäumt darum auch die Gelegenheit, ein Arbeitsangebot im westafrikanischen Accra anzunehmen. Erst 1941 flieht er mit seiner Familie nach Budapest. Dank gefälschter Pässe nimmt er zunächst den Decknamen Sándor Milch, später Andor Bakos an. In Budapest leben die drei zunächst zwar unter ärmlichen Bedingungen, aber in Sicherheit. Als die Deutschen 1944 in Ungarn einmarschieren, ändert sich alles für sie. Nun erleben sie auch hier schlimmste Gewalt. Oskar beobachtet unter anderem, wie ein junger Jude auf der Straße zu Tode geprügelt wird, während Passanten zusehen. Er plant die weitere Flucht nach Rumänien, zu der es jedoch nicht mehr kommt, weil seine Frau und sein Sohn bei einer Razzia aufgegriffen werden und verschwinden. Der verzweifelte Oskar lebt inzwischen unter unerträglichen Bedingungen im Budapester Judenhaus. Darum meldet er sich freiwillig zu einem schweren Arbeitsdienst. Der Weg zum Einsatzort ist mit einem grausamen Marsch verbunden, der für viele seiner Leidensgenossen tödlich endet. Oskar überlebt ihn, wird im Laufe des Marsches aber immer hoffnungsloser und schwächer. Schwere Schuldgefühle gegenüber seiner Frau und seinem Sohn quälen ihn; er gibt sich die Schuld für ihr Verschwinden und bittet sie in nächtlichen Visionen um Verzeihung. Insgesamt charakterisiert er sich selbst immer wieder als einen Menschen, der den harten Bedingungen des Lebens nicht gewachsen sei (»Ohne gute Kenntnisse, wie man Geschäfte macht, ist man in einem rechtsfreien Raum jedermanns Trottel«, S. 115; »Du weißt, mir fehlt es vom Charakter her ohnehin an Initiative und Risikobereitschaft, bin also ziemlich überfordert«, S. 116). Die letzte Szene, in der er in Erscheinung tritt, zeigt ihn bei der Zwangsarbeit in Hainburg, wo er eine kurze Begegnung, eigentlich nur einen Blickwechsel, mit Veit hat. Aus der Nachbemerkung erfährt man, dass er später bei einem Transport ins KZ Mauthausen stirbt.

  • Margot Neff

    Junge Frau aus Darmstadt in ihren Zwanzigern (ihr genaues Alter wird nicht genannt). Sie lebt als Evakuierte mit ihrer kleinen Tochter Lilo in Mondsee, im Nachbarzimmer von Veit. Ihr Ehemann, mit dem sie eine überstürzte Kriegsheirat geschlossen hat, in der sie nicht glücklich ist, stammt aus dem Nachbarort Vöcklabruck und ist als Soldat im Kriegseinsatz. Margot gehört zu den wenigen Figuren im Roman, über deren Aussehen man etwas erfährt, weil Veit sie beschreibt. Sie ist schlank, hat langes braunes Haar, braune Augen mit »orangenen Sprenkel[n]« (S. 458) und geht sehr gerade, ist also insgesamt eine attraktive Erscheinung. Dazu trägt auch ihr selbstsicheres Auftreten bei, z. B. grüßt sie Veit zu Beginn stets mit zwei ausgestreckten, an die Stirn getippten Fingern, ein quasi militärischer Gruß, bei ihr aber nur Ausdruck einer gewissen Lässigkeit. Da Margot sowohl von Veit als auch von ihrer Mutter Lore beschrieben wird, die naturgemäß zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen auf sie haben, zeigen die Übereinstimmungen das kohärente Gesamtbild einer tatkräftigen, entschlossenen, starken Frau – von Veit dafür geliebt, von ihrer Mutter gelegentlich kritisiert: »Ich kann dir jedenfalls nur meinen guten Rat geben, den du, wie ich dich kenne, nicht befolgen wirst« (S. 380). Trotz ihres starken Charakters ist auch Margot manchmal niedergeschlagen oder sogar verzweifelt, besonders, wenn schlechte Nachrichten aus Darmstadt kommen. Zu Anfang hört Veit sie im Nachbarzimmer gelegentlich weinen. Tagsüber lässt sie sich aber nichts anmerken, obwohl sie nach Lilos Geburt offenbar auch gynäkologische Beschwerden hat, wie die geschwätzige Quartierfrau Veit begierig mitteilt. Insgesamt besitzt Margot das, was heute als »Resilienz« bezeichnet wird und zeigt darin große Ähnlichkeit mit ihrer Mutter. Dass sich mit Veit eine glückliche und auch sexuell erfüllende Beziehung entwickelt, liegt vor allem an Margots Initiative. Sie ist die Lebenserfahrenere in dieser Verbindung. Nach dem Krieg lässt sie sich scheiden, und in der Nachbemerkung erfährt man, dass sie und Veit heiraten, zwei gemeinsame Kinder bekommen und bis an ihr Lebensende zusammenbleiben. Dies konterkariert einen Satz aus einem von Lores Briefen, die ihre Tochter im Hinblick auf deren erste Ehe ermahnt: »Mich befällt so eine Trostlosigkeit, wenn Ehen enden wie Straßen, die nicht fertig gebaut werden« (S. 380).

