Unter der Drachenwand

Zusammenfassung und Analyse

Alle Kapitelüberschriften zitieren jeweils den Anfang des ersten Satzes im zugehörigen Kapitel (hier im Anschluss an die Überschrift nochmals vollständig angeführt). Die Angaben in eckigen Klammern beziehen sich auf die eingenommene Erzählperspektive; sie stehen nicht im Buch.

Abschnitt 1: Kapitel 1–6

Inhalt

Kapitel 1: Im Himmel, ganz oben

»Im Himmel, ganz oben, konnte ich einige ziehende Wolken sehen, und da begriff ich, ich hatte überlebt.«

[Veit Kolbe]

Der österreichische Soldat Veit Kolbe befindet sich 1943 im Kampf an der russischen Ostfront. Er wird schwer verwundet und in ein Lazarett im Saarland transportiert. Hier lernt er andere Verwundete kennen, die ihm von fürchterlichen Kriegserlebnissen berichten, darunter Erschießungen von Zivilisten auf offener Straße. Kolbe wird operiert und einige Wochen später auf Genesungsurlaub entlassen. Er fährt zu seinen Eltern nach Wien.

Kapitel 2: Seit meinem letzten Aufenthalt

»Seit meinem letzten Aufenthalt in Wien waren fünfzehn Monate vergangen.«

[Veit Kolbe]

Veit Kolbe ist seit über einem Jahr zum ersten Mal wieder in seinem Elternhaus. Er fühlt sich fremd und hat häufig Streit mit seinem Vater, einem überzeugten Anhänger Hitlers. Der Vater hat keine Vorstellung von Veits schlimmen Kriegserlebnissen. Veit erinnert sich an seine vor dem Krieg an schwerer Krankheit verstorbene Schwester Hilde. Er macht Besuche bei Verwandten, die wie der Vater Phrasen über den Krieg dreschen. Zu Weihnachten wird die Entfremdung besonders deutlich. Veit fragt telefonisch seinen Onkel Johann, Ortsvorsteher in Mondsee bei Salzburg, nach einem Quartier vor Ort. Sein Onkel sagt es ihm zu.

Kapitel 3: Eine halbe Fahrstunde von Salzburg

»Eine halbe Fahrstunde von Salzburg entfernt, aber zu Oberdonau gehörend, liegt an den Ufern des Mondsees der mit dem See namensgleiche Ort.« [Veit Kolbe]

Veit reist nach Mondsee und erhält ein schlechtes Zimmer bei der unfreundlichen Trude Dohm. Im Zimmer neben ihm ist die junge Darmstädterin

Margot mit ihrem Baby untergebracht. Ihr Mann ist als Soldat an der Front. 

Veit besucht seinen Onkel auf der Gendarmerie und macht Rundgänge durch den Ort. Dabei begegnet er einer Gruppe zwölf- bis dreizehnjähriger Mädchen aus Wien, die auf »Kinderlandverschickung« am Mondsee sind. 

Regelmäßig nimmt Veit kleine Verbesserungen an seinem Zimmer vor. Einmal überfällt ihn dabei eine posttraumatische Panikattacke. Veit ringt seiner Quartierfrau einen neuen Ofen ab, was seine Situation etwas erträglicher macht. 

Kapitel 4: Während der neue Ofen

»Während der neue Ofen gesetzt wurde, erledigte ich meine Post.« [Veit Kolbe]

Bei einem Spaziergang lernt Veit die junge Lehrerin

Margarete »Grete« Bildstein

kennen. Sie betreut die Mädchen, die er im Ort gesehen hat. Ihr Lager ist im Gasthaus Schwarzindien am See. Veit begleitet Grete dorthin. Sie interessiert ihn und er versucht, sie näher kennenzulernen. Grete reagiert abweisend. Zurück in seiner Unterkunft, unterhält er sich mit der Darmstädterin. Er erfährt, dass ihre Tochter

Lilo

fast acht Wochen alt ist.

Kapitel 5: Nach einem zweitägigen kurzen Antäuschen

»Nach einem zweitägigen kurzen Antäuschen von warmem Wetter folgten Tage von frostklirrender Durchsichtigkeit.« [Veit Kolbe]

Veit hört, dass Trude Dohm im Ort verrufen ist. Auch zu ihrem Bruder Robert Raimund Perttes, der unweit ihres Hauses Orchideen züchtet, hat sie kaum Kontakt. Perttes hat viele Jahre in Brasilien gelebt und wird nur »der Brasilianer« genannt. Eines Nachts lernt Veit ihn in seinem Gewächshaus näher kennen. Bei einem weiteren Besuch in Schwarzindien scheitern Veits Versuche, sich Margarete zu nähern, endgültig. Unter Margaretes Schützlingen fällt ihm ein Mädchen mit besonderer Ausstrahlung auf: Annemarie »Nanni« Schaller, die mit ihrem Cousin Kurt die Drachenwand besteigen möchte.

Kapitel 6: In der Früh ertrug ich

»In der Früh ertrug ich fünfzehn Minuten den örtlichen Nachrichtendienst der Quartierfrau, unglücklicherweise war ich ihr vor dem Haus in die Arme gelaufen.« [Veit Kolbe]

Veit besucht den Brasilianer nun häufiger in seiner Gärtnerei. Perttes verachtet das NS-Regime und macht keinen Hehl daraus. Er schwärmt von der Herzlichkeit der brasilianischen Menschen. Veit fasst Vertrauen zu ihm. Seine zufälligen Begegnungen mit Grete hingegen werden immer verkrampfter; er empfindet sogar Mitleid für sie. Die Alliierten bombardieren inzwischen Österreich. Regelmäßig gibt es im Ort Fliegeralarm. Veit verbringt seinen 24. Geburtstag allein in seinem Zimmer. Er denkt an seine verstorbene Schwester.

Analyse

Gleich mit dem ersten Satz des Romans wird die Hauptfigur Veit Kolbe eingeführt.  Der junge Soldat erzählt aus der Ich-Perspektive von seiner Verwundung an der Ostfront, seinem Transport in ein saarländisches Lazarett und die Rückkehr zu seiner Familie nach Wien. Das zentrale Thema des Werkes, der Krieg und seine verheerenden Auswirkungen auf das Leben von Soldaten und Zivilbevölkerung, wird somit unmittelbar und ohne Umschweife angesprochen. 

»Was kann es Besseres geben, als am Leben zu bleiben?« fragt Veit im Zusammenhang mit der Schilderung seiner Verletzung. Überleben, am Leben bleiben: Der Sinn des Lebens um seiner selbst willen ist eine der Hauptaussagen des Buches. Eine pragmatische Haltung, Liebe und Wertschätzung des Alltäglichen sind mehr wert als faschistisches Pathos und – vermeintliches – Heldentum. 

Dies wird deutlich, als Veit die Umstände beschreibt, unter denen er eine militärische Auszeichnung erhält. Nachdem er vier Jahre lang unter schlimmsten Bedingungen an der Front gewesen ist und sein Einsatz von niemandem wahrgenommen worden war (»Vier Jahre Krieg, Mühsal und Plage, ich hatte meinen LKW, einen Citro

ën, von Wien bis an die Wolga und von der Wolga zurück an den Dnjepr gebracht«, S. 15), bekommt er nun wie zufällig einen Orden »dafür, dass ich mich im falschen Moment am falschen Ort aufgehalten hatte, ein Orden für drei Sekunden Pech und dafür, dass ich nicht abgekratzt war« (ebd.).

Diese Erkenntnisse kann er zuhause in Wien aber nicht mit seiner Familie teilen. Der Kontrast zwischen seinen eigenen Front- und Lazaretterlebnissen und den Ansichten seines Vaters, der vom Nationalsozialismus überzeugt ist, ist unüberbrückbar. Die Zivilbevölkerung ist ständiger Propaganda ausgesetzt, aber weit entfernt von den Geschehnissen an der Front, während es Veit inzwischen unmöglich geworden ist, den NS-Parolen zu glauben. Als Veit sieht, dass seine Eltern überall in der Wohnung Bilder von ihm aufgehängt haben, sagt er: »Die Bilder hatten am Familienleben teilgenommen, ich am Krieg« (S. 24). Um der unerträglichen inneren Spannung zu entkommen, geht er nach Mondsee.

