Inhaltsangabe

Theodor Storms letzte und neben »Immensee« bekannteste Novelle »Der Schimmelreiter« erschien erstmals im Frühjahr 1888 in der »Deutschen Rundschau«. Ort der Handlung ist Nordfriesland. Die erste der drei Erzählebenen spielt zur Entstehungszeit des Werks, die zweite etwa um 1820 und die Binnengeschichte um Hauke Haien, den sogenannten Schimmelreiter, von 1732 bis 1756. Der aus einfachen Verhältnissen stammende Hauke steigt dank seines Ehrgeizes und des Vermögens seiner Frau zum Deichgraf auf. Er lässt einen neuen dauerhaften Deich bauen, geht jedoch mit seiner Familie unter, als der alte Deich bricht.


Die Novelle beginnt mit der Erinnerung des ersten Erzählers an eine Geschichte, die er einst im Haus seiner Urgroßmutter gelesen hat. Darin reist der zweite Erzähler während eines Unwetters entlang der nordfriesischen Küste Richtung Husum, wo ihm ein rätselhafter Reiter auf einem Schimmel begegnet, der bald darauf im Meer zu verschwinden scheint. In einem Wirtshaus am Weg schildert der Reisende dem anwesenden Deichgraf und anderen Gästen sein Erlebnis, woraufhin ein pensionierter Schulmeister die Geschichte des Hauke Haien erzählt. Damit ist die dritte und eigentliche Erzählebene der Novelle erreicht.

Hauke, Sohn eines nordfriesischen Bauern und Landvermessers, ist als Kind sehr wissbegierig und befasst sich früh mit Mathematik und Geometrie. Von seinen Altersgenossen hält er sich fern und wird nicht müde, die Flutwellen zu beobachten, die auf den Deich aufschlagen. Er stellt Berechnungen an und baut kleine Modelle für widerstandsfähigere Deichformen. Bei jedem Wetter hält er sich am Deich auf und lässt sich auch von Geistern, die er im Watt zu erkennen meint, nicht vertreiben.

Die Erzählung des Schulmeisters wird unterbrochen, weil einige Gäste des Wirtshauses den Schimmelreiter am Fenster gesehen haben wollen.

Mit achtzehn Jahren ergreift Hauke seine Chance und tritt als Kleinknecht in den Dienst des trägen und gutmütigen Deichgrafen Tede Volkerts ein. Elke, die gleichaltrige Tochter des Deichgrafen, und Hauke fühlen sich zueinander hingezogen. Elke nimmt Hauke vor dem eifersüchtigen Großknecht Ole Peters in Schutz. Hauke hat einen scharfen Blick für die Angelegenheiten des Deiches, weist den Deichgrafen auf Missstände hin und arbeitet sich in die Verwaltungsaufgaben ein. Bei manchen der Anrainer macht Hauke sich damit unbeliebt, was Ole Peters noch zu schüren weiß. In seinem dritten Dienstjahr kann Hauke bei einem Fest dank Elkes Eingreifen ein wichtiges Wettspiel für sich entscheiden. Beim anschließenden Ball bekennt Elke sich zu Hauke.

Hauke besorgt daraufhin einen Verlobungsring, den er jahrelang in seiner Westentasche verwahrt. Sein Vater hinterlässt ihm bei seinem Tod ein kleines Vermögen, das Hauke die Übernahme des ersehnten Deichgrafenamts ermöglichen soll. Hauke unterstützt weiterhin den Deichgrafen bei dessen Verwaltungsaufgaben und während einer Dorfhochzeit im folgenden Jahr steckt er Elke heimlich den Ring zu. Elke behält ihn, hält jedoch die Zeit noch nicht für gekommen, ihn zu tragen.

Der Deichgraf stirbt und beim Leichenessen nach seinem Begräbnis belauscht Elke ein Gespräch, in dem der Oberdeichgraf über die Nachfolge Volkerts im Amt nachdenkt. Elke teilt ihm ihre Verlobung mit Hauke und die beabsichtigte Übertragung ihres Erbes auf ihren künftigen Mann mit. Damit verfügt Hauke neben seiner Erfahrung über den notwendigen Grundbesitz und wird zum Deichgraf ernannt.

Der Schulmeister unterbricht erneut, weil der Reiter wieder gesichtet wurde.

Hauke und Elke arbeiten hart in den kommenden Jahren, verlangen auch den Dorfbewohnern viel für die Erhaltung des Deiches ab und erregen so Unmut. Haukes Widersacher Ole Peters intrigiert gegen Hauke und Haukes Hass auf die Dorfbewohner wächst. Er kauft einem merkwürdigen Unbekannten einen elenden Schimmel ab. In ihm meinen die Dorfbewohner ein auferstandenes Pferdegerippe zu erkennen, das zuvor im Watt gelegen hatte.

Hauke entwirft einen ehrgeizigen Plan zum Bau eines neuen Deiches mit einem flacheren Profil. Mit der Genehmigung des Oberdeichgrafen, aber gegen den erbitterten Widerstand der Bauern werden die zeitintensiven und anstrengenden Arbeiten für den Deich begonnen. Unterdessen bringt Elke eine Tochter zur Welt und überlebt das anschließende Kindbettfieber nur knapp. Hauke wird fehlende Gottesfürchtigkeit vorgeworfen und er zieht sich immer mehr von den anderen zurück. Als er verhindert, dass an der Schnittstelle zwischen altem und neuem Deich aus Aberglauben ein Hund lebendig begraben wird, hat er endgültig alle Dorfbewohner gegen sich.

Die einzige gemeinsame Tochter Wienke ist geistig behindert, doch vertieft dies die Liebe zwischen den Eheleuten noch und sie hängen zärtlich an dem Kind. Im Frühjahr bemerkt Hauke eine erhebliche Schwachstelle am alten Deich. Von einer schweren Krankheit geschwächt kann er sich gegenüber den Verantwortlichen im Dorf nicht durchsetzen und stimmt einer nur oberflächlichen Reparatur zu. Im Sommer machen sich abergläubische Vorahnungen an der Küste breit. Als sich vor Allerheiligen ein gewaltiger Sturm erhebt, reitet Hauke auf dem Schimmel zum Deich hinaus, wo er auf Bauern trifft, die den neuen Deich durchstechen. Ole Peters hat den Befehl dazu gegeben.

Der alte Deich bricht und das Meer überflutet das Dorf. Hauke muss zusehen, wie Frau und Tochter, die ihm in einem Wagen gefolgt sind, in den Fluten untergehen. Er klagt sich an, seiner Verantwortung als Deichgraf nicht gerecht geworden zu sein, gibt dem Schimmel die Sporen und reitet in das tosende Meer.

Am Ende der Erzählung lobt der Schulmeister den sogenannten Hauke-Haien-Deich, der seit mehr als hundert Jahren steht. Auf dem Weg nach Husum reitet der Reisende am nächsten Tag über eben diesen Deich.


In seiner Novelle, die wegen ihrer Ereignisfülle an einen Roman erinnert, schildert Storm in eindrücklicher Weise das Leben an der Küste mit den und gegen die Naturgewalten. Davor suchen sich die Dorfbewohner mit ihrem Aberglauben zu schützen, der in einem abenteuerlichen Kontrast zu den mathematisch exakten und rationalen Deichplanungen steht. Die Literaturrichtung des Realismus, als deren Vertreter auch Storm gilt, versucht ein möglichst genaues Abbild der Wirklichkeit in all ihren Erscheinungsformen zu schaffen, sodass das Unheimliche und Fantastische zu Recht neben wissenschaftlichen Erkenntnissen steht.

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