  • Johann Kolbe

    Onkel von Veit, ältester Bruder seines Vaters, Dorfpolizist und Postenkommmandant in Mondsee. Er wird ausschließlich aus Veits Perspektive geschildert. Johann Kolbe hat sich auf seiner Stelle bequem eingerichtet und versucht im Alltag vor allem, in Ruhe gelassen zu werden und für sich persönlich Vorteile zu erheischen. Dazu gehört z. B. die Beschaffung von Zigaretten, die der starke Raucher dringend benötigt und für die er Veit sogar auf den Schwarzmarkt schicken will, oder die Suche nach den Zigarren des Brasilianers. In seinem Büro sieht er sich pornografische Bilder an, raucht und schlägt die Zeit tot. Johann Kolbe lebt von seiner Frau getrennt und erzählt Veit, diese habe von ihm mehr berufliches Engagement erwartet, ihm sei es aber wichtiger, »gut gelaunt und ausgeruht« (S. 51) nach Hause zu kommen. Seine Bequemlichkeit zeigt sich am deutlichsten, als Nanni Schaller verschwindet und Kolbe kaum Einsatz bei der Suche nach ihr zeigt. Spätestens jetzt wird auch deutlich, dass sich hinter seiner Einstellung kein verzeihliches Laissez-faire, bloße Faulheit oder gar versteckte Renitenz gegenüber der Partei verbergen, sondern absolute Kälte und Mitleidlosigkeit. Auch das Auftauchen Nannis verzweifelter Mutter ändert nichts an seiner Passivität; als die Leiche des Mädchens gefunden wird, fühlt er keine Trauer. Er ist vor allem froh, den Fall zu den Akten legen zu können. Dasselbe Verhalten zeigt Kolbe auch, als die Gärtnerei des Brasilianers nach dessen Verhaftung verwüstet wird. Er ist nicht daran interessiert, die Täter zu finden, zumal sich diese am Besitz eines Regimegegners ausgelassen haben. Die ganze Niedertracht seines Wesens aber wird deutlich, als er doch einmal aktiv wird: Genau dann nämlich, als es darum geht, den Brasilianer ein zweites Mal zu verhaften. Die einzige Situation, in der seine Passivität etwas Gutes bewirken, nämlich einen Regimekritiker retten könnte, belebt ihn und erfüllt ihn mit »Tatendrang« (S. 361). Nicht zuletzt diese Beobachtung befähigt Veit dazu, seinen Onkel, der ihn im Laufe der Handlung mehr und mehr an seinen Vater erinnert, zu erschießen.

