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Der goldne Topf

8. Vigilie

Zusammenfassung

Anselmus arbeitet nun seit mehreren Tagen beim Archivarius Lindhorst. Serpentinas Stimme begleitet ihn dabei, was ihn mit Behaglichkeit erfüllt. Das Schreiben geht ihm leicht von der Hand, als kenne er die Manuskripte bereits. Den Archivarius sieht er kaum. Eines Tages ist die Tür zu seinem gewöhnlichen Arbeitszimmer jedoch verschlossen. Der Archivarius kommt hinzu und leitet ihn in ein anderes Zimmer. Wieder durchqueren sie den Garten, von dem Anselmus fasziniert ist. Er erkennt diesmal, dass die wunderlichen Blüten schillernde Insekten sind. Die Vögel treiben wieder ihren Spott mit ihm.

Schließlich gelangen sie in das blaue Zimmer mit den Palmbäumen. Die Platte und der goldene Topf sind verschwunden. Stattdessen stehen dort ein Tisch, ein Lehnstuhl und seine Arbeitsmaterialien. Der Archivarius Lindhorst gibt preis, dass er mit Anselmus zufrieden sei und dieser nun die Werke aus jenem Zimmer kopieren solle. Allerdings sei dabei äußerste Vorsicht geboten. Ein Fehler oder gar Fleck auf dem Original würde Anselmus ins Unglück stürzen. Der Archivarius zieht eine Pergamentrolle aus den Smaragdblättern der Palmbäume hervor. Beim Anblick der verschlungenen Zeichen sinkt Anselmus’ Mut. Der Archivarius sichert ihm allerdings zu, dass Serpentina ihm helfen würde, wenn er wahrhaft an sie glaube und sie liebe. Er hat wieder seine königliche Gestalt angenommen. Anselmus ist es, als müsse er auf die Knie gehen. Da steigt der Archivarius an einem Baumstamm nach oben und verschwindet durch die Blätter.

Anselmus sucht nach einer Erklärung, macht sich dann aber an die Arbeit. Er vernimmt die Geräusche und Düfte des Gewächshauses sowie die Kristallglocken aus den Smaragdblättern. Er wird immer zuversichtlicher. Die Schriften können für ihn nur eins bedeuten: Die Hochzeit des Salamanders mit der grünen Schlange.
Ein Dreiklang ertönt, jemand spricht seinen Namen und eine Schlange windet sich aus dem Blätterdach hinab. Voller Entzücken ruft Anselmus Serpentinas Namen aus, die sich ihm in Gestalt eines Mädchens zeigt und sich geschickt ihren Weg durch das Astwerk bahnt. Sie setzt sich zu Anselmus, umarmt ihn und behauptet, dass sie bald zusammen sein würden aufgrund von Anselmus’ Glauben und Liebe. Dann brächte sie ihm den goldenen Topf, der ihnen ewiges Glück beschere. Anselmus kümmert nichts anderes als Serpentina, auch die merkwürdigen Dinge nicht, die ihm widerfahren sind. Da ihr Gewand so glatt ist, bekommt er plötzlich Angst, sie könne ihm entgleiten. Serpentina will aber ihm aber die ganze Wahrheit über sich und ihren Vater erzählen, bevor sie geht.

