Unter der Drachenwand

Zitate und Textstellen

  1. »Und fast ein jeder versuchte, seine Geschichte loszuwerden. Vielleicht, wenn man die eigene Geschichte erzählt, findet sie eine Fortsetzung.« (Veit, S. 10/11)

 

Veit erlebt beim Transport ins Lazarett, dass viele Verwundete den Drang haben, anderen ihre Erlebnisse an der Front mitzuteilen. Er kann zwar gut zuhören, hat aber auch eine eigene Geschichte zu erzählen. Diese gibt er jedoch nicht mündlich an seine Kameraden weiter, sondern schreibt sie nieder. Veits Satz kann somit als Legitimation des gesamten Romans gelten: Das Erzählen der eigenen Geschichte ist mit der Hoffnung auf ihre Fortsetzung, also mit der Hoffnung auf das Überleben des Krieges und der Weiterentwicklung der eigenen Geschichte in Friedenszeiten  verbunden.

 

  1. »Einmal lachten wir sehr, und hinterher sagte Hilde: ‚Mir tut die Brust weh. Aber das ist mir das Lachen wert.‘« (Veit, S. 83)

 

Veit beschreibt mit diesem Satz das Wesen seiner Schwester, die trotz ihrer Krankheit voller Lebensfreude war und jeden alltäglichen Augenblick bewusst wahrnehmen und schätzen konnte. Sie war bereit, schöne Momente mit Schmerz zu bezahlen und hat ihr kurzes Leben genutzt. Die Erinnerung an sie, auch seine Schuldgefühle ihr gegenüber, sind für Veit wie ein Kompass für seinen eigenen Weg: weg von hohlem NS-Pathos, von Größenfantasien und Illusionen, hin zur Wertschätzung des Lebens in all seinen Erscheinungsformen. »Hilde hätte mit ihrem Leben so viel anzufangen gewusst, sie hat sich so freuen können, ob es nun Musik war oder ein Glas Bier an einem warmen Abend in einem Gasthausgarten« (S. 25). Demgegenüber sieht Veit sich selbstkritisch: »Ich, der ich leben darf, weiß damit nichts anzufangen. […] Aber wie soll ich es ändern? Wie soll ich mich ändern?« (ebd.) Er stellt diese Fragen ganz zu Anfang; die Antworten wird er später durch die Begegnungen mit dem Brasilianer und mit Margot finden.

 

  1. »Ich erwiderte, leider sei mir die Volksgemeinschaft noch nie begegnet, nur immer Menschen, die in ihrem Namen redeten, vorzugsweise im eigenen Interesse.« (Veit zur Quartierfrau Trude Dohm, S. 137)

 

Im Zuge seiner stärker werdenden inneren Kritik am Nationalsozialismus wagt Veit Kolbe allmählich, sich auch nach außen kritisch zu äußern. Dabei verwendet er häufig Sarkasmus und stellt den hehren Propagandaworten der Reichsideologie seine durch die Kriegserfahrungen abgeklärte Sicht auf die menschliche Natur entgegen. Mit den Menschen, die im Namen der Volksgemeinschaft im eigenen Interesse sprechen, ist natürlich auch Trude Dohm selbst gemeint. Ein weiteres Beispiel für Veits Sarkasmus ist sein Kommentar, als Max Dohm den verletzten Hund des Brasilianers erschießt: »Der Lackierermeister redete mit dem Tier, vermutlich über Wert und Unwert des Lebens unter den für ihn relevanten Gesichtspunkten« (S. 214). Der Begriff des »unwerten« Lebens stammt aus dem 1939 von Adolf Hitler angeordneten »Euthanasie«-Erlass«, in dessen Folge Hunderttausende behinderter und psychisch kranker Menschen ermordet wurden.

 

  1. »Und alle andern glotzten nur, ich eingeschlossen.« (Veit, S. 178)

 

Der Satz beschreibt die Reaktion der Dorfbewohner auf die Verhaftung des Brasilianers. Sie sehen zu, wie er von zwei Männern brutal abgeführt und »mit Tritten und Püffen« in einen Wagen gesteckt wird. Niemand schreitet ein, niemand versucht, ihm zu helfen. Über mögliche Beweggründe – ob einfach nur Angst oder auch klammheimliche Schadenfreude gegenüber dem Außenseiter – äußert Veit sich nicht. Er ist aber sich selbst gegenüber ehrlich genug, einzugestehen, dass auch er nicht gehandelt hat, sich darin also nicht von den Nachbarn unterscheidet. Bedenkt man, dass er sich mit dem Brasilianer angefreundet hat und zu den wenigen im Ort gehört, zu denen dieser überhaupt Kontakt hatte, erscheint sein Verhalten sogar noch fragwürdiger als das der übrigen passiven Beobachter. 