    In der Figur des Onkels verbinden sich Selbstmitleid, Abhängigkeiten, Egoismus und Mitläufertum. Er wird gerade in seiner charakterlichen Banalität und Bedeutungslosigkeit zu einer zentralen Figur des Romans, und das Urteil, das Veit über ihn fällt, gehört zu dessen wichtigsten Sätzen: »Als gänzlicher Opportunist war der Onkel das größte Arschloch von allen. Sein Hauptinteresse bestand darin, keinen Ärger zu bekommen und für sich selbst möglichst viele Vorteile herauszuschlagen« (S. 347). Anhand der Person des Onkels nämlich wird offenbar, wie Adolf Hitler und der NS-Staat überhaupt so mächtig werden konnten. Totalitäre Regime existieren nicht allein durch kriminelle Machthaber. Sie können über längere Zeiträume hinweg nur bestehen, wenn Millionen Menschen sich so verhalten wie Johann Kolbe.

  • Robert Raimund Perttes, der »Brasilianer«

    Robert Raimund Perttes ist der Bruder der Quartierfrau Trude Dohm und betreibt in Sichtweise ihres Hauses eine Gärtnerei, in der er auch wohnt. Hier züchtet er neben Gemüse auch seltene exotische Orchideen aus Brasilien, wo er einige Jahre gelebt hat. Aufgrund dieses Aufenthaltes wird er im Dorf nur »der Brasilianer« genannt; niemand spricht ihn mit seinem Vornamen an. Seine Gespräche mit Veit deuten darauf hin, dass die Jahre in Südamerika die schönste Zeit seines Lebens waren. Er schwärmt von dem Land, seiner Musik, seinen Menschen und ihrer Herzlichkeit und Lebensfreude – alles in allem der komplette Gegenentwurf zum Leben in Mondsee. Hierher ist er nur aus Sorge um seine alten Eltern zurückgekehrt, die inzwischen verstorben sind. Er plant, erneut nach Brasilien auszuwandern, sobald der Krieg beendet sein wird. Mit seiner Schwester Trude und ihrem Mann Max Dohm lebt er in ständigem Konflikt. Die drei haben abgesehen von gelegentlich aufflammenden, aggressiven Streitigkeiten keinen Kontakt, obwohl sie so nah beieinander wohnen. Perttes hat einen Hund, den er wie sich selbst vegetarisch ernährt – eine Tatsache, die ihn neben anderen Einzelzügen als etwas kauzig charakterisiert. Das wichtigste Merkmal des Brasilianers ist aber seine ausgesprochene Gegnerschaft zum Nationalsozialismus, die er sich auch nicht scheut, öffentlich zu demonstrieren. Dies führt zu seiner ersten Verhaftung und einem halben Jahr Haft, das er nach seiner Entlassung als sehr schwierig beschreibt, ohne auf Einzelheiten einzugehen. Er ist also »hart im Nehmen« und auch nach seiner Rückkehr nicht bereit, einzuknicken. Bei einem Wirtshausbesuch mit ihm drängen Veit und Margot zum Aufbruch, weil sie fürchten, er könne sich durch unbedachte Äußerungen erneut gefährden. Auslöser für seine Flucht ist schließlich ein weiterer heftiger Streit mit seinem Schwager, bei dem dieser sogar eine Waffe auf ihn richtet. Er versteckt sich in Schwarzindien, wo er von Johann Kolbe festgenommen, aber durch Veit gerettet wird, der seinen Onkel erschießt. Danach flieht er weiter ins Ungewisse. Die Nachbemerkung teilt mit, dass er nach dem Krieg tatsächlich nach Brasilien zurückgekehrt sei.