Der Archivarius stammt von dem Geschlecht der Salamander ab. Vor sehr langer Zeit herrschte in Atlantis der Geisterfürst Phosphorus, dem die Elementargeister dienten. Der Salamander ging eines Tages durch den Garten von Phosphorus’ Mutter. Dort hört er eine Lilie singen. Er tritt an sie heran und erblickt in ihrem Kelch eine grüne Schlange, die Tochter der Lilie. Der Salamander verliebt sich augenblicklich in die Schlange und entreißt sie der Lilie. Er bringt sie zum Schloss und bittet dort Phosphorus, sie zu vermählen. Dieser warnt ihn jedoch mit seiner persönlichen Vorgeschichte. Wenn der Salamander die Schlange umarmt, würde seine Glut sie vernichten und sie als neues Wesen emporsteigen. Der Salamander hört jedoch nicht auf die Warnung und umarmt die Schlange. Diese zerfällt darauf zu Asche, aus der ein geflügeltes Wesen geboren wird und in die Lüfte steigt. Von tiefer Trauer erfüllt, rennt der Salamander durch den Garten und verbrennt mit seiner Glut zahlreiche Pflanzen. Das entfacht die Wut des Phosphorus. Er verbannt den Salamander mit erloschenem Feuer zu den Erdgeistern.
Der Erdgeist beschwert sich, doch nimmt er sich dem Salamander an und setzt sich für eine mildere Strafe ein. Schließlich habe er nur, wie Phosphorus zuvor, aus Liebe gehandelt. Phosphorus’ Urteil lautet, dass das Feuer des Salamanders erst wieder erwachen wird, wenn die Menschen die Geisterwelt so gut wie vergessen haben. Dann keimt er als Mensch neu hervor und muss entsprechende Leiden ertragen. Doch er wird die Verbindung zur Natur wiederfinden und damit die Liebe zur Schlange. Nach der Vermählung wird das Paar drei Töchter bekommen, die den Menschen allerdings als Schlangen erscheinen. Im Frühling sollen sie im Holunderbusch ihre Kristallstimmen erklingen lassen. Findet sich dann ein Jüngling, der in die Augen einer der Schlangen blickt, wird in ihm die Ahnung des wundervollen Landes erweckt. Dieser muss die Bürden des normalen Lebens abwerfen. Mit seiner Liebe zur Schlange entspringt sein Glauben an die Wunder der Natur. Doch erst wenn alle drei Töchter mit einem solchen Mann verheiratet sind, darf der Salamander nach Atlantis zurückkehren.
Der Erdgeist will den drei Töchtern jeweils einen glänzend polierten metallischen Topf schenken, in dem sich das wundervolle Land Atlantis spiegelt. Nach der Vermählung wird aus dem Topf eine Feuerlilie sprießen, die mit ihrem herrlichen Duft den Jüngling das Land erschließen lässt. Das junge Paar soll dann in Atlantis wohnen.

Serpentina hofft auf eine solche Zukunft mit Anselmus. Doch dieser muss sich bösen Geistern stellen. Der Drache, den Phosphorus besiegt hatte, konnte fliehen. Es gelang dem Geisterfürsten zwar, ihn erneut zu bezwingen, doch dabei verlor der Drache schwarze Federn. Aus diesen entwickelten sich feindliche Geister, wie eine Runkelrübe, mit der das Apfelweib sich die bösen Mächte zu eigen machte. Sie kämpft gegen den Archivarius und versetzt Menschen in Grauen und Schrecken. Anselmus solle sich vor ihr in Acht nehmen. Serpentina bekräftigt, dass die Alte der Feind sei, doch Anselmus’ kindliches Gemüt könne sich ihren Zaubern entgegensetzen. Er solle treu zu Serpentina halten, dann erreiche er bald sein Ziel. Anselmus beteuert seine Liebe. Es kommt zum Kuss, doch gleich darauf ist Serpentina verschwunden.

Erschrocken muss Anselmus feststellen, dass es bereits sechs Uhr ist und er noch nichts geschrieben hat. Beim Blick auf das Manuskript wird er aber vom Gegenteil überzeugt. Die Abschrift ist bereits fertiggestellt und beinhaltet die Geschichte, die Serpentina ihm erzählt hat.

Der Archivarius Lindhorst kommt herein, ist mit Anselmus’ Arbeit zufrieden, bezahlt ihn und schlägt vor, mit ihm zum Linke’schen Bade zu gehen. Dort treffen sie auf den Registrator Heerbrand. Als dieser kein Feuerzeug dabei hat, um seine Pfeife anzustecken, löst der Archivarius das Problem mit einem Fingerschnippen. Die austretenden Funken entzünden die Pfeife. Der Registrator hält das für ein chemischen Kunststück, Anselmus hingegen muss an Serpentinas Erzählung denken. Der Registrator betrinkt sich. Als Anselmus ihn nach Hause bringt, ist der Archivarius längst verschwunden.

Analyse

Anselmus macht Fortschritte, sodass er vom Archivarius mit einer neuen Aufgabe betraut wird. Er steigt demnach in seiner Lehre auf eine neue Stufe und befindet sich nun im blauen Zimmer, das sein Sehnen nach Atlantis geweckt hat. Damit kommt er Atlantis einen Schritt näher. Serpentinas Erscheinen wird durch den charakteristischen Dreiklang angekündigt. In Gestalt einer jungen Frau mit dunkelblauen Augen ähnelt sie nur noch mehr Veronika. Sie umschlingt Anselmus mit ihren Armen, was auf ihr Schlangendasein anspielt, und erfüllt die Rolle der Verführerin. Anselmus ist so von inniger Zuneigung und Begierde ergriffen, dass der Gedanke, Serpentina könnte ihn verlassen, ihn ängstigt.