Der idyllische Ort im Salzburger Land bietet indes nur auf den ersten Blick eine Fluchtmöglichkeit vor den Kriegsereignissen. In Wahrheit dringen Diktatur und Krieg in jede Facette des Alltags ein, ja, es ist geradezu ihr Kennzeichen, das niemand sich dauerhaft vor ihnen ins Private flüchten kann. Beispiele dafür sind die Machtposition des opportunistischen Onkels als Ortsvorsteher, die staatlich überwachte »Kinderlandverschickung« und der straff organisierte Tagesablauf der Mädchen im Lager, die kleinen Schikanen der Quartierfrau und, noch viel offensichtlicher, der regelmäßige Fliegeralarm im Ort und die Luftangriffe.

Abschnitt 2: Kapitel 7–10

Inhalt

Kapitel 7: Am Freitag wurden in Darmstadt

»Am Freitag wurden in Darmstadt achthundert Hasen verteilt, sie waren bei anderen Leuten als überzählig aus den Ställen geholt worden.« [Margots Mutter an Margot]

Veits Zimmernachbarin Margot erhält einen Brief von ihrer Mutter Lore Neff. Darin beschreibt diese die Bombenangriffe auf Darmstadt und die schwierige Versorgungslage. Sie berichtet, wie es verschiedenen Nachbarn und Freunden ergeht. Margots Schwester Bettine arbeitet in Berlin als Straßenbahnschaffnerin. Margots Mutter macht sich Sorgen um sie. Sie bangt auch um den Vater, der in Metz stationiert ist und möglicherweise noch an die Ostfront eingezogen wird. 

Kapitel 8: Susi hat mich bei der Straßenbahn

»Susi hat mich bei der Straßenbahn abgepasst, um mir etwas zu geben, einen Brief von dir.« [Kurt Ritler an Annemarie »Nanni« Schaller]

Kurt Ritler schreibt verliebt an seine Cousine Nanni Schaller. Die beiden Jugendlichen haben eine zarte Beziehung geknüpft. Kurt möchte Nanni demnächst im Lager Schwarzindien besuchen, um zusammen mit ihr die Drachenwand zu erklimmen. Damit seine Eltern ihre Erlaubnis geben, soll sein Freund

Ferdl

ihn begleiten. Kurt schreibt über Konflikte mit seinen Eltern und seiner Schwester Susi. Er berichtet aber auch vom Alltag im Krieg, etwa von der harten Akkordarbeit seiner Mutter in einem Werk, in dem Spatentaschen hergestellt werden.

Kapitel 9: Wie’s mir geht?

»Wie’s mir geht? Das darf man eigentlich nicht fragen, in jeder Hinsicht elend.« [Oskar Meyer an seine Cousine Jeannette]

Der Wiener Jude Oskar Meyer schreibt seiner Cousine Jeannette nach Südafrika. Er schildert ihr, wie schwer das Leben in Wien geworden ist. Täglich nehmen die Repressalien gegen Juden zu. Mit seiner Frau Wally und seinem Sohn Georg lebt Oskar in einer überfüllten Unterkunft und wartet auf eine Ausreisemöglichkeit in die USA. Die Gelegenheit, als Zahntechniker im westafrikanischen Accra zu arbeiten, verwirft er wegen der extremen Klimabedingungen. 

Als die Lage unerträglich wird und man ein Ausreiseverbot für Juden verhängt, plant er mit Wally und Georg die Flucht nach Budapest. Von ihrem letzten Geld bezahlen sie den Fluchthelfer und schaffen es, die Grenze zu passieren.

Kapitel 10: Den ganzen Tag Schneegestöber

»Den ganzen Tag Schneegestöber bei etwa null Grad.« [Veit Kolbe / Nannis Mutter an Nanni]

Im März 1944 ist es am Mondsee kalt und winterlich. Veit leiht Margot eine Höhensonne für Lilo und lernt sie dadurch besser kennen. Nach wie vor besucht er den Brasilianer, dessen klare antifaschistische Haltung er schätzt. Gleichzeitig empfindet er seine ständige Schwärmereien von Brasilien, aber auch seine Klagen über die aktuelle Situation gelegentlich als anstrengend. Er selbst kann sich noch immer nicht von einer gewissen Bewunderung für Hitler freimachen. Dennoch wagt er vor der Quartierfrau einige kritische Bemerkungen. 

Bei einem Spaziergang hat er erneut eine Panikattacke. Er begegnet Annemarie Schaller, die ihm hilft, sich zu beruhigen. Im Anschluss bittet sie ihn, ihrer Mutter zu schreiben, damit sie Kurt treffen kann; als Soldat habe er vielleicht Einfluss auf sie. Doch Veit lehnt ab, und die enttäuschte Nanni lässt ihn stehen. 

Den Schluss des Kapitels bildet ein vorwurfsvoller Brief von Nannis Mutter, in dem sie ihrer Tochter Vorhaltungen wegen ihrer Beziehung zu ihrem Cousin Kurt Ritler macht. Das harte Urteil und die strengen moralischen Vorhaltungen, die die Mutter Nanni macht,  stehen in keinem Verhältnis zur harmlosen Verliebtheit und Schwärmerei zwischen Nanni und Kurt.

Analyse

In Kapitel 7 wird zum ersten Mal eine weitere Sprecherin eingeführt. Es handelt sich um Lore Neff, die Mutter von Veits Zimmernachbarin Margot, die sich in einem Brief an ihre Tochter über das Leben in Darmstadt äußert. Auch hier ist der Krieg das einzige, alles beherrschende und alles überschattende Thema. Mit der Perspektive einer Zivilperson wird neben der Sicht von Veit nun der Blickwinkel um Alltagserlebnisse einer Hausfrau in einer deutschen Großstadt erweitert.

Kurt Ritler als dritte Stimme erscheint in Kapitel 8, und er ist als Figur vor allem im Vergleich mit Veit interessant: Während der 23-jährige, schwer verwundete Veit illusionslos und resigniert erscheint, ist der 16-jährige Kurt, der bisher noch keine Bombardierung erlebt hat oder innerhalb der Familie von schlimmen Kriegsereignissen betroffen gewesen ist, verglichen damit unbekümmert. Der Krieg scheint weit weg von seiner Welt, die sich um die Schwierigkeiten mit seinen Eltern und seiner Schwester Susi einerseits, um die erste Liebe zu Nanni andererseits dreht. Veits Humor, wenn er denn überhaupt in Erscheinung tritt, wirkt häufig bitter bis zum Zynismus; Kurts Witze und Sprachspiele dagegen sind neckend, heiter und leichtfüßig.

Oskar Meyer, der in Kapitel 9 zum ersten Mal als Sprecher bzw. Schreiber auftritt, ist ein Opfer des Nationalsozialismus. Obwohl man in einem weiteren Sinne davon sprechen kann, dass auch Veit, Lore und Kurt Opfer des Regimes und des Krieges sind – ob bewusst oder unbewusst – , so ist Oskar Meyer es als verfolgter Jude in einem viel direkteren Sinne. Er hat, anders als z. B. Kurt in seiner jugendlichen Unbedarftheit oder Lore mit ihrer Konzentration auf Haushaltsdinge, keine Möglichkeit, sich in private Welten zu flüchten. Die Schrecken von Diktatur und Krieg werden ihm nicht erst gegen Kriegsende bewusst; Repressalien und Schikanen bedrohen ihn schon seit Jahren. Formal spiegelt sich das darin, dass die von ihm erzählte Zeit früher (1939) einsetzt als die der drei anderen Sprecher (1943 bzw. 1944).

Im zehnten Kapitel wechselt die Perspektive wieder zu Veit, der sich mittlerweile drei Monate in Mondsee aufhält. Seine Gespräche mit dem Brasilianer und der Quartierfrau zeigen, wo er inzwischen innerlich steht: Noch immer hat er ein wenig Bewunderung für Adolf Hitler übrig, der im Buch nur als »der F.« (= Führer) bezeichnet wird. Zugleich hat er Respekt vor der klaren Haltung des Brasilianers, dessen Charakterstärke ihn beeindruckt. Die allmähliche Veränderung seiner Ansichten zeigt sich darin, dass er gegenüber der Quartierfrau ein paar kritische Bemerkungen über »den F.« wagt.

Was der Krieg in ihm selbst angerichtet hat, zeigen seine schlimmen Angstanfälle, von denen er unvorbereitet überfallen wird. Heute würden Psychologen sie unter dem Begriff »posttraumatisches Belastungssyndrom« (PTBSD) einordnen. Auch bei der Darstellung dieser Panikattacken zeigt sich die große Gabe des Autors, nicht mit einem schulmeisterlichen Rückblick aus heutiger Perspektive erklären zu wollen, was Veit erlebt, sondern alles aus der Zeit heraus zu schildern, also mit dem Wissen, das Veit selbst über dieses Syndrom besitzen konnte.