  • Annemarie »Nanni« Schaller

    13-jährige Jugendliche aus einer Gruppe junger Mädchen, die sich auf Kinderlandverschickung in Schwarzindien am Mondsee befinden. Nanni stammt aus Wien, wo sie allein mit ihrer Mutter lebt. Ihr Vater ist an Tuberkulose verstorben. Nanni ist sportlich, furchtlos und selbstsicher, was sich u. a. daran zeigt, dass sie mit ihrem Cousin Kurt Ritler die Drachenwand erklimmen will. Kurt ist ihre erste Liebe und die schwärmerischen, zarten Bande, die sie zu dem drei Jahre älteren Jungen geknüpft hat, rechtfertigen in keiner Weise die schweren Vorwürfe, die ihr darum von ihrer Mutter gemacht werden. Auch Veit hat schon bei der ersten Begegnung mit Nanni den Eindruck, dass sie außergewöhnlich ist: »Sie hatte etwas Anziehendes, das ich nicht zu präzisieren vermochte, etwas ungemein Selbstbewusstes« (S. 64). Später zeigt sie Stärke, als sie ihm bei einer seiner Panikattacken hilft und ein wenig altkluge Ratschläge gibt. Ihre Frage »Ist es von der Lunge?« weist darauf hin, dass sie auf die Erfahrungen mit ihrem kranken Vater zurückgreift. Der frühe Tod ihres Vaters erklärt auch ihr sehr erwachsen wirkendes Verhalten. Bevor sie allein ins Gebirge aufbricht, sagt sie zu Veit: »Wir werden den Krieg verlieren« – auch dies ein ungewöhnlich hellsichtiger Satz für eine 13-Jährige. Ihre Entschlossenheit, die Wanderung allein zu machen, ihre Eigenständigkeit und ihr Mut führen schließlich zu ihrem tödlichen Unfall.

  • Margarete »Grete« Bildstein

    Margarete Bildstein ist eine Lehrerin Anfang Zwanzig, die eine Gruppe junger Mädchen auf Kinderlandverschickung betreut. Sie ist schlank und hat schulterlanges, glänzendes braunes Haar, wie man aus einer Beschreibung von Veit erfährt. Er möchte sie kennenlernen, doch sie weist alle Annäherungsversuche kühl zurück und bleibt stets auf Distanz zu ihm. Im Laufe des Romans zeigt sich, dass dies weniger an Veit, als an ihrem allgemein strengen und kontrollierten Charakter liegt. Generell scheint sie wenig Interesse an Männern zu haben. Wenn sie spricht, so hauptsächlich über ihre Schwierigkeiten, die Mädchen im Zaum zu halten und über ihren ständigen Kampf mit den Behörden. Eine angepasste Parteigängerin ist Grete nämlich trotz ihrer Liebe zu Disziplin und Leistung keineswegs. In Wien lebt sie im Heimhof, einer genossenschaftlichen Wohnanlage, die auf Reformideen basiert und dessen erster Gebäudekomplex für alleinstehende, berufstätige Frauen errichtet wurde. Somit wird Margarete als unabhängige Frau dargestellt, die für sich selbst sorgen kann und liberalen Reformideen zuneigt. Als der Brasilianer sich in Schwarzindien versteckt, hilft sie ihm. Der Grund dafür wird an keiner Stelle genannt, die Vermutung liegt aber nahe, dass sie es aus einer allgemeinen Ablehnung des Regimes heraus tut. Die Nachbemerkungen teilen mit, dass Grete nach dem Krieg weiterhin als Lehrerin in Wien tätig ist. Sie bleibt kinderlos und unverheiratet und stirbt hochbetagt 2008.

