Unter der Drachenwand

Glossar

Kinderlandverschickung (S. 63): Die sogenannte »Kinderlandverschickung«, im Nazi-Jargon abgekürzt »KLV«, war eine Maßnahme, mit der Kinder aus deutschen Großstädten während des Zweiten Weltkriegs vor Bombenangriffen geschützt werden sollten. Man brachte sie in ländliche Regionen, die den Angriffen weniger stark ausgesetzt waren als große Städte und Ballungsräume wie das Ruhrgebiet. Während Kinder unter zehn Jahren in Familien untergebracht wurden, schickte man Kinder im Alter von zehn bis vierzehn Jahren in Gruppenlager. Die Unterbringung der Kinder in »KLV«-Lagern diente nicht nur ihrem Schutz, sondern zugleich der propagandistischen Einflussnahme. Hier waren sie dem familiären – möglicherweise christlichen oder anderweitig regimekritischen – Einfluss entzogen und sollten in streng hierarchisch gegliederten Gruppen mit striktem Tagesablauf im Sinne des Nationalsozialismus umerzogen werden.

 

Lebensmittelmarken (S. 26): Um die Verteilung von Nahrungsmitteln in Zeiten des Mangels besser steuern zu können, werden Lebensmittel in Kriegssituationen häufig rationiert und Zuteilungsmarken an die Bevölkerung ausgegeben. Sie legen fest, in welcher Menge ihre Besitzer bestimmte Güter erwerben dürfen. In bestimmten Situationen, z. B. nach besonders schweren feindlichen Angriffen, kann es Sonderzuteilungen geben. Mit der Verteilung von Lebensmittelmarken kann die Regierung auch einzelne Bevölkerungsgruppen bevorzugen, andere drangsalieren. So erhielten Juden während des Zweiten Weltkrieges Lebensmittelkarten mit geringeren Bezugsmengen. 

 

Totale Mobilmachung (S. 42): Einsatz aller menschlichen, industriellen und technischen Ressourcen für Kriegszwecke, darunter auch Zwangsarbeit von Einwohnern besetzter Länder. Der Begriff wurde im NS-Staat für Propagandazwecke benutzt und ging  u. a. auf einen Essay von Ernst Jünger aus dem Jahr 1930 mit dem Titel »Die totale Mobilmachung« zurück.

 

Requiriert (S. 43): beschlagnahmt, vereinnahmt für militärische Zwecke. Das Verb »requirieren« wird auch als euphemistischer (= beschönigender und verschleiernder) Begriff für die widerrechtliche Aneignung fremder Güter, zum Beispiel die Beschlagnahmung von Kunstgegenständen, verwendet.

 

Pimpfe (S. 47): Jungen der Hitlerjugend im Alter zwischen 10 und 14 Jahren und damit Angehörige des sogenannten »Jungvolkes«

 

Ostmark (S. 68): Nach dem sogenannten »Anschluss« Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 wurden die ehemaligen österreichischen Staaten zwischen 1939 und 1942 als »Ostmark« bezeichnet. Danach benannte man das Territorium bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges in »Alpen- und Donau-Reichsgaue« um.

 

Völkerbund (S. 70): Staatengemeinschaft mit Sitz in Genf, die zur Sicherung des Völkerrechts nach dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) gegründet wurde. Die Satzung des Völkerbundes wurde von den 32 beteiligten Staaten im April 1919 unterzeichnet. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 galt als Zeichen seines Scheiterns; mit der Gründung der Vereinten Nationen (UNO) 1945 wurde der Völkerbund obsolet und im April 1946 auch formell aufgelöst.

 

Mutterkreuz (S. 92): alltagssprachliches Wort für das sogenannte »Ehrenkreuz der Deutschen Mutter«, das von den Nationalsozialisten an kinderreiche Frauen verliehen wurde. Je nach Anzahl der Kinder – ab vier, ab sechs, ab acht – gab es das bronzene, das silberne und das goldene Mutterkreuz. Es wurde jedoch nicht automatisch, sondern ausschließlich an linientreue Frauen verliehen. Der Vorgang war Teil des Mutterkultes der NS-Zeit, der dazu diente, die »Volksgemeinschaft« zu vergrößern und damit auch die Zahl der Wehrfähigen zu erhöhen.

