Die Marquise von O…

Inhaltsangabe

Heinrich von Kleists 1808 erschienene Novelle »Die Marquise von O…« spielt in Italien zur Zeit des Zweiten Koalitionskrieges (1799–1802). Im Mittelpunkt steht die verwitwete Marquise von O…, die schwanger ist, ohne dass sie sich wissentlich mit einem Mann eingelassen hat. Über eine Zeitungsanzeige sucht sie nach dem unbekannten Vater. Als der ihr vertraute Graf F… sich zu der Vaterschaft bekennt, heiratet sie ihn zwar, verzeiht ihm seine Gewalttat aber erst sehr viel später.


In einer Zeitungsannonce erklärt die junge Marquise Julietta von O…, dass sie ohne ihr Wissen in andere Umstände gekommen sei. Der unbekannte Vater wird gebeten sich zu melden: Die Marquise wolle ihn, aus Rücksicht auf die Familie, heiraten.

Die Marquise wohnt seit dem Tod ihres Mannes mit ihren beiden Kindern bei ihren Eltern, dem Kommandanten von G… und seiner Frau. Die Zitadelle, in der sich die Familie aufhält, wird während des Krieges von russischen Truppen überfallen und bombardiert. Im allgemeinen Aufruhr wird die Marquise von ihrer Familie getrennt und gerät in die Hände von russischen Soldaten, die sie misshandeln und vergewaltigen wollen.

Von ihren Hilfeschreien alarmiert, eilt der russische Offizier Graf F… herbei und bringt die Soldaten mit Waffengewalt dazu von der Marquise abzulassen. Der Marquise erscheint er wie ein Engel, und sie lässt sich von ihm in den Palast führen, wo sie bewusstlos wird.

In derselben Nacht wird die Festung erobert. Als tags darauf der russische General von dem Übergriff gegen die Marquise erfährt, werden die Soldaten erschossen. Gleich danach erteilt er den Truppen Marschbefehl, weshalb es der Marquise nicht mehr möglich sich bei ihrem Retter zu bedanken. Bestürzt erfährt sie wenige Tage später von seinem Tod auf dem Schlachtfeld.

Zur allgemeinen Überraschung erscheint jedoch Graf F… nach einigen Monaten im Haus des Kommandanten und hält mit Dringlichkeit um die Hand der Marquise an. Er ist dienstlich auf dem Weg nach Neapel und behauptet, mit dem Heiratsantrag seinen Seelenfrieden wieder herstellen zu wollen. Zudem habe ihn nur der Gedanke an Julietta nach seiner schweren Verwundung am Leben gehalten. Die Familie reagiert zurückhaltend und bittet um Bedenkzeit. Als der Graf dabei ist seine Dienstpflicht zu verletzen, und statt nach Neapel zu reisen, zu bleiben und auf eine Antwort der Marquise zu warten, verspricht diese ihm sich bis zu seiner Rückkehr mit keinem anderen Mann zu vermählen. Der Graf reist erleichtert ab.

Ungläubig verfolgt die Marquise die Veränderungen ihres Körpers, die auf eine Schwangerschaft hinweisen. Als ein Arzt und eine Hebamme die Befürchtung bestätigen, und die Marquise trotzdem behauptet sich mit keinem Mann eingelassen zu haben, wird sie von ihren Eltern verstoßen. Die Marquise flüchtet auf ihren Landsitz in V…, wo sie ihr Schicksal in die Hand nimmt und sich mit Eifer der Erziehung ihrer Kinder und der Haushaltsführung widmet.

Selbstbewusst schildert sie wenig später in der am Anfang erwähnten Zeitungsanzeige ihre Situation. Als der Graf zurückkehrt um seinen Antrag zu erneuern, weist die Marquise ihn ab. Während er noch erwägt ihr einen Brief zu schreiben, erhält er Kenntnis von der öffentlichen Anzeige.

Inzwischen bedauert Frau von G… ihre Härte gegenüber ihrer Tochter und geht zu ihr, um mit einer List die Wahrheit herauszufinden. Als sie von Juliettas Unschuld überzeugt ist, bringt sie sie zurück ins Elternhaus, wo sich auch ihr Vater mit ihr versöhnt.

Der Vater des Kindes will die Marquise im Haus des Kommandanten treffen. Als sich herausstellt, dass es sich bei dem Unbekannten um den Grafen von F… handelt, wendet sich die Marquise entsetzt ab und nennt ihn einen Teufel. Ihr Versprechen einhaltend heiratet sie den Grafen am nächsten Tag, auf eheliche Rechte muss dieser jedoch verzichten. Er bezieht eine Wohnung in der Stadt, und erst bei der Taufe des gemeinsamen Sohnes begegnet sich das Paar wieder. Wegen seines zurückhaltenden und tadellosen Verhaltens wird der Graf langsam in die Familie aufgenommen, bis ihm die Gräfin nach einem Jahr verzeiht und ein zweites Mal ihr Jawort gibt.


Wie in einem Kriminalroman wird die Spannung in Heinrich Kleists Novelle »Die Marquise von O…« bis zuletzt aufrecht erhalten. Ebenso fesselnd wie die äußere Handlung ist die innere Entwicklung der Protagonistin: Im Bewusstsein ihrer völligen Unschuld zieht sie sich von der Gesellschaft und deren Konventionen zurück, entwickelt eigene Werte und gewinnt ein – nicht nur für damalige Zeiten – unangepasstes und erfrischendes Selbstbewusstsein.


Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Heinrich von Kleist wurde 1777 in Preußen geboren, führte meist ein unstetes Leben und beging 1811 Selbstmord.

Die Zeit ist geprägt von den Ideen der Aufklärung und der Französischen Revolution sowie von den napoleonischen Kriegen. Die Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit begleiten den Emanzipationswillen des Bürgertums und dessen Aufstieg zur führenden Gesellschaftsschicht mit eigenen, gegen Adel und Willkürherrschaft gerichteten Moralvorstellungen.

»Die Marquise von O…« gehört zu Kleists am frühesten entstandenen Erzählungen und ist über zahlreiche Themen und Motive mit seinem Gesamtwerk verbunden.

Dies ist ein Auszug aus Königs Erläuterungen zu »Die Marquise von O…«.

Entstehung und Quellen

Die erste Fassung der »Marquise von O…« entsteht vermutlich 1807 und erscheint 1808 in der Zeitschrift »Phöbus«. Eine überarbeitete Fassung erscheint 1810 im ersten Band der »Erzählungen«. Das Sujet spielt insgesamt auf die im Umfeld der Aufklärung beliebte Gattung der ›moralischen Erzählung‹ an. Für das Motiv der unwissentlichen Schwangerschaft kommt v. a. ein Essay Montaignes als Quelle in Frage, für das Vater-Tochter-Verhältnis v. a. Rousseaus »Nouvelle Héloïse« und Lessings »Emilia Galotti« sowie für die Thematik und die Personenkonstellation insgesamt die bürgerlichen Trauerspiele und Rührstücke der Zeit.

Dies ist ein Auszug aus Königs Erläuterungen zu »Die Marquise von O…«.


Aufbau der Novelle

Obwohl der Band, in dem die »Marquise von O…« 1810 von Kleist veröffentlicht wurde, den schlichten Titel »Erzählungen« trägt, handelt es sich bei dem Text um eine typische Novelle, welche die Erwartungen an die Gattung geradezu mustergültig erfüllt: Im Zentrum steht ein »unerhörtes Ereignis«, der Text ist straff aufgebaut und verfügt über den für eine Novelle typischen überraschenden Wendepunkt. Es handelt sich jedoch nicht um eine Kriminalnovelle, denn die Person, die das Verbrechen begangen hat, ist dem aufmerksamen Leser sehr früh bekannt.

Dies ist ein Auszug aus Königs Erläuterungen zu »Die Marquise von O…«.

Hauptpersonen

Die Marquise von O…

Der Vater, Herr von G…

Die Mutter, Frau von G…

Graf F…

Dies ist ein Auszug aus Königs Erläuterungen zu »Die Marquise von O…«.

Stil und Sprache

Kleists Sprache ist mitunter schwer zu verstehen und von einem komplizierten Satzbau geprägt. Dies dient in der »Marquise von O…« dazu, den Erzähler zu charakterisieren, dessen Sprache wie eine Parodie auf die Sprache und Doppelmoral der Gesellschaft wirkt. Der oft komplizierte Satzbau imitiert an manchen Stellen die jeweilige verkrampfte innere Befindlichkeit der Figuren. Zahlreiche Grenzüberschreitungen in Richtung des Anzüglichen sowie Motive und Metaphern aus den Bereichen der Religion und des Theaters unterstreichen dabei die insgesamt in der dargestellten Welt herrschende Doppelmoral und Heuchelei.

Dies ist ein Auszug aus Königs Erläuterungen zu »Die Marquise von O…«.

Die Auslassungspunkte

Anmerkungen zu den Auslassungspunkten:

Die Novelle »Die Marquise von O…« wurde 1808 vorab in der Literaturzeitschrift »Phöbus« veröffentlicht. Im Jahre 1810 erschien die von Kleist autorisierte Originalausgabe seiner Erzählungen, darunter »Die Marquise von O…«. In beiden Publikationen hatte der Titel vier Auslassungspunkte.

Der bedeutende Kleist-Forscher Helmut Sembdner gab 1952 eine einflussreiche Kleist-Edition heraus, in der er die Auslassungen in der Novelle mit drei Punkten kennzeichnete. Die so entstandene Titelversion ist heute weit verbreitet, und sie entspricht den aktuellen Rechtschreibregeln des Duden.

Philologische Ausgaben vor und nach Sembdner halten sich jedoch an die Urfassung, was insofern notwendig erscheint, da die Zeichensetzung in seinen Werken für Kleist eine herausragende Rolle spielte. So setzte er ganz bewusst Anführungszeichen, oder ließ sie weg, fügte Gedankenstriche oder Ausrufungszeichen ein. Selbst die Auslassungen im vorliegenden Erzähltext markierte er unterschiedlich, beispielsweise mit vier Punkten bei der Marquise und drei bei dem Grafen F…


Interpretationsansätze

Es bieten sich u. a. drei Interpretationsansätze an:

Dies ist ein Auszug aus Königs Erläuterungen zu »Die Marquise von O…«.