  • Trude Dohm

    Trude Dohm ist die Quartierfrau, bei der Veit sowie Margot mit Lilo untergebracht sind. Sie ist mit dem SS-Mann Max Dohm verheiratet und teilt dessen Begeisterung für die NSDAP und Hitlers Angriffskrieg. Ihrem ganzen Wesen nach ist sie mürrisch und unfreundlich. Anfangs betrachtet Veit dies nur als liebenswerte Lokaleigenschaft und bezeichnet sie sogar als »Repräsentantin eines groben, maulfaulen Charmes, dem meine ganze Sympathie gewiss war« (S. 33). Von dieser Sympathie bleibt jedoch nichts mehr übrig, als er im Laufe des Geschehens mehr und mehr feststellen muss, wie geschwätzig, unempathisch, geizig und bösartig sie ist. Bei seinen Bemühungen, seine Unterkunft etwas wohnlicher zu gestalten, erhält er von ihr keinerlei Unterstützung. Im Gegenteil, sie macht ihm das Leben schwer und beäugt ihn mit zunehmender Länge seines Urlaubs immer kritischer. Genau wie Veits Vater hat auch Trude Dohm keine Vorstellung von der tatsächlichen Brutalität des Krieges, sondern deutet immer wieder an, dass sie in Veit jemanden sieht, der es sich gerne leicht macht und andere als »Drückeberger« (S. 311) an die Front vorschickt. Als fanatische Anhängerin des Nationalsozialismus verfolgt sie die deutschen Niederlagen gegen Kriegsende mit zunehmender Wut. Diese Wut äußert sich auch in physischen Ausbrüchen, etwa, wenn sie plötzlich gegen im Hof herumliegende Gegenstände tritt. Ihr Bruder, der Brasilianer, behauptet, sie sei früher anders gewesen und habe sich erst durch die Ehe mit Max Dohm so negativ verändert. Manche ihrer Verhaltensweisen erscheinen tatsächlich eher verrückt als rein bösartig, etwa, wenn sie mit einer Kaffeetasse in der Hand zur Post geht oder sich den Nachbarn in einem zerfransten Schlafrock zeigt (S. 323). Da in der Nachbemerkung mitgeteilt wird, dass sie 1953 in der Heilanstalt in Haar bei München - einer psychiatrischen Anstalt - an Syphilis stirbt, lässt sich schließen, dass einige ihrer Ausbrüche auf die nicht erkannte Krankheit zurückzuführen sind.

  • Max Dohm

    Der SS-Mann und gelernte Lackierermeister ist der Ehemann von Trude Dohm, ein fanatischer Nazi wie seine Frau, brutal, machtbesessen und karriereorientiert. Er fährt Motorrad. Äußerlich ist er groß, hat eckige Schultern, ein flaches Gesicht, braune, exakt geschnittene Haare und trägt die schwarze SS-Uniform »auf Taille getrimmt« (S. 206/207). Er hält sich hauptsächlich im besetzten Polen auf, wo er nach eigener Aussage im Generalgouvernement »nichts wie Listen schreiben« (S. 343) muss, ein Hinweis auf seine bürokratische Beteiligung am Holocaust. Sein betont machohaftes Auftreten, seine Bezeichnung Margots als »Vollweib« und sein Mustern der landverschickten Mädchen beim Sportfest passen ins Bild, wirken aber auf Veit anfangs eher belustigend. Seine ganze Brutalität offenbart sich, als er den Hund des Brasilianers erschießt, um seinen Schwager zu quälen. Erstaunlich und völlig außerhalb seiner sonstigen Charakterisierung erscheint die Szene, in der er Veit um Verständnis für seine jähzornige Frau bittet. Er rechtfertigt ihr Verhalten mit den starken Schmerzen, die sie habe. Aus den Nachbemerkungen erfährt man, dass Dohm und seine Frau nach dem Krieg durch Vermittlung eines Gesinnungsgenossen einen Elektroladen im bayerischen Freising übernehmen und dort offenbar unbehelligt leben können – nicht untypisch für die Biografien vieler Mittäter nach dem Zweiten Weltkrieg, die gegen Kriegsende nach außen weiterhin an den »Endsieg« zu glauben vorgaben, in Wahrheit aber schon schlaue Vorkehrungen für die Zeit nach dem verlorenen Krieg getroffen hatten.