Serpentina kann, besonders in dieser Vigilie, auch als Anselmus’ Muse verstanden werden, die ihm zur Niederschrift seiner ersten Dichtung verhilft. Anselmus hat sich bereits einige Fähigkeiten angeeignet, kann schon genauere Details im Garten des Archivarius erkennen, »aber er sah nun deutlich, dass manche seltsame Blüten [...] eigentlich in glänzenden Farben prunkende Insekten waren« (63) und kommt somit seiner Existenz als Dichter näher. Beim Anblick des Manuskripts erhält er eine Eingebung: »bald fühlte er wie aus dem Innersten heraus, dass die Zeichen nichts anderes bedeuten könnten, als die Worte: Von der Vermählung des Salamanders mit der grünen Schlange.« (66) Anselmus sieht mehr als bloße Zeichen. Er erhält Zugriff auf deren Wahrheit, er sieht über das bloße Äußere hinaus.

Die Geschichte vom Salamander und der grünen Schlange enthält zahlreiche Metaphern und Allegorien. Der Salamander erfährt durch seinen Sündenfall – die Umarmung der Schlange, deren Verlust und anschließende Verbrennung des Gartens – die Vertreibung aus dem Paradies Atlantis. Der Gedanke wurde in der 3. Vigilie bereits als Funke beschrieben und beinhaltet die Bewusstwerdung und somit die Entfremdung. (Varga, 72) Die Rückbesinnung und Einheit mit der Natur wird von den Romantikern angestrebt. Der Salamander kann diese nur durch eine lange Reihe an Bedingungen erreichen. Das Feuer wird wieder als vernichtendes und verwandelndes Element beschrieben und mit der Erzählung eindeutig dem Archivarius Lindhorst als Salamander zugewiesen.
Ein irdischer Jüngling muss sich in die Schlange verlieben. Darin steckt die von den Romantikern vertretene Perspektive, dass es notwendig sei, sich aus dem rationalen Alltagsdenken zu befreien und den Kern der Dinge zu erfahren, um Kunst und Poesie in das Leben einfließen zu lassen und somit, wieder im übertragenen Sinne, Zugang zur fantastischen Welt zu erhalten. Die Schlange ist keine Schlange, sondern in Wahrheit, im Kern, ein Mädchen. Für diese Erkenntnis braucht es Liebe und Glaube, wie von Serpentina und ihrem Vater immer wieder eingefordert wird. Der Jüngling, oder der Künstler, muss sich gegen die rationalen, bürgerlichen Sichtweisen stellen, sich über diese erheben, um ans Ziel zu gelangen. Sein (künstlerisches) Potenzial hat es ihm ermöglicht, die Stimmen der Schlangen im Holunderbusch zu vernehmen.
Der goldene Topf steht symbolisch für den Einklang mit der Natur, die Anselmus erreicht, sobald er Serpentina heiratet. Dass dieser vom Erdgeist überreicht wird, zeigt eine Parallele zur Naturphilosophie, in der das Metall der Erde zugeordnet wird. (Fellenberg und Küster, 54)

Neben dem fantastischen Reich Atlantis werden auch die dunklen Mächte beschrieben. Auch hier zeigt sich Anselmus’ Potenzial: »Nimm dich vor der Alten in Acht, lieber Anselmus, sie ist dir feind, weil dein kindlich frommes Gemüt schon manchen ihrer bösen Zauber vernichtet.« (71) Die Komponente des Bösen darf im Märchen schließlich nicht fehlen.
Seinem Liebesgeständnis »wie sollte ich denn nur von dir lassen können, wie sollte ich dich nicht lieben ewiglich!« (71) wird Anselmus bereits in der nächsten Vigilie widersprechen. Der Höhepunkt seines Konflikts wird vorbereitet.

Am Schluss der 8. Vigilie wird der gemeinsame Abend von Anselmus, dem Archivarius Lindhorst und Registrator Heerbrand beschrieben. An dem Beispiel, wie der Archivarius die Pfeife des Registrators entzündet, wird die Durchmischung der beiden Welten sichtbar sowie die unterschiedliche Wahrnehmung. Während der rationale Registrator darin ein chemisches Kunststück vermutet, erschließen sich Anselmus die Zauberkünste des Salamanders.

Veröffentlicht am 24. Juni 2024. Zuletzt aktualisiert am 24. Juni 2024.