Abschnitt 3: Kapitel 11–16

Inhalt

Kapitel 11: Der März war ungewöhnlich

»Der März war ungewöhnlich kalt gewesen.« [Veit Kolbe]

Im Frühling 1944 ist Veit körperlich fast genesen. Als seine Wunde ein letztes Mal verbunden wird, schildert er dem behandelnden Arzt seine Angstattacken. Der Arzt verschreibt ihm ein Medikament (Pervitin), geht aber sonst nicht darauf ein. Am Gründonnerstag wird Annemarie Schaller als vermisst gemeldet. Sie ist von ihrer Wanderung nicht ins Lager zurückgekehrt. Ihre Mutter erscheint in Mondsee, um nach ihr zu suchen. Veit protokolliert die Aussage, die sie gegenüber seinem Onkel auf der Gendarmerie macht. Der Onkel erweist sich einmal mehr als Mitläufer, der vor allem auf seine Ruhe bedacht ist. Nannis Mutter reist ab, ohne neue Anhaltspunkte zu haben.

Kapitel 12: Der Elternbesuchstag

»Der Elternbesuchstag erstreckte sich über zwei Tage.« [Veit Kolbe]

Die Mütter der Mädchen aus Schwarzindien kommen zu Besuch nach Mondsee. Sie sind sehr beunruhigt wegen Nannis Verschwinden. Bei einer erneuten Begegnung mit Margarete fühlt Veit keinen Schmerz mehr und kann nüchtern mit ihr sprechen. In seiner Unterkunft wird er gelegentlich von Margot zum Abendessen eingeladen. Im Dorfgasthaus macht der Brasilianer lautstark sarkastische Bemerkungen über Joseph Goebbels. 

Kapitel 13: Der Brasilianer wurde nicht über Nacht

»Der Brasilianer wurde nicht über Nacht verhaftet oder im Morgengrauen, wie die Leute es sich von derlei Vorgängen erzählten, sondern zur Mittagszeit.« [Veit Kolbe]

Wenige Tage nach seinem Ausbruch im Gasthaus wird der Brasilianer von der Gestapo abgeholt. Die Dorfbewohner finden, er sei zu unvorsichtig gewesen und trage quasi selbst die Verantwortung. Veit kümmert sich nun zusammen mit Margot um das Gewächshaus. Sein Onkel deutet an, dass man ihn nicht mehr gern im Ort sehe. Dennoch lässt man ihn in Ruhe, weil das Gemüse aus der Gärtnerei der Versorgung dient. Er erhält sogar Geld, um Schäden zu reparieren, die Plünderer am Gewächshaus angerichtet haben.

Kapitel 14: In den Dschungeln Schwarzindiens

»In den Dschungeln Schwarzindiens ging alles seinen gewohnten Gang.« [Veit Kolbe]

Veit und Margot ergänzen sich gut in der Gärtnerei. Margot kümmert sich um die kaufmännischen Belange, Veit übernimmt die harte körperliche Arbeit. Während es häufiger Fliegeralarm gibt und die Verzweiflung im Ort wächst, kommen Veit und Margot sich von Tag zu Tag näher. Margot vertraut Veit an, dass sie vor allem geheiratet habe, um ihr Elternhaus verlassen zu können. Die Schwangerschaft habe sie an einen Mann gebunden, mit dem sie nicht wirklich glücklich sei. Bei einem Ausflug küssen sich die beiden und betrachten sich von nun an als Paar.

Kapitel 15: Da ich keine Beziehungserfahrung

»Da ich keine Beziehungserfahrung hatte, war ich davon ausgegangen, dass ich zunächst einen Berg von Unkenntnis werde abtragen müssen.«

[Veit Kolbe]

Veit und Margot genießen ihre Verbindung. Veits anfängliche Unsicherheit erweist sich als überflüssig. Margot ist unkompliziert, direkt und offen, auch in ihrer Sexualität. Sie respektiert Veit und versucht nicht, ihn zu ändern – für ihn eine neue Erfahrung. Für kurze Zeit können die beiden die Schrecken des Krieges ausblenden. Doch Veit beunruhigt der bevorstehende Arzttermin, der über seinen Fronteinsatz entscheidet. Als Lilo vom Tisch fällt, hat er eine neuerliche Panikattacke. Lilo passiert nichts Ernstes. 

Max Dohm

, der Mann der Quartierfrau, kommt auf Urlaub nach Mondsee. Veit findet den selbstsicheren Nazi, der im Generalgouvernement Karriere gemacht hat, nicht gänzlich unsympathisch.

Kapitel 16: In der Früh packte ich

»In der Früh packte ich meine Sachen und verließ Mondsee mit dem Milchauto.« [Veit Kolbe]

Veit reist zur Nachuntersuchung nach Wien. Bei seinen Eltern fühlt er sich unverändert fremd, obwohl die Kriegsbegeisterung seines Vaters inzwischen gedämpft ist. Er besucht das Grab seiner Schwester Hilde und erinnert sich der letzten Tage vor ihrem Tod. Die ärztlichen Untersuchungen führen nach einigem Hin und Her schließlich zu seiner erneuten Zurückstellung. Erschöpft und erleichtert fährt er zurück nach Mondsee.

Analyse

In den Kapiteln 11–16 spitzt sich die Handlung durch mehrere Ereignisse dramatisch zu: Zum einen durch das Verschwinden Nanni Schallers, zum anderen durch die Verhaftung des Brasilianers. Beide Geschehnisse machen vor allem den Charakter von Johann Kolbe deutlicher offensichtlich, für den Veit zunehmend Verachtung empfindet.

Gegenläufig dazu entwickelt sich zwischen Veit und Margot eine Liebesbeziehung, die beiden ermöglicht, sich für eine gewisse Zeit von den Schrecken des Krieges zu distanzieren. Warum gerade diese sich erst langsam aus einer Freundschaft heraus entwickelnde Liebe für die beiden zur inneren Rettung wird, erläutert Arno Geiger so: »Es ist eine sachliche Liebe, eine verlässliche Liebe – im Gegensatz zur Unzuverlässigkeit der Umstände. Der Krieg zerschlägt die Form aus Prinzip. Die unromantische Liebe von Veit und Margot ist Hoffnung aus Prinzip« (Kossack, S. 10).

Veit und Margot verbindet ihre Körperlichkeit, die sich auch in ihrer Fähigkeit zu harter Arbeit in der Natur zeigt. Mit ganzem Einsatz widmen sie sich der Gärtnerei des Brasilianers. Ihr Verhältnis zu Pflanzen und Tieren und ihre Freude im Umgang mit beiden sagen etwas über ihre tiefe Menschlichkeit aus. So pflegen sie nicht nur den Gemüsegarten, sondern auch die Orchideen des Brasilianers weiterhin, obwohl das Treibhaus Plünderungen ausgesetzt ist. Die Orchideen sind in praktischer Hinsicht nutzlos, da sie nicht der Versorgung dienen – allein ihre Schönheit rechtfertigt ihre Pflege. Auch der verletzte Hund des Brasilianers wird von den beiden mit Liebe und Fürsorge behandelt. Sie versuchen, dem alten Tier Erleichterung von seinen Schmerzen zu verschaffen und setzen damit einen Kontrapunkt zum Verhalten der Männer, die den Brasilianer abholen, und zu Max Dohm, der das Tier später erschießt.

Bei der Verhaftung des Brasilianers zeigt sich, wie Opportunismus und Schweigen das Regime und seine Ungerechtigkeit zementieren. Niemand hilft ihm, als er von zwei Männern am hellichten Tag zusammengeschlagen und mitgenommen wird. Auch Veit sieht nur zu. Insofern kann man Iris Radischs Kritik, der Roman sei an keiner Stelle aus der Täterperspektive geschrieben, entgegenhalten, dass es Geiger gerade darum geht, die Grauzonen zwischen Mitläufern und aktiven Tätern zu beschreiben und eben nicht in eindeutiger Schwarz-Weiß-Haltung Täter und Opfer einander gegenüberzustellen. 