  • Vater Kolbe

    Veits Vater ist ein autoritäres Familienoberhaupt und überzeugter Nationalsozialist, der den sogenannten »Anschluss« Österreichs an das Deutsche Reich 1938 begeistert willkommen geheißen hatte. Er hält lange an seinem Glauben an den »Endsieg« fest, hat keine Vorstellung davon, wie es an der Front wirklich zugeht, und lässt Kritik an Hitler in seinem Hause nicht zu. Mit Veit gerät er darüber immer wieder in Streit, bis dieser es zu Hause schließlich nicht mehr aushält. Vater Kolbe wird als Mann beschrieben, der zwar großspurige Phrasen drischt, im Alltag aber eher tatenlos ist und die Arbeit von seiner Frau erledigen lässt: »Mama räumte ihm alles Schwierige aus dem Weg« (S. 224). Er gibt vor, hart gegen sich selbst zu sein, ist aber in Wahrheit nur hart gegen andere, im Umgang mit sich selbst eher bequem und wehleidig – Züge, die Veit später in der Person seines Onkels wie unter einem Vergrößerungsglas wiederentdeckt. Kurz vor Kriegsende scheint die Begeisterung von Vater Kolbe für den NS-Staat ein wenig zu erlahmen, doch eindeutig dagegen spricht er sich auch jetzt nicht aus.

  • Mutter Kolbe

    Auch wenn sie ihre Gefühle nicht immer zeigen kann, ist ihr Verhältnis zu Veit deutlich liebevoller als das ihres Mannes. Sie kann mit ihm gemeinsam lachen und zeigt mit kleinen Gesten ihre Zuwendung. Insgesamt steht sie aber im Schatten ihres Mannes und hat in der Familie keine eigene Stimme. Meist ist sie mit Hausarbeit beschäftigt, wirkt müde, traurig und abgearbeitet.

  • Hilde Kolbe

    Veits Schwester, die bereits 1936 im Alter von 23 Jahren an Lungentuberkulose gestorben ist. Veit beschreibt ihre äußere Erscheinung: Sie hatte ein großflächiges Gesicht mit schöner, sommersprossiger Haut und blonde Zöpfe, die sie meist zu einem Haarkranz hochgesteckt trug. Über die Inschrift auf ihrem Grabstein, die Veit bei einem Friedhofsbesuch erwähnt, erfährt man ihre genauen Lebensdaten: 11.3.1913–20.10.1936. Hildes letzte Wochen waren von einem schweren Todeskampf gekennzeichnet, der für die gesamte Familie großes Leid bedeutete. Veit hat Hilde gegenüber Schuldgefühle, weil er an ihrem Sterbebett nicht auf eine zärtliche Geste von ihr reagieren konnte. Bis zuletzt war Hilde voller Liebe zum Leben; er beschreibt, dass sie vieles genießen und sich über vieles freuen konnte. Auch darum fühlt er, der – zumindest am Beginn des Romans – mit dem Leben nichts mehr anfangen kann, sich ihr gegenüber schuldig.

  • Hilli Schaller

    Mutter von Nanni Schaller, die ihre Tochter allein erzieht, weil ihr Mann an Tuberkulose gestorben ist. Sie muss als Akkordarbeiterin Spatentaschen nieten und arbeitet hart, oft bis an den Rand der Erschöpfung. Hilli Schaller wird als nervlich angegriffen und labil beschrieben, was schließlich dazu führt, dass sie die Arbeit aufgeben muss. Aus ihrem Brief an Nanni geht hervor, dass sie ihre Tochter bisher liebevoll erzogen hat, aber gegen deren Beziehung zu ihrem Cousin Kurt Ritler ist. Sie macht ihrer Tochter für deren harmlose Verliebtheit unverhältnismäßig schwere Vorwürfe und droht ihr sogar damit, sie in eine »Anstalt« zu geben (S. 146). Als ihre Tochter verschwindet, setzt sie alles in Bewegung, um sie wiederzufinden und führt dazu auch verzweifelte Gespräche mit dem passiven und empathielosen Johann Kolbe. Die Sorge um Nanni bringt sie an den Rand des Zusammenbruchs; man kann nur ahnen, wie es ihr nach der Todesnachricht geht. Über ihr weiteres Schicksal erfährt man lediglich aus einem Brief von Kurt an seinen Freund Ferdl, dass sie sich auf der Beerdigung gefühlt habe, »wie wenn ein Geist durch einen Geist hindurchgeht« (S. 391). Über ihr weiteres Schicksal wird in den Nachbemerkungen nichts mitgeteilt.

