Das Parfum

Interpretation

»Das Parfum« zeichnet sich vor allem durch seine Deutungsoffenheit aus. Neben den hier vorgestellten Interpretationen gibt es zahlreiche weitere interessante Lesarten wie z. B. die Herstellung eines Bezugs zu Diktatoren des 20. Jahrhunderts, »Das Parfum« als Kriminalroman oder die Mehrdeutigkeit des Titels.

»Das Parfum« als Entwicklungs- und Bildungsroman

Wie schon im Kapitel »Aufbau des Werkes« geschildert, erinnert »Das Parfum« deutlich an einen Entwicklungs- und Bildungsroman. Beide Genres sind sich sehr ähnlich und entstanden im 18. Jahrhundert, zu der Zeit, in der die Handlung der Geschichte spielt. Zu dieser Zeit beschäftigte man sich vermehrt mit der Individualität des Menschen und damit auch dem individuellen Selbstfindungsprozess.

In diesem Genre steht eine einzige Person im Mittelpunkt, die über verschiedene Stationen einen bestimmten Entwicklungs- bzw. Bildungsprozess durchläuft. Es geht darin um das Zusammenspiel der eigenen Persönlichkeit und der äußeren Einflüsse sowie auch das Erwachsenwerden. Am Ende dieser Reise steht der Protagonist als »Idealbild seiner Epoche« (Bernsmeier 2022: 55). Bekannte Beispiele sind Johann Wolfgang von Goethes »Wilhelm Meisters Lehrjahre« oder Joseph von Eichendorffs »Ahnung und Gegenwart«.

Wie in »Das Parfum« umfasst die Handlung meist das gesamte Leben der Hauptfigur von der Geburt bis zum Tod. Zudem werden sowohl äußere Entwicklungsabschnitte als auch die innere, geistige Entfaltung und Ausbildung thematisiert. Es kommt häufig zum Konflikt mit der äußeren, sozialen Welt, doch das Individuum versöhnt sich mit dieser und entwickelt sich hin zur Selbstständigkeit und zur Vervollkommnung seiner Person. 

Grenouille durchläuft als zentrale Figur des Romans ebenfalls verschiedene Entwicklungsphasen, denn er steigert sich über die Lehrjahre zu den Wanderjahren bis hin zu den Meisterjahren. Und auch er hat das Ziel des perfekten Ausbaus seiner Person und Fähigkeiten stets vor Augen. Jedoch fehlt Süskinds Roman die harmonische Aussöhnung mit der Welt genauso wie die »antiken Ideal[e] von [...] Schönheit, [...] Gefasstheit und Kontemplation« (ebd.: 56), die sonst Entwicklungs- und Bildungsromane prägen.

Grenouilles Bildungsziel ist im Streben nach Macht und Gottähnlichkeit begründet. Ein pädagogischer Wert lässt sich daraus kaum ziehen. Er bildet sich weiter, um sein Meisterparfum zu erschaffen und damit Menschen zu beherrschen. Auch spiegelt sein Endstadium als selbstzentrierter Massenmörder keineswegs ein Idealbild wider. Deswegen gibt es zwar Ähnlichkeiten mit dem Entwicklungsroman, dieser wird aber in »Das Parfum« im Stil der Postmoderne verzerrt und parodiert (Frizen/Spancken 2008: 24ff.).

Grenouille als Gott

Grenouille folgt dem selbstgesteckten Ziel, ein »omnipotente[r] Gott des Duftes« (198) zu werden. Ihn zeichnet das Bedürfnis aus, eine Welt zu erschaffen, in der einzig und allein er regiert, wie er sich in der Höhle auf dem Plomb du Cantal ausmalt: »Ja! Das war sein Reich! Das einzigartige Grenouillereich! Von ihm, dem einzigartigen Grenouille erschaffen und beherrscht [...]. Hier galt nichts als sein Wille, der Wille des großen, herrlichen, einzigartigen Grenouille« (161). Bei seinen Machtfantasien tauchen zahlreiche intertextuelle Bezüge zur Schöpfungsgeschichte des Alten Testamentes auf, wobei vor allem die Wortwahl an die Bibelstellen erinnert (vgl. dazu auch die Analyse zu Kapitel 23 - 28). 

Statt in der Einsamkeit auf dem Vulkan Gott nahe zu kommen, wie es viele Mönche tun, will Grenouille sich selbst nahe sein. Er stellt sich auf eine Stufe mit Gott, während er die Menschen verachtet und Macht über sie begehrt. Nachdem es ihm in Montpellier gelingt, einen Menschengeruch herzustellen, steckt er sein Ziel noch höher: Er will einen »Engelsduft« kreieren, der »übermenschlich« ist (198). Nun erhebt er sich sogar über den christlichen Gott: »Gott war ein kleiner armer Stinker« (199). 