 

  1. »Die mündlichen Prüfungen werden nur noch Formsache sein. Dann wird es uns bald treffen, es scheint, als wollten sie mit Ferdl und mir den Krieg gewinnen.« (Kurt Ritler an Nanni, S. 244)

 

Kurts Bemerkung zeigt, wie unwichtig schulische Belange, die in Friedenszeiten für Jugendliche seines Alters eine große Rolle spielen, im Krieg geworden sind. »Dann wird es uns bald treffen« ist ein Hinweis auf Hitlers »Volkssturm« zum Ende des Zweiten Weltkriegs, zu dem auch junge Männer ab 16 Jahren eingezogen wurden. Selbst angesichts dieser katastrophalen Aussicht beweist Kurt (Galgen-)Humor mit dem Satz, mit ihm und seinem Freund Ferdl solle wohl der Krieg gewonnen werden. Er begreift also, dass diese letzte Mobilmachung ein Zeichen für den eigentlich bereits verlorenen Krieg ist.

 

  1. »Es klappte, klapp, klapp, klapp. Wir klappten beide das Visier hoch, wollten einander nicht beeindrucken oder nicht sehr.« (Veit, S. 280)

 

Die Liebesbeziehung zwischen Veit und Margot ist eines der wichtigsten Handlungselemente im Roman. Sie zeigt exemplarisch, wie eine aufrichtige, zärtliche Beziehung gelingen kann. Freundschaft ist eine wichtige Basis, doch ebenso wichtig ist die Sexualität. Der Ausdruck »es klappt zwischen uns«, den Margot für eine befriedigende körperliche Beziehung verwendet, ist typisch für ihre Generation. Veit spielt mit dem Begriff, sein »klapp, klapp, klapp« macht deutlich, wie gut die beiden sich körperlich verstehen. Die Verbindung mit dem »hochgeklappten« Visier ist ein geschicktes Wortspiel, das näher erläutert, warum »es klappt«: Beide sind ehrlich und spielen einander nichts vor.

 

  1. »Fünfzig Gramm Bohnenkaffe, damit alle, die noch leben, in ihrem Eifer nicht erlahmen. Ich hätte lieber das Glockenspiel zurück und Helen und Helga und Tante Emma und Onkel Georg.« (Lore Neff an Margot, S. 382)

 

Margots Mutter zeigt in diesem Satz einen grimmigen Sarkasmus, der an Veits Bemerkungen erinnert. Sie spielt auf eine Sonderzuteilung von Bohnenkaffee an (vgl. Glossar, »Lebensmittelmarken«), die an die Bevölkerung Darmstadts nach dem schweren Bombenangriff durch die Royal Air Force am 11. September 1944 ausgegeben wurde. Nach dem Ende des Luftangriffs geriet ein Munitionszug in Brand und entfachte einen Feuersturm in der Innenstadt, bei dem viele Menschen verbrannten oder in Luftschutzkellern erstickten. Zynisch ist nicht Lore, sondern die Parteiführung, die die Bevölkerung angesichts Zerstörungen apokalyptischen Ausmaßes in der sogenannten »Brandnacht« mit einem Päckchen Kaffee auf Kurs halten will. Mit ihrer Bemerkung zeigt Lore zugleich, dass sie nicht die feindlichen Engländer, sondern die Diktatur in ihrem eigenen Land als Ursache der Katastrophe erkennt.

 

  1. »Jeder, der stehenbleibt und gafft, gibt dem Publikum Fülle und Ansehen und verlängert dadurch das Leiden derer, die gequält werden. Es soll sich also niemand einbilden, nur Zuschauer zu sein.« (Oskar Meyer an Jeanette, S. 406)

 

Gaffer und Schaulustige ermöglichen Verbrechern, ihre menschenverachtenden Taten auszuüben – eine zeitlose Erkenntnis, die Oskar Meyer an dieser Stelle äußert. Die ganze Verzweiflung seiner Lage wird daran erkennbar, dass er gar nicht mehr in Erwägung zieht, dass solche Situationen generell verhindert werden könnten. Vielmehr stellt er ganz pragmatisch fest, dass das Leiden der Opfer durch Gaffer »verlängert« würde; besser wäre es also, so muss man schließen, einfach weiterzugehen. Die Möglichkeit, dass jemand eingreifen und dem Opfer helfen könnte, wird zu diesem Zeitpunkt von Oskar gar nicht mehr in Betracht gezogen.