  • Wally Meyer

    Ehefrau von Oskar Meyer, sieht sich selbst zu Anfang als stolze Wienerin, die allen Schikanen zum Trotz nicht glaubt, dass ihr etwas passieren wird und ihre Wiener Mitbürger ihr etwas antun könnten. Oskars Briefe an seine Cousine, in denen er voller Liebe über Wally spricht, zeigen, dass sie in ihrer Jugend temperamentvoll, schwärmerisch und selbstbewusst war – Züge, die noch einmal aufflackern, als ihnen die Flucht nach Budapest gelingt. Doch im Verlauf der weiteren Verfolgungen und Bedrohungen wird Wally zunehmend lethargisch und depressiv. Die Nachbemerkungen teilen mit, dass sie in Auschwitz ermordet wurde.

  • Lilo

    Margot Neffs kleine Tochter aus erster Ehe, zu Beginn des Romans erst wenige Wochen alt.

  • Bettine Neff

    Margots jüngere Schwester, ist als Straßenbahnschaffnerin im Arbeitsdienst in Berlin.

  • Justus Neff

    Margots Vater, ähnlich autoritär wie der Vater von Veit, Choleriker. Sein Verhältnis zu Margots Mutter scheint problematisch zu sein, sie spricht von ihm als weinerlich und überspannt. Die Nachbemerkungen teilen mit, dass er im März 1945 in Schlesien gefallen ist.

  • Waltraud und Inge Kolbe

    Schwestern von Veit, von denen Waltraud die ältere ist. Waltraud war offenbar wie Hilde früher lungenkrank, ist aber genesen und unterrichtet als »Doktora« im »Protektorat«. Über Inge liest man nur, dass sie in Graz lebt und verheiratet ist.

  • Susi Ritler

    Kurt Ritlers jüngere Schwester, ungefähr 11 Jahre alt, spioniert hinter ihrem Bruder her und ist in Kurts Wahrnehmung der Liebling der Eltern.

  • Vater Ritler

    Autoritär und kriegsbegeistert, schlägt Kurt, als er von dessen Verhältnis zu Nanni erfährt. Er interessiert sich nicht für die Gefühle seines Sohnes und begrüßt es sogar, als dieser zum »Volkssturm« eingezogen wird.

  • Mutter Ritler

    Ist ebenfalls streng gegenüber Kurt, macht sich aber Sorgen um ihn, als er eingezogen wird.

  • Erhard Ritler

    Kurts Bruder, der bereits Kriegserfahrung hat und kurz erwähnt wird, als er auf Heimaturlaub nach Wien kommt.

  • Ferdl

    Freund von Kurt Ritler, ist mit ihm zusammen in der Hitlerjugend, wird nach dem Verschwinden von Nanni sein Briefpartner und seine Hauptansprechperson.

  • Georg Meyer

    Jüngerer Sohn von Wally und Oskar Meyer, genannt »Georgili«, wird als kränklich beschrieben. Wie seine Mutter wird er in Auschwitz getötet.

  • Bernhard Meyer

    Älterer Sohn von Wally und Oskar Meyer, genannt »Bernili«. Bernhard hat es geschafft, nach Südengland auszuwandern und schickt von dort immer wieder beruhigende Nachrichten an seine Eltern. Der Gedanke, dass einer seiner Söhne sich retten konnte, ist in den letzten Wochen vor seinem Tod Oskars einziger Trost.

  • Johanna

    Polnische Zwangsarbeiterin auf dem Hof von Trude und Max Dohm, genau wie Veit, 23 Jahre alt. Veit wird auf sie aufmerksam, weil sie für ein paar Reichsmark seine Stiefel putzt. Einmal schildert sie ihm ihr persönliches Leid. Später wird sie aus Trude Dohms Haus verlegt und muss nun in einer Fabrik Zwangsarbeit leisten – mehr erfährt man nicht über ihr Schicksal.

  • Jeanette

    Adressatin der Briefe von Oskar Meyer. Sie ist seine Cousine und lebt, offenbar vermögend, in Südafrika.

Veröffentlicht am 28. Juli 2022. Zuletzt aktualisiert am 27. September 2022.