Dazu passt, dass Veit den brutalen SS-Mann Max Dohm bei der ersten Begegnung mit ihm gleichzeitig als gewinnend beschreiben und ihn dennoch sarkastisch kritisieren kann: »Und doch, ich fand ihn nicht unsympathisch. Er besaß etwas Gewinnendes mit dem lebensfrohen Selbstvertrauen eines Mannes, der sich berufen fühlt, die Welt zu erneuern zu seinen eigenen Gunsten« (S. 208).

Abschnitt 4: Kapitel 17–19

Inhalt

Kapitel 17: Ich bin noch immer ganz verwirrt

»Ich bin noch immer ganz verwirrt, dass du davongelaufen sein sollst, ich verstehe es nicht, und es schaudert mich, wenn ich daran denke.« [Kurt Ritler an Annemarie »Nanni« Schaller]

Kurt versucht, Nanni brieflich zu erreichen, und spricht über seine Sorge um sie. Er hat inzwischen erfahren, dass sie vermisst wird. Während er sie beschwört, sich zu melden, berichtet er zugleich aus seinem Alltag. Das Verhältnis zu seiner Familie wird immer schwieriger. In seiner Angst um Nanni schließt er sich enger an deren Mutter an. Die beiden versuchen, sich gegenseitig aufzubauen.

Er ist als Flakhelfer zum Abhören von Fluggeräuschen eingezogen worden. Sein Besuch in Mondsee ist dadurch nun unmöglich geworden. Obwohl er nur durch großes Glück einige Luftangriffe der Amerikaner überlebt, empfindet er seinen Dienst vor allem als langweilig und gibt sich fatalistisch.

Kapitel 18: Der Abschied von Wien

»Der Abschied von Wien, zeitlich ja kurz, aber nicht minder dem Gedächtnis eindringlich, die trübere Seite.« [Oskar Meyer an seine Cousine Jeannette]

In mehreren Briefen, die Oskar Meyer seiner Cousine Jeannette zwischen 1941 und 1944 schreibt, schildert er seine elende Lage. Die Flucht nach Budapest hat ihm und seiner Familie in den ersten Jahren Hoffnung gegeben. Doch 1944 marschiert die Wehrmacht in Ungarn ein. Ein Pole rät ihm zu fliehen und berichtet von Konzentrationslagern, in denen Juden systematisch durch Gas getötet werden. Obwohl Juden nun auch in Ungarn schweren Repressalien ausgesetzt sind, kann Oskar dies nicht glauben. Schließlich entscheidet er sich dafür, mit seiner Familie nach Rumänien zu fliehen. 

Ein weiterer Brief Oskars an Jeanette folgt sechs Wochen später. Oskar erklärt, warum er sich in der Zwischenzeit nicht mehr gemeldet habe. Die schlimmste denkbare Situation ist eingetreten: Im Juli 1944 sind Oskars Frau Wally und sein Sohn Georg spurlos verschwunden. Oskar kann nichts über ihren Verbleib erfahren und ist verzweifelt. 

Am Ende flüchtet Oskar sich in die Erinnerung an einen schönen Tag nach ihrer  Ankunft in Budapest. Er denkt daran, wie er in seiner Freude ein Halstuch für Wally gekauft hat. Außerdem erinnert er sich an einen gemeinsamen Urlaub am Gardasee. Sein einziger innerer Rettungsanker ist der Gedanke an seinen Sohn Bernhard, der im südenglischen Bath in Sicherheit ist.

Kapitel 19: Wie ich in der Lebenszeichenkarte

»Wie ich in der Lebenszeichenkarte schrieb, lebe ich, und unser Haus steht noch.« [Margots Mutter an Margot]

Margots Mutter beschreibt ihrer Tochter in mehreren Briefen die verzweifelte Lage in Darmstadt nach einem verheerenden Bombenangriff. Die Stadt ist fast vollständig zerstört. Viele Nachbarn und Freunde sind ums Leben gekommen; manche Menschen suchen noch in den Trümmern nach Angehörigen. Die Versorgungslage ist katastrophal. 

Margots Mutter wundert sich, wie Margot und ihre Schwester Bettine in dieser Lage noch Wünsche nach Artikeln wie Seidenstrümpfen äußern könnten. Sie könne diese Wünsche nicht mehr erfüllen. Auch in der verheerendsten Notlage bleibt sie die besorgte und zugleich mahnende Mutter, die Ärger und Vorwürfe äußert.

Analyse

In den Kapiteln 17–19 verstummt die Stimme Veit Kolbes für einen längeren Zeitraum. Nun kommen nacheinander Kurt Ritler, Oskar Meyer und Lore Neff zu Wort. Alle drei sind auf sehr unterschiedliche Weise durch den Krieg bedroht.

Im Mittelpunkt von Kurts Brief steht die Sorge um Nanni, von der er noch immer kein Lebenszeichen erhalten hat. Seine plötzliche Einberufung zu einem Lehrgang des Wehrbezirkskommandos und sein Einsatz als als Flakhelfer an einem Richtungshörer verdüstern seine Stimmung zusätzlich. 

In diesem Brief spricht Kurt auch zum ersten Mal über seine Ängste, doch noch hat ihn die Hoffnungslosigkeit nicht vollständig erfasst. Vorerst schwankt seine Verfassung zwischen verrückten Liebeshoffnungen (»Mein Traum wäre, dass du wieder in Indien bist und ich mich als Mädchen verkleide und dort mit dir lebe, im gleichen Zimmer«, S. 236/37) und Fatalismus (»Die schöne Welt geht kaputt, liebe Nanni, und morgen vielleicht der nächste Angriff. Muss eh! Also, mein guter Engel, vergiss

deinen

Kurti nicht, wenn er einmal nicht mehr schreibt«, S. 236).

Bereits gänzlich hoffnungslos stellt sich die Lage von Oskar Meyer dar: Die Zustände in Ungarn haben sich seit dem Einmarsch der Deutschen extrem verschlechtert, nun kann er sich auch in Budapest nicht mehr sicher fühlen. Von einem Polen erfährt er von den Gaskammern, und als er ihm nicht glauben will, erwidert der Pole: »Doch, weil ihnen das Töten der Leute sonst zu mühsam ist, so macht es weniger Umstände« (S. 254). 

Die grausame Diskrepanz zwischen der Situation des Besatzers, der Zeit hat, auf offener Straße Briefe zu schreiben, und der des Verfolgten, der kaum noch das Haus verlässt und versucht, möglichst keinem Deutschen zu begegnen (»Ich gehe nur […] auf der Schattenseite der Straße, ist weniger gefährlich, dort trifft man weniger Deutsche«, S. 251) zeigt sich in einer Szene, die Oskar schildert: »[…] auf der Sonnenseite der Straße musste ich einem jungen Soldaten mit dem Rücken ein Schreibpult machen, er schrieb einen mehrseitigen Brief,

Liebe Margarete

…« (ebd.). Zwar erfährt man nicht, was der junge Soldat tatsächlich an jene Margarete schreibt, doch man ahnt, dass er keinesfalls so verzweifelt sein kann wie Oskar. Dessen eigener Brief an Jeanette endet mit der Schilderung der endgültigen Katastrophe: Wally und Georg wurden deportiert, worauf er in völliger Hoffnungslosigkeit versinkt.

Lore Neffs Brief an Margot schildert die Zerstörungen und Todesfälle nach der schweren Bombardierung Darmstadts, reiht sie an vielen Stellen förmlich auf: »Die toten Enten schwimmen auf den Teichen, in den Parks viele Bäume abgebrochen, alles kaputt, viele, viele Tote« (S. 266); »Ich hab dir ja schon geschrieben, dass Onkel Flor, Heinrich, Ernst, Jokel und Hinze Erlenfath ausgebombt sind« (S. 265); »Am 11. September hatten wir einen großen Angriff, der viele Tausende das Leben kostete, darunter leider Tante Emma und Onkel Georg, Tante Helen und Helga, Walters, Frau Beck, die Eltern und Geschwister von Onkel Heinrich und viele, viele Bekannte« (S. 267). Die Länge dieser Aufzählungen schockiert und spricht für sich, doch Lore schreibt so gut wie nichts über ihre Gefühle, nur einmal heißt es: »Wir sind alle sehr zornig« (S. 271). Mehr erfährt man zumindest an dieser Stelle noch nichts über ihr Innenleben und ihre Einstellung zum Regime und seinem Angriffskrieg. 