 

  1. »‘Name der Frau?‘ / Ich wollte ‚Valerie‘ sagen, nicht ‚Eszti‘, damit Wally ihre Wirklichkeit behielt, ihren Namen, damit ihr Name wirklich in dieser Liste stand zum Beweis.Dann sagte ich: ‚Eszti. Kinder keine.‘ Wir existierten alle nicht mehr.« (Oskar, S. 411)

 

Oskar nennt einen anderen Namen, als er als Zwangsarbeiter nach seiner Frau und seinen Kindern gefragt wird. Der Name, der einem Menschen Individualität und Würde verleiht, wird ausgelöscht; seine Auslöschung steht stellvertretend für die Auslöschung der Person. Diese kurze Szene deutet an, wie jüdischen Menschen als Zwangsarbeitern und in Konzentrationslagern ihre Würde genommen werden sollte. Man nahm ihnen ihre persönlichen Gegenstände ab, schor ihnen die Haare und steckte sie in Häftlingskleidung – Zeichen der Entindividualisierung, die Menschen zu einer ununterscheidbaren Häftlingsmasse degradierte. 

Implizit zeigt sich hier auch, warum es von größter Bedeutung ist, Namen von Opfern, die man später noch ausfindig machen kann, zu nennen, und ihre Biografien zu rekonstruieren, sei es in Archiven und Erinnerungsstätten, auf Gedenktafeln oder sogenannten »Stolpersteinen«.  

 

  1. »Dann verschwand die Wand [gemeint ist die Drachenwand] aus meinem Blick, und ich schloss die Augen im Wissen, dass wie vom Krieg auch von Mondsee etwas in mir bleiben wird, etwas, mit dem ich nicht fertig werde.« (S. 476)

 

Als Veit Kolbe Mondsee zum letzten Mal und diesmal endgültig verlässt, spricht er darüber, wie ihn nicht nur die Kriegserlebnisse, sondern auch sein Aufenthalt im Salzburger Land von Grund auf verändert haben. 

Vom Beginn des Romans an geht es in dessen gesamtem Verlauf immer wieder um Veits posttraumatische Belastungsstörung und die damit verbundenen Panikattacken. Seine Kriegserlebnisse sind das, womit er »nicht fertig« wird, die ihn also in Form unüberwindbarer Ängste und Albträume auch weiterhin begleiten werden. 

Doch nicht nur der Fronteinsatz hat ihn in dieser Hinsicht geprägt. Obwohl er in Mondsee viele glückliche Momente mit Margot erlebt hat, ist auch dieser Ort für ihn zum Teil mit Schuldgefühlen und Schrecken verbunden. Er steht zwar innerlich dazu, seinen Onkel getötet zu haben, aber die Tat geht natürlich dennoch nicht spurlos an ihm vorüber. Außerdem belastet ihn auch sein Verhalten gegenüber Nanni Schaller. Da sie tödlich verunglückt ist, bleibt ihm als Möglichkeit, sein Gewissen zu entlasten, nur die (unbefriedigend verlaufende) Rückgabe der Briefe an Kurt Ritler. Darüber hinaus haben ihm andere Eindrücke in Mondsee tiefe Einblicke in das Böse der menschlichen Natur geliefert, z. B. das Denunziantentum einiger Dorfbewohner, der schäbige Charakter der Quartierfrau und ihres Mannes oder die Verhaftung des Brasilianers durch brutale Gestapo-Männer.

 

Da Veit Kolbe exemplarisch für Millionen Kriegsteilnehmer seiner Altersgruppe steht, ist der Satz auch ein Hinweis auf die Traumatisierung einer ganzen Generation. »Etwas, mit dem ich nicht fertig werde« lauten die letzten Worte, die wir von Veit selbst im Roman lesen. Es sind die letzten aus persönlicher Perspektive geschriebenen Worte, bevor mit der Nachbemerkung zum ersten Mal ein auktorialer Erzähler eingeführt wird. Dies ist ein Hinweis darauf, wie der Krieg auch über Jahre hinaus in den Alltag und die Gefühle vieler Menschen hineinragen wird als etwas, mit dem man nicht abschließen kann. Von einem Schlusssatz erwartet man traditionell etwas Abrundendes, Harmonisierendes, auf die Spitze getrieben im Ausdruck »Ende gut – alles gut«. Hier hingegen wird genau das Gegenteil formuliert: Der Krieg ist zwar beendet, aber das Erlebte kann niemals »gut« werden.

 

Positiv gewendet, wird aber durch die Worte »etwas, mit dem ich nicht fertig werde« auch ausgedrückt, dass der Faden des Erzählens immer wieder neu aufgenommen werden kann. Somit wird die Verbindung zu einem Satz aus dem ersten Kapitel (siehe erstes Zitat) hergestellt, in dem es heißt: »Vielleicht, wenn man die eigene Geschichte erzählt, findet sie eine Fortsetzung.« Erzählen und Schreiben sind damit Mittel zur Auseinandersetzung mit dem Erlebten und seiner Bewältigung.

Veröffentlicht am 28. Juli 2022. Zuletzt aktualisiert am 28. Juli 2022.