 

Tarockieren (S. 103): Tarock spielen. Zahlreiche traditionelle, alte Kartenspiele, die zum Teil bis auf das 15. Jh. zurückgehen, werden unter dem Begriff »Tarock« zusammengefasst.

 

Dorotheum (S. 111): Wiener Auktionshaus

 

Affidavit (S. 114): Bürgschaft, die ein Bürger oder eine qualifizierte Organisation eines Einwanderungslandes für einen eingewanderten Ausländer übernimmt. Während der NS-Zeit wurde so zahlreichen Verfolgten die Einreise in die USA und in das Vereinigte Königreich oder in englische Überseekolonien ermöglicht.

 

Die Firma für Blut und Boden (S. 136): Der sogenannte »Blut-und-Boden«-Gedanke war zentraler Bestandteil der NS-Ideologie. Er implizierte die Zusammengehörigkeit von »Volk« und »Raum« und ein naturgegebenes Recht der bäuerlichen Bevölkerung vermeintlich »arischer« Abstammung, sich bestimmte Gebiete einzuverleiben. Damit einher ging eine Verklärung der agrarischen Lebensform und die Behauptung, nur eine feste Verwurzelung mit der Landschaft ermögliche eine ertragreiche Landwirtschaft.

 

Pervitin (S. 147): Markenname eines Methamphetamins, das euphorisiert, Müdigkeit verhindert und ein Gefühl enormer Energie verleiht. Es entspricht der heute als »Crystal Meth« bekannten Droge in niedrigerer Dosierung. Während des Zweiten Weltkriegs wurde es deutschen Soldaten häufig als Medikament verschrieben, um Skrupel oder Furcht beim Angriff zu unterdrücken.

 

So bin am ganzen Leibe ich, so bin ich und so bleibe ich, yes, Sir! (S. 151): Zeile aus dem Schlager »Yes, Sir!« der schwedischen Filmdiva Zarah Leander (1907–1981), deren bekannteste Filme während des Dritten Reiches in Babelsberg gedreht wurden. Ihre Rolle im Nationalsozialismus ist bis heute umstritten. 

 

Der Bolschewik (S. 168): Bolschewiki war ursprünglich die wertneutrale Eigenbezeichnung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR). Anhänger Lenins und des Marxismus-Leninismus nannten sich selbst Bolschewiki. Im Nationalsozialismus wandelte sich die Konnotation; »Bolschewik« wurde zu einem abwertenden Kampfbegriff, mit dem Kommunisten von ihren Gegnern belegt wurden. Nach und nach ging der Begriff in die Alltagssprache des Dritten Reiches ein, und es wurde üblich, Russen generell abfällig als »Bolschewiken« zu bezeichnen.

 

Pengö (S. 170): ungarische Währung zwischen 1927 und 1945

 

Leni Riefenstahl-Choreografie (S. 324): Leni Riefenstahl (1902–2003) war eine Filmregisseurin, Produzentin und Schauspielerin im Dritten Reich, die aktiv die Nationalsozialisten unterstützte. In Propagandafilmen wie »Triumph des Willens«, der Darstellung eines Reichsparteitages der NSDAP, oder »Olympia« über die Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin, setzte sie geschickt suggestive filmische Mittel ein. Neben neuartigen Schnitttechniken und Kameraperspektiven gehörten dazu Masseninszenierungen und  -choreografien.

 

Karfiol (S. 334): österreichisches Wort für Blumenkohl

 

Schrammeln (S. 397): charakteristische Form österreichischer Volksmusik. Zu einem typischen Schrammel-Quartett gehören zwei Geigen, eine Gitarre und ein Akkordeon. Der Begriff geht auf die Brüder Johann und Josef Schrammel zurück, die 1877 in Wien ein erstes Quartett dieser Art gründeten.

 

Chassid (S. 414): Angehöriger des Chassidismus, einer mystischen Strömung des orthodoxen Judentums, die vor allem in Osteuropa verbreitet war. Mit der Vernichtung der osteuropäischen Juden durch die Nationalsozialisten waren chassidische Strömungen nach dem Zweiten Weltkrieg so gut wie ausgelöscht. Heute erleben sie wieder einen Aufschwung in Israel, den USA und einigen Staaten Westeuropas.

 

Carnuntum (S. 444): römische Gründung in Niederösterreich, die um 70 n. Chr. zum Schutz des Limes angelegt wurde.

Veröffentlicht am 28. Juli 2022. Zuletzt aktualisiert am 28. Juli 2022.