Einige ihrer Aussagen sind offenbar Antworten auf Margots Briefe (die im Roman nicht erscheinen) und lassen Rückschlüsse auf diese zu, etwa dass Margot ihrer Mutter von der Gärtnerei berichtet hat (»Beim Unkrautharken habe ich mir gedacht, dass du jetzt ebenfalls Unkraut harkst«, S. 277) oder Wünsche für Lilo geäußert hat (»Damit ich’s nicht wieder vergesse, ich kann dir beim besten Willen keine Schleifchen besorgen«, S 276).

Abschnitt 5: Kapitel 20–24

Inhalt

Kapitel 20: In der zweiten Juliwoche

»In der zweiten Juliwoche war über dem Salzkammergut ein schweres Unwetter niedergegangen mit Hagelschlag, der vor allem das nördliche Ufer des Attersees traf.« [Veit Kolbe]

Ende Juli 1944 werden die Mädchen aus Schwarzindien auf Urlaub zu ihren Eltern geschickt. Veit ist resigniert und hoffnungslos angesichts des gescheiterten Attentats auf Hitler (20. Juli 1944). Sein Onkel bereitet ihm Sorgen, weil er an einem schweren Lungenemphysem erkrankt ist. Im Ort ist inzwischen bekannt, dass er und Margot ein Paar sind. Sie werden betuschelt und schlecht behandelt und ziehen sich noch stärker zurück. Margot hat einen verzweifelten Weinkrampf, als sie im Brief ihrer Mutter von der Zerstörung Darmstadts liest. Anfang August kehren die Mädchen aus Wien in die »Kinderlandverschickung« zurück.

Kapitel 21: Aus dem Misthaufen stieg Rauch auf

»Aus dem Misthaufen stieg Rauch auf, dort drinnen entstand Wärme, ein Produkt des Zerfalls.« [Veit Kolbe]

Der Brasilianer kommt nach einem halben Jahr Haft nach Mondsee zurück. Er schildert die brutalen Haftbedingungen und träumt davon, nach dem Krieg nach Brasilien zurückzukehren. Veit fürchtet, dass seine Zeit mit Margot bald beendet sein könnte. Seine Wiedervorstellung beim Arzt ist schon einige Wochen überfällig.

Kapitel 22: Den Onkel traf ich im Freien

»Den Onkel traf ich im Freien, weil er auf der Vortreppe des Postens seine Uniform abbürstete.« [Veit Kolbe]

Veit besucht seinen Onkel in der Gendarmerie. Er bemerkt, wie schlecht es um die Gesundheit des starken Rauchers steht. Der Onkel hat seinen Kriegsenthusiasmus verloren und spricht von seinen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg. Wie Veit hat er nach seiner Zeit an der Front Angstattacken erlebt. Veit fährt nach Vöcklabruck zur medizinischen Begutachtung. In einem unbeobachteten Moment stempelt und entwendet er Papiere, um damit später Gutachten zu fälschen. Mehrere Monate nach dem Verschwinden von Annemarie Schaller wird ihre entstellte Leiche in der Drachenwand gefunden.

Kapitel 23: Die Leiche des Mädchens Annemarie Schaller

»Die Leiche des Mädchens Annemarie Schaller wurde von den auf Urlaub befindlichen und das schöne Wetter zum Bergsteigen nutzenden Soldaten Ludwig Holzer und Franz Wenig in der sogenannten Hochstelle der Drachenwand aufgefunden, ungefähr dreihundert Meter in der Wand.« [Auftakt Polizeibericht, danach Veit Kolbe]

In einem Polizeibericht wird das Auffinden von Annemarie Schallers Leiche geschildert. Man vermutet, dass sie aus großer Höhe abgestürzt ist. Danach wechselt die Perspektive wieder zu Veit. Er bereut, dass er die Bitte des Mädchens um moralische Unterstützung gegenüber seiner Mutter abgeschlagen hat. 

Die Dorfbewohner betrauern das Unglück. Lediglich der Onkel scheint vor allem erleichtert, dass er ihren Fall nun zu den Akten legen kann und keine Arbeit mehr damit hat. Nanni wird in Mondsee beigesetzt, und Veit geht mit Margot und dem Brasilianer zur Trauerfeier. Bei der anschließenden Zusammenkunft im Dorfgasthaus muss der Brasilianer sich zusammenreißen, um die Gespräche der anderen nicht kritisch zu kommentieren. Er verlässt das Lokal vorzeitig, gemeinsam mit Veit und Margot.

Kapitel 24: Es ist immer noch hell genug zum Schreiben

»Es ist immer noch hell genug zum Schreiben.« [Veit Kolbe]

Veit und Margot freuen sich über Lilos erste Gehversuche. Ein Brief von Margots Mann Ludwig, in dem dieser seine Fronterlebnisse schildert, macht Veit ein schlechtes Gewissen. 

Max Dohm ist, angeblich aus »dienstlichen Gründen«, wieder einmal zu Hause. Immer wieder gerät er in Streit mit seinem Schwager. Eine der Auseinandersetzungen eskaliert. Der Brasilianer lässt sich erneut zu drastischer Kritik am Regime hinreißen. Er wünscht seinem Schwager den Tod. Max Dohm richtet eine Waffe auf ihn, lässt sie aber wieder sinken und geht ins Haus. Dem Brasilianer ist klar, dass er fliehen muss.

Später bringt Veit im Auftrag des Onkels ein Paket mit persönlichen Sachen von Nanni nach Schwarzindien, um es Margarete zu übergeben. Dabei fällt ihm auf, wie nervös die Lehrerin wirkt. Er ahnt, dass sie den Brasilianer im Gasthof, wo ihre Mädchen untergebracht sind, versteckt.

Analyse

In Kapitel 20 wird Bezug genommen auf das historische Ereignis des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 durch Graf von Stauffenberg und weitere Widerstandskämpfer. Veit berichtet, dass es auch ihn aufgerüttelt habe, »da es von Offizieren aus der allernächsten Nähe des F. begangen worden war« (S. 279).  Das Scheitern kommentiert er einmal mehr mit Sarkasmus: »Leider wollte der F. dem Thron nicht entsagen« (S. 280).

Im selben Kapitel wird beschrieben, wie Margot auf den Brief ihrer Mutter reagiert. Die Schilderungen der Zerstörungen ihrer Heimatstadt lösen einen Anfall von Verzweiflung bei ihr aus. So werden Lores Perspektive und ihre Erfahrungen in Darmstadt mit der Situation in Mondsee nicht nur inhaltlich, sondern auch auf formaler Erzählebene miteinander verknüpft.  

Als der starke Raucher Johann Kolbe an einem Lungenemphysem erkrankt, macht Veit sich schwere Sorgen und unterstützt ihn – ein Zeichen für sein großes Herz, denn der Onkel gibt keinen Anlass zu besonderer Sympathie. Vielleicht ist es auch einfach die verwandtschaftliche Beziehung, die Veit so handeln lässt. Sein Verhalten lässt jedenfalls in keiner Weise seinen späteren Entschluss erahnen, den Onkel zu töten: »Ich war froh, als er sich langsam erholte, bei der angespannten Ernährungssituation war das schwer. Regelmäßig brachte ich ihm Gemüse und Obst aus dem Garten des Brasilianers« (S. 284). 

Im Vergleich mit Veits Hilfsbereitschaft und Anteilnahme wird der Kontrast zu Johann Kolbes Reaktion, als Nannis Leiche gefunden wird, besonders deutlich. Der inzwischen Genesene zeigt keinerlei Anteilnahme, sondern ist erleichtert, nun keine Arbeit mehr mit einem unaufgeklärten Fall zu haben: »Für den Onkel war der Fall abgeschlossen, und darüber wollte er sich ungetrübt glücklich fühlen.« (S. 322) Dementsprechend fasst er auch den abschließenden Polizeibericht oberflächlich und ohne Sorgfalt ab: »Er schob den Unfall, wie alles im Zusammenhang mit jungen Menschen, auf die durch eingetretene Geschlechtsreife bedingte Gemütsverfassung, vermischt mit jugendlichem Leichtsinn. Er setzte seine Unterschrift unter das Werk. Dann sagte er: ‚Solche Sachen passieren einfach von Zeit zu Zeit‘.« (ebd.)