Auf dem Richtplatz ist Grenouille auf dem Höhepunkt seiner Macht. Er schafft es, mithilfe seines Parfums eine ganze Menschenmenge zu beherrschen und zu Liebe oder vielmehr Wollust zu verführen. Hier ist er »in der Tat sein eigener Gott« (304). 

Auch sieht Grenouille sich als einen neuen Prometheus und die Massenorgie auf dem Richtplatz als »prometheische Tat« (ebd.). Prometheus sagte der Herrschaft der olympischen Götter den Kampf an, schuf die ersten Menschen und war für ihr Überleben als Feuerbringer verantwortlich. Er gilt als Inbegriff des Geniebegriffs. Der Prometheus-Mythos feiert den Künstler und den gottgleichen Schöpfer, der gegen die bestehende Ordnung arbeitet (Frizen/Spancken 2008: 54f.) 

Historische Kontexte

Der Roman lässt sich auch als historischer Roman lesen, wobei vor allem die erste Hälfte bis zu Grenouilles Aufbruch nach Grasse verschiedene Gesellschaftsschichten des 18. Jahrhunderts und ihre Lebensbedingungen darstellt. Diese reichen von Grenouilles ärmlicher Mutter über den Geistlichen Pater Terrier bis zum Kaufmann und Bürger Giuseppe Baldini. 

Die Geschichte setzt nach der Französischen Revolution ein und fällt damit in die Epoche der Aufklärung. Daher finden sich zahlreiche Verweise auf diese. Im Zentrum der Aufklärung standen der Fortschrittsgedanke und der Mensch als selbstständig denkendes Wesen. Somit wandte sich die Aufklärung gegen die bis dahin von Gott geschaffene Ordnung und gab dem Menschen seine Selbstständigkeit wieder. In diese Zeit wird Grenouille geboren, der sich selbst als gottgleich ansieht und für die Kreation seines Meisterparfums über Leichen geht.  

Grenouille stellt ein Genie dar, was auf die Genie-Bewegung des 18. Jahrhunderts anspielt. Das Leitbild des Genies stand im Zentrum der Epoche des Sturm und Drang, die sich als Gegenbewegung zur Aufklärung verstand. Allerdings setzte auch das Konzept des Genies die neue Bedeutung des Individuums voraus. Grenouille ist außergewöhnlich in seiner Kunst und braucht dazu keine Einbindung dieser in starre Regeln. So definiert sich auch das Genie. Jedoch fügt Süskind Grenouille das Element des »Schauderhaften« (Bernsmeier 2022: 60) bei und lässt sein Genie »krank« (Frizen/Spancken 2008: 58) und pervertiert aussehen. 

Zum einen kam es durch die Aufklärung zu wichtigen gesellschaftlichen Fortschritten wie der Volkssouveränität, dem Toleranzgedanken und der Umsetzung von Menschen- und Bürgerrechten. Zum anderen hatte die Bewegung auch ihre Schattenseiten (Bernsmeier 2022: 61f.). Süskind versucht, diese darzustellen und benutzt dafür Figuren wie Baldini oder den Marquis (vgl. dazu den Abschnitt Figuren). Die hohen Ideale waren beispielsweise nur etwas für die oberen Gesellschaftsschichten, mit denen diese sich beschäftigen, während die Unterschichten täglich um ihr Überleben kämpfen (Ofenloch 2018: 78). Diese Kritik wird zum Beispiel an der Darstellung von Grenouilles Mutter deutlich. 

Außerdem thematisiert der Autor in »Das Parfum« die Gefahr, die damit kommt, den Menschen als höchstes Wesen und Schöpfer der Welt anzusehen. So entstünden dadurch selbstherrliche Charaktere, die sich nicht mehr hinterfragen, wie er in einem unveröffentlichten Brief erklärte (Bernsmeier 2022: 62f.). Dies lässt sich vor allem an Grenouille beobachten, der sich selbst als Duftschöpfer über die Menschen erhebt. Für ihn sind sie austauschbar und weniger wert als er selbst. Dazu schrieb Süskind: »Wer sich selbst zum Gott macht, wird zum Mörder, wer den Menschen zum Schöpfer der Welt erhebt, wird notwendigerweise zum Massenmörder« (ebd.: 63).

Veröffentlicht am 14. Februar 2023. Zuletzt aktualisiert am 14. Februar 2023.