Kapitel 24 beginnt mit einem kursiv gedruckten, typographisch abgesetzten Abschnitt, den Veit im Präsens verfasst. Alles, was in diesem Abschnitt beschrieben wird, feiert die Schönheit des Lebens: die Farben des Himmels und der Bäume, der Laubgeruch im Garten, die ersten Schritte der kleinen Lilo und die Freude der Hausbewohner darüber. Selbst die Quartierfrau freut sich über das Kind und bringt Süßigkeiten, was Veit mit dem Satz »Es gibt keinen Augenblick ohne Verwunderung« (S. 330) kommentiert. Dieser Absatz wirkt wie eine kurze Atempause im Kriegsgeschehen, ehe die weiteren Ereignisse um Bedrohung und Flucht des Brasilianers ihren Lauf nehmen.

Abschnitt 6: Kapitel 25–28

Inhalt

Kapitel 25: Ich schaute mich in den Zimmern um

»Ich schaute mich in den Zimmern um, in denen der Brasilianer gehaust hatte.« [Veit Kolbe]

Veit kümmert sich um die zurückgelassenen Dinge des Brasilianers. Margot gibt ihm eine Pistole, die sie bislang in ihrem Koffer versteckt hatte. Veit fühlt sich mit der Waffe sicherer. Als Dohm wegfährt, verabschiedet er sich zu Veits Erstaunen mit persönlichen Worten von ihm. Er bittet ihn um Verständnis für seine unfreundliche Frau. Sie leide unter starken körperlichen Schmerzen. 

Im Ort treffen unterdessen viele Flüchtlinge ein. Einige von ihnen werden in der Gärtnerei untergebracht. Veit überbringt Margarete Bildstein persönliche Sachen von Nanni Schaller. Nur Nannis Briefe an Kurt Ritler möchte er Kurt selbst übergeben. Er erfährt von Margarete, dass das Lager aufgelöst werden solle, weil es Kritik an ihrer Leitung gegeben habe.

Kapitel 26: Bald ein ganzes Jahr

»Bald ein ganzes Jahr trieb ich mich in Mondsee herum, indessen der Krieg kein Ende nahm.« [Veit Kolbe]

Veit wird in einem Brief aufgefordert, sich in die Wiener Kaserne Breitensee zu begeben. Er will sich in der Gendarmerie die Fahrerlaubnis ausstellen lassen. Schon auf dem Weg dorthin begegnet er seinem Onkel. Dieser deutet an, dass er noch am selben Tag eine Verhaftung vornehmen werde. Vorher müssten die Mädchen das Lager räumen. Es handele sich um jemanden, der ausländische Sender hören würde.

Gegen Abend wird Veit klar, dass sein Onkel ihn bewusst in die Irre geführt hat. Er schlussfolgert aus der geplanten Lagerräumung, dass der Brasilianer sich in Schwarzindien versteckt hält. Veit nimmt seine Pistole und macht sich im Dunkeln auf den Weg dorthin. In der Gaststube trifft er auf seinen Onkel, der den Brasilianer festgenommen hat. Er bedroht ihn mit seiner Waffe und drückt schließlich ab. Der Onkel wird tödlich getroffen. Gemeinsam mit dem Brasilianer versteckt Veit seine Leiche. Anschließend verabschieden sich die beiden als Freunde und der Brasilianer setzt seine Flucht fort.  

Kapitel 27: Es sind vom Eichbaumeck

»Es sind vom Eichbaumeck bald alle fort, in den Betrieben und Kanzleien werden die Männer durch Frauen ersetzt, die Männer schimpfen, so mancher wird sich’s halt leichter vorgestellt haben.« [Margots Mutter an Margot]

Margots Mutter schildert in einem weiteren Brief die hoffnungslose Lage in Darmstadt. Ein Kriegsheimkehrer hat sich das Leben genommen, nachdem er erfahren hat, dass seine ganze Familie beim Bombenangriff umgekommen ist. Die Versorgung ist immer noch sehr schlecht. Der Vater wurde wieder eingezogen und ist nun in Pommern. Die Mutter geht auch auf Margots Geständnis ein, sie liebe ihren Mann nicht. Sie rät Margot, dennoch an ihrer Ehe festzuhalten, behandelt sie aber auch als erwachsene Frau, die ihre eigenen Entscheidungen treffen muss.

Kapitel 28: Die Sache ging sehr rasch

»Die Sache ging sehr rasch. General Schubert ernannte uns zu einer Volksgrenadier-Division, dann gab es Schnaps, Zigaretten, Keks und Drops, das war der Abschied von zu Hause.« [Kurt Ritler an Ferdl]

Kurt Ritler berichtet seinem Freund Ferdl in einem Brief, wie er zusammen mit anderen sehr jungen Männern zum Volkssturm eingezogen wird. Er beschreibt die erste Zeit in der Kaserne, die mit sinnlosen Exerzierübungen und Tätigkeiten wie Waschen und Putzen angefüllt ist.

Als er von Nannis Tod erfährt, ist er am Boden zerstört. Über ihr Begräbnis erfährt er aus der Heimat kaum etwas. Ihm wird alles gleichgültig, und er ergibt sich einem vollkommenen Fatalismus. Ein Soldat aus Mondsee (Veit) übergibt ihm Nannis Briefe. Von der Kaserne Hainburg wird er im Anschluss an die Grundausbildung nach Schlesien versetzt. Für den Fall, dass er den Fronteinsatz nicht überlebt, nennt er Ferdl den Aufbewahrungsort seiner Wertsachen.

Analyse

Als Veit das verlassene Zimmer des Brasilianers inspiziert, nimmt er die Zigarrenkisten an sich, die dieser hier versteckt und ihm vor seiner Flucht vermacht hat. Dies ist Ausdruck der Freundschaft, die der Brasilianer für Veit empfindet, denn die Zigarren gehören zu seinen größten Schätzen und sind eine Verbindung zu seinem Traumland Brasilien. Umgekehrt wirft es erneut ein bezeichnendes negatives Licht auf Johann Kolbe, dass er vor allem bedauert, die Zigarren nicht zu finden. Er will sich am Besitz desjenigen Mannes bereichern, den er zu verhaften plant.

Schwer zu deuten ist die Szene, in der Max Dohm gegenüber Veit um Verständnis für seine Frau bittet: »‘Also nichts für ungut‘, sagte er: ‚Und halten Sie bitte ein Auge auf Trude, und seien sie nachsichtig mit ihr.‘« (S. 344) Möglicherweise soll mit dieser Textstelle erneut darauf hingewiesen werden, dass moralische Grenzen fließend sind, dass selbst ein SS-Mann, der KZ-Lagerlisten schreibt, fürsorgliche Gefühle für die engsten Familienangehörigen haben kann. Umgekehrt könnte die Szene ein Hinweis auf die Perversion sein, die darin liegt, dass derselbe Mann, der zärtliche Gefühle für einen so bösartigen Menschen wie Trude Dohm hegt, gleichzeitig vollkommen ungerührt Frauen und Kinder in die Gaskammern schicken kann. So wäre auch Max Dohm ein Vertreter jener Mischung aus Selbstmitleid und Verächtlichkeit gegenüber anderen, die Veit im selben Kapitel seinem Vater und seinem Onkel zuschreibt (S. 348), einer Mischung aus Sentimentalität und Kälte.

In der letzten Szene von Kapitel 25 zeigt sich, dass die Beziehung von Margot und Veit eine neue Ebene erreicht hat, fest und verbindlich geworden ist. Sie nennt Veit »Liebling«, worüber er sich freut, und er schildert, wie sie anstoßen »auf die gemeinsamen Kinder […], die wir irgendwann haben wollten« (S. 355).

Ein konstituierendes Thema des Romans, Veits Suche nach verbindlichen moralischen Kriterien und einer eigenen klaren Haltung, kulminiert in der Szene im Gasthof, in der er seinen Onkel erschießt. Erzähltechnisch sehr klar entwickelt wird diese Tat im Grunde nicht, auch wenn sich im Zuge der Handlung zeigt, wie Veit seinen Onkel mehr und mehr verachtet. Dennoch kann man sich fragen, ob ein sensibler, mit sich und anderen hadernder Mensch wie Veit fähig wäre, den eigenen Onkel, und sei er noch so niederträchtig, zu erschießen. Der Autor löst dieses Problem mit dem Hinweis: »[ich] fuhr in die Stiefel, und von hier an passierten nur noch Dinge, die mir vorkamen, als folgten sie einer Traumlogik« (S. 362). Nachdem Veit beim Gasthof angekommen ist und den Brasilianer und den Onkel eine Zeitlang beobachtet hat, tritt er aus seinem Versteck hervor und zückt die Pistole. Die eigentliche Tat wird dann damit begründet, dass der Onkel den Neffen beschwört, »nicht den edlen Rittersmann« (S. 365) spielen zu wollen und ergänzt: »Es ist schon genug Unheil angerichtet« (ebd.). Es folgt Veits Begründung für die Tat: »Und dieser Satz ließ alle Schäbigkeiten des Onkels aufleben, ich hatte kein Mitleid mit ihm, wie er nie mit irgendwem Mitleid gehabt hatte. Und das Pervitin war bestimmt auch nicht ganz schuldlos, dass ich abdrückte« (S. 366). Ob diese Mischung aus Drogeneinfluss und plötzlich aufflammendem Hass gegen den Mitleidlosen als Auslöser glaubwürdig ist, lässt sich zumindest diskutieren. 

Kapitel 28 fasst mehrere Briefe zusammen, die Kurt Ritler an seinen besten Freund Ferdl schickt. Obwohl die Adressatin jetzt nicht mehr Nanni ist, lässt sich aus einem der ersten Absätze schließen, dass Kurt anfangs noch immer nicht von ihrem Tod weiß: »Wo Nanni wohl ist, meine Schorsche? Aufenthaltsort unbekannt. Ich wünschte, dass sie zurückkäme« (S. 385). Da an keiner Stelle eine formale Grenze zwischen den Briefen gezogen wird, lässt sich nicht immer genau erschließen, wo ein neuer Brief beginnt. Fakt ist aber, dass Kurt an einer späteren Textstelle über Nannis Tod spricht, also inzwischen darüber informiert wurde: »Ist’s möglich? Nanni tot? Mir wird sehr bang, und ich kann gar nicht gerade denken« (S. 389). Die völlige Hoffnungslosigkeit, die Kurt nun ergreift (»Hätte ich dich nicht, Ferdl, das Leben wäre überhaupt nicht tragbar« (S. 391), ist darauf ebenso wie auf seine furchtbaren Fronterlebnisse zurückzuführen. Am Ende des Kapitels schreibt er: »Zu Fuß, auf Karren und Autos kommen die Verwundeten an. Das geht Tag und Nacht. Ein Bild des Grauens. Diese Bilder werde ich

nie

vergessen« (S. 398).

Abschnitt 7: Kapitel 29–34 

Inhalt

Kapitel 29: Deutsche Einheiten auf dem Rückzug

»Deutsche Einheiten auf dem Rückzug drängten nach Budapest herein, die Stadt wurde zum Heerlager.« [Oskar Meyer]

Im Herbst 1944 weiß Oskar Meyer noch immer nicht, wo seine Frau und sein Sohn sind. Seine Lage ist ausweglos. Juden sind nun auch in Budapest entsetzlichen Schikanen ausgesetzt. Er beobachtet, wie ein jüdischer Mann auf der Straße totgeprügelt wird, ohne dass Passanten eingreifen. Freiwillig meldet er sich zum Arbeitsdienst, in der Hoffnung, so dem Tod zu entgehen. 

Oskar wird mit anderen Arbeitern zuerst auf Viehwaggons, dann zu Fuß nach Österreich geschickt. Der Weg wird für viele zum Todesmarsch; wer nicht mehr weitergehen kann, wird erschossen. Bei der Übernachtung in einer eiskalten Baracke träumt Oskar von Wally und Georg. Er bittet sie um Vergebung, weil er sie nicht beschützen konnte.

Kapitel 30: So tauche ich wieder in den Winter ein

»So tauche ich wieder in den Winter ein, und mir fällt auf, dass ein kleiner Kreis Anstalten macht, sich zu schließen.« [Veit Kolbe]

Veit konstatiert, dass seine Aufzeichnungen vor fast einem Jahr im Lazarett im Saarland ihren Anfang genommen haben. Zusammen mit Margot feiert er Lilos ersten Geburtstag. Er ist erleichtert, weil man den Brasilianer für den Mörder seines Onkels hält, hat aber auch starke Schuldgefühle. Erneut muss er nach Wien, um seinen Gesundheitszustand prüfen zu lassen. Beim Abschied von Margot wird klar, wie eng die beiden einander inzwischen verbunden sind. Sie planen eine gemeinsame Zukunft und wollen auch nach dem Krieg zusammenbleiben.

Kapitel 31: Der Westbahnhof war dick verqualmt

»Der Westbahnhof war dick verqualmt von den Dampflokomotiven.« [Veit Kolbe]

In Wien übernachtet Veit bei seinen Eltern. Auch diesmal stehen ihm Erinnerungen an seine verstorbene Schwester vor Augen. Das Verhältnis zu seinem Vater ist unverändert angespannt. Es gibt nicht nur Auseinandersetzungen über Hitler und den Krieg. Vielmehr erinnert sich Veit auch voller Groll seiner Kindheit, in der er nie vom Vater gelobt und ermutigt wurde. Stattdessen wurde er stets zu noch besseren Leistungen angetrieben. Er verlässt das Elternhaus im Streit. 

Bei der Musterung wird er für fronttauglich erklärt. Als seine Überredungsversuche gegenüber dem Arzt erfolglos sind, legt er Bestechungsgeld auf den Tisch. Der Arzt steckt es ein. Dennoch erhält Veit wenige Tage später seine Einberufung. Er ist außer sich vor Zorn darüber, dass er betrogen wurde und an die ostpreußische Front muss.

Kapitel 32: Seit es mit Margot

»Seit es mit Margot einen Menschen gab, mit dem ich mich aussprechen konnte und der mich ermunterte, zu meinen Ansichten zu stehen, hatte ich nicht mehr das Gefühl, Papa unterlegen zu sein.« [Veit Kolbe]

Veit fährt in die Kaserne Hainburg und übergibt Kurt Ritler Nannis Briefe. Sie unterhalten sich über Nanni. Veit schildert Kurt, wie sie ihn mit ihrem Mut beeindruckt habe. Dann sprechen sie über ihren bevorstehenden Fronteinsatz. Veit ist kritisch und hält Überleben im so gut wie verlorenen Krieg für das Wichtigste. Kurt gibt sich patriotisch, ist in Wahrheit aber von selbstmörderischem Fatalismus geleitet: Er würde für das Vaterland sterben. Auf der Rückfahrt trifft Veit auf eine Gruppe Zwangsarbeiter, die Gräben ausheben müssen. Einer von ihnen ist Oskar Meyer, was nicht explizit gesagt wird, der Leser aber aus Hinweisen schließen muss.

Kapitel 33: Ich saß auf dem Fensterbrett

»Ich saß auf dem Fensterbrett und hörte mir an, was Margot an Neuigkeiten zu berichten hatte.« [Veit Kolbe]

Vor seiner Abreise verbringt Veit die letzte Zeit mit Margot. Beide sind überzeugt davon, dass der Krieg bald zu Ende sein werde. Sie treffen Verabredungen darüber, wie und wo sie sich dann wiedertreffen wollen. Nach einem heftigen Streit mit der Quartierfrau suchen sie eine neue Unterkunft für Margot. Sie finden sie im Haus eines Metzgers, in dessen Betrieb Margot als Aushilfe arbeiten kann. Noch am selben Abend bezieht sie das neue, bessere Zimmer. 

Kapitel 34: Wir warteten auf das Milchauto

»Wir warteten auf das Milchauto, es war sehr kalt geworden, anziehen musste man sich wie ein Nordpolfahrer.« [Veit Kolbe]

Am anderen Tag verabschieden sich Veit und Margot. Veit fährt mit dem Milchauto davon. Auf der Fahrt blickt er auf die Drachenwand hinter ihm und resümiert seine Zeit in Mondsee. Schon jetzt weiß er, dass sie ihn für sein ganzes Leben geprägt haben wird.

Analyse

Die letzten Kapitel berichten vom Ende des Krieges. Während dieses Ende für die Mehrzahl der Deutschen Hoffnung bedeutet, was in Veits letzten Briefen deutlich zum Ausdruck kommt, ist es für Oskar Meyer lediglich die letzte Station seines Martyriums. Deutsche Truppen auf dem Rückzug aus Russland besetzen Ungarn und bedrohen jüdische Menschen nun auch hier. Oskar überlebt den Weg zu einem Arbeitsdienst, auf dem viele andere »Arbeitswillige« erschossen werden; erst aus der Nachbemerkung erfährt man, dass er bei einem Transport ins KZ Mauthausen ums Leben kommt. Wie die genauen Stationen zwischen dem Arbeitsdienst und diesem Transport aussehen, wird nicht geschildert. 

Veits Aufzeichnungen in Kapitel 30 ermöglichen eine konkrete zeitliche Einordnung des aktuellen wie des vorangegangenen Geschehens. Er stellt fest: »Meine ersten Tagebucheintragungen habe ich an einem Wintertag gemacht, im Lazarett im Saarland, fast genau vor einem Jahr« (S. 419).

Veit wird von schweren Selbstvorwürfen gequält, weil er seinen Onkel getötet hat, und begrüßt darum sogar seine erneute Beorderung nach Wien für eine weitere Nachuntersuchung: »In gewisser Weise war ich froh […], ich hatte das Gefühl, das Blut des Onkels zu riechen, wann immer ich mich umdrehte« (S. 420). Als er die Polizeistation aufsucht, um sich abzumelden, trifft er auf den Amtshelfer, dem er anmerkt, »dass er beim Onkel in die Lehre gegangen war« (S. 422): dieselbe Passivität, dieselbe Indifferenz, dieselbe Kälte. Der Amtshelfer kommentiert das Verschwinden des Onkels mit den lapidaren Worten: »Traurige Geschichte« (ebd.), verhält sich also Kolbe gegenüber genauso, wie dieser es noch vor Kurzem gegenüber der verschwundenen Nanni getan hatte. Veit hadert dennoch erneut mit seiner Tat: »[…] dass das Bild, das ich von mir hatte, nicht schöner geworden war dadurch, dass ich den Onkel erschossen hatte« (S. 423).

Er fährt aber fort mit den entscheidenden Worten: »Ich war mir aber sicher, dass bei dem Vorfall das Gute das Schlechte überwog. Und dieses Gefühl gewann allmählich an Stärke im leise fallenden Schnee, während ich nach Hause ging« (S. 423). Im Anschluss zitiert er noch einmal die Worte auf einem Plakat, das im Büro des Onkels hängt und die wichtigsten Fragen polizeilicher Ermittlungsarbeit auflistet:

»Wen hat / wer / wann / wo / womit / wie / warum / umgebracht?«

(ebd.)

Dieses Plakat mit dem Titel »Die Sieben Goldenen W« wird bereits im dritten Kapitel erwähnt (S. 37), als Veit den Onkel zum ersten Mal auf der Wache besucht und  nicht ahnen kann, welche existenzielle Bedeutung die Frage nach dem Warum angesichts seiner eigenen Tat später noch für ihn haben wird.

Auf dem Weg nach Hainburg, wo Veit Kurt dessen Briefe an Nanni übergibt, fährt sein Zug an Carnuntum vorbei, einem römischen Heerlager, in dem Kaiser Marc Aurel Teile seiner »Selbstbetrachtungen« schrieb. Veit denkt darüber nach, nennt diese Aufzeichnungen »Selbstbeschwichtigungen […] inmitten des Irrsinns der von ihm geführten Kriege« (S. 444). Die Ankunft in Hainburg gibt ihm mit einer »an das Gemetzel von 1683 erinnernde[n] Gedenktafel«, also einer Erinnerung an den Türkenkrieg, weiteren Anlass zu seinen resignierten, hoffnungslosen Betrachtungen über die Menschheit und ihr nie endendes Morden: »Städte versanken, wurden wieder aufgebaut, Menschen wurden ermordet, einmal hier, einmal dort, einmal auf dieser Seite, dann auf der anderen, caramba« (S. 444). Dieselbe Resignation äußert sich auch in der Haltung des mittlerweile abgestumpft wirkenden Soldaten Kurt Ritler bei ihrem Treffen. 

Auf dem Rückweg nach Mondsee trifft Veit auf eine Gruppe Zwangsarbeiter und sieht dabei Oskar Meyer in die Augen – freilich, ohne dass die eine Romanfigur weiß, wer die andere ist; allein als Leser kann man diese übergeordnete Perspektive einnehmen und Oskar an Wallys Halstuch erkennen, das er als letzte Erinnerung an sie umgebunden hat: »Der Grund, warum mein Blick an ihm hängenblieb, war ein buntes Halstuch, orange und hellblau mit ein wenig Grün, leuchtende Farben in all dem schmutzigen Grau. Als der Mann meinen Blick bemerkte, schaute er einige Sekunden zurück mit bohrenden Augen und voller Vorwurf« (S. 452). 

Grausamkeiten aller Art kommen Veit nun, in den letzten Kriegsmonaten, immer häufiger zu Ohren, und die Deutschen wüten umso brutaler, je sicherer ihre Niederlage wird: »Der Vorgesetzte von Fritz Zimmermann erschoss an Ort und Stelle einen jüdischen Friseur, nachdem dieser ihn beim Rasieren geschnitten hatte« (S. 453). Veit denkt darüber nach, wie er reagieren würde, wenn er selbst zu einem Erschießungskommando eingeteilt würde und stellt fest, wie der Krieg alle Einordnungen und Bewertungen des zivilen Lebens verschoben hat: »[…] über so etwas nachdenken heißt, sich damit vertraut machen, das heißt, den Begriff von Normalität verändern, langsam in eine andere Normalität hinüberwechseln« (S. 454), und an späterer Stelle kommentiert er folgerichtig: »Aber selbst wenn es für mich nicht gut ausging, war mir das baldige Ende lieber als dieser […] alles Zivile aushöhlende Spuk, in dem das Schlechte in den Menschen immer deutlicher zutage trat, auch bei mir« (S. 462/63).

Abschnitt 8: Nachbemerkungen

Inhalt

In einer Nachbemerkung wird das weitere Schicksal der Hauptfiguren knapp und in sachlicher Berichtsform geschildert.

  • Veit überlebt den Fronteinsatz und studiert nach dem Krieg Elektrotechnik. Er heiratet Margot, die sich von ihrem ersten Mann Ludwig hat scheiden lassen. Die beiden bleiben ihr Leben lang zusammen, ziehen Lilo und zwei gemeinsame Kinder groß. 

  • Der Brasilianer hat den Krieg überlebt. Der Tod des Mondseer Ortsvorstehers wird ihm nicht angelastet. Er wandert erneut nach Brasilien aus.

  • Trude und Max Dohm übernehmen nach dem Krieg ein Elektrogeschäft im oberbayerischen Freising, das Max von einem Gesinnungsgenossen überlassen wird. Trude stirbt 1953 an Syphilis.

  • Die Mädchen aus dem Lager Schwarzindien kehren nach Hause zurück. Margarete Bildstein arbeitet nach dem Krieg als Lehrerin in Wien. Sie bleibt ihr Leben lang unverheiratet und kinderlos.

  • Kurt Ritler wird in Ostpreußen schwer verwundet und stirbt in einem dänischen Lazarett.

  • Oskar Meyer wird 1945 auf dem Transport Richtung KZ Mauthausen ermordet. Seine Frau Wally und sein Sohn Georg waren bereits 1944 in Auschwitz umgebracht worden. Über das weitere Schicksal seines Sohnes Bernhard ist nichts bekannt. Seine letzte bekannte Adresse ist in England.

Analyse

Mit den Nachbemerkungen gelingt Arno Geiger ein Kunstgriff, der das bisher aus unterschiedlichen Perspektiven Erzählte noch realer erscheinen lässt. Indem er einen auktorialen Erzähler einführt, der betont sachlich und somit in einem völlig anderen Ton als die subjektiv gefärbten Briefe über das weitere Schicksal der Figuren berichtet, scheinen sie eine eigene Wirklichkeit zu besitzen. Geiger selbst beschreibt dieses Verfahren mit den Worten: »Jede Figur hat das Recht auf Atem und Pulsschlag und auf ein Leben, auch auf ein Leben danach« (Gerk).

Man sollte also nicht den Fehler begehen, den Erzähler der Nachbemerkungen mit Veit gleichzusetzen. Dagegen spricht allein schon, dass hier in der dritten Person von ihm gesprochen wird, während Veit in seinem Tagebuch immer in der ersten Person von sich spricht. 

Sascha Feuchert behauptet sogar, dass die erzählende Instanz, die in den Nachbemerkungen erscheint,  auch »vorher schon präsent« (Feuchert, S. 115) sei. Er bezeichnet sie als »fiktiven Herausgeber« (ebd.) und schreibt ihr eine Funktion als ordnende Instanz zu, die u. a. die Schrägstriche in den Text eingefügt oder Kommentare wie »an den Rand geschrieben« ergänzt habe.

Veröffentlicht am 28. Juli 2022. Zuletzt aktualisiert am 1. August 2022.